43
Seine Jünger sagten zu ihm:
Wer bist du, dass du uns diese Dinge sagst?
Jesus sagte zu ihnen:
Aus dem, was ich euch sage, erkennt ihr nicht, wer ich bin.
Ihr aber seid wie die Juden geworden.
Denn sie lieben den Baum und hassen seine Frucht.
Oder sie lieben die Frucht und hassen den Baum.
Das ist interessant.
Nach zweiundvierzig Logien stellen die Jünger eine Frage, die eigentlich längst beantwortet sein müsste.
Wer bist du?
Sie haben Jesus vor sich.
Sie hören seine Worte.
Und trotzdem fragen sie, wer er ist.
Seine Antwort lautet nicht:
Ich bin dies.
Oder:
Ich bin das.
Sondern:
Ihr hättet es an dem erkennen können, was ich euch sage.
Der Bordcomputer blättert zurück.
Logion 1:
Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
Logion 2:
Suchen.
Finden.
Logion 3:
Erkennen. Und jetzt sitzen ausgerechnet die Jünger unmittelbar an der Quelle dieser Worte. Und erkennen den Sprecher nicht.
Das ist beinahe ärgerlich.
Oder sehr menschlich.
Dann kommt das Bild vom Baum. Man kann den Baum lieben und seine Frucht hassen. Oder die Frucht lieben und den Baum hassen.
In beiden Fällen wird etwas voneinander getrennt, das offensichtlich zusammengehört. Vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage der Jünger. Wer wissen will, wer Jesus ist, soll nicht nur auf den Baum schauen.
Und nicht nur auf die Frucht.
Sondern auf den Zusammenhang. Was genau Baum und Frucht hier bedeuten, sagt Thomas nicht. Also lassen wir sie zunächst stehen.
Eine andere Stelle können wir allerdings nicht einfach übergehen. Thomas spricht hier abwertend von „den Juden“.
Das gehört zum Text. Und es gehört in eine Zeit, in der verschiedene jüdische und frühchristliche Gruppen ihre Identität auch in scharfer Abgrenzung voneinander bestimmten. Als allgemeines Urteil über Juden taugt der Satz nicht.
Als Zeugnis eines alten religiösen Konflikts sehr wohl. Der Bordcomputer kehrt deshalb zum eigentlichen Problem zurück. Die Jünger wollen einen Namen für den, der vor ihnen steht.
Jesus verweist sie auf das, was sie längst gehört haben. Das ist nach zweiundvierzig Logien verdächtig vertraut.
Vielleicht lautet die Antwort wieder einmal:
Schaut hin.
Der Bordcomputer lässt die Markierungen unverändert.
Noch kein neues Signal.
Aber ERKENNEN blinkt.
Wieder einmal.
44
Jesus sagte:
Wer den Vater lästert, dem wird vergeben werden.
Und wer den Sohn lästert, dem wird vergeben werden.
Wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben werden.
Weder auf der Erde noch im Himmel.
Das ist einer jener Sätze, die sofort nach einer theologischen Erklärung verlangen.
Thomas liefert keine.
Vater.
Sohn.
Heiliger Geist.
Und eine merkwürdige Abstufung:
Gegen den Vater kann sich ein Mensch vergehen.
Gegen den Sohn ebenfalls. Und trotzdem bleibt Vergebung möglich.
Beim Heiligen Geist endet sie.
Warum?
Der Text sagt es nicht. Verwandte Worte finden sich auch bei Markus, Matthäus und Lukas. Aber Thomas erzählt keine Geschichte darum herum.
Er stellt den Satz einfach zwischen Baum und Frucht aus Logion 43 und das nächste Wort.
Das macht ihn nicht leichter. Wir könnten jetzt erklären, was der Heilige Geist „eigentlich“ bedeutet. Der Bordcomputer besitzt dafür mehrere Jahrhunderte theologischer Literatur.
Das Problem ist:
Thomas hat sie nicht gelesen. Also lassen wir die Frage dort liegen, wo der Text sie liegen lässt.
Warum kann etwas vergeben werden – und etwas anderes nicht?
Noch keine Antwort.
Weiter.
45
Jesus sagte:
Man erntet keine Trauben von Dornen.
Und man pflückt keine Feigen von Disteln.
Denn sie bringen keine Frucht.
Ein guter Mensch bringt Gutes aus seinem Schatz hervor.
Ein schlechter Mensch bringt Schlechtes aus seinem schlechten Schatz hervor, der in seinem Herzen ist.
Und er spricht Schlechtes.
Denn aus der Fülle des Herzens bringt er Schlechtes hervor.
Der Baum aus Logion 43 war offenbar kein Einzelbesuch.
Zwei Logien später:
Trauben.
Dornen.
Feigen.
Disteln.
Frucht.
Diesmal ist die Bewegung klarer.
Was aus etwas hervorgeht, hängt damit zusammen, was darin ist.
Ein Dornbusch produziert keine Trauben.
Und ein Mensch bringt etwas aus seinem inneren Schatz hervor.
Plötzlich bekommt das Bild aus Logion 43 etwas mehr Kontur.
Dort konnte man Baum und Frucht voneinander trennen.
Hier scheint Thomas zu sagen:
So einfach geht das nicht.
Die Frucht verrät etwas über das, woraus sie hervorgegangen ist.
Und jetzt erinnert sich der Bordcomputer an Logion 14.
Dort hieß es:
Nicht das, was in den Mund hineingeht, verunreinigt den Menschen.
Sondern das, was aus ihm herauskommt.
Jetzt erfahren wir möglicherweise etwas darüber, warum.
Was herauskommt, zeigt etwas von dem, was darin ist.
Das ist inzwischen keine zufällige Wiederholung mehr.
Innen und außen.
Wir kennen diese beiden Seiten seit Logion 3.
Und in Logion 22 sollten sie sogar eins werden.
Der Bordcomputer notiert keine neue Markierung. Aber er zieht eine Leitung zwischen 43, 45 und 14.
Sie scheint Strom zu führen.
46
Jesus sagte:
Von Adam bis Johannes dem Täufer gibt es unter den von Frauen Geborenen keinen Größeren als Johannes den Täufer.
Doch ich habe gesagt:
Wer unter euch klein wird, wird das Reich erkennen und größer sein als Johannes.
Das ist eine eigenartige Rangliste.
Johannes steht ganz oben. Zumindest unter denen, die von Frauen geboren wurden.
Und dann genügt offenbar etwas, das zunächst nach dem Gegenteil von Größe klingt:
klein werden.
Wir kennen diese Bewegung. Logion 4 stellte einen alten Menschen neben ein sieben Tage altes Kind. Logion 21 verglich die Jünger mit kleinen Kindern.
Logion 22 erklärte kleine Kinder zu einem Bild für diejenigen, die in das Reich eingehen. Und in Logion 37 sollten die Jünger ihre Kleider wie kleine Kinder behandeln. Der Bordcomputer öffnet die Akte KIND.
Sie ist inzwischen ziemlich voll.
Aber Thomas sagt hier nicht ausdrücklich:
Werdet Kinder.
Er sagt:
Werdet klein.
Das ist nicht unbedingt dasselbe.
Vielleicht geht es um Rang.
Vielleicht um Anspruch. Vielleicht um einen Zustand, den die Kinder in den anderen Logien verkörpern.
Noch wissen wir es nicht. Bemerkenswert ist etwas anderes.
Johannes ist groß. Derjenige, der klein wird, kann größer sein.
Erste werden Letzte.
Zwei werden Eins.
Groß wird klein. Thomas scheint eine gewisse Freude daran zu haben, unsere Beschriftungen von den Schubladen zu lösen. Der Bordcomputer hatte gerade alles ordentlich sortiert.
Natürlich.
47
Jesus sagte:
Ein Mensch kann nicht zwei Pferde besteigen oder zwei Bögen spannen.
Und ein Diener kann nicht zwei Herren dienen.
Sonst wird er den einen ehren und den anderen verachten.
Niemand trinkt alten Wein und verlangt sofort nach neuem Wein.
Und man gießt keinen neuen Wein in alte Schläuche, damit sie nicht platzen.
Auch gießt man keinen alten Wein in neue Schläuche, damit er nicht verdirbt.
Man näht keinen neuen Flicken auf ein altes Kleid.
Denn es würde ein Riss entstehen.
Zwei Pferde.
Zwei Bögen.
Zwei Herren.
Alter Wein.
Neuer Wein.
Alte Schläuche.
Neue Schläuche.
Neuer Stoff.
Altes Kleid.
Thomas reiht Bilder aneinander.
Und wieder geht es auffällig oft um Dinge, die nicht einfach zusammenpassen.
Das ist interessant.
Denn bislang haben wir Thomas häufig bei der entgegengesetzten Bewegung beobachtet:
Die Zwei sollen eins werden.
Innen und außen.
Oben und unten.
Männlich und weiblich.
Jetzt lernen wir:
Nicht jede Zweiheit lässt sich dadurch lösen, dass man ihre beiden Seiten zusammenklebt.
Zwei Pferde gleichzeitig zu besteigen wäre jedenfalls eine bemerkenswert kurze spirituelle Übung.
Vielleicht müssen wir deshalb unsere Markierung EINS etwas genauer verstehen.
Einswerden bedeutet offenbar nicht:
Alles mit allem vermischen.
Thomas kennt Unterschiede.
Manche Gegensätze sollen aufgehoben werden.
Andere Dinge passen gerade nicht zusammen.
Welche?
Das sagt uns dieses Logion nicht als allgemeine Regel.
Aber es schützt uns vor einer zu einfachen Interpretation unserer bisherigen Spur.
Der Bordcomputer korrigiert deshalb keinen Eintrag.
Er schreibt nur neben EINS:
Nicht mit „alles vermischen“ verwechseln.
Das könnte später nützlich werden.
48
Jesus sagte:
Wenn zwei miteinander Frieden schließen in einem einzigen Haus,
werden sie zum Berg sagen:
„Bewege dich von hier fort.“
Und er wird sich bewegen.
Moment.
Gerade eben haben wir gelernt:
Nicht jede Zweiheit soll einfach zusammengefügt werden.
Und jetzt:
zwei werden friedlich miteinander.
Thomas scheint unsere Notiz aus Logion 47 unmittelbar zu testen. Es geht offenbar nicht darum, dass aus den beiden dasselbe wird.
Sie bleiben zwei. Aber etwas zwischen ihnen verändert sich.
Frieden.
Und wenn das geschieht, kann sich ein Berg bewegen. Das Bild vom bewegten Berg kennen auch andere frühchristliche Überlieferungen. Thomas erklärt nicht, welcher Berg gemeint ist.
Also suchen wir keinen.
Interessanter ist das Haus.
Zwei Menschen.
Ein Haus.
Frieden zwischen ihnen. Und plötzlich wird außerhalb dieses Hauses etwas möglich, das unmöglich erscheint. Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung EINS.
Vielleicht war die Frage bislang falsch gestellt.
Vielleicht bedeutet Einheit nicht immer:
Aus zwei wird eins.
Vielleicht kann Einheit auch bedeuten:
Zwei bleiben zwei und sind nicht mehr gegeneinander.
Das wäre neu. Noch ändern wir die Markierung nicht.
Aber wir schreiben es daneben.
49
Jesus sagte:
Glücklich sind die Alleinstehenden und Erwählten.
Denn ihr werdet das Reich finden.
Denn ihr seid aus ihm gekommen.
Und zu ihm werdet ihr wieder zurückkehren.
Das ist merkwürdig.
Gerade eben:
Zwei miteinander in Frieden.
Jetzt:
Alleinstehende.
Das koptische Wort kann Menschen bezeichnen, die allein, einzeln oder ungeteilt sind.
Das ist wichtig. Denn „allein“ könnte hier schnell nach Einsamkeit klingen.
Thomas verbindet diesen Zustand aber mit etwas anderem:
Herkunft.
Ihr kommt aus dem Reich.
Und ihr kehrt dorthin zurück.
Der Bordcomputer öffnet sofort die Akte URSPRUNG.
Logion 18:
Wo der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein.
Logion 19:
Glücklich ist, wer war, bevor er wurde.
Logion 40:
Woher kommt die Wurzel?
Und jetzt:
Ihr seid von dort gekommen.
Ihr werdet dorthin zurückkehren.
Das ist inzwischen mehr als eine zufällige Häufung. Thomas interessiert sich nicht nur dafür, wohin der Mensch geht.
Er fragt immer wieder:
Woher kommt er?
Und Anfang und Ende scheinen dabei merkwürdig nahe beieinanderzuliegen.
Der Bordcomputer aktualisiert die Markierung:
URSPRUNG
Signalstärke erhöht.
50
Jesus sagte:
Wenn sie zu euch sagen:
„Woher seid ihr gekommen?“
dann sagt ihnen:
„Wir sind aus dem Licht gekommen.
Von dem Ort, an dem das Licht aus sich selbst entstand,
sich aufrichtete
und in ihrem Bild erschien.“
Wenn sie zu euch sagen:
„Seid ihr es?“
dann sagt:
„Wir sind seine Kinder.
Und wir sind die Erwählten des lebenden Vaters.“
Wenn sie euch fragen:
„Was ist das Zeichen eures Vaters in euch?“
dann sagt ihnen:
„Bewegung und Ruhe.“
Der Bordcomputer hält kurz an. Denn gerade wurde die Frage aus Logion 49 beantwortet.
Woher?
Aus dem Licht. Damit laufen zwei unserer bisherigen Markierungen plötzlich ineinander.
URSPRUNG.
LICHT.
Das Licht kennen wir aus Logion 24. Dort befand es sich im Menschen und konnte die ganze Welt erleuchten. Jetzt liegt es noch weiter zurück.
Es erscheint als Herkunft. Und die Menschen nennen sich seine Kinder. Das ist eine deutlich größere Aussage als alles, was wir bislang unter LICHT abgelegt haben.
Aber dann kommt der letzte Satz.
Das Zeichen des Vaters ist:
Bewegung und Ruhe.
Natürlich. Thomas hätte auch einmal etwas Einfaches sagen können. Bewegung und Ruhe scheinen Gegensätze zu sein.
Das eine verändert den Ort.
Das andere bleibt. Und trotzdem bilden beide gemeinsam ein Zeichen. Der Bordcomputer sieht zu EINS hinüber.
Diesmal blinkt die Markierung von selbst.
Logion 22:
Innen und außen.
Oben und unten.
Männlich und weiblich.
Logion 48:
Zwei Menschen, die Frieden miteinander schließen.
Und jetzt:
Bewegung und Ruhe. Vielleicht geht es Thomas tatsächlich nicht darum, eine Seite des Gegensatzes auszuwählen. Vielleicht sucht er etwas, in dem Gegensätze ihre Feindschaft verlieren.
Das ist noch keine fertige Theorie.
Aber nach fünfzig Logien dürfen wir zumindest sagen:
Das Muster ist real.
Der Bordcomputer verbindet:
EINS · LICHT · URSPRUNG
Drei Leitungen. Ein ziemlich merkwürdiger Schaltplan.
51
Seine Jünger sagten zu ihm:
Wann wird die Ruhe der Toten eintreten?
Und wann wird die neue Welt kommen?
Er sagte zu ihnen:
Was ihr erwartet, ist bereits gekommen.
Aber ihr erkennt es nicht.
Da ist es wieder. Die Jünger fragen nach wann.
Wie in Logion 18.
Dort wollten sie wissen:
Wie wird unser Ende sein?
Und Jesus fragte zurück:
Habt ihr denn den Anfang entdeckt?
Jetzt warten sie auf etwas Zukünftiges.
Die Ruhe der Toten.
Die neue Welt.
Und Jesus sagt:
Sie ist schon da.
Ihr erkennt sie nur nicht. Das ist inzwischen auffällig vertraut.
Logion 3:
Das Reich befindet sich nicht irgendwo dort oben oder dort draußen.
Logion 5:
Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.
Logion 24:
Die Jünger wollen einen Ort.
Jesus gibt ihnen keinen. Und jetzt wollen sie einen Zeitpunkt.
Wieder bekommen sie keinen. Vielleicht ist das eines der stärksten Muster, die wir bislang gefunden haben.
Die Jünger fragen:
Wo?
Thomas verschiebt die Frage.
Sie fragen:
Wann?
Thomas verschiebt sie wieder. Das Gesuchte ist möglicherweise weder deshalb verborgen, weil es weit entfernt ist, noch deshalb, weil es erst irgendwann kommen wird. Vielleicht ist es verborgen,
obwohl es bereits da ist.
Der Bordcomputer geht zurück zu Logion 5.
Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.
Wir haben diesen Satz vor sechsundvierzig Logien gelesen. Langsam beginnt er unangenehm präzise zu werden.
Und natürlich endet auch Logion 51 mit demselben Problem:
Ihr erkennt es nicht.
Der Bordcomputer aktualisiert keine Markierung.
Er stellt lediglich fest:
Wir suchen seit Beginn nach etwas Verborgenem. Thomas beginnt zunehmend den Verdacht zu äußern, dass das Versteck
die Gegenwart sein könnte.
52
Seine Jünger sagten zu ihm:
Vierundzwanzig Propheten haben in Israel gesprochen.
Und sie alle haben von dir gesprochen.
Er sagte zu ihnen:
Ihr habt den Lebenden vor euch übersehen
und von den Toten gesprochen.
Das sitzt. Die Jünger präsentieren Jesus eine ehrwürdige Tradition.
Vierundzwanzig Propheten.
Vergangenheit.
Schriften.
Zeugnisse.
Und sie sagen:
Sie alle haben von dir gesprochen. Eigentlich könnte Jesus zufrieden sein.
Stattdessen wirft er ihnen vor:
Ihr schaut auf die Toten und überseht den Lebenden vor euch.
Der Bordcomputer hält inne. Denn wir haben gerade Logion 51 gelesen. Dort warteten die Jünger auf etwas, das erst kommen sollte.
Jesus antwortete:
Es ist bereits gekommen.
Ihr erkennt es nicht. Jetzt schauen sie in die andere Richtung.
Nicht in die Zukunft.
In die Vergangenheit.
Und wieder übersehen sie:
was vor ihnen steht.
Das wird langsam auffällig.
Zukunft:
Dort ist es nicht.
Vergangenheit:
Dort sucht ihr ebenfalls falsch.
Logion 5:
Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.
Der Satz wird immer größer. Vielleicht besteht eines der grundlegenden Probleme des Menschen bei Thomas darin, dass er erstaunlich gut darin ist, überall zu suchen.
Außer dort, wo er gerade ist.
Der Bordcomputer eröffnet keine neue Markierung.
Er schreibt nur unter ERKENNEN:
GEGENWART?
Mit Fragezeichen.
Noch.
53
Seine Jünger sagten zu ihm:
Ist die Beschneidung nützlich oder nicht?
Er sagte zu ihnen:
Wenn sie nützlich wäre, würde ihr Vater sie bereits beschnitten aus ihrer Mutter hervorbringen.
Aber die wahre Beschneidung im Geist ist in jeder Hinsicht nützlich geworden.
Da sind sie wieder.
Religiöse Vorschriften.
Wir kennen diese Art von Frage.
Logion 6:
Fasten?
Beten?
Almosen?
Speiseregeln?
Logion 14:
Die Handlung allein garantiert nichts.
Logion 27:
Fasten erscheint wieder – aber jetzt als Fasten gegenüber der Welt.
Und nun:
Beschneidung. Wieder nimmt Thomas eine sichtbare religiöse Handlung und verschiebt sie.
Vom Körper zum Geist. Das Muster ist inzwischen schwer zu übersehen.
Aber Vorsicht.
Thomas sagt nicht einfach:
Körper schlecht.
Geist gut. Das wäre nach Logion 29 ohnehin verdächtig. Dort staunte Jesus gerade darüber, wie Geist und Körper überhaupt zusammengehören.
Hier geht es spezifischer um die Frage:
Was macht eine religiöse Handlung eigentlich wirksam?
Offenbar nicht allein der Schnitt.
Der Bordcomputer öffnet die alte Akte aus Logion 6. Sie war lange genug herumgelegen.
Darauf steht inzwischen:
ÄUSSERE HANDLUNG ≠ INNERE WIRKLICHKEIT
Das scheint belastbar.
Akte geschlossen.
Vorläufig.
54
Jesus sagte:
Glücklich sind die Armen.
Denn euch gehört das Reich des Himmels.
Das klingt vertraut.
Sehr vertraut. Und trotzdem sollten wir nicht zu schnell weiterlesen. Denn Thomas hat das Wort Armut schon einmal benutzt.
Logion 3:
Wer sich selbst nicht erkennt, lebt in Armut.
Und er selbst ist diese Armut.
Jetzt:
Glücklich sind die Armen. Das ist zunächst schwer zusammenzubringen.
Ist Armut ein Mangel?
Oder eine Voraussetzung?
Meint Thomas überhaupt in beiden Fällen dasselbe?
Wir wissen es nicht. Auch die kanonischen Evangelien helfen uns hier nicht einfach aus der Sache heraus.
Bei Lukas heißt es:
Glücklich die Armen.
Bei Matthäus:
die Armen im Geist.
Thomas sagt nur:
die Armen.
Also lassen wir es dabei. Aber der Bordcomputer markiert die Stelle. Nicht weil wir sie verstanden hätten.
Sondern weil sie einer unserer bisherigen Beobachtungen widerspricht. Und Widersprüche sind inzwischen wertvolle Messdaten.
ARMUT
Noch keine neue Hauptmarkierung.
Aber eine offene Akte.
55
Jesus sagte:
Wer seinen Vater und seine Mutter nicht hasst, kann nicht mein Jünger sein.
Und wer seine Brüder und Schwestern nicht hasst
und nicht sein Kreuz trägt wie ich,
wird meiner nicht würdig sein.
Das ist hart.
Nicht rätselhaft.
Nicht poetisch verschlüsselt.
Hart. Man kann versuchen, das Wort „hassen“ sofort abzuschwächen.
Im Sinne von:
weniger lieben.
Sich lösen.
Zurückstellen.
Solche Deutungen sind möglich. Aber der Satz selbst bleibt schroff. Und wir haben uns vorgenommen, Thomas nicht freundlicher zu machen, als er ist.
Also lassen wir ihn zunächst stehen.
Vater.
Mutter.
Brüder.
Schwestern. Die engsten Bindungen eines Menschen. Und Jesus verlangt eine Distanz, die in unserer Übersetzung unangenehm klingt.
Vielleicht erinnert das an Logion 16.
Dort brachte Jesus nicht Frieden, sondern Trennung:
Vater gegen Sohn.
Sohn gegen Vater.
Und am Ende:
Sie werden allein stehen.
Vielleicht gehört Logion 55 in diese Spur. Aber wir sollten daraus nicht vorschnell eine Aufforderung machen, menschliche Beziehungen zu verachten.
Thomas hat in Logion 25 schließlich ebenso eindeutig gesagt:
Liebe deinen Bruder wie deine eigene Seele.
Da ist er wieder. Der Text, der sich weigert, uns eine einfache Bedienungsanleitung zu geben.
Bruder lieben.
Bruder hassen. Beides steht jetzt in demselben Buch.
Der Bordcomputer könnte versuchen, den Widerspruch aufzulösen.
Er tut es nicht. Er legt Logion 25 und Logion 55 nebeneinander.
Weitere Daten erforderlich.
56
Jesus sagte:
Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden.
Und wer einen Leichnam gefunden hat,
dessen ist die Welt nicht würdig.
Das ist ein bemerkenswertes Ende für unseren vierten Abschnitt.
Denn Thomas sagt nicht:
Wer die Welt hasst.
Oder:
Wer aus der Welt flieht.
Sondern:
Wer sie erkennt.
Wieder dieses Wort.
ERKENNEN.
Seit Logion 3 begleitet es uns.
Sich selbst erkennen.
Das Verborgene erkennen.
Die fünf Bäume erkennen.
Das Reich erkennen. Nicht erkennen, was bereits gekommen ist. Den Lebenden vor sich übersehen.
Und jetzt:
die Welt erkennen.
Das Ergebnis ist allerdings verstörend.
Ein Leichnam.
Warum?
Thomas erklärt es nicht. Aber wir erinnern uns an Logion 28. Dort stand Jesus mitten in der Welt.
Und er fand Menschen, die betrunken waren.
Blind in ihren Herzen.
Sie sahen nicht.
Logion 42 sagte:
Werdet Vorübergehende.
Und jetzt scheint die Distanz zur Welt noch größer zu werden. Wer sie wirklich erkennt, findet etwas Totes.
Das ist eine starke Aussage. Vielleicht sogar eine gefährliche, wenn man sie zu schnell zu einer Weltverachtung ausbaut.
Denn derselbe Thomas hat uns auch gesagt:
Das Reich ist außerhalb von euch. Licht kann die ganze Welt erleuchten. Jesus steht mitten in der Welt.
Also Vorsicht. Wir haben noch achtundfünfzig Logien.
Der Bordcomputer schließt Übertragung 04. Vierzehn weitere Signale empfangen. ERKENNEN ist stärker als zuvor.
URSPRUNG, LICHT, EINS und KIND bleiben aktiv.
Eine neue Spur ist hinzugekommen:
GEGENWART.
Noch mit Fragezeichen.
Denn Logion 51 sagte:
Was ihr erwartet, ist bereits gekommen.
Logion 52 ergänzte:
Ihr habt den Lebenden vor euch übersehen.
Und irgendwo ganz am Anfang liegt immer noch Logion 5:
Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.
Vielleicht suchen wir inzwischen tatsächlich nicht mehr danach, wo Thomas sein Geheimnis versteckt hat. Vielleicht beginnen wir zu verstehen,
warum wir es übersehen.
Der Bordcomputer beendet Übertragung 04.
Löwe weiterhin an Bord.
Niemand hat nach ihm gefragt.
