DAS THOMASEVANGELIUM
Worte des lebenden Jesus
PROLOG
Dies sind die verborgenen Worte, die der lebende Jesus gesprochen hat und die Didymus Judas Thomas aufgeschrieben hat.
Und er sagte:
1
Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
Der Bordcomputer hält bereits nach dem ersten Satz eine Besonderheit fest.
Dieses Buch beginnt nicht mit Bethlehem. Nicht mit Maria. Nicht mit einem Stern. Nicht mit Johannes dem Täufer. Nicht einmal mit Jesus.
Es beginnt mit dem Leser.
Da liegen Worte. Und irgendetwas soll mit ihnen geschehen. Man soll ihre Bedeutung finden.
Der Text behauptet damit gleich zu Beginn etwas ziemlich Unverschämtes: Lesen allein genügt nicht.
Was mit dem Tod gemeint ist, lässt er offen. Das ist offenbar Absicht.
Wir haben noch 113 Logien.
2
Jesus sagte:
Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet.
Und wenn er findet, wird er verstört werden.
Wenn er verstört worden ist, wird er staunen.
Und er wird über das All herrschen.
Hier haben wir zum ersten Mal zwei alte Übertragungswege vor uns.
Der koptische Text führt:
Suchen → Finden → Verstörung → Staunen → Herrschaft.
Der erhaltene ältere griechische Text führt etwas anders:
Suchen → Finden → Staunen → Herrschaft → Ruhe.
Die Verstörung fehlt dort; dafür erscheint am Ende die Ruhe.
Welche Form näher am frühesten Thomastext liegt, lässt sich daraus allein nicht sicher entscheiden.
Aber beide haben etwas gemeinsam. Finden bedeutet nicht:
Jetzt ist alles einfach.
Im Gegenteil. Wer wirklich findet, kommt verändert aus der Suche heraus. Das könnte wichtig werden.
Bordcomputer-Markierung: SUCHEN
Wir behalten das Wort.
3
Jesus sagte:
Wenn diejenigen, die euch führen, zu euch sagen:
„Seht, das Reich ist im Himmel",
dann werden die Vögel des Himmels vor euch dort sein.
Wenn sie euch sagen:
„Es ist im Meer",
dann werden die Fische vor euch dort sein.
Das Reich ist vielmehr in euch und außerhalb von euch.
Wenn ihr euch selbst erkennt, dann werdet ihr erkannt werden.
Und ihr werdet erkennen, dass ihr Kinder des lebenden Vaters seid.
Wenn ihr euch aber nicht erkennt, lebt ihr in Armut.
Und ihr selbst seid diese Armut.
Da ist es.
Das Motiv, wegen dessen wir überhaupt auf dieses Buch aufmerksam geworden sind.
Die Jünger sollen das Reich nicht auf einer Himmelskarte suchen. Auch nicht irgendwo hinter dem Horizont.
Innen.
Außen.
Es ist bemerkenswert, dass Thomas nicht einfach sagt:
Das Reich ist in euch.
Er sagt auch:
außerhalb von euch.
Damit wäre eine allzu bequeme Lösung bereits wieder kaputt. Es geht offenbar weder bloß um eine andere Welt noch bloß um ein privates Innenleben.
Und unmittelbar danach erscheint ein zweites Motiv:
Selbsterkenntnis.
Wer sich erkennt, erkennt etwas über seine Herkunft. Wer sich nicht erkennt, besitzt nicht einfach zu wenig Wissen. Er lebt in Armut. Er ist Armut.
Der Bordcomputer hatte mit einem religiösen Text gerechnet.
Bislang sieht es verdächtig nach einer Expedition aus.
Bordcomputer-Markierung: ERKENNEN
Auch dieses Wort behalten wir.
4
Jesus sagte:
Ein alter Mensch wird nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen nach dem Ort des Lebens zu fragen.
Und er wird leben.
Denn viele der Ersten werden Letzte sein.
Und sie werden eins werden.
Ein sieben Tage altes Kind kann die Frage nicht beantworten. Zumindest nicht mit einem Satz. Das scheint den Text nicht zu stören. Vielleicht liegt genau darin der Punkt.
Der Alte besitzt Erfahrung, Sprache, Erinnerung, Rang und Wissen. Das Kind besitzt davon praktisch nichts. Und trotzdem soll der Alte fragen.
Warum gerade sieben Tage?
Ein Kind dieses Alters befindet sich noch vor einem wichtigen traditionellen Übergang: In jüdischer Tradition erfolgt die Beschneidung eines Jungen am achten Tag.
Thomas stellt uns also einen Menschen vor, der beinahe am Anfang steht.
Und dann taucht etwas auf, das wir ebenfalls markieren sollten:
eins werden.
Noch wissen wir nicht genau, was Thomas damit meint.
Der Bordcomputer widersteht der Versuchung, nach vier Logien bereits eine Weltanschauung zu bauen.
Bordcomputer-Markierung: EINS
5
Jesus sagte:
Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.
Dann wird dir offenbar werden, was vor dir verborgen ist.
Denn nichts ist verborgen, das nicht offenbar werden wird.
Vielleicht der bislang kürzeste Navigationsbefehl des Buches. Schau hin.
Nicht zuerst hinter die Dinge.
Nicht zuerst in eine andere Welt.
Auf das, was bereits vor dir liegt.
Dann könnte sich zeigen, was du bislang nicht gesehen hast. Das ist etwas anderes als die Suche nach geheimem Wissen.
Das Geheimnis liegt möglicherweise nicht deshalb verborgen, weil jemand es besonders gut versteckt hat. Vielleicht sehen wir schlecht.
Der Bordcomputer überprüft die Umgebung. Sie sieht aus wie vorher. Das beweist nichts.
6
Die Jünger fragten Jesus:
Willst du, dass wir fasten?
Wie sollen wir beten?
Sollen wir Almosen geben?
Welche Speiseregeln sollen wir beachten?
Jesus sagte:
Lügt nicht.
Und tut nicht, was ihr hasst.
Denn alles liegt offen vor dem Himmel.
Nichts ist verborgen, das nicht offenbar werden wird.
Und nichts ist bedeckt, das verborgen bleiben wird.
Das ist eine interessante Gesprächssituation. Die Jünger stellen vier konkrete religiöse Fragen.
Fasten?
Beten?
Almosen?
Essen?
Jesus beantwortet keine davon unmittelbar. Stattdessen:
Lügt nicht.
Tut nicht, was ihr selbst hasst.
Und wieder erscheint das Motiv aus dem vorherigen Logion:
Das Verborgene wird sichtbar.
Vielleicht ist die Ausweichbewegung selbst die Antwort. Die Jünger fragen nach korrekter religiöser Praxis. Thomas verschiebt die Aufmerksamkeit auf das Verhältnis zwischen dem, was ein Mensch tut, und dem, was er weiß.
Äußere Vorschrift gegen innere Wahrhaftigkeit?
Möglich. Noch keine endgültige Diagnose.
Interessanterweise wird Thomas in Logion 14 auf Fasten, Beten und Almosen zurückkommen.
Wir lassen die Akte offen.
7
Jesus sagte:
Glücklich ist der Löwe, den ein Mensch isst, sodass der Löwe Mensch wird.
Und verflucht ist der Mensch, den ein Löwe frisst, sodass der Mensch zum Löwen wird.
…
Der Bordcomputer hat Logion 7 erneut eingelesen. Der Text ist vollständig angekommen. Das hilft nur begrenzt.
Wir könnten jetzt sehr schnell behaupten, der Löwe stehe für Begierde, animalische Natur, Tod, Leidenschaften oder irgendeine andere Kraft, die der Mensch verwandeln müsse.
Solche Deutungen existieren. Der Text selbst sagt es nicht.
Also tun wir etwas, das bei Thomas vermutlich häufiger notwendig sein wird.
Wir lassen das Tier zunächst am Leben.
Festhalten können wir lediglich die Bewegung:
Mensch nimmt Löwe in sich auf → Löwe wird Mensch.
Löwe nimmt Mensch in sich auf → Mensch wird Löwe.
Etwas verwandelt etwas anderes. Die Frage lautet offenbar:
Wer assimiliert wen?
Mehr wissen wir momentan nicht.
Weiter.
8
Und er sagte:
Der Mensch gleicht einem klugen Fischer.
Er warf sein Netz ins Meer und zog es voller kleiner Fische heraus.
Unter ihnen fand er einen großen, guten Fisch.
Er warf alle kleinen Fische zurück ins Meer.
Und ohne Mühe wählte er den großen Fisch.
Wer Ohren hat zu hören, der höre.
Der Fischer versucht nicht, alles zu behalten. Er erkennt etwas. Und entscheidet.
Das ist nach den ersten sieben Logien inzwischen auffällig.
Suchen. Finden. Erkennen. Sehen, was vor einem liegt. Unterscheiden.
Thomas beschreibt Erkenntnis nicht als das Ansammeln möglichst vieler Dinge.
Der Fischer besitzt kurzzeitig sehr viele Fische. Am Ende behält er einen.
Sherlock Holmes hätte möglicherweise genickt.
Der Bordcomputer notiert eine unerwartete Verbindung zwischen zwei Regalen der Bibliothek und fährt fort.
9
Jesus sagte:
Seht, der Sämann ging hinaus.
Er nahm eine Handvoll Samen und streute sie aus.
Einige fielen auf den Weg.
Die Vögel kamen und fraßen sie.
Andere fielen auf Felsen.
Sie schlugen keine Wurzeln in der Erde und brachten keine Ähren hervor.
Andere fielen unter Dornen.
Die Dornen erstickten den Samen, und Würmer fraßen ihn.
Andere fielen auf gute Erde.
Sie brachte gute Frucht hervor:
sechzigfach und hundertzwanzigfach.
Diesen Jesus kennen Leser der kanonischen Evangelien wahrscheinlich wieder.
Das Gleichnis vom Sämann erscheint in verwandten Formen auch bei Markus, Matthäus und Lukas.
Aber Thomas macht etwas Bemerkenswertes: Er erzählt das Gleichnis. Und hört auf.
Keine anschließende Erklärung, welche Böden für welche Menschen stehen. Keine ausgeführte Allegorie.
Nur:
Samen.
Boden.
Ergebnis.
Nach allem, was wir bisher gelesen haben, passt das ziemlich gut.
Der Leser hat Ohren. Offenbar soll er sie benutzen.
10
Jesus sagte:
Ich habe Feuer auf die Welt geworfen.
Und seht:
Ich bewache es, bis es brennt.
Elf Wörter könnten genügen, um einen Theologen einen Nachmittag zu beschäftigen.
Was ist das Feuer? Erkenntnis? Gericht? Verwandlung? Konflikt? Göttliche Gegenwart?
Thomas erklärt es nicht.
Aber wichtig ist die Zeitform der Handlung.
Das Feuer ist bereits geworfen. Es brennt offenbar noch nicht vollständig. Jesus wartet.
Etwas hat begonnen. Etwas ist noch nicht fertig.
Der Bordcomputer setzt keine Feuerwarnung ab.
Noch nicht.
11
Jesus sagte:
Dieser Himmel wird vergehen.
Und der Himmel über ihm wird vergehen.
Die Toten leben nicht.
Und die Lebenden werden nicht sterben.
In den Tagen, als ihr Totes gegessen habt, habt ihr es lebendig gemacht.
Wenn ihr im Licht seid, was werdet ihr tun?
An dem Tag, als ihr eins wart, wurdet ihr zwei.
Wenn ihr aber zwei geworden seid, was werdet ihr tun?
Jetzt werden die Signale dichter.
Himmel vergehen. Tot und lebendig. Essen und Verwandlung. Licht. Eins. Zwei.
Wir haben „eins" bereits in Logion 4 markiert. Jetzt erscheint es wieder.
Und diesmal beschreibt Thomas offenbar einen Übergang:
eins → zwei
Das klingt zunächst nach Verlust einer ursprünglichen Einheit. Aber der Text sagt noch nicht, was diese Einheit war.
Körper und Geist? Männlich und weiblich? Innen und außen? Mensch und Gott? Etwas anderes?
Keine vorschnellen Antworten.
Was wir inzwischen sagen können:
Thomas wiederholt seine Wörter.
Und Wiederholungen sind bei einem rätselhaften Text vermutlich bessere Wegweiser als unsere Wünsche.
12
Die Jünger sagten zu Jesus:
Wir wissen, dass du uns verlassen wirst.
Wer soll dann unser Führer sein?
Jesus sagte:
Wo immer ihr seid, geht zu Jakobus dem Gerechten.
Um seinetwillen sind Himmel und Erde entstanden.
Das ist plötzlich erstaunlich konkret. Die Jünger fragen nach der Zeit nach Jesus.
Und die Antwort lautet nicht:
Petrus.
Sondern:
Jakobus der Gerechte.
Jakobus, der Bruder Jesu, war eine zentrale Gestalt der frühen Jerusalemer Jesusbewegung. Das Logion bewahrt damit eine Erinnerung an eine frühchristliche Autoritätslandschaft, die später leicht aus dem Blick gerät.
Der zweite Satz ist allerdings alles andere als nüchtern: Um Jakobus’ willen seien Himmel und Erde entstanden.
Das ist eine gewaltige Aussage. Warum Thomas Jakobus derart erhöht, erfahren wir nicht. Aber für einen Moment öffnet sich hinter unseren 114 Aussprüchen eine historische Welt. Dort gab es Gruppen.
Autoritäten.
Erinnerungen.
Und offenbar unterschiedliche Antworten auf die Frage:
Wer führt weiter?
13
Jesus sagte zu seinen Jüngern:
Vergleicht mich mit etwas.
Sagt mir, wem ich gleiche.
Simon Petrus sagte:
Du gleichst einem gerechten Boten.
Matthäus sagte:
Du gleichst einem weisen Philosophen.
Thomas sagte:
Meister, mein Mund ist völlig unfähig zu sagen, wem du gleichst.
Jesus sagte:
Ich bin nicht dein Meister.
Denn du hast getrunken.
Du bist berauscht von der sprudelnden Quelle, die ich hervorgebracht habe.
Dann nahm er Thomas mit sich und zog sich mit ihm zurück.
Und er sagte ihm drei Worte.
Als Thomas zu den anderen zurückkam, fragten sie ihn:
Was hat Jesus dir gesagt?
Thomas antwortete:
Wenn ich euch eines der Worte sage, die er mir gesagt hat, werdet ihr Steine nehmen und mich steinigen.
Und aus den Steinen wird Feuer hervorkommen und euch verbrennen.
Da ist Thomas. Bislang stand sein Name nur über dem Text. Jetzt tritt er hinein.
Petrus besitzt eine Antwort.
Matthäus besitzt eine Antwort. Thomas nicht. Und ausgerechnet derjenige, der keine angemessene Beschreibung findet, wird beiseitegenommen.
Das ist bemerkenswert.
Vielleicht besteht sein Vorsprung gerade darin, dass er erkennt, wo seine Sprache nicht mehr ausreicht. Dann geschieht etwas, das dieses Evangelium selbst widerspiegelt.
Jesus sagt Thomas etwas.
Wir erfahren es nicht.
Drei Worte fehlen.
Nicht weil unser Manuskript beschädigt wäre.
Der Text verweigert sie uns absichtlich. Damit wird der Leser in eine eigenartige Lage gebracht.
Er liest ein Buch, das „verborgene Worte" verspricht.
Und innerhalb dieses Buches gibt es noch verborgenere Worte, die selbst dieses Buch nicht verrät. Der Bordcomputer überprüft die Zugriffsrechte.
Keine Berechtigung.
Wir müssen damit leben.
14
Jesus sagte zu ihnen:
Wenn ihr fastet, bringt ihr Sünde über euch.
Wenn ihr betet, werdet ihr verurteilt.
Wenn ihr Almosen gebt, schadet ihr eurem Geist.
Wenn ihr in ein Land kommt und von Ort zu Ort zieht und die Menschen euch aufnehmen, dann esst, was sie euch vorsetzen.
Heilt die Kranken unter ihnen.
Denn was in euren Mund hineingeht, wird euch nicht verunreinigen.
Was aber aus eurem Mund herauskommt, wird euch verunreinigen.
Jetzt wird die offene Akte aus Logion 6 wieder hervorgeholt. Fasten.
Beten. Almosen. Dort hatten die Jünger gefragt.
Hier antwortet Jesus. Und die Antwort ist radikal. Religiöse Handlungen sind nicht automatisch gut, nur weil sie religiöse Handlungen sind.
Fasten kann falsch sein.
Beten kann falsch sein. Almosengeben kann falsch sein. Das ist keine allgemeine Aufforderung, niemals zu fasten, zu beten oder zu geben, die wir dem Satz ohne Weiteres entnehmen dürften.
Aber Thomas zerstört etwas anderes sehr deutlich:
Die Handlung allein garantiert nichts. Danach wird es erstaunlich praktisch.
Wenn Menschen euch aufnehmen:
Esst, was auf den Tisch kommt. Heilt ihre Kranken.
Und macht euch weniger Gedanken darüber, was durch den Mund hineinwandert, als darüber, was aus ihm herauskommt.
Damit endet unser erster Abschnitt an einem guten Punkt. Denn nach vierzehn Logien lässt sich tatsächlich etwas erkennen, ohne dass wir dem Buch bereits eine fertige Lehre unterschieben müssen.
Es hat uns wiederholt auf dieselben Bewegungen gestoßen:
Suchen.
Finden.
Erkennen.
Sehen.
Unterscheiden.
Eins werden.
Und immer wieder: Etwas ist verborgen.
Aber nicht unbedingt weit entfernt.
Vielleicht liegt die seltsamste Eigenschaft dieses Textes genau darin. Das Thomasevangelium verspricht geheime Worte.
Und dann sagt es dem Leser immer wieder:
Schau hin.
Der Bordcomputer beendet Übertragung 01.
Vierzehn Signale empfangen.
Mehrere Muster erkannt.
Löwe weiterhin ungeklärt.
Das ist ein akzeptabler Systemzustand.
