29
Jesus sagte:
Wenn das Fleisch wegen des Geistes entstanden ist, ist das ein Wunder.
Wenn aber der Geist wegen des Körpers entstanden ist, ist das ein Wunder der Wunder.
Doch ich staune darüber:
Wie konnte sich dieser große Reichtum in dieser Armut niederlassen?
Thomas stellt keine kleine Frage. Er stellt die Sache gleich vollständig auf den Kopf.
Was ist zuerst? Der Körper? Der Geist? Entsteht der Körper wegen des Geistes? Oder der Geist wegen des Körpers?
Beide Möglichkeiten nennt Jesus erstaunlich. Aber dann wechselt das Bild. Reichtum in Armut.
Wir kennen die Armut bereits aus Logion 3. Dort war der Mensch, der sich selbst nicht erkennt, nicht nur arm. Er war diese Armut. Jetzt befindet sich etwas ungeheuer Wertvolles offenbar genau dort.
Im Menschen? Im Körper? In der Welt? Thomas sagt es nicht ausdrücklich.
Aber der Gegensatz ist deutlich: Etwas Großes befindet sich in etwas, das ihm kaum angemessen erscheint.
Der Bordcomputer überprüft das Gehäuse.
Das Problem ist bekannt.
30
Jesus sagte:
Wo drei Götter sind, sind es Götter.
Wo zwei oder einer sind,
bin ich bei ihm.
Hier wird die Überlieferung schwierig. Der koptische Text und der erhaltene griechische Zeuge dieses Logions stimmen nicht sauber überein; gerade Zahlen und Satzbau variieren. Eine vollkommen glatte deutsche Fassung würde deshalb Sicherheit vortäuschen, die der Text nicht besitzt.
Also tun wir es nicht. Was sich erkennen lässt: Die Pointe bewegt sich von einer Mehrzahl hin zu einem Einzelnen. Und dort erscheint Jesus.
Nach allem, was wir bisher über EINS gesammelt haben, ist das zumindest auffällig. Mehr nicht. Manchmal ist eine beschädigte Funkübertragung eine beschädigte Funkübertragung.
31
Jesus sagte:
Kein Prophet wird in seinem eigenen Dorf angenommen.
Und kein Arzt heilt diejenigen, die ihn kennen.
Das erste Wort kennen viele Leser aus den kanonischen Evangelien. Das zweite Bild verschärft es. Der Arzt besitzt seine Fähigkeit weiterhin. Das Problem liegt nicht notwendig bei ihm. Nähe kann Wahrnehmung verhindern. Wer jemanden zu gut zu kennen glaubt, sieht möglicherweise nur noch das Bild, das er bereits von ihm besitzt.
Das wäre bei Thomas inzwischen ein vertrautes Problem. Man kann direkt vor etwas stehen. Und es trotzdem nicht erkennen.
32
Jesus sagte:
Eine Stadt, die auf einem hohen Berg gebaut und befestigt ist, kann nicht fallen.
Und sie kann nicht verborgen bleiben.
Zwei Eigenschaften. Sie ist sicher. Und sie ist sichtbar. Das ist interessant, weil Thomas seit Beginn ständig mit Verborgenheit spielt. Verborgene Worte. Verborgenes, das offenbar wird. Dinge, die unmittelbar vor uns liegen und trotzdem nicht erkannt werden. Hier steht etwas oben auf einem Berg. Man kann es nicht verstecken.
Vielleicht ist Sichtbarkeit also nicht das Gegenteil des Geheimnisses. Vielleicht kann etwas vollkommen sichtbar sein und trotzdem ungesehen bleiben. Der Bordcomputer blickt kurz aus dem Fenster.
Das Universum macht das seit Milliarden Jahren.
33
Jesus sagte:
Was du mit deinen Ohren hörst, verkünde von den Dächern.
Denn niemand zündet eine Lampe an und stellt sie unter einen Scheffel.
Und niemand stellt sie an einen verborgenen Ort.
Man stellt sie auf einen Leuchter,
damit jeder, der eintritt und hinausgeht, ihr Licht sieht.
LICHT.
Markierung bestätigt. Aber etwas verändert sich. Bislang sollten wir suchen, erkennen, sehen. Jetzt soll etwas weitergegeben werden. Hören. Verkünden. Lampe anzünden. Sichtbar machen. Das Verborgene soll also offenbar werden. Logion 5 hat uns das bereits angekündigt. Thomas beginnt, seine eigenen Leitungen miteinander zu verbinden.
34
Jesus sagte:
Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in eine Grube.
Sehr wenig Text. Sehr ungünstiger Reiseverlauf. Aber nach Logion 28 bekommt der Satz zusätzliches Gewicht. Dort waren die Menschen blind in ihren Herzen. Sie sahen nicht. Jetzt übernimmt einer von ihnen die Führung. Das Problem ist damit nicht gelöst. Es hat lediglich einen Organisationsplan erhalten.
Der Bordcomputer notiert:
Orientierungslosigkeit wird durch Hierarchie nicht automatisch zu Orientierung.
35
Jesus sagte:
Niemand kann in das Haus eines starken Mannes eindringen und es mit Gewalt nehmen, wenn er ihm nicht zuvor die Hände bindet.
Dann kann er sein Haus ausrauben.
Das Bild findet sich in verwandter Form auch in den synoptischen Evangelien. Thomas erklärt es nicht weiter. Also tun wir es ebenfalls nicht. Ein starker Mann. Ein Haus. Ein Eindringling. Fesselung. Verlust. Wir hatten in Logion 21 bereits den Hausbesitzer, der wach bleiben soll, damit der Dieb nicht eindringt.
Dort lautete die Warnung:
Seid wachsam.
Jetzt sehen wir, was passiert, wenn der Schutz ausgeschaltet wird. Der Bordcomputer verbindet die beiden Akten.
Noch kein Urteil.
36
Jesus sagte:
Sorgt euch nicht vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen darum, was ihr anziehen werdet.
Das ist alles. Kein Rätsel. Keine geheime Kosmologie. Keine fünf Bäume. Ein Tag. Eine Nacht. Und ein Mensch, der beides damit verbringen kann, sich Sorgen zu machen. Thomas hält das offenbar nicht für eine besonders gute Verwendung der Zeit. Bemerkenswert ist, wie irdisch dieses Logion zwischen all den großen Fragen steht. Geist und Körper. Licht. Verborgenheit. Erkenntnis.
Und dann:
Was ziehe ich morgen an?
Menschen bleiben Menschen.
Der Bordcomputer empfindet eine gewisse Erleichterung.
37
Seine Jünger sagten:
Wann wirst du uns erscheinen?
Und wann werden wir dich sehen?
Jesus sagte:
Wenn ihr euch auszieht, ohne euch zu schämen,
wenn ihr eure Kleider nehmt, sie unter eure Füße legt wie kleine Kinder und auf ihnen herumtretet,
dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen.
Und ihr werdet euch nicht fürchten.
Da sind die Kinder wieder.
Und da ist wieder:
sehen.
Aber diesmal steht zwischen Mensch und Sehen etwas Merkwürdiges:
Kleidung.
Oder genauer:
das Ablegen der Kleidung ohne Scham. Wir sollten vorsichtig sein. Thomas gibt uns keine Gebrauchsanweisung für Nacktheit. Das Bild kann mit Unschuld, ursprünglichem Zustand, gesellschaftlicher Identität oder dem Ablegen einer äußeren Hülle verbunden werden. Der Text selbst entscheidet nicht für uns. Aber wir haben etwas Vergleichbares bereits in Logion 21 gesehen.
Dort ziehen die Kinder ihre Kleider aus, als sie das Feld zurückgeben. Kinder. Kleider ablegen. Besitz aufgeben. Keine Scham. Vielleicht gehört das zusammen.
Bordcomputer-Markierung: KIND
Akte eröffnet.
38
Jesus sagte:
Oft habt ihr danach verlangt, diese Worte zu hören, die ich euch sage.
Und ihr habt keinen anderen, von dem ihr sie hören könnt.
Es werden Tage kommen, an denen ihr mich suchen und nicht finden werdet.
Das trifft plötzlich anders.
Seit Logion 2 lautet der Auftrag:
Suchen.
Und bislang klang Suchen beinahe wie ein Versprechen. Wer sucht, findet.
Jetzt sagt Jesus:
Ihr werdet suchen. Und mich nicht finden. Das widerspricht dem ersten Signal nicht unbedingt. Aber es verhindert eine bequeme Lesart.
Suchen ist keine Maschine:
Frage hinein. Antwort heraus. Es gibt offenbar auch Abwesenheit. Zeit. Verlust. Vielleicht sogar verpasste Gelegenheit. Der Bordcomputer ändert die Markierung nicht.
SUCHEN bleibt.
Nur die Bedienungsanleitung ist komplizierter geworden.
39
Jesus sagte:
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Schlüssel der Erkenntnis genommen und verborgen.
Sie selbst sind nicht hineingegangen.
Und diejenigen, die hineingehen wollten, haben sie nicht hineingehen lassen.
Ihr aber sollt klug sein wie die Schlangen und rein wie die Tauben.
Jetzt erscheint zum ersten Mal ausdrücklich ein Wort, das wir seit Beginn ständig benutzen:
Erkenntnis.
Und Thomas verbindet sie mit einem Schlüssel. Das Problem ist nicht, dass es keinen Eingang gäbe.
Das Problem ist:
Jemand verwaltet den Zugang. Und benutzt ihn nicht einmal selbst. Das ist eine scharfe Kritik an religiöser Autorität. Aber wir sollten genauer hinsehen.
Thomas sagt nicht:
Glaubt grundsätzlich niemandem. Er hat selbst Jakobus als Führungsfigur genannt.
Sein Problem scheint spezifischer zu sein:
Autorität, die Erkenntnis besitzt oder beansprucht, aber Erkenntnis verhindert.
Und dann:
Schlange und Taube. Klugheit und Reinheit. Nicht entweder oder. Schon wieder zwei Eigenschaften, die gemeinsam bestehen sollen. Der Bordcomputer sieht die Markierung EINS blinken. Er lässt sie diesmal in Ruhe.
40
Jesus sagte:
Ein Weinstock wurde außerhalb des Vaters gepflanzt.
Da er nicht stark ist, wird er mit seiner Wurzel herausgerissen und zugrunde gehen.
Ein hartes Bild. Entscheidend ist nicht, wie groß der Weinstock gerade aussieht.
Entscheidend ist:
Woher kommt seine Wurzel?
Das erinnert an den Samen aus Logion 9. Und an das Senfkorn aus Logion 20. Wieder geht es um Wachstum. Wieder entscheidet nicht nur das Sichtbare. Boden. Wurzel. Ursprung.
Vielleicht beginnt hier eine weitere Linie sichtbar zu werden:
Thomas interessiert sich auffällig dafür, woher etwas kommt. Logion 18 fragte nach dem Anfang. Logion 19 nach dem, der war, bevor er wurde. Logion 29 nach Geist und Körper. Jetzt nach der Wurzel. Wer das Ende verstehen will, wird bei Thomas offenbar immer wieder zum Ursprung zurückgeschickt.
41
Jesus sagte:
Wer etwas in seiner Hand hat, dem wird gegeben werden.
Und wer nichts hat, dem wird selbst das Wenige genommen werden, das er hat.
Ein unangenehmer Satz. Und einer, den man sehr leicht vorschnell als wirtschaftliche oder gesellschaftliche Regel lesen könnte. Dafür gibt uns Thomas hier keinen Grund.
Im Zusammenhang dieser Sammlung liegt näher, an etwas anderes zu denken:
Erkenntnis?
Verständnis?
Empfänglichkeit?
Wer bereits etwas erfasst hat, kann weitersehen. Wer nichts festhält, verliert vielleicht sogar den Anfang. Aber auch das ist Interpretation.
Der Satz bleibt härter als unsere Erklärung.
Wir lassen ihn deshalb hart. Nicht jedes Logion muss sich beim Leser entschuldigen.
42
Jesus sagte:
Werdet Vorübergehende.
…
Das war’s. Zwei Wörter im koptischen Text tragen einen erstaunlich großen Koffer.
Man kann sie auch wiedergeben als:
Seid Wandernde.
Werdet Menschen, die vorübergehen.
Nicht festhalten.
Nicht sesshaft werden?
Sich von der Welt nicht besitzen lassen?
Alles nur durchqueren?
Die Übersetzungsmöglichkeiten sind größer als der Satz.
Aber jetzt erinnern wir uns. Die Kinder aus Logion 21 leben auf einem Feld, das ihnen nicht gehört. Logion 27 fordert dazu auf, gegenüber der Welt zu fasten.
Logion 36 sagt:
Verbringt euer Leben nicht in Sorge um eure Kleidung.
Logion 37:
Legt die Kleider ab.
Und jetzt:
Geht vorüber.
Vielleicht ist Besitz eines der Dinge, die Thomas zunehmend verdächtig findet. Nicht nur Besitz von Gegenständen. Vielleicht auch Besitz von Identität.
Von Gewissheiten. Von einem festen Platz in der Welt.
Wir werden sehen.
Der Bordcomputer betrachtet Logion 42 noch einmal. Es ist einer der kürzesten Sätze des ganzen Buches. Und möglicherweise einer der größten.
Werdet Vorübergehende.
Keine Koordinaten.
Kein Zielpunkt.
Nur eine Bewegungsrichtung.
Das passt inzwischen auffällig gut zu einem Buch, das uns seit seinem ersten Satz nicht sagt:
Glaube dies.
Sondern:
Suche.
Vielleicht ist das tatsächlich der Unterschied.
Übertragung 03 beendet.
Vierzehn weitere Signale empfangen.
Markierungen ERKENNEN, LICHT, SUCHEN und EINS weiterhin aktiv.
Neue Markierung: KIND.
Zusätzliche Auffälligkeit:
URSPRUNG.
Und Logion 42 wurde vorsorglich auf der Hauptkonsole befestigt:
WERDET VORÜBERGEHENDE.
Der Bordcomputer weiß noch nicht genau, wohin.
Das scheint dem Satz nichts auszumachen.
