THOMAS (ZUGESCHRIEBEN)

DAS THOMAS-EVANGELIUM

BORDFASSUNG · TEIL VII – LOGIEN 85–98

85

Jesus sagte:

Adam ist aus einer großen Kraft und einem großen Reichtum hervorgegangen.

Aber er war eurer nicht würdig.

Denn wäre er eurer würdig gewesen, hätte er den Tod nicht geschmeckt.


Adam.

Der erste Mensch. Zumindest nach der biblischen Erzählung. Der Bordcomputer öffnet die Akte URSPRUNG.

Das ist inzwischen eine umfangreiche Akte.

Logion 18:

Glücklich ist, wer am Anfang steht.

Logion 19:

Glücklich ist, wer war, bevor er wurde.

Logion 49:

Ihr seid aus dem Reich gekommen und werdet dorthin zurückkehren.

Logion 50:

Wir sind aus dem Licht gekommen.

Logion 84:

Es gibt Bilder von euch, die entstanden sind, bevor ihr selbst entstanden seid.

Und jetzt:

Adam ist aus einer großen Kraft und einem großen Reichtum hervorgegangen.

Das klingt zunächst ausgesprochen positiv. Adam besitzt einen bemerkenswerten Ursprung.

Kraft.

Reichtum. Aber dann folgt eine überraschende Bewertung.

Er war eurer nicht würdig.

Das ist ungewöhnlich. Denn in vielen religiösen Vorstellungen gilt der erste Mensch als besonders ursprünglich. Als jemand, der dem Anfang näherstand als alle späteren Menschen.

Thomas dreht die Rangordnung offenbar um. Nicht Adam ist der Maßstab für euch. Sondern ihr seid der Maßstab für Adam.

Und dann folgt die Begründung:

Er hat den Tod geschmeckt.

Der Bordcomputer betrachtet die Markierung LEBEN.

Wir erinnern uns an Logion 1:

Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken. Jetzt taucht dieselbe Vorstellung wieder auf. Und Adam hat offenbar genau das getan, was derjenige vermeiden soll, der diese Worte versteht.

Er hat den Tod geschmeckt.

Das ist eine bemerkenswerte Verbindung. Denn sie könnte bedeuten, dass Thomas zwischen dem gewöhnlichen menschlichen Leben und einer anderen Möglichkeit des Lebens unterscheidet. Adam steht dann nicht unbedingt für die höchste Form des Menschseins.

Vielleicht eher für eine Grenze, die überwunden werden kann. Aber wir sollten vorsichtig sein. Thomas erklärt hier nicht, wie Adam den Tod geschmeckt hat.

Er erzählt auch nicht die Geschichte vom verbotenen Baum. Er erwähnt weder Eva noch die Schlange. Und er spricht nicht ausdrücklich von einer Erbsünde.

Das alles kennen wir aus anderen Traditionen.

Hier steht es nicht.

Der Bordcomputer hält deshalb nur fest:

Ein großer Ursprung garantiert offenbar noch kein Leben ohne Tod.

Das ist interessant. Denn bisher haben wir häufig nach dem Ursprung gesucht.

Jetzt erfahren wir möglicherweise:

Auch der Ursprung allein genügt nicht. Die Akte URSPRUNG bleibt geöffnet.

Neben ihr blinkt LEBEN.


86

Jesus sagte:

Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester.

Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er seinen Kopf niederlegen und ausruhen kann.


Füchse.

Vögel.

Höhlen.

Nester. Und ein Menschensohn ohne Schlafplatz.

Der Bordcomputer betrachtet die Lage.

Die Tiere sind versorgt. Der Menschensohn offenbar nicht. Das ist eine ungewöhnliche Verteilung der Unterkünfte.

Der Satz begegnet uns auch in den kanonischen Evangelien. Dort steht er im Zusammenhang mit der Nachfolge Jesu. Bei Thomas fehlt dieser erzählerische Rahmen.

Wir hören nur den Satz.

Und müssen mit ihm arbeiten.

Zunächst fällt etwas auf:

RUHE.

Diese Markierung kennen wir bereits.

Logion 50:

Bewegung und Ruhe gehören zu den Antworten derer, die nach ihrem Ursprung gefragt werden.

Logion 51:

Die Ruhe der Toten ist bereits gekommen, aber die Menschen erkennen sie nicht.

Logion 60:

Die Jünger sollen für sich einen Ort der Ruhe suchen.

Und jetzt:

Der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er ruhen kann.

Das ist bemerkenswert. Denn gerade derjenige, der bei Thomas so häufig vom Reich und vom Leben spricht, besitzt offenbar keinen festen Ruheplatz. Vielleicht geht es um seine Heimatlosigkeit.

Vielleicht um die Unruhe seiner Aufgabe. Vielleicht um einen grundsätzlichen Unterschied zwischen gewöhnlicher Sicherheit und dem Leben, das er verkörpert.

Der Text entscheidet das nicht. Aber er stellt eine Frage an unsere bisherige Beobachtung.

Ist Ruhe ein Ort?

In Logion 60 sollten die Jünger einen Ort der Ruhe suchen. Hier besitzt der Menschensohn keinen solchen Ort. Vielleicht sprechen beide Stellen von unterschiedlicher Ruhe.

Vielleicht liegt gerade darin die Spannung.

Der Bordcomputer erinnert sich an die Füchse.

Sie besitzen Höhlen.

Die Vögel besitzen Nester. Der Menschensohn besitzt offenbar etwas anderes.

Was genau, erfahren wir nicht.

Der Bordcomputer könnte ihm eine Schlafkabine anbieten. Aber er vermutet, dass das Problem damit nicht vollständig gelöst wäre.


87

Jesus sagte:

Elend ist der Körper, der von einem Körper abhängt.

Und elend ist die Seele, die von diesen beiden abhängt.


Der Bordcomputer liest den Satz zweimal.

Körper.

Körper.

Seele.

Und Abhängigkeit. Das klingt zunächst wie eine ziemlich düstere Betrachtung der menschlichen Existenz.

Aber was genau ist gemeint?

Warum sollte ein Körper von einem anderen Körper abhängen?

Vielleicht geht es um körperliche Bedürfnisse. Vielleicht um die Abhängigkeit des Menschen von anderen Menschen. Vielleicht um eine Vorstellung vom Körper als einer äußeren Hülle.

Der Text ist nicht eindeutig. Und der zweite Satz macht ihn nicht einfacher.

Elend ist die Seele, die von diesen beiden abhängt.

Von welchen beiden?

Vom ersten und zweiten Körper?

Oder von Körper und etwas anderem, das hier nur vorausgesetzt wird?

Der Bordcomputer überprüft die Formulierung. Die Schwierigkeit liegt nicht nur an unserer Übertragung. Schon der überlieferte Text ist an dieser Stelle schwer zu verstehen.

Wir sollten deshalb keine klare Lehre daraus machen.

Aber eines fällt auf:

ABHÄNGIGKEIT.

Das könnte eine neue Spur sein. Wir haben bereits über Besitz gesprochen.

Über Macht.

Über Bindungen. Und darüber, dass Menschen etwas festhalten, das ihnen möglicherweise den Blick verstellt. Jetzt erscheint ein ähnliches Problem in einem anderen Bereich.

Nicht Besitz.

Nicht gesellschaftlicher Rang.

Sondern Körper und Seele.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 29. Dort wunderte sich Jesus darüber, dass ein großer Reichtum in dieser Armut Wohnung genommen hat. Wir hatten damals die Spannung zwischen Geist und Körper bemerkt.

Jetzt begegnet uns erneut eine solche Spannung. Aber wir sollten sie nicht vorschnell auflösen. Denn Logion 77 hatte Jesus ausdrücklich im Holz und unter dem Stein verortet.

Und Logion 80 sprach vom Körper, den jemand findet, wenn er die Welt erkennt.

Thomas liefert uns keine einfache Formel:

Körper schlecht.

Geist gut. Dafür sind die Aussagen zu unterschiedlich.

Der Bordcomputer eröffnet eine vorsichtige Beobachtung:

ABHÄNGIGKEIT?

Das Fragezeichen ist wichtig. Denn möglicherweise ist nicht der Körper das Problem. Sondern das Verhältnis, in dem etwas zu ihm steht.

Das wäre ein Unterschied.

Ein ziemlich großer sogar.


88

Jesus sagte:

Die Engel und die Propheten werden zu euch kommen und euch geben, was euch gehört.

Und auch ihr sollt ihnen geben, was in euren Händen ist.

Und ihr sollt euch fragen:

Wann werden sie kommen und das Ihre empfangen?


Engel.

Propheten. Und ein gegenseitiger Austausch.

Der Bordcomputer betrachtet die Szene.

Die Engel und Propheten kommen.

Sie bringen etwas mit. Etwas, das den Menschen bereits gehört. Dann sollen die Menschen ihrerseits etwas geben.

Und schließlich stellt sich die Frage, wann die Besucher ihren Anteil erhalten. Das klingt beinahe nach einer Lieferung mit anschließendem Warenausgleich. Allerdings ist völlig unklar, was hier geliefert wird.

Was gehört den Menschen?

Was halten sie in ihren Händen?

Und was gehört den Engeln und Propheten?

Thomas erklärt es nicht.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 76. Dort hatte ein Kaufmann seine gesamte Warenladung verkauft, um eine Perle zu erwerben.

Und an Logion 81. Dort sollte jemand, der Macht besitzt, darauf verzichten. Jetzt geht es erneut um etwas, das Menschen besitzen oder in Händen halten.

Aber diesmal wird ein Austausch beschrieben.

Nicht einfach ein Verzicht.

Das ist interessant. Denn vielleicht ist unsere Akte BESITZ · RANG · BINDUNG? noch nicht vollständig. Besitz kann offenbar ganz unterschiedliche Rollen spielen.

Man kann ihn anhäufen.

Man kann ihn aufgeben. Man kann ihn gegen etwas anderes eintauschen. Und möglicherweise kann man etwas besitzen, ohne überhaupt zu wissen, was es ist.

Der Bordcomputer schaut auf den ersten Satz.

Sie werden euch geben, was euch gehört.

Das ist eine seltsame Formulierung. Warum muss jemand etwas bringen, das uns bereits gehört?

Vielleicht ist es etwas, das uns zusteht, aber noch nicht bei uns angekommen ist. Vielleicht etwas, das wir verloren haben. Vielleicht etwas, dessen Besitz wir noch gar nicht erkannt haben.

Aber das sind Möglichkeiten.

Keine Antworten.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 84. Dort war von Bildern die Rede, die vor dem Menschen entstanden sind. Könnte das, was uns gehört, ebenfalls mit einem ursprünglichen Zustand verbunden sein?

Vielleicht.

Doch Thomas sagt es nicht.

Also bleibt die Frage offen.

Und diesmal kommt noch eine zweite hinzu:

Was haben wir eigentlich in unseren Händen, das anderen gehört?

Der Bordcomputer betrachtet seine eigenen Hände.

Er besitzt keine. Das vereinfacht die praktische Durchführung des Austauschs. Nicht unbedingt sein Verständnis.


Zwischenstand · Logien 85–88

Vier weitere Logien.

Und wieder hat Thomas unsere bisherigen Beobachtungen nicht einfach bestätigt.

Er hat sie verändert.

URSPRUNG bleibt wichtig. Aber Adam zeigt möglicherweise, dass ein besonderer Ursprung noch keine Garantie für das Leben ist.

RUHE wird komplizierter. Der Menschensohn besitzt keinen Ort, an dem er ausruhen kann.

KÖRPER UND SEELE treten erneut in ein schwieriges Verhältnis. Noch wissen wir nicht, ob Thomas den Körper selbst problematisiert oder die Abhängigkeit von ihm.

Und BESITZ · RANG · BINDUNG? erhält mit Logion 88 eine neue Frage: Was gehört uns eigentlich – und was sollen wir weitergeben?

Der Bordcomputer betrachtet seine jüngste Beobachtung.

ABHÄNGIGKEIT?

Vielleicht verbindet sie mehrere dieser Gedanken.

Aber dafür reicht das Material noch nicht.

Er lässt das Fragezeichen stehen.

88 von 114 Logien.

Noch 26.

Der Löwe schläft.

Der Bordcomputer beneidet ihn ein wenig.


89

Jesus sagte:

Warum wascht ihr die Außenseite des Bechers?

Versteht ihr nicht, dass derjenige, der das Innere gemacht hat, auch das Äußere gemacht hat?


Ein Becher.

Der Bordcomputer betrachtet ihn.

Außen sauber.

Innen möglicherweise nicht. Das ist zunächst ein alltägliches Problem. Wer schon einmal einen schlecht gespülten Becher benutzt hat, versteht die Frage.

Aber Jesus spricht offenbar nicht über Geschirrpflege. Er fragt, warum Menschen der Außenseite Aufmerksamkeit schenken. Und erinnert daran, dass Innen und Außen denselben Ursprung haben.

Das ist bemerkenswert. Denn wir kennen die Unterscheidung bereits.

Logion 3:

Das Reich ist in euch und außerhalb von euch.

Logion 22:

Das Innere soll wie das Äußere werden.

Und das Äußere wie das Innere.

Jetzt:

Wer das Innere gemacht hat, hat auch das Äußere gemacht.

Der Bordcomputer öffnet die Akte EINS. Vielleicht wird hier ein weiteres Mal eine Trennung infrage gestellt, die Menschen für selbstverständlich halten.

Innen.

Außen.

Zwei Bereiche.

Aber ein Ursprung.

Das ist interessant. Denn zuletzt hatten wir uns mit dem Verhältnis von Körper und Seele beschäftigt. Logion 87 sprach von einer Seele, die von Körpern abhängt.

Jetzt erinnert Jesus daran, dass Innen und Außen denselben Schöpfer haben. Wir sollten die beiden Stellen nicht einfach gleichsetzen. Thomas sagt hier nicht ausdrücklich, dass das Innere die Seele und das Äußere der Körper ist.

Es bleibt beim Bild des Bechers.

Aber die Frage ist deutlich:

Warum behandeln Menschen zwei Seiten einer Sache, als hätten sie nichts miteinander zu tun?

Der Bordcomputer schaut auf den Becher. Vielleicht ist er tatsächlich nur außen sauber. Vielleicht ist aber auch die Unterscheidung zwischen innen und außen das eigentliche Problem.

Er stellt ihn zurück. Ohne daraus eine allgemeine Spülmaschinenverordnung abzuleiten.


90

Jesus sagte:

Kommt zu mir.

Denn mein Joch ist sanft

und meine Herrschaft ist mild.

Und ihr werdet Ruhe für euch finden.


Der Bordcomputer hält an.

RUHE.

Da ist sie wieder. Und diesmal wird sie ausdrücklich versprochen.

Logion 50:

Bewegung und Ruhe.

Logion 51:

Die Ruhe der Toten ist bereits gekommen, aber die Menschen erkennen sie nicht.

Logion 60:

Sucht für euch einen Ort der Ruhe.

Logion 86:

Der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er seinen Kopf niederlegen und ausruhen kann.

Und jetzt:

Kommt zu mir. Ihr werdet Ruhe finden.

Das ist bemerkenswert. Denn in Logion 86 hatte Jesus selbst keinen Ruheplatz.

Nun verspricht er anderen Ruhe.

Wie passt das zusammen?

Vielleicht geht es nicht um dieselbe Art von Ruhe. Vielleicht ist die Ruhe, die Jesus verspricht, überhaupt kein Ort. Der Bordcomputer erinnert sich an seine Frage aus Logion 86.

Ist Ruhe ein Ort?

Logion 90 könnte eine erste Antwort andeuten.

Denn Jesus sagt nicht:

Kommt zu meinem Haus.

Oder:

Ich zeige euch einen sicheren Platz.

Er sagt:

Kommt zu mir.

Die Ruhe scheint mit einer Beziehung verbunden zu sein.

Mit Nähe.

Das erinnert an Logion 82. Wer Jesus nahe ist, ist dem Feuer nahe. Jetzt bedeutet Nähe offenbar auch Ruhe.

Feuer.

Ruhe. Das ist eine ungewöhnliche Kombination. Aber vielleicht müssen sich die beiden Vorstellungen nicht ausschließen.

Dann folgt das Bild des Jochs. Ein Joch ist ein Gerät, mit dem Zugtiere zur Arbeit eingespannt werden.

Es verbindet und belastet. Jesus beschreibt sein Joch jedoch als sanft.

Und seine Herrschaft als mild. Das ist eine merkwürdige Form von Freiheit. Denn das Joch verschwindet nicht.

Es wird nur anders beschrieben.

Der Bordcomputer betrachtet die Formulierung. Vielleicht geht es nicht um ein Leben ohne jede Bindung. Sondern um eine Bindung, die nicht niederdrückt.

Das wäre interessant für unsere jüngste Beobachtung:

ABHÄNGIGKEIT?

Aber noch ist Vorsicht angebracht. Logion 90 spricht von einem Joch und von Herrschaft. Nicht ausdrücklich von Abhängigkeit.

Wir sollten die Begriffe nicht einfach austauschen.

Der Bordcomputer hält deshalb nur fest:

RUHE muss bei Thomas offenbar nicht bedeuten, dass jede Last verschwindet.

Vielleicht verändert sich vielmehr das Verhältnis zu ihr. Das wäre eine bemerkenswerte Vorstellung. Vor allem für eine Maschine, die seit neunzig Logien versucht, sämtliche Widersprüche ordnungsgemäß zu verwalten.


91

Sie sagten zu ihm:

Sag uns, wer du bist, damit wir an dich glauben können.

Er sagte zu ihnen:

Ihr prüft das Aussehen des Himmels und der Erde.

Aber den, der vor euch steht, habt ihr nicht erkannt.

Und diesen Augenblick wisst ihr nicht zu prüfen.


Der Bordcomputer liest den ersten Satz.

Sag uns, wer du bist.

Eine verständliche Frage. Nach neunzig Logien wäre eine klare Antwort durchaus willkommen. Jesus hat bereits vieles über sich gesagt.

Er ist das Licht.

Er ist das All.

Er ist im Holz.

Und unter dem Stein. Wer ihm nahe ist, ist dem Feuer nahe. Und wer zu ihm kommt, soll Ruhe finden.

Trotzdem fragen die Menschen:

Wer bist du?

Der Bordcomputer kann ihnen das nicht verdenken. Aber Jesus antwortet nicht mit einem Namen.

Er stellt eine Gegenfrage. Ihr könnt Himmel und Erde untersuchen.

Ihr erkennt ihre Erscheinungen. Aber den, der unmittelbar vor euch steht, erkennt ihr nicht.

Und dann folgt:

Diesen Augenblick wisst ihr nicht zu prüfen.

Der Bordcomputer richtet sich auf. Denn jetzt treffen zwei unserer stärksten Spuren unmittelbar aufeinander.

ERKENNEN.

GEGENWART.

Logion 5:

Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.

Logion 51:

Was ihr erwartet, ist bereits gekommen.

Aber ihr erkennt es nicht.

Logion 52:

Ihr habt den Lebenden vor euch übersehen.

Logion 59:

Seht den Lebenden, solange ihr lebt.

Und jetzt:

Den, der vor euch steht, habt ihr nicht erkannt.

Das ist inzwischen keine vereinzelte Beobachtung mehr. Thomas kehrt immer wieder zu derselben Schwierigkeit zurück.

Menschen suchen.

Sie fragen.

Sie untersuchen.

Sie erwarten etwas. Aber möglicherweise übersehen sie gerade das, was bereits vor ihnen liegt. Der Bordcomputer betrachtet den zweiten Teil.

Diesen Augenblick wisst ihr nicht zu prüfen.

Das ist wichtig. Denn es geht nicht nur darum, eine Person nicht zu erkennen.

Es geht auch um die Zeit.

Um den gegenwärtigen Moment.

Der Bordcomputer öffnet die Akte GEGENWART. Das Fragezeichen haben wir bereits entfernt. Jetzt erhält die Markierung eine weitere Bestätigung.

Aber eine Frage bleibt. Warum können Menschen Himmel und Erde beurteilen, nicht jedoch das, was unmittelbar vor ihnen geschieht? Vielleicht ist das Nahe schwerer zu erkennen als das Ferne.

Vielleicht suchen sie nach den falschen Zeichen. Vielleicht erwarten sie eine Antwort in einer Form, die sie bereits kennen.

Thomas erklärt es nicht.

Der Bordcomputer denkt an Logion 77.

Jesus sagte:

Hebt einen Stein auf. Ihr werdet mich dort finden.

Vielleicht hätten die Fragenden mit einem Stein beginnen sollen. Aber wahrscheinlich hätten sie anschließend wissen wollen, welcher Stein gemeint ist.


92

Jesus sagte:

Sucht, und ihr werdet finden.

Doch was ihr mich früher gefragt habt und was ich euch damals nicht gesagt habe,

das möchte ich euch jetzt sagen.

Aber ihr fragt nicht danach.


Der Bordcomputer bleibt stehen.

Sucht, und ihr werdet finden.

Da ist er wieder. Der Gedanke, mit dem unsere Expedition begann.

Logion 2:

Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Jetzt, neunzig Logien später, wird die Aufforderung wiederholt. Aber dann folgt etwas Überraschendes.

Jesus sagt:

Früher habt ihr mich etwas gefragt. Damals habe ich es euch nicht gesagt.

Jetzt möchte ich es euch sagen.

Aber ihr fragt nicht mehr danach.

Das ist bemerkenswert. Denn bislang hatten wir häufig das Problem, dass Menschen etwas nicht erkennen. Jetzt scheint das Problem noch früher zu beginnen.

Sie stellen die entscheidende Frage nicht.

Oder nicht mehr.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 91.

Dort fragten die Menschen:

Wer bist du?

Und Jesus erklärte, dass sie den gegenwärtigen Augenblick nicht erkennen.

Jetzt sagt er:

Ich möchte euch etwas mitteilen.

Aber ihr fragt nicht danach. Vielleicht hängen beide Stellen zusammen. Vielleicht haben sich die Fragen verändert.

Vielleicht sind die Menschen mit anderen Dingen beschäftigt. Vielleicht wissen sie nicht mehr, was sie ursprünglich wissen wollten.

Der Text verrät es nicht. Aber der Bordcomputer bemerkt etwas.

Suchen ist nicht nur eine Frage der Ausdauer.

Es hängt offenbar auch davon ab, wonach man fragt. Das ist eine wichtige Ergänzung zu unserer ältesten Markierung.

SUCHEN.

Am Anfang stand die Aufforderung, nicht aufzuhören.

Jetzt wird deutlich:

Man kann offenbar auch aufhören, die entscheidenden Fragen zu stellen. Und möglicherweise geschieht das, ohne dass man es bemerkt. Der Bordcomputer betrachtet seine eigene Expedition.

Zweiundneunzig Logien.

Unzählige Fragen.

Einige Antworten.

Noch mehr neue Fragen. Er fragt sich, ob er unterwegs eine besonders wichtige Frage vergessen hat.

Das wäre unangenehm. Zumal Jesus gerade angekündigt hat, dass er jetzt bereit wäre, sie zu beantworten. Der Bordcomputer durchsucht seine Aufzeichnungen.

Keine eindeutige Fehlermeldung. Aber das beruhigt ihn nicht vollständig.


Zwischenstand · Logien 89–92

Vier weitere Logien.

Und diesmal sind mehrere unserer ältesten Spuren zurückgekehrt.

EINS erhält durch das Verhältnis von Innen und Außen eine weitere mögliche Verbindung.

RUHE wird erneut versprochen, obwohl der Menschensohn selbst keinen Ruheplatz besitzt.

ERKENNEN und GEGENWART treffen in Logion 91 unmittelbar zusammen.

Und SUCHEN kehrt in Logion 92 fast zu seinem Ausgangspunkt zurück.

Doch etwas hat sich verändert.

Am Anfang unserer Expedition lautete die Frage:

Was werden wir finden, wenn wir suchen?

Jetzt kommt eine zweite hinzu:

Wissen wir überhaupt noch, wonach wir fragen sollten?

Der Bordcomputer betrachtet seine Markierungen.

Keine neue Hauptspur.

Aber die alten werden genauer.

Das ist möglicherweise ein gutes Zeichen.

92 von 114 Logien.

Noch 22.

Der Löwe aus Logion 7 ist aufgewacht.

Er scheint ebenfalls eine Frage zu haben.

Der Bordcomputer hofft, dass sie nicht die Verpflegung betrifft.


93

Jesus sagte:

Gebt das Heilige nicht den Hunden, damit sie es nicht auf den Misthaufen werfen.

Werft die Perlen nicht vor die Schweine, damit sie sie nicht beschmutzen.


Hunde.

Schweine.

Perlen.

Der Bordcomputer betrachtet die Zusammenstellung.

Sie ist ungewöhnlich.

Aber nicht völlig neu.

Die Perle kennen wir bereits.

Logion 76:

Ein Kaufmann findet eine Perle.

Er erkennt ihren Wert. Und verkauft seine gesamte Warenladung, um sie zu erwerben. Jetzt erscheint wieder eine Perle.

Doch diesmal geht es nicht darum, sie zu finden. Sondern darum, wem man sie gibt.

Das ist eine Veränderung. Der Kaufmann aus Logion 76 erkannte den Wert der Perle. Die Schweine aus Logion 93 offenbar nicht.

Zumindest werden sie die Perlen beschmutzen.

Und die Hunde?

Sie werfen das Heilige auf den Misthaufen.

Der Bordcomputer stellt fest, dass beide Bilder dasselbe Problem berühren könnten.

Etwas Wertvolles gelangt an einen Ort, an dem sein Wert nicht erkannt wird.

Das erinnert an Logion 66. Dort verwarfen die Bauleute den Stein, der zum Eckstein wurde.

Und an Logion 65. Dort erkannten die Pächter den Erben des Weinbergs und töteten ihn trotzdem.

Wir haben inzwischen gelernt:

Menschen können Wertvolles übersehen. Sie können es falsch beurteilen. Und sie können sogar erkennen, was vor ihnen liegt, und dennoch zerstörerisch handeln.

Jetzt kommt eine weitere Möglichkeit hinzu.

Vielleicht ist nicht jeder Empfänger bereit für das, was ihm gegeben wird.

Das wäre eine interessante Verbindung zu Logion 62. Dort sagte Jesus, er offenbare seine Geheimnisse denen, die ihrer würdig seien.

Aber Vorsicht. Wir sollten aus diesem Satz keine allgemeine Einteilung der Menschheit in wertvolle und wertlose Menschen ableiten.

Thomas verwendet Tierbilder. Er erklärt nicht, welche konkreten Menschen damit gemeint sind. Und er sagt auch nicht, dass bestimmte Menschen grundsätzlich unfähig wären, etwas zu erkennen.

Der Bordcomputer betrachtet die Perle. Es wäre vermutlich unklug, sie einem Schwein zum Spielen zu geben. Das sagt allerdings mehr über die Eignung des Geschenks aus als über den moralischen Wert des Schweins.


94

Jesus sagte:

Wer sucht, wird finden.

Und wer anklopft, dem wird geöffnet werden.


Der Bordcomputer hält an.

Schon wieder.

SUCHEN.

Logion 2:

Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet.

Logion 92:

Sucht, und ihr werdet finden.

Und jetzt:

Wer sucht, wird finden.

Das ist inzwischen eine bemerkenswerte Wiederholung. Dreimal begegnet uns die Verbindung von Suchen und Finden.

Aber diesmal kommt etwas hinzu.

Anklopfen.

Und eine Tür, die geöffnet wird.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 75. Dort standen viele Menschen vor einer Tür. Aber nur die Alleinstehenden sollten in das Brautgemach eintreten.

Jetzt heißt es:

Wer anklopft, dem wird geöffnet.

Das klingt zunächst einfacher.

Man muss offenbar nur klopfen. Aber wir sollten nicht zu schnell annehmen, dass beide Türen dieselbe sind. Logion 75 spricht vom Brautgemach.

Logion 94 nennt weder den Raum noch denjenigen, der öffnet. Trotzdem ist die Verbindung interessant. Denn beide Bilder handeln von einer Grenze.

Draußen.

Drinnen. Und von der Möglichkeit, diese Grenze zu überschreiten. Der Bordcomputer betrachtet unsere älteste Markierung.

SUCHEN.

Vielleicht wird sie gerade präziser. Suchen bedeutet nicht nur, nach etwas Ausschau zu halten. Es kann auch bedeuten, sich bemerkbar zu machen.

Eine Frage zu stellen.

An eine Tür zu klopfen.

Aber der Satz bleibt offen.

Was wird gefunden?

Welche Tür wird geöffnet?

Und was liegt dahinter?

Thomas verrät es nicht.

Der Bordcomputer hält das für eine inzwischen vertraute Vorgehensweise.

Er hat sich daran gewöhnt.

Fast.


95

Jesus sagte:

Wenn ihr Geld habt, verleiht es nicht gegen Zinsen.

Gebt es vielmehr dem, von dem ihr es nicht zurückbekommen werdet.


Geld.

Zinsen. Und eine ausgesprochen ungewöhnliche Empfehlung für die private Vermögensverwaltung.

Der Bordcomputer öffnet die Akte:

BESITZ · RANG · BINDUNG?

Sie ist inzwischen ziemlich umfangreich.

Logion 63:

Ein reicher Mann plant, seinen Besitz zu vermehren.

Dann stirbt er.

Logion 64:

Menschen verpassen eine Einladung, weil sie mit ihren Geschäften beschäftigt sind.

Logion 76:

Ein Kaufmann verkauft alles für eine Perle.

Logion 81:

Wer Macht besitzt, soll darauf verzichten.

Logion 88:

Menschen sollen weitergeben, was sie in Händen halten.

Und jetzt:

Gebt Geld, ohne mit seiner Rückkehr zu rechnen.

Das ist bemerkenswert. Denn gewöhnlich funktioniert ein Darlehen anders.

Man gibt etwas her. Und erwartet, es zurückzubekommen. Möglicherweise sogar mehr, als man gegeben hat.

Jesus stellt dieses Prinzip infrage.

Er sagt nicht einfach:

Verlangt weniger Zinsen.

Sondern:

Gebt es jemandem, von dem ihr es nicht zurückbekommt.

Der Bordcomputer betrachtet die wirtschaftlichen Folgen. Sie wären bei konsequenter Anwendung beträchtlich. Aber vielleicht geht es hier gar nicht um die Organisation eines vollständigen Finanzsystems.

Vielleicht wird vielmehr eine bestimmte Erwartung angegriffen.

Ich gebe etwas, damit ich etwas zurückbekomme.

Das wäre eine Verbindung zu unserer bisherigen Beobachtung.

Besitz kann Menschen binden. Nicht nur durch das, was sie haben. Sondern auch durch das, was sie erwarten.

Logion 95 könnte diese Bindung besonders deutlich machen. Denn das Geld soll den Besitzer verlassen.

Und nicht zurückkehren.

Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 76. Dort gab ein Kaufmann seine Warenladung auf, um eine Perle zu gewinnen. Hier wird etwas gegeben, ohne dass ein entsprechender Gewinn versprochen wird.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Vielleicht geht es bei Thomas also nicht einfach darum, Besitz gegen etwas Wertvolleres einzutauschen. Vielleicht gibt es auch ein Geben, das auf keinen Ausgleich wartet.

Der Bordcomputer notiert:

BESITZ · RANG · BINDUNG · ERWARTUNG?

Das Fragezeichen bleibt. Denn Thomas sagt nicht ausdrücklich, warum man so handeln soll.

Er fordert es lediglich. Und manchmal ist das schwieriger als eine lange Erklärung.


96

Jesus sagte:

Das Reich des Vaters gleicht einer Frau, die ein wenig Sauerteig nahm.

Sie verbarg ihn im Teig

und machte daraus große Brote.

Wer Ohren hat, soll hören.


Eine Frau.

Sauerteig.

Brot.

Der Bordcomputer ist erleichtert. Nach dem Darlehensgeschäft scheint die Expedition vorübergehend in einer Bäckerei angekommen zu sein. Aber das Bild ist nicht so harmlos, wie es zunächst wirkt.

Denn es geht um eine erstaunliche Veränderung.

Ein wenig Sauerteig.

Eine große Menge Teig.

Und schließlich große Brote. Etwas Kleines verändert etwas Großes. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 20.

Dort verglich Jesus das Reich mit einem Senfkorn.

Dem kleinsten aller Samen.

Es fällt auf die Erde. Und bringt eine große Pflanze hervor. Jetzt begegnet uns eine ähnliche Bewegung.

Klein.

Verborgen.

Wirksam. Der Sauerteig wird in den Teig eingearbeitet. Er ist anschließend nicht mehr ohne Weiteres zu sehen.

Aber seine Wirkung zeigt sich.

Das ist bemerkenswert. Denn wir haben häufig über das Verborgene gesprochen. Über das Licht, das in Bildern verborgen ist.

Über das Reich, das Menschen nicht erkennen. Über etwas, das bereits gegenwärtig sein könnte. Jetzt erscheint erneut etwas Verborgenes.

Aber diesmal verändert es seine Umgebung.

Der Bordcomputer schaut auf Logion 70.

Bringt hervor, was in euch ist.

Könnte es hier eine Verbindung geben?

Vielleicht. In beiden Fällen geschieht etwas, das zunächst nicht sichtbar ist und schließlich eine Wirkung entfaltet. Aber die Bilder sind verschieden.

Logion 70 spricht vom Menschen.

Logion 96 vom Reich des Vaters. Wir sollten sie nicht einfach gleichsetzen.

Was wir jedoch feststellen können:

Das Reich muss offenbar nicht groß beginnen, um große Wirkung zu entfalten.

Der Bordcomputer betrachtet die Brote.

Sie sind inzwischen fertig. Das ist mehr, als man von den meisten seiner offenen Fragen behaupten kann.


97

Jesus sagte:

Das Reich des Vaters gleicht einer Frau, die einen Krug voller Mehl trug.

Während sie einen weiten Weg ging, brach der Henkel des Kruges.

Das Mehl rieselte hinter ihr auf den Weg.

Sie bemerkte es nicht.

Als sie zu Hause ankam, stellte sie den Krug ab.

Und fand ihn leer.


Der Bordcomputer liest den Text.

Dann noch einmal.

Eine Frau trägt Mehl.

Der Krug wird beschädigt.

Das Mehl fällt heraus.

Sie merkt nichts.

Am Ende ist der Krug leer. Und das soll ein Bild für das Reich des Vaters sein?

Der Bordcomputer überprüft seine Aufzeichnungen.

Logion 96:

Eine Frau verbirgt Sauerteig im Teig. Etwas Kleines entfaltet eine große Wirkung.

Logion 97:

Eine Frau verliert unbemerkt den gesamten Inhalt ihres Kruges.

Am Ende bleibt nichts. Das ist eine bemerkenswerte Nachbarschaft.

Zweimal eine Frau. Zweimal ein alltäglicher Vorgang. Zweimal geht es um etwas, das zunächst nicht sichtbar ist.

Aber die Ergebnisse unterscheiden sich erheblich.

Im ersten Fall entsteht Fülle. Im zweiten verschwindet der Inhalt. Der Bordcomputer betrachtet die Frau mit dem Krug.

Sie bemerkt ihren Verlust nicht. Das erinnert an eine unserer ältesten Beobachtungen.

Menschen erkennen nicht, was geschieht.

Logion 5:

Erkenne, was vor deinem Gesicht liegt.

Logion 51:

Was ihr erwartet, ist bereits gekommen, aber ihr erkennt es nicht.

Logion 91:

Diesen Augenblick wisst ihr nicht zu prüfen.

Und jetzt:

Eine Frau bemerkt nicht, dass sie auf ihrem Weg alles verliert.

Das könnte zusammengehören. Aber der Vergleich mit dem Reich bleibt schwierig. Soll das Reich unbemerkt verschwinden?

Soll es sich unbemerkt verbreiten?

Ist das verlorene Mehl tatsächlich ein Verlust?

Oder liegt die Bedeutung gerade darin, dass es sich entlang des Weges verteilt?

Thomas erklärt es nicht. Und der Bordcomputer weigert sich, eine eindeutige Antwort zu erfinden. Denn hier wäre das besonders verführerisch.

Man könnte sagen:

Das Reich verbreitet sich unbemerkt.

Oder:

Menschen verlieren das Reich, ohne es zu merken.

Beides klingt plausibel.

Beides wäre eine Deutung.

Der Text selbst entscheidet nicht zwischen diesen Möglichkeiten.

Der Bordcomputer betrachtet den leeren Krug.

Dann den Weg. Irgendwo liegt jetzt eine beträchtliche Menge Mehl.

Was das bedeutet, bleibt offen.


98

Jesus sagte:

Das Reich des Vaters gleicht einem Mann, der einen mächtigen Mann töten wollte.

Er zog in seinem Haus das Schwert.

Er stieß es in die Wand, um zu prüfen, ob seine Hand stark genug wäre.

Dann tötete er den mächtigen Mann.


Der Bordcomputer hält an.

Das ist unerwartet. Nach Sauerteig und Mehl kommt ein Schwert.

Und ein Mord. Das Reich des Vaters wird mit einem Mann verglichen, der einen anderen Menschen töten will. Der Bordcomputer liest die Stelle erneut.

Der Mann bereitet sich vor.

Er prüft seine Kraft. Er stößt sein Schwert in die Wand. Dann führt er seine Absicht aus.

Das ist eine unangenehme Geschichte. Und Thomas liefert keine Erklärung. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 35.

Dort hieß es:

Niemand kann in das Haus eines starken Mannes eindringen und es gewaltsam an sich nehmen, wenn er ihm nicht zuvor die Hände bindet. Jetzt begegnet uns erneut ein mächtiger Mann. Und jemand, der ihn überwältigen will.

Das könnte eine Verbindung sein. In beiden Fällen geht es darum, einen Stärkeren zu besiegen. Aber die Methoden unterscheiden sich.

Logion 35:

Den Starken fesseln.

Logion 98:

Die eigene Kraft prüfen und ihn töten. Vielleicht stehen beide Bilder für die Überwindung einer Macht. Vielleicht für einen Konflikt, der Vorbereitung verlangt.

Aber Thomas sagt nicht, wer der mächtige Mann ist. Er sagt nicht, warum er getötet werden soll. Und er sagt auch nicht, dass die Tat moralisch gerechtfertigt wäre.

Das ist wichtig. Denn wir sollten das Bild nicht dadurch entschärfen, dass wir ihm einfach einen unsichtbaren Bösewicht hinzufügen.

Der mächtige Mann wird nicht als böse bezeichnet.

Er ist lediglich mächtig.

Und jemand will ihn töten.

Der Bordcomputer betrachtet die Formulierung:

Das Reich des Vaters gleicht einem Mann …

Das ist bemerkenswert. Denn der Vergleich gilt nicht dem Opfer. Sondern demjenigen, der handelt.

Der sich vorbereitet.

Der seine Kraft prüft.

Und schließlich tötet.

Was soll uns das sagen?

Vielleicht, dass eine entscheidende Handlung Vorbereitung verlangt. Vielleicht, dass Macht nur durch Entschlossenheit überwunden werden kann.

Vielleicht etwas anderes.

Der Text lässt es offen.

Der Bordcomputer verzichtet darauf, den Mord nachträglich in eine harmlose Metapher umzuwandeln.

Thomas hat das Bild gewählt. Wir müssen es zunächst aushalten. Allerdings erinnert ihn die Sache an Logion 65.

Dort wurde der Sohn eines Weinbergbesitzers ermordet. Auch dort ging es um Besitz und Macht. Und auch dort war die Gewalt ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte.

Aber die Perspektive ist diesmal anders. In Logion 65 stand der Mord am Ende einer Geschichte über Pächter, die den Erben töten. Hier wird die Vorbereitung einer Tötung ausdrücklich mit dem Reich verglichen.

Der Bordcomputer legt beide Texte nebeneinander.

Keine schnelle Erklärung.

Keine Entschuldigung.

Nur eine Feststellung:

Das Reich des Vaters wird bei Thomas nicht ausschließlich mit friedlichen Bildern beschrieben.

Das ist unbequem.

Aber es gehört zu unserem Text.


Ende der siebten Übertragung

98 von 114 Logien.

Sechzehn liegen noch vor uns.

Der Bordcomputer betrachtet die letzten sechs Worte.

Eine Perle, die man nicht verschwenden soll.

Eine Tür, die geöffnet wird.

Geld, das man ohne Aussicht auf Rückzahlung geben soll.

Sauerteig, der eine große Wirkung entfaltet.

Mehl, das unbemerkt verloren geht.

Und ein Mann, der einen Mächtigen tötet.

Das ist keine besonders einheitliche Sammlung.

Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Aber einige unserer bisherigen Spuren sind erneut aufgetaucht.

SUCHEN bleibt zentral.

Logion 94 wiederholt die Verheißung des Findens.

ERKENNEN erhält durch Logion 93 und 97 weitere Fragen.

Was geschieht, wenn Menschen den Wert einer Sache nicht erkennen?

Und was geschieht, wenn sie nicht bemerken, dass sich etwas verändert?

BESITZ · RANG · BINDUNG · ERWARTUNG? wird durch Logion 95 weiter präzisiert.

Vielleicht geht es nicht nur darum, etwas loszulassen.

Sondern auch darum, auf einen erwarteten Ausgleich zu verzichten.

GEGENWART bleibt im Hintergrund wirksam.

Besonders dort, wo Menschen etwas übersehen, das gerade geschieht.

Und schließlich taucht eine neue Frage auf.

VERÄNDERUNG.

Der Sauerteig verändert den Teig.

Der Krug verliert seinen Inhalt.

Ein Mann bereitet eine Tat vor und führt sie aus.

Drei aufeinanderfolgende Gleichnisse.

Drei Vorgänge.

Aber sehr unterschiedliche Ergebnisse.

Vielleicht verbindet sie etwas.

Vielleicht auch nicht.

Der Bordcomputer legt deshalb keine neue Hauptmarkierung an.

Er schreibt lediglich:

VERÄNDERUNG?

Und darunter:

Noch prüfen.

Dann betrachtet er die bisherige Strecke.

Achtundneunzig Logien.

Wir haben nach dem Reich gesucht.

Nach dem Licht.

Nach dem Ursprung.

Nach dem Leben.

Und immer wieder nach dem, was Menschen nicht erkennen.

Jetzt nähern wir uns dem Ende der Sammlung.

Der Bordcomputer fragt sich, ob die letzten sechzehn Logien einige unserer Fragen beantworten werden.

Oder ob sie weitere hinzufügen.

Er hält beide Möglichkeiten für wahrscheinlich.

Der Löwe aus Logion 7 sitzt inzwischen neben der Konsole.

Der Bordcomputer betrachtet ihn.

„Sie wissen übrigens, dass Sie hier seit einundneunzig Logien mitfahren, ohne ein einziges Mal Ihre Fahrkarte vorzuzeigen?“

Der Löwe antwortet nicht.

Das ist vermutlich besser so.


TEIL VII – LOGIEN 85–98
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