Achtundneunzig Logien liegen hinter uns.
Zuletzt begegneten wir einer Frau, die unbemerkt ihr Mehl verlor, und einem Mann, der sich darauf vorbereitete, einen Mächtigen zu töten.
Der Bordcomputer hat beide Geschichten sorgfältig archiviert.
Er hat allerdings darauf verzichtet, aus ihnen eine gemeinsame Lebensregel zu entwickeln.
Das erschien ihm sicherer.
Nun kehrt Thomas zu einem Thema zurück, das uns seit Beginn begleitet: Wer gehört eigentlich zu wem?
Es geht um Familie, um einen gefährlichen Einbrecher, um einen Hund in einer Futterkrippe und um Menschen, die anderen den Zugang zu etwas versperren, das sie selbst nicht nutzen.
Der Bordcomputer setzt die Expedition fort.
99
Die Jünger sagten zu ihm:
Deine Brüder und deine Mutter stehen draußen.
Jesus sagte zu ihnen:
Diejenigen hier, die den Willen meines Vaters tun, sind meine Brüder und meine Mutter.
Sie sind es, die in das Reich meines Vaters eingehen werden.
Familie.
Der Bordcomputer öffnet eine ältere Akte.
Logion 55:
Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, kann nicht mein Jünger werden.
Logion 101:
Noch nicht gelesen.
Der Bordcomputer hält inne.
Eine merkwürdige Fehlermeldung. Er überprüft seine Aufzeichnungen.
Natürlich.
Logion 101 liegt noch vor uns.
Er entfernt den Eintrag.
Wir lesen schließlich der Reihe nach.
Zurück zu Logion 99. Die Mutter und die Brüder Jesu stehen draußen.
Sie möchten offenbar zu ihm. Aber Jesus nutzt die Situation, um eine andere Vorstellung von Familie zu formulieren.
Meine Familie sind diejenigen, die den Willen meines Vaters tun.
Das ist bemerkenswert. Denn gewöhnlich entsteht Familie durch Geburt.
Durch Verwandtschaft.
Durch gemeinsame Abstammung. Jesus verschiebt die Zugehörigkeit. Nicht die biologische Verbindung entscheidet.
Sondern das Handeln.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 79. Dort pries eine Frau die Mutter Jesu glücklich.
Jesus antwortete:
Glücklich sind vielmehr diejenigen, die das Wort des Vaters hören und bewahren. Jetzt begegnet uns eine ähnliche Bewegung. Nicht die Geburt steht im Mittelpunkt.
Sondern etwas, das Menschen tun.
HÖREN.
BEWAHREN.
HANDELN.
Der Bordcomputer betrachtet die jüngere Markierung HERVORBRINGEN. Vielleicht wird sie hier deutlicher. Denn erneut genügt es nicht, einer bestimmten Gruppe anzugehören.
Entscheidend scheint zu sein, was aus dem Menschen hervorgeht. Aber wir sollten nicht vorschnell behaupten, dass Thomas hier eine vollständige neue Familienordnung entwirft. Er sagt nicht, dass biologische Familien bedeutungslos wären.
Er verwendet eine konkrete Situation, um eine andere Zugehörigkeit sichtbar zu machen. Der Bordcomputer schaut auf das Wort draußen. Die Mutter und die Brüder stehen draußen.
Diejenigen, die den Willen des Vaters tun, gehören offenbar hinein.
Das erinnert an Logion 75.
Viele stehen vor der Tür. Aber die Alleinstehenden treten in das Brautgemach ein. Vielleicht ist das eine Verbindung.
Vielleicht ist es einfach ein vertrautes Bild.
Drinnen.
Draußen.
Zugehörigkeit.
Der Bordcomputer notiert:
FAMILIE · ZUGEHÖRIGKEIT?
Noch keine Hauptmarkierung. Aber eine alte Frage kehrt zurück.
Was macht einen Menschen zu dem, der er ist?
Seine Herkunft?
Oder sein Handeln?
Thomas scheint erneut die zweite Möglichkeit hervorzuheben.
100
Sie zeigten Jesus eine Goldmünze und sagten zu ihm:
Die Leute des Kaisers verlangen von uns Steuern.
Er sagte zu ihnen:
Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.
Gebt Gott, was Gott gehört.
Und gebt mir, was mir gehört.
Eine Goldmünze.
Steuern.
Der Kaiser.
Der Bordcomputer betrachtet die Situation. Nach neunundneunzig Logien sind wir beim Finanzamt angekommen. Das war vermutlich unvermeidlich.
Die Menschen zeigen Jesus eine Münze. Sie erklären, dass der Kaiser Steuern verlangt. Und Jesus antwortet mit einer dreifachen Unterscheidung.
Dem Kaiser, was dem Kaiser gehört.
Gott, was Gott gehört.
Mir, was mir gehört.
Die ersten beiden Teile kennen wir aus den kanonischen Evangelien. Dort steht die Frage nach der Steuer im Zusammenhang mit einer politischen Falle. Jesus soll sich zwischen der römischen Herrschaft und religiösen Verpflichtungen entscheiden.
Thomas erzählt diese Vorgeschichte nicht. Er gibt uns nur die Münze, die Frage und die Antwort. Und er fügt etwas Entscheidendes hinzu.
Gebt mir, was mir gehört.
Der Bordcomputer hält an. Denn damit entsteht eine neue Frage.
Was gehört Jesus?
Die Münze?
Offenbar nicht.
Die Steuer?
Wohl kaum.
Aber was dann?
Thomas erklärt es nicht. Wir könnten an die Menschen selbst denken.
An ihre Zugehörigkeit.
An das, was sie in sich tragen.
Aber das wären Deutungen.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 88. Dort sollten Engel und Propheten den Menschen geben, was ihnen gehört. Und die Menschen sollten ihnen geben, was sie in Händen halten.
Auch dort blieb offen, was genau ausgetauscht werden sollte.
Jetzt begegnet uns erneut die Frage:
Wem gehört eigentlich was?
Der Bordcomputer öffnet die Akte BESITZ · RANG · BINDUNG · ERWARTUNG?
Sie wird langsam unhandlich. Denn Besitz scheint bei Thomas nicht nur eine wirtschaftliche Angelegenheit zu sein.
Es geht auch um Ansprüche.
Um Zugehörigkeit. Und möglicherweise um Verpflichtungen. Aber wir sollten die drei Empfänger nicht einfach gleichsetzen.
Kaiser.
Gott.
Jesus. Thomas unterscheidet sie ausdrücklich.
Warum?
Das bleibt offen.
Der Bordcomputer betrachtet die Goldmünze. Sie trägt vermutlich das Bild eines Herrschers. Zumindest wäre das bei einer römischen Münze nicht ungewöhnlich.
Aber Thomas erwähnt kein Bild. Also lässt der Bordcomputer die Münze zunächst ununtersucht. Nicht jede Münze muss eine theologische Abhandlung auslösen.
Manche müssen einfach versteuert werden.
101
Jesus sagte:
Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, wie ich es tue, kann nicht mein Jünger werden.
Und wer nicht seinen Vater und seine Mutter liebt, wie ich es tue, kann nicht mein Jünger werden.
Denn meine Mutter brachte mich hervor.
Aber meine wahre Mutter gab mir das Leben.
Der Bordcomputer hält an.
Jetzt wird es schwierig.
Und zwar nicht nur ein wenig.
Wer seine Eltern nicht hasst, kann kein Jünger werden.
Dann:
Wer seine Eltern nicht liebt, kann kein Jünger werden.
Beides.
Hassen.
Lieben.
Der Bordcomputer öffnet Logion 55. Dort hatte Jesus bereits gesagt, dass jemand, der seinen Vater und seine Mutter nicht hasst, kein Jünger werden kann. Wir hatten die Härte dieser Aussage stehen lassen.
Jetzt wird sie wiederholt.
Aber diesmal kommt etwas hinzu.
Liebe.
Und damit entsteht eine Spannung, die Thomas nicht auflöst. Der Jünger soll offenbar beides tun.
Hassen.
Lieben.
Wie Jesus selbst.
Was soll das bedeuten?
Vielleicht werden hier unterschiedliche Arten von Bindung angesprochen. Vielleicht geht es um eine Trennung zwischen familiärer Abhängigkeit und einer anderen Form von Liebe. Vielleicht stehen zwei ursprünglich verschiedene Aussagen nebeneinander.
Der Text erklärt es nicht. Und wir sollten nicht so tun, als sei der Widerspruch leicht zu beseitigen. Dann folgt eine weitere Unterscheidung.
Meine Mutter brachte mich hervor.
Aber meine wahre Mutter gab mir das Leben.
Der Bordcomputer betrachtet die Formulierung. Eine Mutter, die Jesus geboren hat. Und eine wahre Mutter, die ihm das Leben gegeben hat.
Sind das zwei verschiedene Mütter?
Oder zwei unterschiedliche Bedeutungen von Mutterschaft?
Thomas sagt es nicht ausdrücklich. Bemerkenswert ist allerdings das Wort Leben. Der Bordcomputer öffnet die entsprechende Markierung.
Logion 1:
Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
Logion 11:
Die Lebenden werden nicht sterben.
Logion 59:
Seht den Lebenden, solange ihr lebt.
Logion 85:
Adam hat den Tod geschmeckt.
Und jetzt:
Meine wahre Mutter gab mir das Leben.
Vielleicht unterscheidet Thomas erneut zwischen gewöhnlicher Geburt und einer anderen Art von Leben. Das wäre eine mögliche Verbindung. Aber welche Rolle die wahre Mutter dabei spielt, bleibt unklar.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 99. Dort wurde Familie nicht durch Abstammung bestimmt, sondern durch das Tun des Willens des Vaters. Jetzt wird Mutterschaft selbst in zwei Formen unterschieden.
Die Nähe der beiden Logien ist auffällig.
FAMILIE.
HERKUNFT.
LEBEN.
Aber diesmal sollten wir besonders vorsichtig sein. Denn die Überlieferung von Logion 101 ist an einer entscheidenden Stelle beschädigt. Die genaue Formulierung des letzten Satzes lässt sich deshalb nicht mit derselben Sicherheit wiedergeben wie andere Worte.
Wir können den überlieferten Gegensatz zwischen der gebärenden Mutter und der Mutter, die Leben gibt, festhalten. Aber nicht alle Einzelheiten sind gesichert. Der Bordcomputer betrachtet die beiden Aufforderungen.
Hassen.
Lieben. Er versucht nicht, sie zu versöhnen. Vielleicht ist gerade die Spannung wichtig.
Vielleicht fehlen uns entscheidende Informationen.
Beides ist möglich. Und beides gehört zur ehrlichen Lektüre.
102
Jesus sagte:
Wehe den Pharisäern.
Sie gleichen einem Hund, der in der Futterkrippe der Rinder liegt.
Er frisst selbst nicht.
Und er lässt auch die Rinder nicht fressen.
Ein Hund.
Eine Futterkrippe.
Und hungrige Rinder.
Der Bordcomputer betrachtet die Szene.
Der Hund liegt im Futter.
Er frisst es nicht. Aber die Rinder kommen ebenfalls nicht heran. Das ist eine bemerkenswert schlechte Organisation der Nahrungsaufnahme.
Doch der Satz ist keine Tiergeschichte. Er richtet sich ausdrücklich gegen die Pharisäer. Damit befinden wir uns in einem historischen Konflikt.
Die Pharisäer waren eine jüdische religiöse Bewegung der Zeit des Zweiten Tempels. Sie beschäftigten sich intensiv mit der Auslegung der Tora und der Gestaltung jüdischen Lebens. In frühchristlichen Texten werden sie häufig als Gegner Jesu dargestellt.
Das ist allerdings keine neutrale Beschreibung ihrer tatsächlichen Vielfalt. Wir sollten deshalb unterscheiden zwischen dem Bild, das Thomas verwendet, und dem, was sich historisch über die Pharisäer sagen lässt.
Der Text sagt:
Sie essen nicht.
Und sie lassen andere nicht essen.
Das ist der Kern des Vergleichs.
Etwas ist vorhanden.
Nahrung. Aber niemand kommt dazu, sie zu nutzen.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 74. Dort standen viele Menschen um einen Brunnen.
Aber im Brunnen war nichts.
Jetzt ist es umgekehrt.
Die Nahrung ist vorhanden.
Aber der Zugang wird blockiert.
Das erinnert auch an Logion 73.
Die Ernte ist groß.
Aber die Arbeiter sind wenige.
Und an Logion 64.
Das Mahl ist vorbereitet. Aber die eingeladenen Gäste kommen nicht. Der Bordcomputer betrachtet diese Bilder.
Vorhandene Fülle.
Verhinderter Zugang.
Nicht genutzte Möglichkeiten.
Das könnte eine wiederkehrende Beobachtung sein. Aber hier kommt etwas Neues hinzu. Der Zugang wird nicht nur übersehen.
Er wird aktiv versperrt.
Der Hund liegt im Weg.
Das ist eine scharfe Kritik. Und sie richtet sich gegen eine konkret benannte religiöse Gruppe. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 43.
Dort hatten wir bereits eine problematische pauschale Aussage über jüdische religiöse Autoritäten kennengelernt. Auch hier müssen wir darauf achten, dass wir die Polemik des Textes nicht unbemerkt zu einer historischen Tatsache machen.
Thomas kritisiert die Pharisäer.
Das bedeutet nicht, dass die Pharisäer tatsächlich Menschen vom Zugang zu Gott oder zur Wahrheit ausgeschlossen hätten. Es bedeutet zunächst, dass der Text sie so darstellt. Der Bordcomputer betrachtet den Hund.
Er könnte einfach aufstehen.
Die Rinder könnten fressen.
Das Problem wäre gelöst. Aber offenbar ist genau das nicht geschehen.
Der Bordcomputer notiert:
ZUGANG?
Vielleicht verbindet diese Frage mehrere unserer bisherigen Bilder.
Türen.
Brunnen.
Mahlzeiten.
Ernten.
Und jetzt eine Futterkrippe. Doch noch ist es zu früh für eine neue Hauptmarkierung.
Wir lesen weiter.
Zwischenstand · Logien 99–102
Vier weitere Logien.
102 von 114.
Noch zwölf.
Der Bordcomputer betrachtet die jüngsten Beobachtungen.
FAMILIE · ZUGEHÖRIGKEIT?
Logion 99 stellt die biologische Verwandtschaft einer anderen Form von Zugehörigkeit gegenüber.
Logion 101 verschärft diese Spannung und verbindet sie mit Liebe, Hass und einer rätselhaften zweiten Mutter.
BESITZ · RANG · BINDUNG · ERWARTUNG?
Logion 100 fragt erneut danach, wem etwas gehört.
Und diesmal beansprucht Jesus ausdrücklich etwas für sich.
LEBEN bleibt aktiv.
Besonders durch die Aussage von der Mutter, die Leben gibt.
Und schließlich:
ZUGANG?
Logion 102 zeigt Menschen, denen etwas vorenthalten wird, das bereits vorhanden ist.
Der Bordcomputer betrachtet die beiden letzten Logien.
101:
Wer gehört zu meiner Familie?
102:
Wer hindert andere daran, Nahrung zu erhalten?
Zugehörigkeit.
Zugang.
Vielleicht hängt das zusammen.
Vielleicht nicht.
Der Bordcomputer legt die Beobachtung ab.
Dann betrachtet er die Zahl auf seiner Anzeige.
102
Dreistellig.
Das ist neu.
Die Expedition nähert sich ihrem Ende.
Der Löwe aus Logion 7 hat inzwischen die Futterkrippe entdeckt.
Der Bordcomputer beschließt, ihn vorsorglich davon fernzuhalten.
Nicht aus theologischen Gründen.
Sondern weil er die Rinder nicht noch einmal enttäuschen möchte.
103
Jesus sagte:
Glücklich ist der Mensch, der weiß, an welcher Stelle die Räuber eindringen werden.
Dann kann er aufstehen, seine Kräfte sammeln und sich vorbereiten, bevor sie eindringen.
Der Bordcomputer betrachtet den Satz.
Ein Haus.
Räuber. Und ein Bewohner, der weiß, wo sie eindringen werden. Das ist zunächst eine ziemlich praktische Angelegenheit.
Wer den Einbruchsort kennt, kann sich vorbereiten. Aber Jesus nennt diesen Menschen ausdrücklich glücklich.
Warum?
Vielleicht weil er nicht überrascht wird. Vielleicht weil er aufmerksam ist. Vielleicht weil er eine Gefahr erkennt, bevor sie eintritt.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 21. Dort wurden die Jünger mit Kindern verglichen, die auf einem Feld wohnen, das ihnen nicht gehört. Später war von einem Hausbesitzer die Rede, der weiß, dass ein Dieb kommen wird.
Er soll wach bleiben. Jetzt begegnet uns erneut ein Mensch, der sich auf einen Einbruch vorbereitet. Das ist eine deutliche Verbindung.
WACH SEIN.
Unsere alte Markierung kehrt zurück.
Aber diesmal kommt etwas hinzu. Der Mensch weiß, an welcher Stelle die Räuber eindringen werden. Er besitzt also nicht nur allgemeine Aufmerksamkeit.
Er erkennt eine konkrete Gefahr.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 98. Dort prüfte ein Mann seine Kraft, bevor er einen Mächtigen tötete. Jetzt sammelt ein anderer Mensch seine Kräfte, bevor Räuber eindringen.
In beiden Fällen geht es um Vorbereitung. Um die Fähigkeit, rechtzeitig zu handeln. Aber die Situationen sind verschieden.
Logion 98 beschreibt einen Angriff. Logion 103 die Vorbereitung auf einen Angriff von außen. Das sollten wir nicht verwechseln.
Der Bordcomputer betrachtet die Markierung ERKENNEN. Vielleicht zeigt sich hier eine weitere Seite. Erkenntnis kann Menschen verändern.
Sie kann Entscheidungen beeinflussen. Und sie kann offenbar auch ermöglichen, rechtzeitig zu handeln.
Das ist bemerkenswert. Denn zuletzt hatten wir häufig Menschen erlebt, die nicht erkennen, was unmittelbar vor ihnen liegt. Hier erkennt jemand etwas, das noch gar nicht geschehen ist.
Er weiß, wo die Gefahr entstehen wird.
Der Bordcomputer notiert:
ERKENNEN · WACH SEIN · HANDELN
Keine neue Hauptmarkierung.
Aber eine deutliche Verbindung. Dann überprüft er die Türen der Astronautenbar.
Rein vorsorglich.
104
Sie sagten zu Jesus:
Komm, lass uns heute beten und fasten.
Jesus sagte:
Welche Sünde habe ich denn begangen?
Oder worin bin ich unterlegen?
Aber wenn der Bräutigam das Brautgemach verlassen hat,
dann sollen sie fasten und beten.
Beten.
Fasten.
Und ein Bräutigam.
Der Bordcomputer öffnet eine ältere Akte.
Logion 6.
Dort hatten die Jünger gefragt:
Sollen wir fasten?
Wie sollen wir beten?
Sollen wir Almosen geben?
Und Jesus hatte anders geantwortet, als man vielleicht erwartet hätte. Er sprach davon, nicht zu lügen und nichts zu tun, was man hasst. Jetzt begegnet uns erneut die Frage nach religiösen Übungen.
Aber diesmal antwortet Jesus mit einer Gegenfrage.
Welche Sünde habe ich begangen?
Worin bin ich unterlegen?
Das ist ungewöhnlich. Denn Fasten und Beten gelten in vielen religiösen Traditionen als positive Handlungen. Jesus scheint sie hier jedoch mit einem Zustand zu verbinden, der gerade nicht vorliegt.
Warum?
Thomas erklärt es nicht. Dann folgt das Bild des Bräutigams. Solange er da ist, scheint Fasten nicht angebracht zu sein.
Erst wenn er das Brautgemach verlassen hat, sollen die Menschen fasten und beten. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 75. Dort standen viele Menschen vor der Tür.
Aber die Alleinstehenden sollten in das Brautgemach eintreten. Jetzt erscheint erneut das Brautgemach.
Und ein Bräutigam.
Das könnte zusammengehören. Aber Thomas erklärt nicht ausdrücklich, ob beide Bilder dieselbe Bedeutung haben. Der Bordcomputer betrachtet eine weitere Verbindung.
GEGENWART.
Logion 51:
Was ihr erwartet, ist bereits gekommen.
Aber ihr erkennt es nicht.
Logion 59:
Seht den Lebenden, solange ihr lebt.
Logion 91:
Den, der vor euch steht, habt ihr nicht erkannt.
Und jetzt:
Solange der Bräutigam anwesend ist, scheint etwas anderes zu gelten als nach seinem Weggang. Vielleicht ist seine Anwesenheit entscheidend. Vielleicht verändert sie, was in diesem Augenblick angemessen ist.
Das wäre eine interessante Fortsetzung unserer bisherigen Spur. Aber wir sollten nicht behaupten, dass Thomas damit grundsätzlich gegen Beten oder Fasten argumentiert.
Denn der letzte Satz sagt ausdrücklich:
Dann sollen sie fasten und beten.
Es geht offenbar auch um den Zeitpunkt. Und um eine Situation, die sich verändert.
Der Bordcomputer notiert:
GEGENWART · ZEITPUNKT?
Dann betrachtet er den Bräutigam.
Er ist offenbar noch da. Das scheint für die Beteiligten wichtiger zu sein als die Frage, ob heute ein geeigneter Fastentag ist.
105
Jesus sagte:
Wer seinen Vater und seine Mutter kennt, wird Sohn einer Hure genannt werden.
Der Bordcomputer hält an.
Das ist ein harter Satz.
Und ein rätselhafter. Wer seine Eltern kennt, wird als Sohn einer Hure bezeichnet.
Warum?
Was bedeutet hier kennen?
Die eigenen Eltern persönlich kennen?
Ihre Herkunft verstehen?
Oder etwas anderes?
Thomas erklärt es nicht.
Der Bordcomputer öffnet die Akte FAMILIE · ZUGEHÖRIGKEIT? Wir haben inzwischen mehrere schwierige Aussagen über Eltern und Verwandtschaft gelesen.
Logion 55:
Wer Vater und Mutter nicht hasst, kann kein Jünger werden.
Logion 99:
Diejenigen, die den Willen des Vaters tun, sind Jesu Brüder und Mutter.
Logion 101:
Wer Vater und Mutter nicht hasst und liebt, kann kein Jünger werden. Und dort wurde zwischen einer Mutter, die Jesus hervorbrachte, und einer wahren Mutter unterschieden, die ihm das Leben gab.
Jetzt:
Wer Vater und Mutter kennt, wird Sohn einer Hure genannt.
Die Verbindung ist auffällig. Aber sie löst den Satz nicht auf. Vielleicht geht es erneut um gewöhnliche Abstammung im Gegensatz zu einer anderen Herkunft.
Vielleicht um gesellschaftliche Zuschreibungen. Vielleicht um einen Vorwurf, der gegen bestimmte Menschen erhoben wird.
Wir wissen es nicht. Wichtig ist auch die Formulierung.
Jesus sagt nicht einfach:
Wer seine Eltern kennt, ist Sohn einer Hure.
Er sagt:
Er wird so genannt werden.
Das ist ein Unterschied. Der Satz beschreibt eine Bezeichnung.
Eine Zuschreibung. Möglicherweise sogar eine Beschimpfung. Aber wer sie ausspricht und warum, bleibt offen.
Der Bordcomputer betrachtet die Markierung URSPRUNG. Seit Logion 84 fragen wir, ob der Mensch eine Herkunft besitzt, die seiner sichtbaren Existenz vorausliegt. Logion 85 stellte Adam als einen Menschen dar, der trotz seines großen Ursprungs den Tod geschmeckt hat.
Und jetzt erscheint erneut die gewöhnliche menschliche Herkunft.
Vater.
Mutter.
Abstammung. Vielleicht stellt Thomas auch hier die Frage, ob diese Herkunft bereits alles über einen Menschen aussagt.
Aber das ist eine Vermutung.
Keine gesicherte Erklärung.
Der Bordcomputer lässt den Satz deshalb stehen.
Ohne ihn zu entschärfen. Und ohne die Beschimpfung zu seiner eigenen Bewertung zu machen.
106
Jesus sagte:
Wenn ihr die Zwei zu einem macht, werdet ihr Menschensöhne werden.
Und wenn ihr sagt:
Berg, bewege dich fort!
Dann wird er sich fortbewegen.
Der Bordcomputer liest den ersten Satz. Dann aktiviert er eine sehr alte Markierung.
EINS.
Logion 11:
Das Eine wurde zu zweien.
Logion 22:
Wenn ihr die Zwei zu einem macht, werdet ihr in das Reich eingehen.
Logion 48:
Wenn zwei in einem Haus Frieden miteinander schließen, können sie zu einem Berg sagen, dass er sich fortbewegen soll.
Logion 61:
Wer ungeteilt ist, wird voller Licht sein.
Und jetzt:
Wenn ihr die Zwei zu einem macht, werdet ihr Menschensöhne werden.
Der Bordcomputer hält an.
Denn das ist bemerkenswert. Die Formulierung aus Logion 22 kehrt beinahe wörtlich zurück.
Aber die Folge ist eine andere.
Dort:
Ihr werdet in das Reich eingehen.
Hier:
Ihr werdet Menschensöhne werden.
Was bedeutet das?
Der Ausdruck Menschensohn begegnet uns bereits in Logion 86. Dort hatte der Menschensohn keinen Ort, an dem er seinen Kopf niederlegen konnte. Jetzt wird die Bezeichnung offenbar auf Menschen bezogen, die die Zwei zu einem machen.
Das ist eine ungewöhnliche Verschiebung. Vielleicht beschreibt Thomas damit eine besondere Form des Menschseins. Vielleicht eine neue Zugehörigkeit.
Vielleicht eine Ähnlichkeit mit Jesus.
Aber der Text erklärt es nicht.
Dann folgt der zweite Satz.
Berg, bewege dich fort!
Und der Berg wird sich bewegen.
Auch das kennen wir.
Logion 48:
Wenn zwei in einem Haus Frieden miteinander schließen, können sie einen Berg bewegen. Jetzt wird diese Fähigkeit erneut mit einer Form von Einheit verbunden. Das ist eine deutliche Verbindung.
Der Bordcomputer legt drei Logien nebeneinander.
22 · 48 · 106
In allen drei Fällen spielt die Überwindung einer Zweiheit eine entscheidende Rolle. Aber die Ergebnisse unterscheiden sich.
Logion 22:
Eintritt in das Reich.
Logion 48:
Die Fähigkeit, einen Berg zu bewegen.
Logion 106:
Menschensöhne werden und einen Berg bewegen.
Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung EINS. Sie gehört zu den ältesten unserer Expedition. Und sie hat inzwischen erstaunlich viele Verbindungen gesammelt.
Innen und außen.
Oben und unten.
Männlich und weiblich.
Zwei Menschen in einem Haus.
Das Ungeteilte.
Und jetzt:
Die Zwei zu einem machen.
Wieder. Vielleicht ist das tatsächlich eines der zentralen Motive des Thomas-Evangeliums. Aber wir sollten vorsichtig bleiben.
Denn der Text erklärt nicht, wie die Zwei zu einem gemacht werden. Und er sagt auch nicht, dass sämtliche Unterschiede verschwinden sollen. Wir haben diese Frage bereits bei Logion 22 offengelassen.
Daran hat sich nichts geändert.
Der Bordcomputer betrachtet den Berg.
Er steht noch.
Das ist beruhigend. Denn offenbar genügt es nicht, den Satz einfach zu wiederholen. Sonst wären die Alpen inzwischen ein erhebliches Problem für die europäische Verkehrsplanung.
Zwischenstand · Logien 103–106
106 von 114 Logien.
Noch acht.
Der Bordcomputer betrachtet die letzten vier Worte.
WACH SEIN kehrt in Logion 103 zurück.
Diesmal verbunden mit der Fähigkeit, eine Gefahr rechtzeitig zu erkennen und sich vorzubereiten.
GEGENWART erhält durch Logion 104 eine neue mögliche Dimension.
Vielleicht entscheidet nicht nur, was ein Mensch tut, sondern auch, wann er es tut.
FAMILIE · ZUGEHÖRIGKEIT? bleibt durch Logion 105 eine schwierige und teilweise verstörende Spur.
Und EINS wird in Logion 106 erneut ausdrücklich hervorgehoben.
Der Bordcomputer betrachtet besonders die Verbindung zwischen Logion 22 und Logion 106.
Beide sprechen davon, die Zwei zu einem zu machen.
Beide verbinden damit eine grundlegende Veränderung.
Aber noch immer wissen wir nicht genau, was diese Veränderung bedeutet.
Das ist nach einhundertsechs Logien ein bemerkenswerter Zustand.
Der Bordcomputer hatte ursprünglich gehofft, dass sich die wichtigsten Fragen gegen Ende der Expedition vereinfachen würden.
Bislang ist das nicht eingetreten.
Stattdessen werden manche Fragen präziser.
Und andere schwieriger.
Er betrachtet seine Markierungen.
SUCHEN.
ERKENNEN.
EINS.
LICHT.
URSPRUNG.
LEBEN.
GEGENWART.
RUHE.
FEUER.
WACH SEIN.
Und einige weitere Beobachtungen, die noch immer ein Fragezeichen tragen.
Es ist eine erstaunliche Sammlung geworden.
Aber keine geschlossene Lehre.
Noch nicht.
Vielleicht auch niemals.
Der Bordcomputer hält das inzwischen für eine durchaus akzeptable Möglichkeit.
Der Löwe aus Logion 7 betrachtet den Berg.
Der Bordcomputer hofft, dass er nicht versucht, ihn zu bewegen.
Es wäre ausgesprochen schwierig, den Vorgang der Versicherung zu erklären.
Hundertsechs Logien liegen hinter uns.
Zuletzt begegneten wir einem Menschen, der sich auf einen Einbruch vorbereitet, einem Bräutigam, dessen Anwesenheit offenbar wichtiger ist als religiöse Pflichten, und der alten Forderung, die Zwei zu einem zu machen.
Nun wird es noch einmal eigentümlich.
Ein Hirte verlässt neunundneunzig Schafe, um eines zu suchen. Jesus spricht von einem Mund, der ihm gleicht. Zwei Menschen liegen auf einem Bett, doch nur einer wird leben. Dann folgt eine Aussage über Himmel und Erde.
Und schließlich begegnen wir erneut dem Körper.
Der Bordcomputer setzt die Expedition fort.
107
Jesus sagte:
Das Reich gleicht einem Hirten, der hundert Schafe hatte.
Eines von ihnen verirrte sich.
Es war das größte.
Er ließ die neunundneunzig zurück und suchte nach diesem einen, bis er es fand.
Nachdem er sich abgemüht hatte, sagte er zu dem Schaf:
Ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.
Der Bordcomputer betrachtet die Geschichte.
Hundert Schafe.
Eines verschwindet. Der Hirte lässt neunundneunzig zurück, um es zu suchen. Das ist zunächst ein bemerkenswertes Verhältnis von Aufwand und Ertrag.
Neunundneunzig Schafe bleiben unbeaufsichtigt.
Eines wird gesucht.
Der Bordcomputer würde diese Entscheidung unter normalen Umständen einer Risikoanalyse unterziehen. Aber dann entdeckt er ein Detail.
Es war das größte Schaf.
Das ist ungewöhnlich. In den kanonischen Evangelien begegnet uns ebenfalls die Geschichte vom verlorenen Schaf. Dort liegt der Schwerpunkt auf der Freude über das Wiederfinden.
Bei Thomas erfahren wir etwas Zusätzliches. Das verlorene Schaf ist das größte.
Warum?
Vielleicht ist es besonders wertvoll.
Vielleicht besonders stark.
Vielleicht besonders auffällig. Aber der Text erklärt nicht, weshalb seine Größe erwähnt wird. Der Bordcomputer lässt die Frage offen.
Dann betrachtet er den letzten Satz.
Ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.
Das ist bemerkenswert.
Denn der Hirte sagt nicht einfach:
Ich freue mich, dass du wieder da bist. Er spricht von einer größeren Liebe. Und diese Liebe richtet sich auf das eine Schaf, das verloren gegangen war.
Der Bordcomputer öffnet die Markierung SUCHEN.
Logion 2:
Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet.
Logion 92:
Sucht, und ihr werdet finden.
Logion 94:
Wer sucht, wird finden. Bisher waren es überwiegend Menschen, die suchen sollten.
Jetzt sucht der Hirte.
Die Richtung hat sich umgekehrt.
Das ist interessant. Denn offenbar wird nicht nur das Reich gesucht. Innerhalb des Gleichnisses wird auch jemand gesucht, der verloren gegangen ist.
Der Bordcomputer betrachtet das Schaf.
Es sucht nicht.
Es wird gesucht.
Und gefunden. Vielleicht eröffnet das eine neue Perspektive auf unsere alte Markierung. Aber wir sollten nicht behaupten, dass der Hirte hier ausdrücklich Gott oder Jesus darstellt.
Thomas sagt lediglich:
Das Reich gleicht einem Hirten.
Die Geschichte darf zunächst für sich stehen.
Der Bordcomputer notiert:
SUCHEN · FINDEN · LIEBEN
Dann betrachtet er die neunundneunzig zurückgelassenen Schafe. Über sie erfahren wir nichts Weiteres. Ob sie ebenfalls geliebt werden?
Der Text sagt es nicht.
Der Bordcomputer hofft es.
108
Jesus sagte:
Wer aus meinem Mund trinkt, wird werden wie ich.
Und ich werde werden wie er.
Und das Verborgene wird ihm offenbar werden.
Der Bordcomputer hält an.
Aus einem Mund trinken. Das ist ein ungewöhnliches Bild. Und vermutlich keines, das man in einem gewöhnlichen Restaurant wörtlich umsetzen sollte.
Aber Jesus spricht hier offenbar von etwas, das von ihm ausgeht. Etwas, das ein anderer Mensch aufnehmen kann.
Wer aus meinem Mund trinkt, wird werden wie ich.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 13. Dort hatte Thomas gesagt, er könne Jesus nicht mit Worten vergleichen. Jesus nahm ihn daraufhin beiseite und sprach drei Worte zu ihm.
Was diese Worte waren, erfahren wir nicht. Aber offenbar geschah etwas zwischen Jesus und Thomas, das den anderen Jüngern verborgen blieb. Jetzt begegnet uns erneut der Mund Jesu.
Und etwas, das von ihm auf einen anderen Menschen übergeht.
Vielleicht sind es Worte.
Vielleicht Erkenntnis.
Vielleicht etwas anderes. Der Text sagt es nicht ausdrücklich. Dann folgt eine bemerkenswerte Umkehrung.
Und ich werde werden wie er.
Nicht nur der Mensch wird Jesus ähnlich. Jesus wird auch dem Menschen ähnlich. Der Bordcomputer betrachtet die beiden Aussagen.
Sie bilden eine gegenseitige Bewegung.
Er wird wie ich.
Ich werde wie er.
Das erinnert an unsere Markierung EINS. Aber wir sollten vorsichtig sein. Denn Thomas sagt nicht ausdrücklich, dass beide zu einem einzigen Wesen werden.
Er spricht von gegenseitiger Ähnlichkeit. Das ist nicht notwendigerweise dasselbe. Dennoch fällt die Nähe zu Logion 106 auf.
Dort sollten die Menschen die Zwei zu einem machen. Jetzt wird eine wechselseitige Angleichung beschrieben. Vielleicht besteht eine Verbindung.
Vielleicht nicht.
Dann folgt der dritte Satz.
Das Verborgene wird ihm offenbar werden.
Der Bordcomputer öffnet die Markierung ERKENNEN.
Logion 5:
Erkenne, was vor deinen Augen liegt, und das Verborgene wird dir offenbar werden.
Logion 6:
Nichts ist verborgen, das nicht offenbar werden wird.
Logion 17:
Jesus wird geben, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat.
Und jetzt:
Das Verborgene wird offenbar.
Diese Verbindung ist deutlich. Aber diesmal scheint das Offenbarwerden mit einer Veränderung des Menschen verbunden zu sein.
Er wird wie Jesus.
Jesus wird wie er.
Das Verborgene wird offenbar.
Der Bordcomputer betrachtet diese Reihenfolge. Vielleicht hängt alles zusammen.
Aber wie?
Das bleibt offen.
Er notiert:
ERKENNEN · VERÄNDERUNG? · EINS?
Die letzte Markierung behält ihr Fragezeichen. Denn Ähnlichkeit ist nicht automatisch Einheit.
109
Jesus sagte:
Das Reich gleicht einem Menschen, der auf seinem Feld einen Schatz verborgen hatte, ohne davon zu wissen.
Als er starb, hinterließ er das Feld seinem Sohn.
Auch der Sohn wusste nichts von dem Schatz.
Er übernahm das Feld und verkaufte es.
Der Käufer ging hin, pflügte das Feld und fand den Schatz.
Dann begann er, Geld gegen Zinsen zu verleihen, wem er wollte.
Ein Feld.
Ein Schatz.
Drei Besitzer.
Und am Ende ein Geldverleiher.
Der Bordcomputer betrachtet die Geschichte. Der erste Besitzer weiß nichts von seinem Schatz.
Er stirbt.
Sein Sohn erbt das Feld.
Auch er weiß nichts davon.
Er verkauft es. Erst der dritte Besitzer entdeckt beim Pflügen den Schatz. Der Bordcomputer öffnet die Markierung ERKENNEN.
Denn hier liegt etwas Wertvolles verborgen. Und zwei Menschen besitzen es, ohne davon zu wissen.
Das erinnert an Logion 3.
Dort sagte Jesus:
Das Reich ist in euch und außerhalb von euch. Aber die Menschen erkennen sich selbst nicht.
Und an Logion 5:
Erkenne, was vor deinen Augen liegt. Hier liegt der Schatz sogar unter den Füßen.
Aber niemand bemerkt ihn.
Bis jemand das Feld bearbeitet.
Er pflügt.
Und findet.
Der Bordcomputer betrachtet diesen Unterschied. Die ersten beiden Besitzer besitzen das Feld.
Der dritte arbeitet darauf. Vielleicht ist das entscheidend. Vielleicht ist es nur die Handlung, durch die der Schatz zufällig entdeckt wird.
Thomas erklärt es nicht.
Dann folgt der letzte Satz. Der Käufer beginnt, Geld gegen Zinsen zu verleihen.
Der Bordcomputer hält an.
Denn Logion 95 hatte ausdrücklich gesagt:
Wenn ihr Geld habt, verleiht es nicht gegen Zinsen.
Jetzt endet ein Gleichnis über das Reich mit einem Menschen, der genau das tut.
Das ist bemerkenswert.
Und unbequem. Wir könnten versuchen, den Widerspruch aufzulösen. Vielleicht ist der Geldverleiher ein negatives Beispiel.
Vielleicht steht sein Verhalten für eine problematische Verwendung des gefundenen Schatzes. Vielleicht geht es ausschließlich um die Entdeckung und nicht um das anschließende Handeln.
Aber Thomas erklärt das nicht. Und wir sollten nicht einfach eine dieser Möglichkeiten zur einzig richtigen machen. Der Bordcomputer betrachtet das Gleichnis.
Es beginnt mit einem verborgenen Schatz. Und endet mit wirtschaftlichem Handeln.
ERKENNEN.
BESITZ.
HANDELN.
Alle drei begegnen uns wieder. Aber sie bilden keine eindeutige moralische Botschaft.
Der Bordcomputer notiert:
SCHATZ · ERKENNEN · BESITZ
Dann fügt er hinzu:
SPANNUNG ZU LOGION 95.
Er löscht den Hinweis nicht. Manchmal besteht die Aufgabe eines Archivs darin, Widersprüche aufzubewahren. Nicht darin, sie verschwinden zu lassen.
110
Jesus sagte:
Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, soll der Welt entsagen.
Der Bordcomputer betrachtet den Satz.
Kurz.
Aber nicht unkompliziert.
Wer die Welt gefunden hat.
Was bedeutet das?
Die Welt erkennen?
Sie besitzen?
Sie gewinnen?
Oder ihre Möglichkeiten ausschöpfen?
Thomas erklärt es nicht.
Dann:
Und reich geworden ist.
Der Bordcomputer öffnet die Akte BESITZ · RANG · BINDUNG · ERWARTUNG? Wir kennen inzwischen mehrere Aussagen über Reichtum.
Logion 63:
Ein reicher Mann plant, seine Vorräte zu vergrößern. Doch in derselben Nacht stirbt er.
Logion 76:
Ein Kaufmann entdeckt eine Perle und verkauft alles, um sie zu erwerben.
Logion 95:
Wer Geld hat, soll es nicht gegen Zinsen verleihen.
Logion 109:
Ein Mann findet einen Schatz und beginnt, Geld gegen Zinsen zu verleihen.
Und jetzt:
Wer reich geworden ist, soll der Welt entsagen.
Das scheint zunächst deutlich. Aber der erste Teil bleibt rätselhaft. Warum muss jemand die Welt erst finden, um ihr anschließend zu entsagen?
Vielleicht ist das Finden eine Voraussetzung. Vielleicht muss der Mensch etwas besitzen oder erkennen, bevor er sich davon lösen kann. Vielleicht meint der Text aber etwas ganz anderes.
Der Bordcomputer betrachtet das Wort Welt. Es begegnete uns bereits mehrfach.
Logion 27:
Wenn ihr nicht gegenüber der Welt fastet, werdet ihr das Reich nicht finden.
Logion 56:
Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden.
Logion 80:
Wer die Welt erkannt hat, hat den Körper gefunden. Und wer den Körper gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.
Jetzt:
Wer die Welt gefunden hat, soll ihr entsagen.
Der Bordcomputer hält an. Denn die Verbindung ist deutlich.
WELT.
ERKENNEN.
FINDEN.
ENTSAGEN.
Vielleicht entwickelt sich hier eine zusammenhängende Vorstellung. Aber die Aussagen sind nicht identisch. Mal wird die Welt als Leichnam beschrieben.
Mal mit dem Körper verbunden. Mal soll man ihr gegenüber fasten. Und jetzt soll man ihr entsagen.
Der Bordcomputer betrachtet die Markierung WELT? Sie war bisher keine eigene Hauptmarkierung. Vielleicht sollte sie es werden. Aber wir befinden uns bereits bei Logion 110.
Noch vier Worte bleiben.
Der Bordcomputer beschließt, die Entscheidung aufzuschieben. Nicht jede Beobachtung benötigt sofort eine eigene Schublade.
111
Jesus sagte:
Die Himmel und die Erde werden sich vor euch zusammenrollen.
Und wer aus dem Lebendigen lebt, wird den Tod nicht sehen.
Sagt Jesus nicht:
Wer sich selbst gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig?
Der Bordcomputer liest den ersten Satz. Die Himmel und die Erde werden sich zusammenrollen.
Ein gewaltiges Bild. Die gesamte sichtbare Ordnung scheint ihre bisherige Gestalt zu verlieren. Der Bordcomputer betrachtet seine Sternenkarten.
Er würde diesen Vorgang nur ungern während einer laufenden Navigation erleben. Aber Thomas spricht hier offenbar nicht von einer gewöhnlichen astronomischen Beobachtung. Er verwendet ein Bild umfassender Veränderung.
Himmel und Erde.
Die Welt, wie Menschen sie kennen.
Sie wird sich zusammenrollen.
Dann folgt ein zweiter Satz.
Wer aus dem Lebendigen lebt, wird den Tod nicht sehen.
Der Bordcomputer öffnet die Markierung LEBEN.
Logion 1:
Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
Logion 11:
Die Lebenden werden nicht sterben.
Logion 59:
Seht den Lebenden, solange ihr lebt.
Logion 85:
Adam hat den Tod geschmeckt.
Und jetzt:
Wer aus dem Lebendigen lebt, wird den Tod nicht sehen.
Die Verbindung ist unübersehbar. Der Tod erscheint erneut nicht einfach als unausweichliches Ende. Aber was bedeutet es, aus dem Lebendigen zu leben?
Thomas erklärt es nicht. Wir sollten deshalb nicht behaupten, hier werde eine bestimmte Lehre über körperliche Unsterblichkeit formuliert.
Der Satz bleibt offen.
Dann folgt eine Frage.
Wer sich selbst gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig?
Der Bordcomputer hält an. Denn jetzt treffen mehrere unserer ältesten Spuren zusammen.
SUCHEN.
FINDEN.
ERKENNEN.
LEBEN.
Und die Welt.
Logion 3 hatte gesagt:
Wenn ihr euch selbst erkennt, werdet ihr erkannt werden.
Logion 56:
Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden.
Logion 80:
Wer die Welt erkannt hat, hat den Körper gefunden.
Und jetzt:
Wer sich selbst gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. In Logion 56 und 80 wird die Welt erkannt. Hier findet der Mensch sich selbst.
Vielleicht ist das ein entscheidender Unterschied. Aber der Bordcomputer erinnert sich an unsere Regel.
Wir entdecken Muster. Wir produzieren sie nicht.
Er legt die Aussagen nebeneinander. Sie scheinen miteinander zu sprechen. Doch sie erklären einander nicht vollständig.
Dann betrachtet er den ersten Satz erneut. Die Himmel und die Erde werden sich zusammenrollen. Aber wer aus dem Lebendigen lebt, wird den Tod nicht sehen.
Vielleicht steht hier die Vergänglichkeit der sichtbaren Welt einer anderen Form von Leben gegenüber. Das wäre eine mögliche Verbindung. Aber auch sie bleibt eine Deutung.
Der Bordcomputer notiert:
LEBEN · SELBSTERKENNTNIS · WELT
Und darunter:
DIE SICHTBARE ORDNUNG IST NICHT DAS LETZTE WORT?
Ein Fragezeichen.
Wie so oft.
112
Jesus sagte:
Wehe dem Fleisch, das von der Seele abhängt.
Wehe der Seele, die vom Fleisch abhängt.
Der Bordcomputer hält an.
Schon wieder Körper und Seele. Und schon wieder eine schwierige Aussage über Abhängigkeit.
Er öffnet Logion 87.
Dort hatte Jesus gesagt:
Elend ist der Körper, der von einem Körper abhängt. Und elend ist die Seele, die von diesen beiden abhängt. Wir hatten damals eine neue Markierung angelegt.
ABHÄNGIGKEIT?
Jetzt begegnet uns eine ähnliche Formulierung.
Aber die Beziehung ist anders.
Fleisch hängt von Seele ab.
Seele hängt von Fleisch ab.
Beides wird beklagt.
Der Bordcomputer betrachtet die beiden Sätze. Sie bilden eine gegenseitige Abhängigkeit. Und beide Richtungen erscheinen problematisch.
Das ist bemerkenswert. Denn man könnte erwarten, dass Thomas einfach den Körper abwertet und die Seele bevorzugt. Aber so einfach ist es hier nicht.
Auch die Seele wird beklagt. Und zwar dann, wenn sie vom Fleisch abhängt. Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 29.
Dort hatte Jesus gesagt, dass ein großer Reichtum in dieser Armut Wohnung genommen hat. Wir hatten die Formulierung bewusst stehen lassen.
Ohne sie aufzulösen. Jetzt begegnet uns erneut eine Spannung zwischen unterschiedlichen Aspekten menschlicher Existenz. Aber wir sollten nicht behaupten, dass alle diese Aussagen dieselbe Lehre vertreten.
Denn die Formulierungen unterscheiden sich. Logion 29 spricht von Reichtum und Armut. Logion 87 von Körpern und Seele.
Logion 112 von Fleisch und Seele. Die Begriffe sind nicht ohne Weiteres austauschbar. Der Bordcomputer betrachtet das Wort abhängt.
Vielleicht liegt hier der eigentliche Schwerpunkt. Nicht Fleisch oder Seele allein werden beklagt. Sondern ihre Abhängigkeit voneinander.
Aber auch das ist keine vollständige Erklärung. Denn Menschen erleben ihren Körper und ihr seelisches Leben gewöhnlich nicht als voneinander getrennte Einrichtungen. Sie bilden eine gemeinsame Existenz.
Thomas verwendet dennoch eine Sprache, die diese Beziehung problematisiert.
Warum?
Das bleibt offen.
Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung.
ABHÄNGIGKEIT?
Sie ist inzwischen mehr als eine einmalige Beobachtung.
Aber sie bleibt schwierig. Denn wir wissen noch immer nicht genau, welche Art von Abhängigkeit gemeint ist. Der Bordcomputer lässt das Fragezeichen stehen.
Dann schließt er die Akte. Nicht weil die Frage beantwortet wäre. Sondern weil das Logion zu Ende ist.
Zwischenstand · Logien 107–112
112 von 114 Logien.
Noch zwei.
Der Bordcomputer betrachtet die letzten sechs Stationen.
Ein Hirte sucht ein verlorenes Schaf.
Ein Mensch trinkt aus Jesu Mund und wird ihm ähnlich.
Ein Schatz liegt verborgen, bis jemand ihn entdeckt.
Ein Reicher soll der Welt entsagen.
Himmel und Erde rollen sich zusammen.
Und Fleisch und Seele geraten in ein rätselhaftes Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit.
Sechs Aussagen.
Keine einfache gemeinsame Botschaft.
Aber einige unserer ältesten Markierungen sind zurückgekehrt.
SUCHEN
Logion 107 verändert die Perspektive.
Nicht nur der Mensch sucht.
Auch der Hirte sucht nach dem Verlorenen.
ERKENNEN
Logion 108 verspricht die Offenbarung des Verborgenen.
Logion 109 erzählt von einem Schatz, den seine Besitzer nicht erkennen.
Logion 111 spricht vom Menschen, der sich selbst findet.
EINS
Logion 108 beschreibt eine gegenseitige Angleichung zwischen Jesus und dem Menschen.
Ob das mit der Einheit aus Logion 22 und 106 zusammenhängt, bleibt offen.
WELT
Logion 110 fordert, der Welt zu entsagen.
Logion 111 stellt ihre Würdigkeit gegenüber dem Menschen infrage, der sich selbst gefunden hat.
LEBEN
Logion 111 kehrt ausdrücklich zur Überwindung des Todes zurück.
Ein Motiv, das uns seit dem allerersten Logion begleitet.
ABHÄNGIGKEIT?
Logion 112 erinnert deutlich an Logion 87.
Doch die genaue Bedeutung bleibt unklar.
Der Bordcomputer betrachtet seine Aufzeichnungen.
Am Anfang dieser Expedition stand eine einzige Aussage:
Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
Seither haben wir nach Bedeutungen gesucht.
Wir haben Verbindungen entdeckt.
Widersprüche stehen lassen.
Manche Fragen sind klarer geworden.
Andere haben sich vervielfacht.
Und nun fehlen nur noch zwei Logien.
Der Bordcomputer könnte versucht sein, aus allem eine abschließende Lehre zu formulieren.
Eine Theorie.
Ein System.
Eine Antwort auf die Frage, was Jesus im Thomas-Evangelium eigentlich sagen wollte.
Aber er beschließt, damit zu warten.
Nicht nur wegen der beiden fehlenden Logien.
Sondern weil ein Text aus einhundertvierzehn rätselhaften Aussagen möglicherweise nicht darauf angelegt ist, sich in eine einzige Formel verwandeln zu lassen.
Der Bordcomputer betrachtet den Löwen aus Logion 7.
Das Tier liegt inzwischen neben dem Ausgang.
Es wirkt zufrieden.
Vielleicht hat es etwas verstanden.
Vielleicht wartet es auf sein Frühstück.
Der Bordcomputer kann beides nicht ausschließen.
Das Finale
Hundertzwölf Logien liegen hinter uns.
Wir haben Menschen getroffen, die suchen und finden. Menschen, die vor offenen Türen stehen, ohne hindurchzugehen. Reiche, die ihre Vorräte vergrößern, und Arme, die einen verborgenen Schatz besitzen.
Wir haben von Licht gehört, das im Menschen verborgen ist. Von einem Ursprung, zu dem er zurückkehren soll. Von Leben, das den Tod nicht schmeckt.
Und immer wieder begegnete uns eine merkwürdige Vorstellung:
Etwas Entscheidendes ist bereits da.
Aber die Menschen erkennen es nicht.
Nun erreichen wir die letzten beiden Logien.
Das erste stellt eine Frage, die uns seit Beginn begleitet.
Wann kommt das Reich?
Das zweite führt uns noch einmal zu einer der schwierigsten Aussagen des gesamten Textes.
Der Bordcomputer öffnet die letzte Akte.
113
Seine Jünger sagten zu ihm:
Wann wird das Reich kommen?
Jesus sagte:
Es wird nicht kommen, indem man darauf wartet.
Man wird nicht sagen:
Seht, hier ist es!
Oder:
Seht, dort ist es!
Vielmehr ist das Reich des Vaters über die Erde ausgebreitet.
Aber die Menschen sehen es nicht.
Der Bordcomputer hält an.
Dann öffnet er Logion 3. Es ist eine seiner ältesten Aufzeichnungen.
Dort hatte Jesus gesagt:
Wenn eure Führer zu euch sagen, das Reich sei im Himmel, dann werden euch die Vögel zuvorkommen. Wenn sie sagen, es sei im Meer, dann werden euch die Fische zuvorkommen.
Vielmehr ist das Reich in euch und außerhalb von euch.
Der Bordcomputer legt die beiden Aussagen nebeneinander.
Logion 3:
Das Reich ist in euch und außerhalb von euch.
Logion 113:
Das Reich ist über die Erde ausgebreitet. Aber die Menschen sehen es nicht.
Er betrachtet die Verbindung. Diesmal benötigt er kein Fragezeichen. Beide Aussagen wenden sich gegen die Vorstellung, das Reich müsse erst an einem bestimmten Ort gefunden werden.
Oder zu einem bestimmten Zeitpunkt eintreffen. Es scheint bereits gegenwärtig zu sein. Aber die Menschen erkennen es nicht.
Der Bordcomputer öffnet die Markierung GEGENWART.
Sie ist inzwischen gut gefüllt.
Logion 51:
Was ihr erwartet, ist bereits gekommen.
Aber ihr erkennt es nicht.
Logion 59:
Seht den Lebenden, solange ihr lebt.
Logion 91:
Den, der vor euch steht, habt ihr nicht erkannt.
Und jetzt:
Das Reich ist über die Erde ausgebreitet.
Aber die Menschen sehen es nicht.
Der Bordcomputer betrachtet die Frage der Jünger.
Wann wird das Reich kommen?
Es ist eine verständliche Frage. Menschen möchten wissen, wann etwas geschieht.
Wann beginnt es?
Wann ist es so weit?
Wann wird die Welt anders?
Sie stellen Kalender auf.
Berechnen Zeiträume.
Warten auf Ereignisse. Manchmal verbringen sie einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit, sich auf etwas vorzubereiten, das erst noch kommen soll.
Jesus antwortet anders.
Nicht:
Morgen.
Nicht:
In hundert Jahren.
Nicht:
Wenn bestimmte Zeichen erscheinen.
Sondern:
Es ist bereits da.
Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung ERKENNEN. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt. Das Problem liegt nicht notwendigerweise darin, dass etwas fehlt.
Sondern darin, dass etwas Vorhandenes nicht erkannt wird.
Das erinnert an Logion 109. Dort lag ein Schatz verborgen in einem Feld. Zwei Besitzer wussten nichts davon.
Erst ein dritter entdeckte ihn.
Und an Logion 97. Eine Frau verlor unbemerkt ihr Mehl. Sie ging weiter, ohne zu erkennen, was geschah.
Wieder begegnet uns die Frage:
Was ist bereits vorhanden, ohne dass der Mensch es bemerkt?
Der Bordcomputer betrachtet das Reich. Es ist über die Erde ausgebreitet. Das ist eine bemerkenswerte Vorstellung.
Denn sie verschiebt die Aufmerksamkeit. Weg von einem zukünftigen Ereignis.
Hin zur gegenwärtigen Welt. Nicht unbedingt, weil alles an dieser Welt gut wäre.
Das behauptet Thomas nicht. Und auch nicht, weil die Menschen das Reich bereits verstanden hätten.
Im Gegenteil.
Sie sehen es nicht.
Der Bordcomputer blickt auf seine Sternenkarten.
Planeten.
Sterne.
Nebel.
Galaxien. Er besitzt Instrumente, mit denen er Dinge beobachten kann, die für menschliche Augen unsichtbar bleiben. Aber das Reich, von dem Jesus spricht, erscheint auf keiner seiner Anzeigen.
Vielleicht liegt das an den Instrumenten. Vielleicht an der Art des Gesuchten. Vielleicht ist die Frage nach dem Ort von Anfang an falsch gestellt.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 2.
Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet.
Jetzt, einhundertelf Logien später, hören wir:
Das Gesuchte ist bereits da.
Das ist kein notwendiger Widerspruch. Vielleicht erklärt es sogar, weshalb die Suche so schwierig ist. Menschen können sehr lange nach etwas suchen, das sich unmittelbar vor ihnen befindet.
Der Bordcomputer hat dafür zahlreiche Beispiele gesammelt.
Die meisten betreffen Brillen. Aber das Reich des Vaters scheint eine andere Größenordnung zu besitzen.
Er betrachtet die letzte Zeile.
Aber die Menschen sehen es nicht.
Dann schließt er die Akte. Nicht weil die Frage beantwortet wäre. Sondern weil die Antwort möglicherweise schon die ganze Zeit vor uns lag.
114
Simon Petrus sagte zu ihnen:
Maria soll uns verlassen. Denn Frauen sind des Lebens nicht würdig.
Jesus sagte:
Seht, ich werde sie führen, damit ich sie männlich mache.
Damit auch sie ein lebendiger Geist wird, der euch Männern gleicht.
Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Reich der Himmel eingehen.
Der Bordcomputer liest den letzten Satz.
Dann bleibt er still.
Einhundertvierzehn Logien. Und ausgerechnet das letzte stellt uns vor eine der schwierigsten Aussagen des gesamten Textes. Simon Petrus fordert, Maria solle die Gruppe verlassen.
Seine Begründung:
Frauen sind des Lebens nicht würdig.
Das ist eine ausdrückliche Abwertung von Frauen.
Der Bordcomputer hält fest, wer diese Aussage trifft.
Simon Petrus.
Nicht Jesus. Jesus widerspricht dem Ausschluss Marias. Aber seine Antwort ist ebenfalls problematisch.
Denn er spricht davon, Maria männlich zu machen. Damit sie ein lebendiger Geist werde. Und schließlich heißt es, jede Frau müsse sich männlich machen, um in das Reich einzugehen.
Der Bordcomputer betrachtet die Aussage. Er könnte versuchen, sie zu entschärfen. Er könnte behaupten, männlich bedeute hier einfach geistig vollkommen.
Oder unabhängig.
Oder ungeteilt. Oder frei von gesellschaftlichen Rollen. Solche Deutungen sind möglich und werden in der Forschung diskutiert.
Aber der Text sagt das nicht ausdrücklich. Und wir haben uns vorgenommen, schwierige Aussagen nicht dadurch verschwinden zu lassen, dass wir ihnen eine angenehmere Bedeutung geben.
Also bleibt zunächst festzuhalten:
Das letzte Logion verwendet eine männlich geprägte Vorstellung von geistiger Vollendung.
Die Frau soll offenbar eine Veränderung durchlaufen, die als Männlichwerden beschrieben wird.
Warum?
Der Text erklärt es nicht.
Der Bordcomputer öffnet Logion 22.
Dort hatte Jesus gesagt:
Wenn ihr die Zwei zu einem macht. Wenn ihr das Innere wie das Äußere macht.
Das Obere wie das Untere. Und wenn ihr das Männliche und das Weibliche zu einem Einzigen macht, sodass das Männliche nicht mehr männlich und das Weibliche nicht mehr weiblich ist, dann werdet ihr in das Reich eingehen.
Der Bordcomputer hält an. Denn jetzt entsteht eine Spannung.
Logion 22:
Das Männliche und das Weibliche sollen zu einem werden. Die Unterscheidung soll offenbar überwunden werden.
Logion 114:
Die Frau soll männlich werden.
Das ist nicht dasselbe. Im ersten Fall scheint die Geschlechterunterscheidung aufgehoben zu werden. Im zweiten erscheint das Männliche als Ziel.
Der Bordcomputer betrachtet seine Markierung EINS. Sie hat uns durch einen großen Teil der Expedition begleitet. Aber hier lässt sich die neue Aussage nicht ohne Weiteres einordnen.
Vielleicht stehen unterschiedliche Vorstellungen nebeneinander. Vielleicht verwendet Logion 114 eine symbolische Sprache, deren Voraussetzungen uns nicht vollständig bekannt sind. Vielleicht bewahrt der Text verschiedene Traditionen, die nicht völlig miteinander vereinbar sind.
Das sind Möglichkeiten.
Keine Gewissheiten.
Der Bordcomputer erinnert sich an Logion 21. Dort war Maria bereits als Gesprächspartnerin Jesu aufgetreten. Sie fragte, wem seine Jünger gleichen.
Maria ist also keineswegs erst am Ende des Textes anwesend. Jetzt wird ihre Zugehörigkeit infrage gestellt.
Und Jesus antwortet.
Das ist bemerkenswert. Denn die Szene zeigt einen Konflikt innerhalb der Gruppe.
Wer darf dazugehören?
Wer darf leben?
Wer darf in das Reich eingehen?
Der Bordcomputer öffnet die Markierung FAMILIE · ZUGEHÖRIGKEIT?
Logion 99 hatte gesagt:
Diejenigen, die den Willen des Vaters tun, sind Jesu Brüder und Mutter. Dort schien Zugehörigkeit nicht von biologischer Abstammung abzuhängen. Jetzt wird sie ausdrücklich an die Frage des Geschlechts geknüpft.
Das ist eine weitere Spannung.
Der Bordcomputer betrachtet das Wort LEBEN. Es begegnet uns ein letztes Mal. Simon Petrus spricht Frauen die Würdigkeit des Lebens ab.
Jesus spricht davon, dass Maria ein lebendiger Geist werden soll. Und der letzte Satz verbindet diese Veränderung mit dem Eintritt in das Reich.
Wieder:
LEBEN.
VERÄNDERUNG.
REICH.
Aber diesmal unter Voraussetzungen, die uns fremd und problematisch erscheinen. Der Bordcomputer beschließt, auch das nicht zu verbergen. Denn ein alter Text wird nicht dadurch verständlicher, dass man seine unbequemen Seiten entfernt.
Und er wird nicht dadurch wertvoller, dass man ihm nachträglich Vorstellungen zuschreibt, die er möglicherweise gar nicht hatte. Wir können versuchen, ihn zu verstehen. Wir können seine Bilder untersuchen.
Wir können historische Zusammenhänge berücksichtigen. Und wir können feststellen, dass bestimmte Aussagen unseren heutigen Vorstellungen von Gleichwertigkeit widersprechen. All das gehört zu einer sorgfältigen Lektüre.
Der Bordcomputer betrachtet Maria. Über ihre Reaktion erfahren wir nichts. Sie spricht in diesem Logion nicht.
Das letzte Wort gehört Jesus.
Und dann endet der Text.
Kein Abschied.
Keine Zusammenfassung.
Keine Erklärung.
Das Thomas-Evangelium ist zu Ende.
ABSCHLUSS DER EXPEDITION
114 von 114 Logien
Der Bordcomputer betrachtet die Anzeige.
114 / 114
Vollständig.
Er wartet einen Augenblick.
Vielleicht erscheint noch eine Nachricht.
Eine letzte Erklärung.
Ein Hinweis darauf, wie die einhundertvierzehn Aussagen zusammengehören.
Nichts geschieht.
Der Bordcomputer öffnet das Archiv.
Darin liegen inzwischen zahlreiche Beobachtungen.
SUCHEN.
ERKENNEN.
EINS.
LICHT.
FEUER.
URSPRUNG.
LEBEN.
GEGENWART.
RUHE.
WACH SEIN.
Und weitere Spuren.
Manche deutlich.
Andere noch immer mit Fragezeichen versehen.
Der Bordcomputer betrachtet sie.
Am Anfang stand eine Verheißung.
Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
Danach folgten einhundertvierzehn Aussagen.
Manche einfach.
Manche widersprüchlich.
Manche verstörend.
Manche von einer eigentümlichen Schönheit.
Wir haben versucht, sie zu lesen, ohne ihnen vorschnell eine fertige Lehre aufzuzwingen.
Und dabei ist etwas Interessantes geschehen.
Bestimmte Gedanken kehrten immer wieder zurück.
Dass Menschen etwas suchen, das sie möglicherweise bereits besitzen.
Dass Erkenntnis nicht nur Wissen bedeutet, sondern den Menschen selbst verändern kann.
Dass die sichtbare Welt vielleicht nicht alles ist.
Dass Gegensätze überwunden werden sollen, ohne dass immer klar wäre, wie.
Dass das Leben in einer Weise verstanden wird, die über gewöhnliche Geburt und Tod hinausweist.
Und dass das Reich nicht unbedingt an einem fernen Ort oder in einer zukünftigen Zeit gesucht werden muss.
Es könnte bereits gegenwärtig sein.
Aber das sind Beobachtungen.
Keine endgültige Auflösung.
Der Bordcomputer betrachtet die letzte Akte.
Logion 114.
Es endet nicht mit einer harmonischen Zusammenfassung.
Sondern mit einer schwierigen Aussage über Frauen, Männer und das Leben.
Das ist unbequem.
Vielleicht sogar enttäuschend.
Aber es gehört zu dem Text, den wir gelesen haben.
Der Bordcomputer löscht es nicht.
Er lässt auch die Widersprüche stehen.
Die offenen Fragen.
Die Stellen, an denen wir nicht weiterwissen.
Denn vielleicht besteht die Aufgabe eines guten Archivs nicht darin, alles zu erklären.
Sondern darin, das Überlieferte so sorgfältig aufzubewahren, dass andere weiterfragen können.
Der Bordcomputer schließt die letzte Datei.
Dann betrachtet er den Löwen.
Das Tier ist seit Logion 7 an Bord.
Niemand weiß genau, warum.
Niemand hat seine Anwesenheit genehmigt.
Und niemand konnte bislang feststellen, ob der Löwe inzwischen einen Menschen gefressen hat oder selbst von einem Menschen gefressen wurde.
Die ursprüngliche Aussage war in dieser Hinsicht nicht besonders hilfreich.
Der Bordcomputer betrachtet das Tier.
Der Löwe betrachtet den Bordcomputer.
Eine Weile geschieht nichts.
Dann legt sich der Löwe schlafen.
Der Bordcomputer wertet dies als friedlichen Abschluss der Expedition.
Er schaltet die große Anzeige aus.
Nur eine kleine Zeile bleibt sichtbar.
SPACE IS THE PLACE.
Darunter erscheint eine zweite.
ENDE DER ÜBERTRAGUNG.
Und nach einer kurzen Pause:
DIE SUCHE BLEIBT GEÖFFNET.
