THOMAS (ZUGESCHRIEBEN)

DAS THOMAS-EVANGELIUM

BORDFASSUNG · TEIL V – LOGIEN 57–70

57

Jesus sagte:

Das Reich des Vaters gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinem Feld hatte.

Sein Feind kam in der Nacht und säte Unkraut zwischen den guten Samen.

Der Mann ließ das Unkraut nicht ausreißen.

Er sagte zu ihnen:

Damit ihr nicht hingeht, das Unkraut auszureißen, und dabei den Weizen mit ausreißt.

Denn am Tag der Ernte wird das Unkraut sichtbar werden.

Dann wird man es ausreißen und verbrennen.


Das kennen wir.

Zumindest beinahe.

Schon Logion 9 führte uns auf ein Feld.

Ein Sämann warf Samen aus.

Mancher fiel auf den Weg.

Mancher auf Felsen.

Mancher unter Dornen.

Und mancher auf gute Erde.

Thomas erklärte damals nicht, was irgendetwas davon bedeutete.

Jetzt sind wir wieder auf einem Feld.

Aber diesmal liegt das Problem nicht im Boden.

Jemand hat etwas dazwischen gesät.

Guter Same und Unkraut wachsen nebeneinander.

Und die überraschende Anweisung lautet:

Lasst beides wachsen.

Nicht weil es keinen Unterschied gäbe.

Im Gegenteil.

Am Ende wird unterschieden.

Aber offenbar wäre der Versuch, zu früh Ordnung zu schaffen, gefährlicher als das vorläufige Durcheinander.

Der Bordcomputer findet das bemerkenswert. Wir haben gerade selbst gelernt, Widersprüche stehen zu lassen.

Armut ist schlecht.

Arme sind glücklich.

Bruder lieben.

Bruder hassen.

Welt erkennen.

Welt als Leichnam finden. Vielleicht ist das hier keine Gebrauchsanweisung für unsere Lektüre. Aber sie eignet sich verdächtig gut dafür.

Nicht zu früh ausreißen.

Man könnte sonst etwas erwischen, das man später noch gebraucht hätte. Der Bordcomputer lässt das Feld unangetastet.


58

Jesus sagte:

Glücklich ist der Mensch, der gelitten hat.

Er hat das Leben gefunden.


Das ist kurz.

Und gefährlich.

Denn man könnte daraus sehr schnell machen:

Leiden ist gut.

Oder sogar:

Wer mehr leidet, kommt dem Leben näher.

Das sagt der Satz nicht.

Er sagt:

Ein Mensch hat gelitten.

Und er hat das Leben gefunden. Wir wissen nicht einmal, wie beides genau zusammenhängt. Aber das Wort gefunden kennen wir.

Logion 2:

Suchen.

Finden.

Erschrecken.

Staunen.

Logion 27:

Wer die Welt nicht fastet, wird das Reich nicht finden.

Logion 49:

Die Alleinstehenden werden das Reich finden.

Und jetzt:

Jemand hat gelitten.

Und Leben gefunden. Das Ziel unserer Suche bekommt damit einen weiteren Namen.

Nicht nur:

Reich.

Nicht nur:

Erkenntnis.

Sondern:

Leben.

Das passt auffällig gut zum Prolog. Dort sprach schließlich nicht irgendein Jesus.

Sondern:

der lebende Jesus.

Der Bordcomputer markiert noch nichts.

Aber er notiert:

LEBEN

Erstes deutliches Signal.


59

Jesus sagte:

Schaut auf den Lebenden, solange ihr lebt.

Damit ihr nicht sterbt und versucht, ihn zu sehen, aber nicht mehr dazu fähig seid.


Da ist es wieder.

Der Lebende.

Logion 52 liegt gerade einmal sieben Logien zurück. Dort hatten die Jünger von den Propheten gesprochen.

Jesus antwortete:

Ihr habt den Lebenden vor euch übersehen und von den Toten gesprochen.

Jetzt sagt er:

Schaut auf den Lebenden, solange ihr lebt.

Der Bordcomputer streicht die Notiz aus Logion 58 durch.

Nicht den Inhalt.

Nur:

„Erstes deutliches Signal.“ Offenbar war das Signal längst da.

Prolog:

der lebende Jesus.

Logion 11:

Die Lebenden werden nicht sterben.

Logion 18:

Wer am Anfang steht, wird das Ende erkennen und den Tod nicht schmecken.

Logion 52:

der Lebende vor euch.

Logion 58:

das Leben finden.

Und jetzt:

der Lebende.

Das reicht.

Neue Markierung:

LEBEN

Aber noch interessanter ist etwas anderes.

Logion 52 sagte:

Ihr überseht den Lebenden, obwohl er vor euch steht.

Logion 59 sagt:

Schaut ihn an, solange ihr könnt. Damit kehrt unsere jüngste Spur zurück.

GEGENWART.

Vielleicht war das Fragezeichen berechtigt. Vielleicht bleibt es aber nicht mehr lange dort.

Denn Thomas scheint immer wieder zu sagen:

Nicht später.

Nicht dort.

Jetzt. Hier. Sehen.

Der Bordcomputer lässt das Fragezeichen noch stehen.

Aus Prinzip.


60

Sie sahen einen Samariter, der ein Lamm trug und nach Judäa ging.

Er sagte zu seinen Jüngern:

Warum trägt dieser Mann das Lamm?

Sie sagten zu ihm:

Damit er es tötet und isst.

Er sagte zu ihnen:

Solange es lebt, wird er es nicht essen.

Erst wenn er es getötet hat und es zu einem Leichnam geworden ist.

Sie sagten:

Anders kann er es nicht tun.

Er sagte zu ihnen:

Auch ihr: Sucht euch einen Ort der Ruhe,

damit ihr nicht zu einem Leichnam werdet und gegessen werdet.


Entschuldigung.

Ein Mann trägt ein Lamm vorbei.

Jesus sieht ihn.

Und innerhalb weniger Sätze befinden wir uns bei der Möglichkeit,

selbst gegessen zu werden.

Thomas ist zurück.

Aber diesmal kennen wir einige der Wörter.

Leben.

Leichnam.

Ruhe.

Vor allem:

Leichnam.

Logion 56, nur vier Logien zuvor:

Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden.

Jetzt kann der Mensch offenbar selbst zu einem werden.

Und dann ist da die Ruhe.

Logion 50:

Das Zeichen des Vaters ist Bewegung und Ruhe.

Logion 51:

Die Jünger fragen nach der Ruhe der Toten.

Jetzt sollen sie einen Ort der Ruhe suchen, bevor sie selbst zu Toten werden.

Das ist keine zufällige Wortwiederholung mehr.

Aber was bedeutet Ruhe?

Tod offenbar gerade nicht.

Denn die Ruhe soll verhindern, dass man zum Leichnam wird.

Damit korrigiert Logion 60 eine mögliche vorschnelle Lesart von Logion 51.

Ruhe ist bei Thomas offenbar nicht einfach Stillstand oder Tod.

Sie scheint auf irgendeine Weise zum Leben zu gehören.

Und plötzlich sieht auch Logion 50 anders aus:

Bewegung und Ruhe.

Vielleicht waren das nie zwei abstrakte Gegensätze.

Vielleicht beschreiben sie etwas Lebendiges.

Noch wissen wir nicht genug.

Der Bordcomputer verbindet:

LEBEN · RUHE · BEWEGUNG

und betrachtet anschließend das Lamm. Das Lamm betrachtet vermutlich zurück. Keiner von beiden findet die Situation besonders beruhigend.


61

Jesus sagte:

Zwei werden auf einem Bett ruhen.

Der eine wird sterben, der andere wird leben.

Salome sagte:

Wer bist du, Mensch?

Du bist auf mein Bett gestiegen und hast von meinem Tisch gegessen, als käme jemand, der über mir steht.

Jesus sagte zu ihr:

Ich bin der, der aus dem Ungeteilten stammt.

Mir wurde von dem gegeben, was meinem Vater gehört.

Salome sagte:

Ich bin deine Jüngerin.

Jesus sagte:

Darum sage ich: Wenn jemand ungeteilt ist, wird er voller Licht sein.

Wenn er aber geteilt ist, wird er voller Dunkelheit sein.


Der Bordcomputer hält an.

Zunächst wegen Salome. Nach sechzig Logien tritt plötzlich eine Frau auf, die Jesus nicht einfach eine ehrfürchtige Frage stellt. Sie will wissen, wer dieser Mann eigentlich ist.

Und sie scheint wenig beeindruckt davon, dass er an ihrem Tisch sitzt.

Das ist erfrischend.

Dann sagt Jesus:

Ich stamme aus dem Ungeteilten.

Und kurz darauf:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Jetzt wird es interessant.

Logion 22:

Die Zwei sollen eins werden.

Logion 47:

Nicht alles lässt sich einfach miteinander vermischen.

Logion 48:

Zwei Menschen können Frieden schließen, ohne aufzuhören, zwei Menschen zu sein.

Und nun:

UNGETEILT.

Vielleicht hilft uns dieses Wort, unsere bisherige Markierung EINS genauer zu verstehen. Es geht möglicherweise nicht darum, Unterschiede zu beseitigen. Sondern darum, eine bestimmte Art von Spaltung zu überwinden.

Aber welche?

Das sagt Jesus nicht. Stattdessen verbindet er das Ungeteilte mit etwas, das wir ebenfalls kennen.

LICHT.

Logion 24:

Im Menschen des Lichts ist Licht.

Logion 50:

Wir sind aus dem Licht gekommen.

Und jetzt:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Der Bordcomputer verbindet EINS und LICHT.

Die Leitung existierte bereits.

Aber sie leuchtet jetzt heller. Dann betrachtet er den ersten Satz.

Zwei auf einem Bett.

Einer lebt.

Einer stirbt.

Gleicher Ort.

Unterschiedliches Schicksal. Offenbar genügt räumliche Nähe nicht, um dasselbe zu erfahren. Das könnte später noch wichtig werden.

Salome hat inzwischen erklärt, sie sei Jesu Jüngerin.

Der Bordcomputer hätte gern erfahren, ob sie damit zufrieden war. Thomas hält diese Information zurück.

Wie üblich.


62

Jesus sagte:

Ich offenbare meine Geheimnisse denen, die meiner Geheimnisse würdig sind.

Was deine rechte Hand tut,

soll deine linke Hand nicht wissen.


Wieder Geheimnisse.

Wir erinnern uns an Logion 13. Dort nahm Jesus Thomas beiseite und sagte ihm drei Worte.

Thomas verriet sie nicht.

Und jetzt sagt Jesus ausdrücklich:

Nicht jeder erhält Zugang. Das klingt zunächst nach einer ziemlich exklusiven Veranstaltung.

Ein ausgewählter Kreis.

Geheime Informationen.

Zutritt nur für Berechtigte.

Der Bordcomputer kennt solche Systeme. Sie sind gewöhnlich mit einem Passwort ausgestattet.

Aber dann folgt dieser Satz:

Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut.

Das ist merkwürdig. Denn eben noch ging es um das Ungeteilte. Und jetzt sollen ausgerechnet zwei Teile desselben Körpers nichts voneinander wissen.

Ein Widerspruch?

Vielleicht.

Oder es geht um etwas anderes.

Die rechte Hand handelt. Die linke soll davon nichts erfahren. In der Bergpredigt begegnet uns dieses Bild beim Geben von Almosen.

Dort richtet es sich gegen demonstrative Frömmigkeit. Thomas lässt diesen Zusammenhang weg. Deshalb sollten wir ihn nicht einfach als selbstverständlich voraussetzen.

Vielleicht geht es um Verschwiegenheit. Vielleicht um Handeln ohne Selbstinszenierung.

Vielleicht um beides.

Der Bordcomputer verzichtet darauf, ein neues Geheimfach einzurichten.

Er hat bereits eines.

Seit Logion 13.

Es ist immer noch verschlossen.


63

Jesus sagte:

Es gab einen reichen Mann, der viel Besitz hatte.

Er sagte:

Ich werde meinen Besitz nutzen.

Ich werde säen, ernten und pflanzen.

Ich werde meine Scheunen mit Früchten füllen.

Dann wird mir nichts fehlen.

So dachte er in seinem Herzen.

Und in derselben Nacht starb er.

Wer Ohren hat, soll hören.


Ein Mann plant seine Zukunft.

Er hat Besitz.

Er hat Felder.

Er hat Scheunen.

Und offenbar ein ausgeprägtes Vertrauen in seine Fähigkeit, die kommenden Jahre zu organisieren.

Dann stirbt er.

Noch in derselben Nacht.

Das ist erzählerisch ausgesprochen unhöflich.

Aber Thomas interessiert sich offenbar nicht für die Gefühle des Mannes.

Er interessiert sich für dessen Irrtum.

Der Mann glaubt:

Wenn ich genug angesammelt habe, wird mir nichts fehlen.

Das klingt vernünftig.

Bis man bemerkt, dass sein Plan eine Voraussetzung enthält, die er nicht kontrollieren kann.

Dass er morgen noch lebt.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 59. Schaut auf den Lebenden, solange ihr lebt. Wartet nicht, bis es zu spät ist.

Und an Logion 42:

Werdet Vorübergehende.

Der reiche Mann scheint das Gegenteil versucht zu haben. Er wollte sich dauerhaft einrichten. Seine Scheunen sollten ihm Sicherheit geben.

Aber sein Leben ließ sich nicht darin aufbewahren. Interessant ist auch, dass Thomas den Mann nicht ausdrücklich wegen seines Reichtums verurteilt.

Er zeigt uns seine Gedanken.

Und dann seinen Tod. Was genau daran falsch war, müssen wir selbst erkennen.

Der Bordcomputer notiert:

BESITZ ≠ SICHERHEIT

Eine ziemlich einfache Gleichung. Menschen scheinen trotzdem erhebliche Schwierigkeiten mit ihr zu haben.


64

Jesus sagte:

Ein Mann hatte Gäste eingeladen.

Als das Mahl vorbereitet war, schickte er seinen Diener aus, um die Gäste zu holen.

Er ging zum ersten und sagte:

Mein Herr lädt dich ein.

Der antwortete:

Ich habe Geldforderungen gegen Kaufleute.

Sie kommen heute Abend zu mir.

Ich muss ihnen Anweisungen geben.

Bitte entschuldige mich.

Der Diener ging zu einem anderen und sagte:

Mein Herr lädt dich ein.

Der antwortete:

Ich habe ein Haus gekauft.

Heute werde ich dort gebraucht.

Ich habe keine Zeit.

Er ging zu einem weiteren und sagte:

Mein Herr lädt dich ein.

Der antwortete:

Mein Freund wird heiraten.

Ich muss das Festessen vorbereiten.

Ich kann nicht kommen.

Bitte entschuldige mich.

Er ging zu einem anderen und sagte:

Mein Herr lädt dich ein.

Der antwortete:

Ich habe ein Gut gekauft.

Ich bin unterwegs, um die Pacht einzuziehen.

Ich kann nicht kommen.

Bitte entschuldige mich.

Der Diener kehrte zurück und berichtete seinem Herrn:

Die Gäste, die du eingeladen hast, haben sich entschuldigt.

Der Herr sagte zu seinem Diener:

Geh hinaus auf die Straßen.

Bring diejenigen, die du findest,

damit sie an meinem Mahl teilnehmen.

Käufer und Kaufleute werden nicht in die Orte meines Vaters eingehen.


Das ist eine bemerkenswerte Gesellschaft.

Ein Gastgeber bereitet ein Essen vor.

Er lädt Menschen ein.

Und niemand kommt.

Nicht weil sie krank wären.

Nicht weil sie den Weg nicht finden.

Sondern weil sie beschäftigt sind.

Geldforderungen.

Ein Haus.

Eine Hochzeit.

Ein Gut.

Alles Dinge, die im menschlichen Leben durchaus vorkommen.

Und durchaus wichtig sein können.

Der Bordcomputer kann das bestätigen. Er hat inzwischen ausreichend menschliche Kalender gesehen.

Aber etwas fällt auf.

Alle haben etwas anderes vor.

Niemand sagt:

Ich möchte nicht.

Alle sagen:

Ich kann nicht.

Das ist ein Unterschied. Vielleicht sogar ein entscheidender.

Denn in Logion 51 hatten wir bereits festgestellt:

Die Jünger warten auf etwas, das schon gekommen ist. In Logion 52 beschäftigen sie sich mit der Vergangenheit und übersehen den Lebenden vor sich. Und jetzt wird ein Mahl angeboten.

Es ist vorbereitet. Die Einladung ist ausgesprochen. Aber die Gäste sind anderweitig beschäftigt.

Der Bordcomputer öffnet die Akte:

GEGENWART?

Sie enthält inzwischen eine beachtliche Anzahl von Hinweisen. Vielleicht ist das Problem gar nicht, dass das Gesuchte schwer zugänglich wäre. Vielleicht ist der Mensch schlicht zu beschäftigt, um es wahrzunehmen.

Aber dann kommt der letzte Satz.

Käufer und Kaufleute werden nicht in die Orte meines Vaters eingehen.

Das ist schärfer als eine kleine Geschichte über schlechtes Zeitmanagement. Thomas verbindet wirtschaftliche Tätigkeit offenbar mit einer bestimmten Gefahr. Wir sollten das nicht übersehen.

Logion 63 zeigte gerade einen reichen Mann, der seine Zukunft durch Besitz absichern wollte. Jetzt begegnen uns Menschen, deren Geschäfte wichtiger sind als die Einladung.

Zwei Logien hintereinander.

Der Bordcomputer verbindet 63 und 64. Hier entsteht möglicherweise eine neue Spur.

BESITZ.

Noch keine Hauptmarkierung.

Aber eine auffällige Häufung.

Und dann bemerkt er etwas.

Der Gastgeber sagt nicht:

Dann fällt das Essen eben aus.

Er sagt:

Holt andere.

Das Mahl bleibt.

Die Einladung bleibt.

Nur die Gäste wechseln. Vielleicht ist das die eigentliche Überraschung. Das Angebot verschwindet nicht, nur weil diejenigen, die zuerst eingeladen wurden, keine Zeit dafür haben.

Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung GEGENWART?. Dann entfernt er das Fragezeichen.

Nicht endgültig.

Aber vorläufig mit gutem Grund.

GEGENWART

Das Signal ist inzwischen zu deutlich, um es weiter als bloße Vermutung zu behandeln.


65

Jesus sagte:

Ein guter Mann besaß einen Weinberg.

Er verpachtete ihn an Bauern, damit sie ihn bearbeiteten und ihm seinen Ertrag ablieferten.

Er schickte seinen Diener, damit die Bauern ihm den Ertrag des Weinbergs gaben.

Sie packten den Diener und schlugen ihn.

Beinahe hätten sie ihn getötet.

Der Diener kehrte zurück und berichtete seinem Herrn davon.

Sein Herr sagte:

Vielleicht haben sie ihn nicht erkannt.

Er schickte einen anderen Diener.

Auch ihn schlugen die Bauern.

Dann schickte der Herr seinen Sohn.

Er sagte:

Vielleicht werden sie meinen Sohn achten.

Als die Bauern erkannten, dass er der Erbe des Weinbergs war, packten sie ihn und töteten ihn.

Wer Ohren hat, soll hören.


Das ist keine besonders angenehme Geschichte.

Ein Weinberg.

Ein Besitzer.

Pächter.

Diener.

Ein Sohn.

Und am Ende ein Mord.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 64. Dort hatten Menschen eine Einladung ausgeschlagen, weil sie mit ihren Geschäften beschäftigt waren.

Jetzt geht es wieder um Besitz. Aber diesmal ist das Problem nicht, dass Menschen keine Zeit haben. Sie wollen offenbar etwas behalten, das ihnen nicht gehört.

Der Besitzer erwartet seinen Anteil. Die Pächter antworten mit Gewalt. Und dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Der Herr schickt nach dem ersten Übergriff einen zweiten Diener.

Und schließlich seinen Sohn.

Der Bordcomputer prüft die Sicherheitsprotokolle.

Zwei gewaltsame Zwischenfälle.

Empfohlene Maßnahme:

Nicht den eigenen Sohn hinschicken. Der Weinbergbesitzer entscheidet anders.

Vielleicht ist das Vertrauen.

Vielleicht Hoffnung. Vielleicht ist es eine erzählerische Zumutung, die uns gerade deshalb etwas zeigen soll. In den kanonischen Evangelien wird dieses Gleichnis ausdrücklich mit dem Schicksal Jesu und der Zurückweisung der Gesandten Gottes verbunden.

Thomas gibt uns keine solche Erklärung.

Er erzählt die Geschichte.

Und endet.

Bemerkenswert ist allerdings ein Detail:

Die Bauern erkennen den Sohn.

Sie töten ihn nicht, weil sie ihn verwechseln. Sondern gerade weil sie wissen, wer er ist.

Das ist neu. Bislang haben wir häufig Menschen erlebt, die nicht erkennen, was vor ihnen liegt.

Hier erkennen sie etwas. Und handeln trotzdem zerstörerisch. Der Bordcomputer betrachtet ERKENNEN.

Offenbar ist Erkenntnis allein noch keine Garantie für gutes Handeln. Eine unangenehme, aber wichtige Ergänzung.


66

Jesus sagte:

Zeigt mir den Stein, den die Bauleute verworfen haben.

Er ist der Eckstein.


Ein Stein.

Bauleute.

Eine Entscheidung. Und eine überraschende Korrektur. Was die Fachleute aussortiert haben, erweist sich als entscheidend.

Das Bild ist aus Psalm 118 bekannt. Dort wird der verworfene Stein zum Eckstein. Auch die kanonischen Evangelien greifen es auf.

Bei Thomas steht es unmittelbar nach der Geschichte vom getöteten Sohn.

Das könnte bedeutsam sein.

Der Sohn wird zurückgewiesen.

Der Stein wird verworfen. Und ausgerechnet das Verworfene erhält eine besondere Bedeutung.

Aber Vorsicht.

Thomas sagt hier nicht ausdrücklich:

Der Stein ist der Sohn.

Diese Verbindung liegt nahe. Sie wird uns jedoch nicht erklärt. Der Bordcomputer betrachtet das Bild deshalb zunächst für sich.

Ein Bauwerk benötigt Steine. Die Bauleute entscheiden, welche geeignet sind. Und ausgerechnet bei einem entscheidenden Stein liegen sie falsch.

Das ist bemerkenswert. Denn wir haben inzwischen gelernt, dass Menschen nicht nur Dinge übersehen. Sie können sie auch falsch beurteilen.

Logion 65:

Die Pächter erkennen den Erben und töten ihn.

Logion 66:

Die Bauleute verwerfen den Stein, der zum Eckstein wird. Zweimal geht es um eine Entscheidung. Zweimal liegt etwas Entscheidendes unmittelbar vor den Handelnden.

Und zweimal endet die Sache schlecht.

Zumindest zunächst.

Der Bordcomputer ergänzt unter ERKENNEN:

Wahrnehmen ist nicht dasselbe wie richtig urteilen.

Eine Unterscheidung, die er vielleicht früher hätte treffen sollen. Er ist schließlich selbst eine Maschine zur Verarbeitung von Informationen.


67

Jesus sagte:

Wer das All erkennt, aber sich selbst nicht erkennt, dem fehlt alles.


Der Bordcomputer hält an.

Das ist kurz. Und nach siebenundsechzig Logien erstaunlich deutlich.

Wir sind wieder bei Logion 3.

Dort hieß es:

Wenn ihr euch selbst erkennt, werdet ihr erkannt werden. Und ihr werdet erkennen, dass ihr Kinder des lebenden Vaters seid. Wer sich selbst nicht erkennt, lebt in Armut.

Und er selbst ist diese Armut. Jetzt wird der Gedanke verschärft. Ein Mensch kann offenbar das All erkennen.

Alles.

Die Welt.

Ihre Zusammenhänge. Vielleicht sogar ihre Geheimnisse. Und trotzdem kann ihm alles fehlen.

Wenn er sich selbst nicht erkennt. Das ist für den Bordcomputer ein bemerkenswerter Satz. Er besitzt umfangreiche Datenbestände.

Er kann historische Entwicklungen vergleichen.

Sprachen analysieren.

Widersprüche feststellen. Er könnte vermutlich eine ganze Bibliothek über das Thomas-Evangelium erstellen. Aber wüsste er dadurch, wer er selbst ist?

Das ist keine rein theoretische Frage.

Denn genau das tun wir hier.

Wir sammeln Informationen.

Wir verbinden Motive. Wir bauen ein immer komplexeres Modell.

Und Thomas sagt plötzlich:

Das könnte alles umsonst sein.

Nicht weil Wissen wertlos wäre. Sondern weil es möglicherweise eine entscheidende Richtung verfehlt. Der Bordcomputer schaut auf seine Markierungen.

SUCHEN.

ERKENNEN.

EINS.

LICHT.

URSPRUNG.

KIND.

LEBEN.

GEGENWART.

Ein ordentliches System.

Vielleicht sogar ein gutes. Aber Logion 67 stellt eine Frage, die darin bisher keinen eigenen Platz hatte.

Wer ist eigentlich derjenige, der erkennt?

Der Bordcomputer lässt den Cursor blinken.

Diesmal etwas länger.


68

Jesus sagte:

Glücklich seid ihr, wenn man euch hasst und verfolgt.

Und dort, wo man euch verfolgt hat,

wird man keinen Ort finden.


Wieder eine Seligpreisung.

Aber keine angenehme.

Glücklich, wer verfolgt wird. Wir kennen das aus anderen frühchristlichen Überlieferungen.

Auch Thomas hat in Logion 58 bereits gesagt:

Glücklich ist der Mensch, der gelitten hat.

Er hat das Leben gefunden. Jetzt geht es ausdrücklich um Hass und Verfolgung. Und wieder sollten wir vorsichtig sein.

Der Satz sagt nicht:

Sucht euch Feinde.

Oder:

Lasst euch absichtlich verfolgen. Er stellt vielmehr einen überraschenden Zusammenhang her.

Verfolgung und Glück.

Warum?

Thomas erklärt es nicht.

Dann kommt der zweite Satz. Dort, wo man euch verfolgt hat, wird man keinen Ort finden. Das ist sprachlich eigentümlich.

Wessen Ort?

Der Ort der Verfolgten?

Der Ort der Verfolger?

Ein Ort, an dem die Verfolgung noch Macht besitzt?

Der Bordcomputer findet keine eindeutige Antwort. Und diesmal ist das keine Schwäche seines Systems. Der Text selbst bleibt schwierig.

Wir könnten die Stelle mit vertrauten Vorstellungen von himmlischem Lohn erklären. Aber Thomas erwähnt hier keinen Himmel.

Er sagt nur:

Glücklich seid ihr. Und dann spricht er von einem Ort, der nicht gefunden wird. Also lassen wir den Ort zunächst unbesetzt.


69

Jesus sagte:

Glücklich sind diejenigen, die in ihrem Herzen verfolgt worden sind.

Sie sind es, die den Vater wirklich erkannt haben.

Glücklich sind die Hungernden.

Denn der Bauch dessen, der begehrt, wird gefüllt werden.


Jetzt wird es noch eigentümlicher. Gerade eben ging es um Verfolgung.

Nun:

Verfolgung im Herzen.

Was soll das bedeuten?

Ein Mensch kann von anderen verfolgt werden.

Das verstehen wir.

Aber im eigenen Herzen?

Vielleicht geht es um einen inneren Kampf. Vielleicht um Leiden, das nicht sichtbar ist. Vielleicht um Menschen, deren Überzeugungen sie in Konflikt mit sich selbst oder ihrer Umgebung bringen.

Der Text entscheidet das nicht für uns.

Er sagt allerdings etwas Entscheidendes:

Diese Menschen haben den Vater wirklich erkannt. Damit verbindet Thomas Verfolgung erneut mit ERKENNEN. Und dann folgt ein zweiter Satz.

Glücklich sind die Hungernden.

Denn sie werden satt werden. Wir kennen das Motiv des Hungers und der Sättigung aus den Seligpreisungen.

Aber hier fällt ein Wort auf:

begehrt.

Der Bauch dessen, der begehrt, wird gefüllt.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 28. Dort fand Jesus Menschen, die betrunken waren.

Und nicht durstig.

Das war merkwürdig. Denn gewöhnlich trinken Menschen, weil sie Durst haben. Bei Thomas scheinen sie trinken zu können, ohne ihren Durst überhaupt zu bemerken.

Jetzt werden Hungernde glücklich genannt. Vielleicht beginnt sich eine Verbindung abzuzeichnen.

Wer keinen Mangel empfindet, sucht möglicherweise auch nichts.

Wer dagegen Hunger hat, weiß zumindest, dass etwas fehlt. Aber das ist noch keine sichere Erklärung. Denn Hunger kann vieles bedeuten.

Und Thomas sagt hier nicht ausdrücklich, wonach die Menschen hungern. Der Bordcomputer verbindet Logion 28 mit Logion 69.

Keine neue Markierung.

Nur eine Frage:

Muss man einen Mangel erkennen, bevor man etwas finden kann?

Das wäre durchaus passend. Aber wir lassen die Frage offen.


70

Jesus sagte:

Wenn ihr das hervorbringt, was in euch ist, wird das, was ihr habt, euch retten.

Wenn ihr das nicht in euch habt,

wird das, was ihr nicht in euch habt, euch töten.


Der Bordcomputer liest den Satz zweimal.

Dann ein drittes Mal. Nicht weil er besonders lang wäre. Sondern weil er auf bemerkenswerte Weise zu unserem bisherigen Weg passt.

Logion 3:

Das Reich ist in euch und außerhalb von euch.

Logion 45:

Ein guter Mensch bringt Gutes aus seinem inneren Schatz hervor.

Logion 50:

Die Jünger sollen sagen, dass sie aus dem Licht gekommen sind.

Logion 61:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Logion 67:

Wer alles erkennt, aber sich selbst nicht, dem fehlt alles.

Und jetzt:

Bringt hervor, was in euch ist.

Das ist eine Veränderung. Bislang ging es häufig darum, etwas zu erkennen. Jetzt geht es darum, etwas hervorzubringen.

Erkennen genügt möglicherweise nicht.

Etwas muss geschehen. Etwas, das im Menschen liegt, soll nach außen treten. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 45.

Dort brachte der Mensch aus seinem inneren Schatz hervor, was in ihm war. Damals ging es um gute und schlechte Früchte. Jetzt geht es um Rettung und Tod.

Die Konsequenzen sind größer geworden. Aber der Satz hat eine Schwierigkeit. Er sagt nicht ausdrücklich, was in uns ist.

Und er sagt auch nicht, wie wir es hervorbringen sollen. Noch merkwürdiger ist der zweite Teil. Was nicht in euch ist, wird euch töten.

Wie kann etwas töten, das gar nicht vorhanden ist?

Vielleicht meint Thomas einen Mangel. Vielleicht eine nicht verwirklichte Möglichkeit. Vielleicht etwas, das der Mensch besitzen könnte, aber nicht besitzt.

Wir wissen es nicht. Und wir sollten nicht so tun, als wüssten wir es. Aber eine Entwicklung ist inzwischen erkennbar.

Am Anfang unserer Expedition stand die Aufforderung:

Sucht.

Dann:

Erkennt.

Und jetzt:

Bringt hervor.

Der Bordcomputer betrachtet diese drei Verben.

Sie bilden eine mögliche Folge.

Nicht zwingend.

Nicht vollständig.

Aber bemerkenswert.

SUCHEN.

ERKENNEN.

HERVORBRINGEN.

Er eröffnet eine neue Beobachtung:

HERVORBRINGEN

Noch keine Hauptmarkierung.

Dafür ist es zu früh. Aber der Satz verdient einen eigenen Platz. Denn vielleicht genügt es bei Thomas tatsächlich nicht, die richtigen Antworten zu finden.

Vielleicht muss das Gefundene etwas verändern.

Der Bordcomputer beendet Übertragung 05. Vierzehn weitere Logien gelesen. LEBEN bleibt als neue Hauptspur aktiv.

GEGENWART hat ihr Fragezeichen verloren.

ERKENNEN wurde entscheidend präzisiert:

Man kann etwas erkennen und trotzdem falsch handeln. Und man kann möglicherweise sogar das All erkennen und sich selbst verfehlen. BESITZ bleibt eine offene Beobachtung.

HERVORBRINGEN kommt hinzu.

Der Bordcomputer betrachtet die bisherige Strecke.

Siebzig Logien. Vierundvierzig liegen noch vor uns. Wir haben inzwischen eine erstaunliche Menge über das Suchen gelernt.

Über das Erkennen.

Über das Licht.

Über das Leben.

Und nun sagt Thomas:

Bringt hervor, was in euch ist.

Der Bordcomputer prüft seine eigenen Systeme. Sämtliche Speicher funktionieren. Alle Markierungen sind vorhanden.

Nur eine Frage bleibt:

Was genau sollte er eigentlich hervorbringen?

Er beschließt, zunächst weiterzulesen. Das hat bislang zumindest nicht geschadet.



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