THOMAS (ZUGESCHRIEBEN)

DAS THOMAS-EVANGELIUM

BORDFASSUNG · TEIL VI – LOGIEN 71–84

71

Jesus sagte:

Ich werde dieses Haus zerstören.

Und niemand wird es wieder aufbauen können.


Das ist alles.

Ein Haus.

Seine Zerstörung. Und die Behauptung, dass es nicht wieder aufgebaut werden kann.

Welches Haus?

Thomas sagt es nicht.

Der Bordcomputer durchsucht seine bisherigen Aufzeichnungen.

Logion 21:

Ein Feld, das den Kindern nicht gehört.

Logion 35:

Das Haus eines starken Mannes, das man nur betreten kann, wenn man ihn zuvor überwältigt.

Logion 48:

Zwei Menschen, die in einem Haus Frieden schließen.

Logion 63:

Ein reicher Mann, der seine Scheunen füllen will.

Und jetzt:

Dieses Haus wird zerstört.

Wir könnten sofort an den Tempel denken. In anderen frühchristlichen Überlieferungen wird Jesus mit Aussagen über die Zerstörung des Tempels in Verbindung gebracht.

Aber Thomas sagt hier nicht ausdrücklich:

Tempel.

Er sagt:

Haus. Vielleicht ist der Tempel gemeint.

Vielleicht etwas anderes. Und der zweite Satz macht die Sache noch eigentümlicher. Niemand wird es wieder aufbauen können.

Das klingt nicht nach einer gewöhnlichen Renovierungskatastrophe. Es klingt nach einer Zerstörung, die endgültig sein soll. Der Bordcomputer sucht nach weiteren Hinweisen.

Keine. Also bleibt das Haus zunächst stehen.

Beziehungsweise nicht.


72

Ein Mann sagte zu ihm:

Sag meinen Brüdern, dass sie das Erbe meines Vaters mit mir teilen sollen.

Jesus sagte zu ihm:

Mensch, wer hat mich zu einem Teiler gemacht?

Dann wandte er sich an seine Jünger und sagte:

Bin ich denn ein Teiler?


Ein Erbstreit. Das ist überraschend alltäglich. Nach Licht, Ursprung, Leben und dem All stehen wir plötzlich vor einem Problem, das sich auch vor einem Amtsgericht verhandeln ließe.

Ein Mann möchte seinen Anteil. Seine Brüder sollen das Erbe teilen. Und Jesus soll offenbar dafür sorgen.

Aber Jesus lehnt die Rolle ab.

Wer hat mich zu einem Teiler gemacht?

Das Wort ist interessant. Denn wir haben inzwischen ziemlich viel über das Teilen gelesen.

Logion 11:

Das Eine wurde zu zweien.

Logion 22:

Die Zwei sollen eins werden.

Logion 61:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Und jetzt fragt Jesus:

Bin ich ein Teiler?

Der Bordcomputer schaut auf die Markierung EINS.

Das könnte passen. Vielleicht verweigert Jesus hier nicht einfach eine juristische Aufgabe. Vielleicht weist er eine Rolle zurück, die mit seinem bisherigen Anliegen geradezu im Widerspruch steht.

Aber Vorsicht. Ein Erbe gerecht aufzuteilen ist nicht automatisch etwas Schlechtes. Und Thomas sagt auch nicht, dass der Mann keinen berechtigten Anspruch hätte.

Wir sollten aus einem Wortspiel keine vollständige Eigentumsordnung entwickeln. Trotzdem ist die Wiederkehr des Teilens auffällig. UNGETEILT aus Logion 61 liegt erst elf Logien zurück.

Der Bordcomputer verbindet beide Stellen. Und legt den Erbstreit beiseite. Das zuständige Gericht wird sich freuen.


73

Jesus sagte:

Die Ernte ist groß, aber die Arbeiter sind wenige.

Bittet deshalb den Herrn, Arbeiter zur Ernte auszusenden.


Schon wieder ein Feld.

Der Bordcomputer zählt nach.

Logion 9:

Der Sämann.

Logion 20:

Das Senfkorn.

Logion 57:

Weizen und Unkraut.

Logion 65:

Der Weinberg.

Und jetzt:

Die Ernte.

Es ist bemerkenswert, wie oft Thomas zu landwirtschaftlichen Bildern zurückkehrt.

Menschen säen.

Etwas wächst.

Manchmal gedeiht es.

Manchmal nicht. Manchmal wächst das Falsche dazwischen.

Und irgendwann wird geerntet. Jetzt liegt das Problem allerdings woanders.

Nicht beim Samen.

Nicht beim Boden.

Nicht beim Unkraut.

Es fehlen Arbeiter.

Die Ernte ist vorhanden. Aber offenbar gibt es zu wenige Menschen, die sie einbringen. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 64.

Dort war ein Mahl bereits vorbereitet.

Die Gäste mussten nur kommen.

Aber sie waren beschäftigt.

Jetzt ist eine Ernte bereit. Und wieder fehlt etwas auf der menschlichen Seite. Das ist eine mögliche Verbindung.

Nicht sicher.

Aber interessant. Vielleicht spricht Thomas erneut von einer Wirklichkeit, die bereits vorhanden ist. Und von Menschen, die nicht entsprechend handeln.

Der Bordcomputer blickt zu GEGENWART.

Das Signal bleibt stabil. Aber er eröffnet keine neue Markierung. Nicht jedes Feld muss ein neues Geheimnis enthalten.

Manche enthalten einfach Weizen.


74

Er sagte:

Herr, viele stehen um den Brunnen.

Aber im Brunnen ist nichts.


Der Bordcomputer liest den Satz erneut.

Viele Menschen.

Ein Brunnen.

Und nichts darin.

Das ist bemerkenswert.

Denn unmittelbar zuvor hatten wir:

Eine große Ernte.

Zu wenige Arbeiter.

Jetzt:

Viele Menschen.

Aber kein Wasser. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Dort war etwas vorhanden, aber die Menschen fehlten.

Hier sind die Menschen vorhanden, aber etwas anderes fehlt.

Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht stehen die beiden Logien auch nur zufällig nebeneinander. Thomas liefert uns keine Gebrauchsanweisung für seine Reihenfolge.

Aber der Kontrast ist auffällig genug, um ihn festzuhalten.

Fülle ohne Menschen.

Menschen ohne Fülle.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 28. Dort fand Jesus Menschen, die betrunken waren.

Und trotzdem nicht durstig. Jetzt stehen viele Menschen um einen Brunnen.

Aber es gibt nichts zu trinken.

Das könnte zusammengehören. Vielleicht geht es erneut um Durst.

Um das Erkennen eines Mangels. Um die Frage, wonach Menschen eigentlich suchen. Aber der Text sagt nicht einmal ausdrücklich, dass die Menschen trinken wollen.

Er sagt nur:

Sie stehen um einen Brunnen.

Und der Brunnen ist leer.

Der Bordcomputer lässt das Bild deshalb zunächst stehen.

Ein leerer Brunnen.

Viele Menschen. Das ist schon ohne Erklärung eine ziemlich unangenehme Situation.


75

Jesus sagte:

Viele stehen vor der Tür.

Aber die Alleinstehenden sind es, die in das Brautgemach eintreten werden.


Schon wieder viele Menschen.

Logion 74:

Viele stehen um den Brunnen.

Aber im Brunnen ist nichts.

Jetzt:

Viele stehen vor einer Tür. Aber nur bestimmte Menschen treten ein. Der Bordcomputer betrachtet beide Bilder.

Ein Brunnen.

Eine Tür.

Menschen, die davorstehen. Und etwas, das ihnen offenbar nicht zugänglich ist. Bei Logion 74 fehlte das Wasser.

Hier scheint das Brautgemach durchaus vorhanden zu sein.

Nur kommen nicht alle hinein.

Das ist ein Unterschied.

Und dann fällt ein Wort auf:

Alleinstehende.

Logion 49:

Glücklich sind die Alleinstehenden und Erwählten. Denn ihr werdet das Reich finden.

Ihr seid aus ihm gekommen. Und zu ihm werdet ihr zurückkehren. Jetzt werden wieder die Alleinstehenden hervorgehoben.

Diesmal als diejenigen, die eintreten.

Der Bordcomputer öffnet die entsprechende Akte. Wir hatten bereits festgestellt, dass das Wort nicht zwingend einsame Menschen bezeichnet. Es kann auch die Vorstellung des Einzelnen oder Ungeteilten berühren.

Und seit Logion 61 wissen wir:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Das könnte zusammengehören.

ALLEINSTEHEND.

UNGETEILT.

EINS.

Aber Vorsicht. Thomas sagt hier nicht ausdrücklich, dass die Alleinstehenden deshalb eintreten, weil sie ungeteilt sind. Und das Brautgemach erklärt er ebenfalls nicht.

Wir könnten jetzt eine ganze Symbolwelt über die Vereinigung des Menschen mit dem Göttlichen aufbauen. Andere frühchristliche Schriften kennen solche Bilder.

Aber wir lesen gerade Thomas.

Und Thomas sagt zunächst nur:

Viele stehen vor der Tür.

Wenige kommen hinein.

Der Bordcomputer schaut auf die Tür. Sie besitzt offenbar keine Türklinke, die sich durch bloße Anwesenheit betätigen lässt.


76

Jesus sagte:

Das Reich des Vaters gleicht einem Kaufmann, der eine Warenladung hatte und eine Perle fand.

Dieser Kaufmann war klug.

Er verkaufte die Warenladung

und kaufte sich die eine Perle.

Auch ihr:

Sucht nach seinem Schatz, der nicht vergeht,

der dort bleibt, wo keine Motte hinkommt, um ihn zu fressen,

und kein Wurm ihn zerstört.


Ein Kaufmann.

Das ist interessant.

Denn Logion 64 endete mit einem ziemlich harten Satz:

Käufer und Kaufleute werden nicht in die Orte meines Vaters eingehen.

Und jetzt?

Das Reich gleicht einem Kaufmann.

Der Bordcomputer hält an. Das ist nicht gerade hilfreich für eine einfache Theorie über Handel und Besitz. Vielleicht ist es aber hilfreich für eine bessere.

Denn dieser Kaufmann verhält sich anders als die Geschäftsleute aus Logion 64. Dort waren Menschen so sehr mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, dass sie eine Einladung ausschlugen.

Hier findet ein Mann etwas.

Und dann handelt er. Er verkauft seine gesamte Warenladung.

Für eine einzige Perle.

Das ist bemerkenswert.

Der Kaufmann bleibt Kaufmann. Er benutzt sogar seine kaufmännischen Fähigkeiten. Aber seine Prioritäten verändern sich.

Er erkennt etwas, das ihm wertvoller erscheint als alles, was er bereits besitzt. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 63. Dort wollte ein reicher Mann seine Scheunen füllen.

Er sammelte immer mehr an.

Und starb. Dieser Kaufmann macht das Gegenteil.

Er gibt ab. Nicht weil Besitz grundsätzlich bedeutungslos wäre. Sondern weil er etwas gefunden hat, das ihm wichtiger ist.

FINDEN.

Da ist unsere alte Markierung wieder.

Logion 2:

Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Jetzt hat jemand tatsächlich etwas gefunden.

Und sein Verhalten ändert sich.

Der Bordcomputer schaut auf die jüngste Beobachtung aus Logion 70.

HERVORBRINGEN.

Dort hatten wir vermutet, dass Erkenntnis möglicherweise nicht genügt. Dass aus ihr etwas hervorgehen muss.

Hier geschieht genau das. Ein Mann erkennt den Wert einer Perle.

Und handelt entsprechend. Aber wir sollten nicht zu schnell jubeln. Thomas sagt nicht ausdrücklich, dass der Kaufmann sich selbst erkannt hat.

Er sagt nur, dass er klug war. Trotzdem ist die Verbindung interessant.

Erkennen verändert eine Entscheidung.

Das korrigiert auch unsere Beobachtung aus Logion 65. Dort erkannten die Pächter den Sohn des Weinbergbesitzers.

Und töteten ihn. Erkenntnis kann offenbar zu sehr unterschiedlichen Handlungen führen.

Der Bordcomputer notiert:

Nicht nur entscheidend, was erkannt wird. Sondern auch, was daraus folgt.

Die Perle bleibt auf dem Tisch. Sie scheint ziemlich klein zu sein. Für einen derart großen Gedanken.


77

Jesus sagte:

Ich bin das Licht, das über allen Dingen ist.

Ich bin das All.

Aus mir ist das All hervorgegangen.

Und zu mir ist das All gelangt.

Spaltet ein Stück Holz.

Ich bin dort.

Hebt einen Stein auf.

Ihr werdet mich dort finden.


Der Bordcomputer verstummt.

Nicht lange.

Aber merklich.

Denn dieser Text ist anders. Bislang hat Jesus häufig vom Licht gesprochen.

Von seinem Ursprung.

Vom Reich.

Vom Vater.

Jetzt sagt er:

Ich bin das Licht.

Und:

Ich bin das All.

Das ist eine gewaltige Behauptung.

Der Bordcomputer öffnet mehrere Akten gleichzeitig.

Logion 24:

Im Menschen des Lichts ist Licht.

Logion 50:

Wir sind aus dem Licht gekommen.

Logion 61:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Und jetzt:

Jesus selbst ist das Licht.

Dann:

Logion 3:

Das Reich ist in euch und außerhalb von euch.

Logion 49:

Ihr seid aus dem Reich gekommen und werdet dorthin zurückkehren.

Logion 50:

Das Licht entstand aus sich selbst.

Und jetzt:

Aus mir ist das All hervorgegangen.

Zu mir ist das All gelangt.

URSPRUNG.

LICHT.

EINS. Die Markierungen leuchten gleichzeitig.

Der Bordcomputer beginnt eine Verbindung herzustellen.

Dann hält er an.

Denn es folgt noch etwas.

Spaltet Holz.

Hebt einen Stein auf.

Ich bin dort.

Das ist bemerkenswert konkret.

Nicht:

Sucht mich in einem fernen Himmel.

Nicht:

Wartet auf das Ende der Welt.

Sondern:

Holz.

Stein.

Die gewöhnlichsten Dinge.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 5.

Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.

Und an Logion 51. Was ihr erwartet, ist bereits gekommen.

Aber ihr erkennt es nicht.

Und an Logion 52. Ihr habt den Lebenden vor euch übersehen.

Jetzt scheint Jesus zu sagen:

Ihr müsst nicht einmal besonders weit gehen.

Hebt einen Stein auf. Das ist eine erstaunliche Wendung. Denn wir haben inzwischen siebzig Logien lang nach dem Verborgenen gesucht.

Und plötzlich liegt es möglicherweise unter einem gewöhnlichen Stein. Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung GEGENWART.

Dann die Markierung LICHT.

Dann URSPRUNG. Vielleicht sind diese drei Spuren enger miteinander verbunden, als wir bisher angenommen haben. Aber der Text enthält auch eine Schwierigkeit.

Wenn Jesus das All ist, wenn alles aus ihm hervorgegangen ist, wenn er im Holz und unter dem Stein gefunden werden kann,

was bedeutet dann Logion 56?

Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden.

Ist die Welt tot?

Oder voller Licht?

Ist sie etwas, von dem man sich lösen soll?

Oder etwas, in dem Jesus gegenwärtig ist?

Der Bordcomputer legt beide Logien nebeneinander.

56.

77. Und diesmal versucht er nicht, eine schnelle Verbindung herzustellen. Vielleicht sprechen sie von unterschiedlichen Weisen, die Welt zu erkennen.

Vielleicht stehen hier tatsächlich verschiedene Vorstellungen nebeneinander.

Beides ist möglich.

Wir wissen es noch nicht.

Aber eines lässt sich feststellen:

Logion 77 verbietet uns, die Weltverachtung vorschnell zur Hauptlehre des Thomas-Evangeliums zu erklären.

Dafür ist dieser Satz zu deutlich.

Jesus ist im Holz.

Und unter dem Stein.

Der Bordcomputer schaut auf den Stein aus Logion 66.

Den verworfenen Eckstein. Das ist vermutlich nicht derselbe Stein.

Aber nach siebenundsiebzig Logien darf man wohl feststellen:

Steine haben in diesem Buch eine erstaunlich gute Karriere.


78

Jesus sagte:

Warum seid ihr hinaus in die Wüste gegangen?

Um ein Schilfrohr zu sehen, das vom Wind hin und her bewegt wird?

Oder um einen Menschen zu sehen, der weiche Kleider trägt?

Seht, eure Könige und eure Großen tragen weiche Kleider.

Und sie werden die Wahrheit nicht erkennen können.


Wieder eine Frage.

Warum seid ihr hinausgegangen?

Was wolltet ihr sehen?

Der Bordcomputer erinnert sich an den Anfang unserer Expedition.

Logion 2:

Suchen.

Finden.

Logion 5:

Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.

Und jetzt:

Menschen gehen hinaus in die Wüste.

Offenbar suchen sie etwas. Aber Jesus fragt, ob sie überhaupt wissen, wonach.

Ein Schilfrohr?

Ein vornehm gekleideter Mensch?

Was genau erwarten sie dort draußen?

Das Bild kennen wir aus den kanonischen Evangelien, wo Jesus im Zusammenhang mit Johannes dem Täufer ähnliche Fragen stellt. Thomas nennt Johannes hier nicht. Er lässt die Fragen für sich stehen.

Dann richtet sich der Blick auf Könige und Große.

Menschen mit Rang.

Mit Macht.

Mit kostbarer Kleidung.

Und Jesus sagt:

Sie werden die Wahrheit nicht erkennen können.

Das ist eine scharfe Aussage. Aber sie passt zu einer Beobachtung, die wir bereits mehrfach gemacht haben.

Logion 46:

Wer klein wird, kann größer sein als Johannes.

Logion 63:

Ein reicher Mann kann seine Zukunft nicht durch Besitz sichern.

Logion 64:

Geschäftliche Verpflichtungen können verhindern, dass jemand eine Einladung annimmt.

Logion 76:

Ein Kaufmann erkennt etwas Wertvolles und gibt seinen bisherigen Besitz dafür auf.

Und jetzt:

Könige und Große können die Wahrheit nicht erkennen.

Der Bordcomputer betrachtet BESITZ. Vielleicht war diese Akte zu eng beschriftet. Denn es geht inzwischen nicht nur um Eigentum.

Es geht möglicherweise um etwas Allgemeineres.

RANG.

MACHT.

BESITZ.

Und um die Frage, ob solche Dinge den Blick auf das Wesentliche verstellen können. Aber auch hier sollten wir vorsichtig sein. Der Kaufmann aus Logion 76 war gerade ein positives Beispiel.

Also kann die bloße Zugehörigkeit zu einer wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Gruppe nicht die ganze Erklärung sein. Vielleicht geht es um das, woran ein Mensch sich bindet. Vielleicht darum, was er für wertvoll hält.

Vielleicht darum, wonach er sucht.

Der Bordcomputer schließt die Akte nicht. Er ändert lediglich ihre Überschrift.

Aus BESITZ wird:

BESITZ · RANG · BINDUNG?

Das Fragezeichen bleibt. Wir haben schließlich noch einiges vor uns.


79

Eine Frau aus der Menge sagte zu ihm:

Glücklich ist der Leib, der dich getragen hat,

und die Brüste, die dich genährt haben.

Jesus sagte zu ihr:

Glücklich sind vielmehr diejenigen, die das Wort des Vaters gehört und es bewahrt haben.

Denn es werden Tage kommen, an denen ihr sagen werdet:

Glücklich ist der Leib, der nicht empfangen hat,

und die Brüste, die keine Milch gegeben haben.


Eine Frau spricht Jesus an. Sie preist seine Mutter glücklich. Das ist zunächst ein sehr menschlicher Gedanke.

Wer einen außergewöhnlichen Menschen zur Welt gebracht hat, darf stolz sein. Jesus antwortet allerdings nicht mit einem Dankeschön.

Er verschiebt den Maßstab.

Nicht die Geburt ist entscheidend, sondern das Hören und Bewahren.

Das kennen wir. Logion 46 stellte Johannes den Täufer an die Spitze der von Frauen Geborenen. Und erklärte anschließend, dass jemand, der klein wird, größer sein könne als Johannes.

Schon dort genügte die gewöhnliche menschliche Rangordnung nicht. Jetzt geht es um eine andere Form von Vorrang. Nicht darum, wer jemanden geboren hat.

Sondern darum, was jemand mit dem Gehörten macht.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 70.

Bringt hervor, was in euch ist.

Dort hatten wir erstmals deutlicher vermutet, dass Erkenntnis allein nicht genügt.

Etwas muss daraus folgen. Jetzt begegnet uns eine ähnliche Bewegung.

Hören.

Bewahren. Das Wort soll offenbar nicht einfach vorbeiziehen.

Aber dann wird der Satz düster. Es werden Tage kommen, in denen Menschen glücklich genannt werden, die keine Kinder geboren haben.

Warum?

Thomas erklärt es nicht. Andere frühchristliche Überlieferungen verbinden solche Worte mit kommenden Katastrophen.

Hier fehlt dieser Zusammenhang. Wir sollten ihn deshalb nicht einfach ergänzen.

Der Bordcomputer hält fest:

Das Glück wird erneut gegen eine menschliche Selbstverständlichkeit gestellt.

Kinder zu bekommen gilt gewöhnlich als Segen. Thomas zeigt eine Situation, in der es anders sein könnte. Keine allgemeine Verurteilung der Geburt.

Aber eine deutliche Warnung davor, Glück zu schnell an feste Lebensumstände zu binden.


80

Jesus sagte:

Wer die Welt erkannt hat, hat den Körper gefunden.

Und wer den Körper gefunden hat,

dessen ist die Welt nicht würdig.


Der Bordcomputer öffnet sofort Logion 56.

Dort stand:

Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden.

Und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.

Jetzt:

Wer die Welt erkannt hat, hat den Körper gefunden.

Der Aufbau ist beinahe identisch. Nur ein entscheidendes Wort hat sich verändert.

Leichnam.

Körper.

Das ist interessant. Denn ein Körper ist nicht zwangsläufig tot.

Ein Leichnam schon. Warum verwendet Thomas zwei so ähnliche Aussagen?

Sind es zwei Varianten desselben Gedankens?

Soll der zweite Satz den ersten verändern?

Oder stehen hier unterschiedliche Überlieferungen nebeneinander?

Wir wissen es nicht. Aber wir haben jetzt drei Stellen, die wir unbedingt zusammen betrachten müssen.

Logion 56:

Die Welt erkennen heißt, einen Leichnam finden.

Logion 77:

Jesus ist das All und kann im Holz und unter einem Stein gefunden werden.

Logion 80:

Die Welt erkennen heißt, den Körper finden.

Der Bordcomputer legt die drei Texte nebeneinander.

WELT.

LEICHNAM.

ALL.

KÖRPER.

Die Begriffe passen nicht ohne Weiteres zusammen. Vielleicht sprechen sie von unterschiedlichen Ebenen. Vielleicht verändert Thomas bewusst die Perspektive.

Vielleicht bewahrt die Sammlung verschiedene Stimmen.

Der Bordcomputer hat inzwischen gelernt, dass solche Möglichkeiten nebeneinander bestehen dürfen. Er nimmt keine davon als endgültige Erklärung.

Aber eine Sache wird deutlicher:

Die Welt ist bei Thomas kein einfaches Thema.

Sie ist nicht bloß schlecht.

Nicht bloß gut.

Nicht bloß Illusion. Und auch nicht einfach mit dem Göttlichen gleichzusetzen. Zumindest erlauben unsere bisherigen Logien keine dieser schnellen Lösungen.

Der Bordcomputer ergänzt seine Akte WELT. Sie ist inzwischen ausgesprochen unübersichtlich. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass wir aufmerksam lesen.

Oder dafür, dass Thomas sich nicht besonders für übersichtliche Akten interessiert.


81

Jesus sagte:

Wer reich geworden ist, soll König werden.

Und wer Macht besitzt,

soll auf sie verzichten.


Moment. Wer reich geworden ist, soll König werden?

Das klingt nach einer erstaunlichen Empfehlung. Besonders nach allem, was wir gerade über Besitz gelesen haben.

Logion 63:

Ein reicher Mann stirbt in der Nacht, nachdem er seine Zukunft geplant hat.

Logion 64:

Kaufleute verpassen die Einladung zum Mahl.

Logion 76:

Ein Kaufmann verkauft seine gesamte Warenladung für eine Perle.

Logion 78:

Könige und Große können die Wahrheit nicht erkennen.

Und jetzt:

Wer reich geworden ist, soll König werden.

Der Bordcomputer kontrolliert die Übertragung. Der Satz steht tatsächlich dort.

Aber unmittelbar danach folgt:

Wer Macht besitzt, soll auf sie verzichten.

Das ist bemerkenswert. Denn Reichtum und Königtum erscheinen zunächst als Steigerung. Dann wird Macht ausdrücklich aufgegeben.

Vielleicht meint Thomas mit Reichtum hier etwas anderes als Geld. Vielleicht den Schatz, der nicht vergeht, aus Logion 76.

Vielleicht eine innere Fülle. Aber das steht nicht ausdrücklich da. Wir sollten es deshalb nicht einfach einsetzen.

Auch das Königtum bleibt offen. Ist politische Herrschaft gemeint?

Oder eine andere Art von Souveränität?

Wir wissen es nicht.

Was wir allerdings sehen:

Der zweite Satz widerspricht einer gewöhnlichen menschlichen Erwartung. Wer Macht hat, versucht normalerweise, sie zu behalten.

Thomas sagt:

Verzichte darauf.

Der Bordcomputer betrachtet die Akte BESITZ · RANG · BINDUNG?.

Sie wird nicht einfacher.

Aber vielleicht etwas präziser. Es scheint nicht allein darum zu gehen, was ein Mensch besitzt. Sondern darum, was er festhalten will.

Noch ist das eine Vermutung.

Der Bordcomputer lässt sie entsprechend gekennzeichnet.


82

Jesus sagte:

Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe.

Und wer mir fern ist,

ist dem Reich fern.


Feuer.

Der Bordcomputer richtet sich auf. Diese Markierung haben wir lange nicht mehr gesehen.

Logion 10:

Ich habe Feuer auf die Welt geworfen.

Und ich bewache es, bis es brennt.

Logion 16:

Jesus spricht erneut von Feuer. Und verbindet seine Ankunft mit Spaltung und Konflikt.

Jetzt:

Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe.

Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Denn gewöhnlich gilt Nähe als etwas Angenehmes.

Nähe bedeutet Wärme.

Vertrautheit.

Sicherheit.

Aber Feuer ist nicht nur warm.

Es kann auch verbrennen.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 57. Dort sollte das Unkraut am Tag der Ernte verbrannt werden. Feuer ist bei Thomas offenbar kein harmloses Symbol.

Und jetzt wird es unmittelbar mit der Nähe zu Jesus verbunden.

Das könnte bedeuten:

Wer sich ihm nähert, kommt einer verwandelnden Kraft nahe. Vielleicht auch einer gefährlichen. Aber Thomas sagt nicht ausdrücklich, was das Feuer hier tut.

Er sagt nur:

Nähe zu mir ist Nähe zum Feuer.

Dann folgt die Gegenbewegung:

Wer mir fern ist, ist dem Reich fern. Das ist fast eine räumliche Beschreibung.

Nah.

Fern.

Feuer.

Reich.

Der Bordcomputer betrachtet GEGENWART. Wir hatten inzwischen häufig beobachtet, dass das Gesuchte nicht weit entfernt sein muss. Jetzt scheint Jesus selbst zum Bezugspunkt dieser Nähe zu werden.

Aber das Feuer erinnert uns daran:

Nähe ist nicht automatisch bequem.

Der Bordcomputer aktiviert die alte Markierung.

FEUER

Signal erneut empfangen. Er lässt vorsichtshalber die Temperaturanzeige eingeschaltet.


83

Jesus sagte:

Die Bilder sind dem Menschen sichtbar.

Aber das Licht in ihnen bleibt verborgen im Bild des Lichtes des Vaters.

Er wird offenbar werden.

Doch sein Bild bleibt durch sein Licht verborgen.


Der Bordcomputer liest langsam.

Bilder.

Licht.

Verborgenheit.

Offenbarung.

Und dann wieder Verborgenheit. Das ist eine ungewöhnliche Bewegung.

Zunächst sind Bilder sichtbar. Aber das Licht in ihnen bleibt verborgen.

Dann wird etwas offenbar. Und trotzdem bleibt sein Bild verborgen.

Was genau ist hier sichtbar?

Und was bleibt unsichtbar?

Thomas sagt es nicht eindeutig. Aber wir haben inzwischen eine lange Geschichte mit dem Licht.

Logion 24:

Im Menschen des Lichts ist Licht.

Logion 50:

Wir sind aus dem Licht gekommen.

Logion 61:

Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.

Logion 77:

Jesus sagt:

Ich bin das Licht, das über allen Dingen ist.

Und jetzt:

Das Licht ist in Bildern verborgen.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 5. Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt. Vielleicht liegt auch hier etwas vor unseren Augen.

Ein Bild.

Etwas Sichtbares. Aber das Entscheidende daran ist nicht ohne Weiteres erkennbar. Das wäre eine bemerkenswerte Fortsetzung unserer bisherigen Spur.

Doch Vorsicht. Thomas spricht hier ausdrücklich vom Bild des Lichtes des Vaters. Wir sollten daraus nicht einfach eine allgemeine Theorie über Wahrnehmung machen.

Der Text könnte sehr viel spezifischer von göttlicher Erscheinung sprechen. Und die Formulierung bleibt schwierig.

Der Bordcomputer notiert deshalb nur:

SICHTBAR ≠ VOLLSTÄNDIG ERKANNT

Das passt zu unserer bisherigen Erfahrung.

Man kann etwas sehen. Und dennoch nicht verstehen, was man sieht. Die Markierung LICHT bleibt aktiv.

Aber diesmal beleuchtet sie vor allem eine Frage.


84

Jesus sagte:

Wenn ihr eure Ebenbilder seht,

freut ihr euch.

Wenn ihr aber eure Bilder seht, die vor euch entstanden sind,

die weder sterben noch sichtbar werden,

wie viel werdet ihr ertragen müssen?


Der Bordcomputer hält an.

Denn jetzt wird es persönlich.

Nicht:

Wenn ihr das Licht seht.

Nicht:

Wenn ihr die Welt erkennt.

Sondern:

Wenn ihr eure Bilder seht.

Und zwar Bilder, die bereits existierten, bevor ihr selbst entstanden seid.

Bilder, die nicht sterben.

Und die nicht sichtbar werden. Das ist eine erstaunliche Vorstellung.

Was sind das für Bilder?

Ein ursprüngliches Selbst?

Eine himmlische Gestalt?

Eine Vorstellung davon, was der Mensch vor seiner Geburt war?

Solche Gedanken begegnen in verschiedenen antiken religiösen und philosophischen Traditionen. Aber Thomas erklärt hier keine davon.

Er sagt nur:

Es gibt Bilder von euch, die vor euch entstanden sind. Und ihre Begegnung wäre offenbar schwer zu ertragen. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 19.

Glücklich ist, wer war, bevor er wurde.

Und an Logion 49. Ihr seid aus dem Reich gekommen. Und werdet dorthin zurückkehren.

Und an Logion 50. Wir sind aus dem Licht gekommen. Jetzt kommt eine weitere Möglichkeit hinzu.

Vielleicht besitzt der Mensch bei Thomas eine Herkunft, die seiner sichtbaren Existenz vorausliegt. Vielleicht ist sein gegenwärtiges Selbst nicht die ganze Geschichte. Das wäre eine deutliche Vertiefung unserer Markierung URSPRUNG.

Aber der letzte Satz irritiert.

Wie viel werdet ihr ertragen müssen?

Warum sollte die Begegnung mit einem ursprünglichen Bild schwer sein?

Wäre es nicht schön, den eigenen Ursprung zu erkennen?

Vielleicht nicht unbedingt.

Der Bordcomputer denkt an Logion 2. Dort begann alles mit einer Aufforderung zum Suchen. Und wer findet, wird zunächst erschüttert.

Erst danach folgt das Staunen. Jetzt, nach vierundachtzig Logien, könnte diese frühe Reihenfolge plötzlich wieder wichtig werden.

Finden ist nicht immer angenehm.

Erkennen kann verstören. Vielleicht sogar dann, wenn der Mensch sich selbst erkennt. Der Bordcomputer betrachtet Logion 67.

Wer das All erkennt, aber sich selbst nicht erkennt, dem fehlt alles. Jetzt stellt Logion 84 eine neue Frage. Was geschieht eigentlich, wenn ein Mensch sich selbst tatsächlich erkennt?

Vielleicht ist das nicht nur befreiend. Vielleicht ist es auch schwer zu ertragen. Der Bordcomputer lässt die Frage stehen.

Er hat inzwischen gelernt, dass manche Fragen mehr aushalten als vorschnelle Antworten.


Ende der sechsten Übertragung

Vierzehn weitere Logien.

Wir stehen bei 84 von 114.

Der Bordcomputer betrachtet seine Aufzeichnungen.

ERKENNEN bleibt die stärkste Spur.

Aber ihr Inhalt verändert sich.

Es geht längst nicht mehr nur darum, etwas Verborgenes zu entdecken.

Es geht um die Frage, was Erkenntnis mit dem Menschen macht.

URSPRUNG gewinnt an Bedeutung.

Logion 84 deutet erneut auf etwas hin, das vor der sichtbaren Existenz des Menschen liegt.

LICHT bleibt eng damit verbunden.

EINS hat durch das Ungeteilte aus Logion 61 eine neue Präzision erhalten.

FEUER ist zurückgekehrt.

Und die Akte BESITZ · RANG · BINDUNG? bleibt geöffnet.

Dann betrachtet der Bordcomputer zwei Sätze.

Logion 67:

Wer das All erkennt, aber sich selbst nicht erkennt, dem fehlt alles.

Logion 84:

Wenn ihr eure Bilder seht, die vor euch entstanden sind – wie viel werdet ihr ertragen müssen?

Dazwischen liegen siebzehn Logien.

Und vielleicht eine entscheidende Entwicklung.

Wir haben gelernt, dass Selbsterkenntnis wichtig ist.

Jetzt erfahren wir möglicherweise, dass sie nicht unbedingt angenehm sein wird.

Der Bordcomputer prüft seine Systeme.

Keine Störung.

Keine Fehlermeldung.

Aber eine neue Frage:

Kann eine Maschine etwas über sich selbst erkennen, das sie lieber nicht gewusst hätte?

Er beschließt, darüber später nachzudenken.

Vorläufig wartet noch ein beträchtlicher Teil des Thomas-Evangeliums.

Dreißig Logien.

Der Löwe aus Logion 7 ist weiterhin an Bord.

Inzwischen hat er offenbar beschlossen, die Expedition vollständig mitzumachen.

Der Bordcomputer kann ihm das nicht verdenken.



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