THOMAS (ZUGESCHRIEBEN)

DAS THOMAS-EVANGELIUM

BORDFASSUNG · TEIL II – LOGIEN 15–28

15

Jesus sagte:

Wenn ihr den seht, der nicht von einer Frau geboren wurde, dann werft euch vor ihm nieder und verehrt ihn.

Dieser ist euer Vater.

Das klingt zunächst wie ein Rätsel mit einer fehlenden Hälfte. Wer ist derjenige, der nicht von einer Frau geboren wurde? Thomas erklärt es nicht.

Sicher ist nur: Er bezeichnet ihn als Vater. Damit liegt die einfachste Leserichtung nahe: Gemeint ist nicht ein außergewöhnlicher Mensch, sondern der göttliche Ursprung selbst.

Mehr gibt uns das Logion nicht. Der Bordcomputer hat nach Personen ohne Mutter gesucht.

Die Ergebnisliste war theologisch unbrauchbar. Wir fahren fort.


16

Jesus sagte:

Vielleicht denken die Menschen, ich sei gekommen, um Frieden auf die Welt zu bringen.

Sie wissen nicht, dass ich gekommen bin, um Trennung auf die Erde zu bringen:

Feuer.

Schwert.

Krieg.

Denn fünf werden in einem Haus sein.

Drei gegen zwei.

Zwei gegen drei.

Vater gegen Sohn.

Sohn gegen Vater.

Und sie werden allein stehen.

Das ist nicht der Jesus auf einer Weihnachtskarte. Verwandte Worte finden sich auch bei Matthäus und Lukas. Thomas stellt sie jedoch in seine eigene Sammlung und endet mit einem auffälligen Bild:

allein stehen. Vielleicht geht es um die Konsequenz einer Erkenntnis, die bestehende Bindungen zerreißt. Vielleicht um Absonderung.

Vielleicht um etwas, das wir noch nicht verstanden haben. Aber das Feuer aus Logion 10 ist wieder da.

Dort wurde es in die Welt geworfen. Hier steht es neben Schwert und Konflikt.

Bordcomputer-Markierung: FEUER Wir haben offenbar ein weiteres wiederkehrendes Signal.


17

Jesus sagte:

Ich werde euch geben, was kein Auge gesehen hat.

Was kein Ohr gehört hat.

Was keine Hand berührt hat.

Und was im Herzen eines Menschen noch nicht aufgegangen ist.

Das Versprechen ist bemerkenswert. Thomas hat uns bislang ständig aufgefordert zu sehen, zu hören und zu erkennen.

Jetzt kündigt Jesus etwas an, das gerade außerhalb der bisherigen Erfahrung liegt. Kein Auge. Kein Ohr. Keine Hand.

Nicht einmal ein bereits vorhandener Gedanke. Das Gesuchte wäre dann nicht einfach ein besonders gut versteckter Gegenstand innerhalb der bekannten Welt.

Vielleicht muss sich auch derjenige verändern, der sucht. Der Bordcomputer notiert:

Unbekanntes Objekt kann mit vorhandenen Sensoren möglicherweise nicht erfasst werden.

Das kommt vor.


18

Die Jünger sagten zu Jesus:

Sag uns, wie unser Ende sein wird.

Jesus sagte:

Habt ihr denn den Anfang schon entdeckt, dass ihr nach dem Ende fragt?

Denn dort, wo der Anfang ist, wird auch das Ende sein.

Glücklich ist, wer am Anfang steht.

Er wird das Ende erkennen.

Und er wird den Tod nicht schmecken.

Da ist unser erster Satz wieder.

Den Tod nicht schmecken.

Aber jetzt verbindet Thomas ihn mit Anfang und Ende. Die Jünger wollen nach vorne schauen.

Jesus schickt sie zurück. Ihr wollt wissen, wie alles endet? Habt ihr denn verstanden, wie es angefangen hat?

Das ist eine ziemlich elegante Umleitung. Und vielleicht noch mehr.

Denn Anfang und Ende werden nicht einfach als zwei weit voneinander entfernte Punkte behandelt. Sie scheinen ineinanderzugreifen.

Wer den Anfang erkennt, erkennt das Ende. Wir hatten in Logion 4 bereits:

Erste werden Letzte. Und sie werden eins.

Der Bordcomputer zeichnet vorläufig keinen Zeitstrahl mehr.

Er scheint hier nicht das geeignete Instrument zu sein.


19

Jesus sagte:

Glücklich ist, wer war, bevor er wurde.

Wenn ihr meine Jünger werdet und meine Worte hört, werden euch diese Steine dienen.

Denn im Paradies habt ihr fünf Bäume.

Sie verändern sich weder im Sommer noch im Winter.

Ihre Blätter fallen nicht.

Wer sie erkennt, wird den Tod nicht schmecken.

Wir haben inzwischen mehrere Dinge, die Thomas einfach in den Raum stellt und nicht erklärt. Der Löwe.

Die drei Worte.

Und jetzt:

fünf Bäume im Paradies.

Immergrün. Unveränderlich.

Offenbar bedeutsam. Welche fünf Bäume? Der Text sagt es nicht.

Natürlich kann man versuchen, ihnen symbolische Bedeutungen zuzuweisen. Das ist oft geschehen. Unsere Regel gilt weiterhin:

Wenn Thomas schweigt, erfinden wir ihm keine Fußnote in den Mund. Interessanter ist der Rahmen.

Wieder geht es um etwas, das vor dem gewöhnlichen Werden liegt. Und wieder lautet die entscheidende Handlung:

erkennen. Und wieder lautet das Ergebnis:

den Tod nicht schmecken. Damit haben wir inzwischen genügend Wiederholungen, um vorsichtig zu sagen:

Thomas scheint Leben nicht nur als biologisches Weiterleben zu verstehen.

Erkennen und Leben gehören für diesen Text auf irgendeine Weise zusammen.

Wie genau?

Weiter beobachten.


20

Die Jünger sagten zu Jesus:

Sag uns, wem das Reich des Himmels gleicht.

Er sagte:

Es gleicht einem Senfkorn.

Es ist kleiner als alle anderen Samen.

Aber wenn es auf vorbereitete Erde fällt, bringt es einen großen Zweig hervor.

Und er wird zum Schutz für die Vögel des Himmels.

Dieses Bild kennen wir wieder. Das Senfkorn erscheint auch in den synoptischen Evangelien in Gleichnissen vom Reich.

Bei Thomas genügt das Bild. Winziger Anfang.

Große Wirkung. Und etwas Entscheidendes dazwischen:

vorbereitete Erde. Wir hatten bereits den Sämann.

Samen allein genügt offenbar nicht. Es kommt darauf an, worauf er trifft.

Der Bordcomputer beginnt den Verdacht zu entwickeln, dass der Leser möglicherweise ebenfalls Boden ist. Er behält diese Information zunächst für sich.

Zu spät.


21

Maria sagte zu Jesus:

Wem gleichen deine Jünger?

Er sagte:

Sie gleichen kleinen Kindern, die auf einem Feld leben, das ihnen nicht gehört.

Wenn die Besitzer des Feldes kommen, werden sie sagen:

Gebt uns unser Feld zurück.

Die Kinder ziehen sich vor ihnen aus, um es ihnen zu überlassen und ihnen ihr Feld zurückzugeben.

Darum sage ich:

Wenn der Besitzer eines Hauses weiß, dass der Dieb kommt, wird er wachen, bevor er kommt. Er wird ihn nicht in sein Haus eindringen lassen, damit er seinen Besitz fortträgt.

Seid also wachsam gegenüber der Welt.

Rüstet euch mit großer Kraft, damit die Räuber keinen Weg zu euch finden.

Denn das, womit ihr rechnet, wird kommen.

Möge unter euch ein Mensch sein, der versteht.

Als die Frucht reif war, kam er schnell mit seiner Sichel in der Hand und erntete sie.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Das ist eines jener Logien, bei denen man gern einen Augenblick auf das Empfangsgerät schlagen möchte. Kinder. Ein fremdes Feld. Nacktheit. Ein Hausbesitzer. Ein Dieb. Dann eine Ernte. Thomas verbindet mehrere Bilder, ohne die Übergänge für uns auszuschildern.

Aber etwas hält sie zusammen: Nichts davon besitzt man selbstverständlich. Das Feld gehört den Kindern nicht. Das Haus kann ausgeraubt werden. Die Frucht bleibt nicht unbegrenzt am Halm.

Und mitten darin: Seid wachsam. Vielleicht ist das die Verbindung. Nicht besitzen.

Nicht schlafen. Nicht glauben, der gegenwärtige Zustand sei garantiert. Das ist noch keine vollständige Erklärung. Aber zumindest haben wir eine Taschenlampe.


22

Jesus sah kleine Kinder, die gestillt wurden.

Er sagte zu seinen Jüngern:

Diese kleinen Kinder gleichen denen, die in das Reich eingehen.

Sie sagten zu ihm:

Wenn wir also Kinder werden, werden wir in das Reich eingehen?

Jesus sagte zu ihnen:

Wenn ihr die Zwei zu Einem macht.

Wenn ihr das Innere wie das Äußere macht.

Und das Äußere wie das Innere.

Das Obere wie das Untere.

Wenn ihr männlich und weiblich zu einem Einzigen macht, sodass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist.

Wenn ihr Augen an die Stelle eines Auges setzt.

Eine Hand an die Stelle einer Hand.

Einen Fuß an die Stelle eines Fußes.

Ein Bild an die Stelle eines Bildes.

Dann werdet ihr in das Reich eingehen.

Da ist es. Jetzt können wir die Markierung aus Logion 4 wieder öffnen. EINS. Damals:

Die Ersten werden Letzte. Und sie werden eins. In Logion 11: Ihr wart eins. Dann wurdet ihr zwei. Und jetzt:

Macht die Zwei zu Einem. Innen und außen. Oben und unten.

Männlich und weiblich. Thomas beschreibt das Reich hier nicht als einen Ort, zu dem man reist. Er beschreibt eine Aufhebung von Trennungen. Aber Vorsicht. Wir sollten daraus noch keine fertige Metaphysik bauen.

Die rätselhafte Folge mit Auge, Hand, Fuß und Bild zeigt schon, dass wir nicht einfach sagen können: „Thomas meint Harmonie." Das wäre viel zu bequem. Was wir sagen können: Etwas, das getrennt erscheint, soll wieder zusammenkommen.

Und plötzlich erinnert sich der Bordcomputer an Logion 3: Das Reich ist in euch und außerhalb von euch. Innen. Außen.

Dort standen die beiden bereits nebeneinander. Jetzt sollen sie eins werden.

Bordcomputer-Markierung aktualisiert: EINS

Signalstärke deutlich erhöht.


23

Jesus sagte:

Ich werde euch auswählen:

einen aus tausend

und zwei aus zehntausend.

Und sie werden als ein Einziger dastehen.

Schon wieder. Eins. Diesmal nicht als Vereinigung von Gegensätzen, sondern als Beschreibung weniger Menschen, die aus einer großen Menge hervortreten.

Warum gerade einer aus tausend und zwei aus zehntausend? Thomas erklärt es nicht. Aber das Reich klingt weiterhin nicht nach einer automatischen Angelegenheit.

Suchen. Erkennen. Unterscheiden. Wachsam sein. Eins werden.

Das Muster verdichtet sich.


24

Seine Jünger sagten:

Zeige uns den Ort, an dem du bist.

Denn wir müssen ihn suchen.

Er sagte zu ihnen:

Wer Ohren hat, soll hören.

Im Menschen des Lichts ist Licht.

Und es erleuchtet die ganze Welt.

Wenn es nicht leuchtet, ist Finsternis.

Die Jünger fragen: Wo bist du? Sie möchten einen Ort.

Thomas antwortet wieder nicht mit Koordinaten. Stattdessen: Licht im Menschen. Licht in der Welt.

Oder Dunkelheit. Wir kennen das Verfahren inzwischen. Frage: Wo? Antwort:

Schau anders. Das Reich war nicht im Himmel und nicht im Meer.

Jetzt ist auch Jesus offenbar nicht einfach durch eine Ortsangabe zu finden. Der Bordcomputer entfernt die Positionsmarkierung von der Karte.

Sie war ohnehin verdächtig.

Bordcomputer-Markierung: LICHT


25

Jesus sagte:

Liebe deinen Bruder wie deine eigene Seele.

Bewahre ihn wie deinen Augapfel.

Kein Rätsel. Kein kosmischer Himmel. Keine fünf Bäume. Kein Löwe. Ein Mensch. Ein anderer Mensch.

Und die Aufforderung, ihn zu schützen wie das empfindlichste Stück des eigenen Sehens. Der Bordcomputer fügt nichts hinzu.


26

Jesus sagte:

Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders.

Aber den Balken in deinem eigenen Auge siehst du nicht.

Wenn du den Balken aus deinem eigenen Auge entfernst, wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu entfernen.

Auch dieses Wort ist aus Matthäus und Lukas vertraut. Aber innerhalb von Thomas bekommt es inzwischen eine zusätzliche Resonanz.

Seit dem Anfang geht es um: sehen. erkennen.

das Wahrnehmen dessen, was unmittelbar vor einem liegt. Und jetzt steht ausgerechnet im eigenen Auge etwas, das dieses Sehen verhindert.

Logion 5 sagte: Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt. Logion 26 ergänzt beinahe:

Das könnte schwierig werden, wenn ein Balken darin steckt.

Der Bordcomputer hält diese technische Ergänzung für plausibel.


27

Jesus sagte:

Wenn ihr nicht gegenüber der Welt fastet, werdet ihr das Reich nicht finden.

Wenn ihr den Sabbat nicht wirklich zum Sabbat macht, werdet ihr den Vater nicht sehen.

Moment. Wir hatten doch Logion 14. Dort hieß es: Wenn ihr fastet, bringt ihr Sünde über euch. Und jetzt: Wenn ihr nicht fastet, findet ihr das Reich nicht. Widerspruch?

Nur wenn mit beiden Sätzen dasselbe Fasten gemeint ist. Hier heißt es ausdrücklich: von der Welt fasten beziehungsweise gegenüber der Welt fasten. Nicht einfach Nahrung weglassen.

Und der Sabbat soll nicht bloß formal eingehalten, sondern offenbar tatsächlich zum Sabbat gemacht werden. Damit bekommen Logion 6 und 14 nachträglich Kontur. Thomas scheint religiöse Praxis nicht einfach abzuschaffen.

Er verschiebt sie. Vom äußeren Vollzug zu etwas, das den ganzen Menschen betrifft. Was genau bedeutet es, von der Welt zu fasten?

Das werden wir noch nicht festlegen. Aber eines können wir inzwischen ausschließen: Es geht nicht bloß darum, das Frühstück wegzulassen.

Interessant ist außerdem, dass dieses Logion auch im griechischen P.Oxy. 1 erhalten ist und inhaltlich sehr ähnlich überliefert wird. Wir stehen hier also auf vergleichsweise altem Textboden.


28

Jesus sagte:

Ich stand mitten in der Welt.

Und im Fleisch erschien ich ihnen.

Ich fand sie alle betrunken.

Keinen von ihnen fand ich durstig.

Und meine Seele litt wegen der Menschen.

Denn sie sind blind in ihren Herzen.

Sie sehen nicht.

Leer kamen sie in die Welt.

Und leer versuchen sie wieder aus der Welt hinauszugehen.

Im Augenblick aber sind sie betrunken.

Wenn sie ihren Wein abschütteln, werden sie umdenken.

Das ist ein starkes Ende für unsere zweite Übertragung. Jesus steht mitten in der Welt. Nicht außerhalb. Nicht über ihr. Mitten darin.

Und was findet er? Menschen, die nicht sehen. Nicht dürsten. Nicht suchen. Sie sind betrunken. Das Bild ist ziemlich präzise. Ein Betrunkener ist nicht bewusstlos. Er sieht.

Aber nicht richtig. Er bewegt sich. Aber nicht sicher. Er hält seinen Zustand möglicherweise sogar für vollkommen in Ordnung. Und plötzlich laufen mehrere unserer bisherigen Signale zusammen. Suchen. Wer nicht durstig ist, sucht kein Wasser. Erkennen. Wer betrunken ist, erkennt seinen Zustand nicht zuverlässig. Sehen. Sie sind blind im Herzen.

Wachsamkeit. Sie sind gerade nicht wach. Und dann sagt Thomas etwas Entscheidendes: Der Zustand ist nicht endgültig.

Sie können nüchtern werden. Das letzte Verb lässt sich als Umdenken, Sinnesänderung, Umkehr verstehen. Im älteren griechischen Fragment ist der Anfang dieses Logions ebenfalls erhalten: Jesus steht mitten in der Welt, erscheint „im Fleisch", findet die Menschen betrunken und niemanden durstig. Der Bordcomputer blickt auf die ersten achtundzwanzig Signale zurück. Vielleicht suchen wir inzwischen nach dem falschen Geheimnis. Vielleicht besitzt Thomas gar keine verschlossene Tür, hinter der irgendwo die große Antwort liegt.

Vielleicht versucht der Text etwas mit demjenigen zu machen, der ihn liest. Ihn durstig machen. Ihn nüchtern machen. Ihn sehen lassen. Das wäre zumindest eine Möglichkeit. Noch keine Antwort. Aber eine ziemlich interessante Spur. Übertragung 02 beendet.

Vierzehn weitere Signale empfangen. Markierung EINS mehrfach bestätigt. Neue Markierungen: FEUER. LICHT. WACH SEIN. Löwe weiterhin an Bord. Keine neuen Erkenntnisse über Löwe. Das Tier scheint sich damit abgefunden zu haben.


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