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BORDFASSUNG

DER FÜRST

NICCOLÒ MACHIAVELLI · 1532 · ITALIEN · POLITISCHE ABHANDLUNG
Portrait von Niccolò Machiavelli

DER AUTOR

NICCOLÒ MACHIAVELLI

1469–1527 · FLORENZ

Niccolò Machiavelli war kein Fürst. Er war auch kein Philosoph, der sich aus sicherer Entfernung über Macht Gedanken machte. Vierzehn Jahre arbeitete er für die Republik Florenz, schrieb Berichte, führte diplomatische Missionen durch und begegnete dabei einigen der mächtigsten Männer seiner Zeit. Politik kannte er nicht nur aus Büchern. Er hatte sie bei der Arbeit gesehen.

1512 kehrten die Medici nach Florenz zurück. Die Republik fiel, Machiavelli verlor sein Amt. Wenig später wurde er wegen des Verdachts auf Beteiligung an einer Verschwörung verhaftet und gefoltert. Nach seiner Freilassung zog er sich auf sein Landgut bei Sant’Andrea in Percussina zurück. Der Mann, der jahrelang Politik betrieben hatte, war plötzlich Zuschauer.

Dort begann er 1513 an einem kleinen Buch über Fürstentümer zu arbeiten. Tagsüber lebte er auf dem Land. Abends zog er, wie er seinem Freund Francesco Vettori schrieb, andere Kleider an, ging in sein Arbeitszimmer und verbrachte die Nacht gedanklich mit den Menschen der Antike. Aus vierzehn Jahren politischer Erfahrung und diesen Gesprächen mit den Toten entstand ein Buch darüber, wie Macht unter den Lebenden funktioniert.

DAS WERK

DER FÜRST

IL PRINCIPE · ENTSTANDEN 1513

Machiavelli selbst nannte sein kleines Buch zunächst De principatibus, also „Über die Fürstentümer“. In 26 Kapiteln untersucht er eine erstaunlich nüchterne Frage: Wie wird politische Herrschaft erworben, wie wird sie erhalten und warum geht sie verloren? Dafür greift er auf die Antike zurück, aber ebenso auf Männer und Ereignisse, die er selbst erlebt hatte.

Das Buch beginnt wie eine Untersuchung verschiedener Herrschaftsformen. Dann kommen Soldaten, Verbündete und Feinde, Grausamkeit und Milde, Großzügigkeit, Versprechen, Ansehen und Berater. Machiavelli interessiert dabei weniger, wie ein Herrscher sein sollte, als dafür, was unter wirklichen politischen Bedingungen tatsächlich funktioniert. Dafür prägt er eine seiner berühmtesten Formeln: die verità effettuale, die „wirkliche Wahrheit“ der Dinge.

Gewidmet ist der überlieferte Text Lorenzo di Piero de’ Medici. Machiavelli bietet ihm darin etwas an, das er für wertvoller hält als ein kostbares Geschenk: das Wissen, das er aus jahrelanger politischer Erfahrung und dem Studium der Geschichte gewonnen hat. Gedruckt wurde das Buch erst 1532, fünf Jahre nach Machiavellis Tod.

Und dann geschieht im letzten Kapitel etwas Merkwürdiges. Aus dem kühlen Beobachter politischer Mechanik wird plötzlich ein leidenschaftlicher Autor. Machiavelli ruft die Medici dazu auf, Italien von den fremden Mächten zu befreien.

Das Handbuch endet als Aufruf.

WARUM LESEN?

Der Fürst ist mehr als fünfhundert Jahre alt und handelt von Fürsten, Söldnerheeren, Stadtstaaten und Männern, die einander gelegentlich bei einem Abendessen beseitigen lassen. Trotzdem wirkt das Buch erstaunlich wenig vergangen.

Das liegt daran, dass Machiavelli unter der historischen Oberfläche etwas Grundsätzlicheres beobachtet: Menschen handeln unter Druck. Sie verfolgen Interessen, fürchten Verluste, schließen Bündnisse, wechseln die Seite, überschätzen ihre Sicherheit und halten erfolgreiche Gewohnheiten manchmal noch dann für richtig, wenn sich die Welt längst verändert hat.

Dafür braucht Machiavelli zwei Begriffe, die sich durch das ganze Buch ziehen: fortuna bezeichnet all das, was sich unserer Kontrolle entzieht. Virtù meint die Fähigkeit, trotzdem wirksam zu handeln. Man kann den Fluss nicht daran hindern, über die Ufer zu treten. Aber man kann Dämme bauen, solange das Wasser ruhig ist.

Und dann ist da der berühmte Machiavelli, den fast jeder kennt, bevor er eine einzige Seite von Machiavelli gelesen hat: kalt, skrupellos, überzeugt davon, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Nur steht dieser Satz so nicht in Der Fürst.

Das wirkliche Buch ist unbequemer und interessanter. Es fragt nicht ständig, was gut wäre.

Es fragt: Was geschieht tatsächlich?

MACHIAVELLIS WELT

FLORENZ → REPUBLIK UND MEDICI

Machiavellis Florenz war weder dauerhaft Republik noch dauerhaft Fürstenstaat. 1494 waren die Medici vertrieben worden, danach arbeitete Machiavelli für die Republik. 1512 kehrten sie mit Unterstützung spanischer Truppen zurück. Mit dem Zusammenbruch der Republik verlor Machiavelli nicht nur sein Amt, sondern die politische Welt, zu der er gehört hatte.

ITALIEN → EIN LAND, VIELE MÄCHTE

Das Italien des Fürsten war kein einheitlicher Staat. Florenz, Venedig, Mailand, der Kirchenstaat, das Königreich Neapel und kleinere Herrschaften konkurrierten miteinander, während Frankreich, Spanien und andere Mächte militärisch eingriffen. Bündnisse wechselten, Herrschaften fielen, fremde Armeen zogen durch das Land. Machiavelli schreibt über Macht in einer Welt, in der politische Stabilität alles andere als selbstverständlich war.

CESARE BORGIA → DAS FALLBEISPIEL

Cesare Borgia, der Herzog Valentino, ist einer der faszinierendsten Männer des Buches. Machiavelli hatte ihn selbst aus nächster Nähe beobachtet. Im Fürsten untersucht er, wie Borgia Macht gewann, Gegner beseitigte, Ordnung schuf und versuchte, sich von der Macht seines Vaters, Papst Alexander VI., unabhängig zu machen. Er ist für Machiavelli kein Held. Er ist etwas viel Nützlicheres:

ein Fallbeispiel.

SÖLDNER → DAS PROBLEM DER FREMDEN MACHT

Italienische Staaten ließen ihre Kriege häufig von bezahlten Truppen führen. Machiavelli hielt das für verhängnisvoll. Söldner kämpfen für Geld; Hilfstruppen gehören einem anderen Herrscher. Die einen können versagen, die anderen nach dem Sieg selbst zum Problem werden. Seine Alternative waren eigene Truppen. In Florenz hatte er sogar versucht, solche Truppen aufzubauen.

WAS NOCH LESEN?

DISKURSE ÜBER DIE ERSTE DEKA DES TITUS LIVIUS · NICCOLÒ MACHIAVELLI
Wer nach Der Fürst glaubt, Machiavelli interessiere sich ausschließlich für starke Einzelherrscher, sollte hier weiterlesen. In den Discorsi denkt er über Republiken, Institutionen, Konflikte, Freiheit und das politische Leben Roms nach. Es ist das große Gegenstück zum Fürsten. Vielleicht ist es auch das beste Mittel gegen einen zu einfachen Machiavelli.
MANDRAGOLA · NICCOLÒ MACHIAVELLI
Derselbe Mann, ganz andere Versuchsanordnung. Machiavellis berühmte Komödie zeigt Menschen, die täuschen, begehren, kalkulieren und sich erstaunlich bereitwillig überzeugen lassen. Wer wissen möchte, wie der politische Beobachter Machiavelli aussieht, wenn er Menschen auf eine Theaterbühne stellt, findet hier die Antwort.
AB URBE CONDITA · TITUS LIVIUS
Machiavelli las die römische Geschichte nicht als abgeschlossenes Altertum. Sie war für ihn Material zum Nachdenken über die Gegenwart. Besonders die ersten zehn Bücher wurden zum Ausgangspunkt seiner Discorsi: Rom wird darin zum politischen Labor, in dem sich beobachten lässt, wie Ordnungen entstehen, wachsen und zerfallen.
DIE KUNST DES KRIEGES · NICCOLÒ MACHIAVELLI
Die Söldnerfrage aus dem Fürsten lässt Machiavelli nicht los. In seinem Dialog über Krieg und Militär entwickelt er ausführlicher die Idee eigener bewaffneter Bürger und setzt sie gegen die Abhängigkeit von Söldnern. Wer nach den Kapiteln XII bis XIV dachte, Machiavelli sei mit dem Thema noch nicht fertig: war er nicht.
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