NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

BORDFASSUNG · TEIL I – WIDMUNG UND KAPITEL I–V

NICCOLÒ MACHIAVELLI – DER FÜRST

WIDMUNG

AN LORENZO DE’ MEDICI

Menschen, die die Gunst eines Fürsten gewinnen wollen, bringen ihm gewöhnlich etwas mit.

Pferde zum Beispiel.

Waffen.

Goldene Stoffe.

Edelsteine.

Oder andere Dinge, bei denen man hoffen darf, dass ein mächtiger Mann sie betrachtet und anschließend eine Weile wohlwollend an den Schenkenden denkt.

Niccolò Machiavelli hat nichts davon.

Er besitzt etwas anderes.

Wissen über Menschen.

Genauer gesagt: Wissen darüber, was Menschen tun, sobald Macht ins Spiel kommt.

Dieses Wissen, schreibt er, habe er auf zwei Wegen erworben. Durch viele Jahre eigener Erfahrung mit den politischen Verhältnissen seiner Gegenwart und durch die fortgesetzte Beschäftigung mit den Menschen der Vergangenheit.

Er hat beobachtet, gelesen, verglichen, nachgedacht.

Und einiges davon offenbar unter Bedingungen gelernt, die er rückblickend als Mühen und Gefahren bezeichnet.

Nun hat er das Ergebnis in einem kleinen Buch zusammengetragen.

Dieses Buch schenkt er Lorenzo de’ Medici.

Machiavelli macht dabei etwas Bemerkenswertes: Er entschuldigt sich beinahe für die äußere Schlichtheit seines Geschenks.

Keine prächtigen Formulierungen, sagt er.

Keine aufgeblasenen Worte.

Keine rhetorischen Verzierungen, mit denen Autoren ihre Werke gern schmücken.

Wenn dieses Buch etwas wert ist, dann soll sein Gegenstand ihm diesen Wert geben.

Nicht seine Verpackung.

Der Bordcomputer registriert Sympathie.

Dann kommt ein möglicher Einwand.

Wer ist Niccolò Machiavelli eigentlich, dass er einem Fürsten erklären möchte, wie Fürsten funktionieren?

Er selbst steht schließlich weit unten.

Lorenzo de’ Medici weit oben.

Machiavelli antwortet mit einem Bild.

Wer eine Landschaft zeichnen will, stellt sich in die Ebene, um die Berge richtig betrachten zu können. Wer dagegen die Täler verstehen will, muss auf einen Berg steigen und von oben hinuntersehen.

Mit Herrschern und Völkern sei es genauso.

Um das Volk wirklich zu verstehen, müsse man Fürst sein.

Aber um Fürsten zu verstehen, müsse man zum Volk gehören.

Das ist eine bemerkenswerte Eröffnung für ein Buch über Macht.

Der Mann unten erklärt dem Mann oben, dass gerade seine Position unten ihm einen Vorteil verschafft.

Machiavelli bittet Lorenzo deshalb, dieses kleine Geschenk anzunehmen und aufmerksam zu lesen.

Darin werde er einen sehr starken Wunsch seines Verfassers erkennen:

Lorenzo möge jene Größe erreichen, die ihm seine Fähigkeiten und das Glück versprechen.

Und dann, ganz am Ende der Widmung, verändert sich der Ton.

Sollte Lorenzo irgendwann von der Höhe seiner Stellung auf die Menschen dort unten blicken, möge er auch Machiavelli sehen.

Dann werde er erkennen, schreibt dieser, wie unverdient er eine große und fortwährende Bosheit des Schicksals ertragen müsse.

Damit endet die Widmung.

Wir haben also einen Mann vor uns, der einem der mächtigsten Männer von Florenz ein kleines Buch überreicht.

Er sagt:

Ich habe kein Gold.

Ich habe Erfahrung.

Und ich habe sehr genau hingesehen.

Dann schlägt er das Buch auf.

I. WELCHE ARTEN VON FÜRSTENTÜMERN ES GIBT UND WIE MAN SIE ERWIRBT

Machiavelli beginnt mit Ordnung.

Alle Staaten, die Herrschaft über Menschen ausgeübt haben oder ausüben, sagt er, gehören zunächst in eine von zwei Kategorien:

Republiken oder Fürstentümer.

Mit Republiken wird er sich hier nicht beschäftigen.

Dieses Buch handelt von Fürstentümern.

Und auch die lassen sich sortieren.

Ein Fürstentum kann erblich sein. Dann herrscht dieselbe Familie dort schon seit längerer Zeit.

Oder es ist neu.

Neue Fürstentümer wiederum können vollständig neu sein. Machiavelli nennt Francesco Sforza, der Herr von Mailand wurde.

Oder sie werden einem bereits bestehenden Herrschaftsgebiet hinzugefügt. Als Beispiel nennt er das Königreich Neapel, das zum Herrschaftsbereich des spanischen Königs gekommen war.

Aber damit ist die Sortierung noch nicht beendet.

Die Menschen in einem neu erworbenen Gebiet können daran gewöhnt sein, unter einem Fürsten zu leben.

Oder sie waren zuvor frei.

Und schließlich stellt sich die Frage, wie ein Herrscher das Gebiet überhaupt bekommen hat.

Mit eigenen Waffen.

Mit den Waffen anderer.

Durch Glück.

Oder durch virtù.

Da ist es.

Eines der Wörter, die uns durch dieses Buch begleiten werden.

Wir übersetzen es vorerst nicht.

Denn virtù bedeutet bei Machiavelli nicht einfach Tugend im Sinne eines guten Menschen.

Was es bedeutet, werden wir beobachten.

Machiavelli hat damit auf kaum einer Seite das gesamte Spielfeld aufgebaut:

Wer herrscht?

Worüber?

Was waren die Menschen vorher gewohnt?

Wie wurde die Macht erworben?

Und worauf beruht sie jetzt?

Der Bordcomputer betrachtet die entstandene Tabelle.

25 Kapitel liegen noch vor uns.

Es ist vermutlich beruhigend, dass Machiavelli zunächst alles ordentlich beschriftet.

Das wird nicht so bleiben.

II. VON DEN ERBLICHEN FÜRSTENTÜMERN

Machiavelli hat die Schubladen beschriftet.

Nun öffnet er die erste.

Die Republiken lässt er ausdrücklich beiseite. Über sie habe er an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Hier interessiert ihn nur die Frage, wie Fürstentümer regiert und erhalten werden können.

Und er beginnt mit dem einfachen Fall.

Ein Fürst übernimmt ein Land, das seine Familie schon seit langer Zeit beherrscht.

Das ist angenehm.

Jedenfalls verglichen mit dem, was noch kommt.

Denn ein erbliches Fürstentum zu behalten, sagt Machiavelli, ist wesentlich leichter als ein neu erworbenes. Die Menschen sind bereits daran gewöhnt, von dieser Familie regiert zu werden. Der neue Fürst muss deshalb vor allem eines vermeiden:

unnötig alles durcheinanderzubringen.

Er soll die bestehende Ordnung seiner Vorfahren nicht ohne Not verlassen und auf neue Ereignisse mit etwas Geduld reagieren.

Dazu muss er nicht einmal außergewöhnlich begabt sein.

Machiavelli formuliert das bemerkenswert nüchtern: Ein Fürst von durchschnittlicher Fähigkeit wird sich gewöhnlich an der Macht halten können.

Das sind gute Nachrichten für durchschnittliche Fürsten.

Natürlich kann eine übermächtige äußere Gewalt ihn trotzdem vertreiben. Aber selbst dann besitzt der alte Herrscher einen Vorteil. Sobald der Eroberer in Schwierigkeiten gerät, kann sich für die vertriebene Dynastie eine Gelegenheit ergeben, zurückzukehren.

Machiavelli nennt ein Beispiel aus seiner eigenen italienischen Gegenwart: den Herzog von Ferrara.

Dessen Familie, die Este, herrschte dort schon lange. Das Herzogtum geriet sowohl mit Venedig als auch später mit Papst Julius II. in schwere Konflikte. Dass die Herrschaft der Familie diese Angriffe überstand, führt Machiavelli vor allem darauf zurück, dass sie in Ferrara längst verwurzelt war.

Warum ist das so wichtig?

Weil ein erblicher Fürst normalerweise weniger Gründe hat, seine Untertanen zu verletzen.

Er muss keine neue Ordnung erzwingen.

Er muss nicht überall Menschen beseitigen, die der alten Herrschaft nachtrauern.

Er muss nicht erst beweisen, dass er der Fürst ist.

Alle wissen es bereits.

Wenn er sich also nicht durch außergewöhnliche Laster verhasst macht, hält Machiavelli es für wahrscheinlich, dass die Bevölkerung ihm grundsätzlich wohlgesinnt bleibt.

Dahinter steckt ein Gedanke, der größer ist als dieses kurze Kapitel.

Zeit stabilisiert Macht.

Je länger eine Herrschaft besteht, desto mehr verblasst die Erinnerung daran, dass die Dinge einmal anders waren.

Die ursprünglichen Konflikte verschwinden.

Die Gründe für frühere Veränderungen geraten in Vergessenheit.

Und irgendwann erscheint eine politische Ordnung nicht mehr wie etwas, das irgendwann entstanden ist.

Sie erscheint einfach wie die Ordnung der Dinge.

Machiavelli beendet das Kapitel mit der umgekehrten Beobachtung:

Eine Veränderung hinterlässt immer einen Ansatzpunkt für die nächste Veränderung.

Der Bordcomputer überprüft den bisherigen Stand.

Wer eine jahrzehntealte Dynastie erbt, benötigt laut Machiavelli also nicht zwingend politische Genialität.

Man sollte im Wesentlichen nichts außergewöhnlich Dummes tun.

Kapitel II ist beendet.

Die Anforderungen werden steigen.

III. VON DEN GEMISCHTEN FÜRSTENTÜMERN

Jetzt beginnen die Schwierigkeiten.

So sagt Machiavelli es tatsächlich.

Ein völlig neues Fürstentum ist schwierig. Besonders interessant findet er aber zunächst einen anderen Fall: Ein Herrscher besitzt bereits einen Staat und erobert ein weiteres Gebiet dazu.

Alt und neu werden miteinander verbunden.

Machiavelli nennt das ein gemischtes Fürstentum.

Und sofort tritt ein Problem auf, das ihm offenbar sehr menschlich erscheint.

Menschen wechseln nämlich gern ihren Herrscher.

Vor allem dann, wenn sie glauben, der nächste werde besser.

Diese Hoffnung kann so stark werden, dass sie selbst zu den Waffen greifen und einem neuen Herrscher helfen, den alten zu vertreiben.

Danach machen sie gelegentlich eine interessante Entdeckung:

Der neue Herrscher ist schlimmer.

Machiavelli hält das nicht für einen außergewöhnlichen Betriebsunfall der Geschichte. Er sieht darin beinahe einen Mechanismus.

Denn ein Eroberer kann ein neues Gebiet kaum übernehmen, ohne Menschen zu verletzen. Seine Soldaten müssen versorgt werden. Besitzverhältnisse ändern sich. Alte Interessen werden beschädigt. Versprechen, die während der Eroberung nützlich waren, können danach nicht alle erfüllt werden.

Damit bekommt der neue Fürst zwei Probleme gleichzeitig.

Diejenigen, die unter seiner Eroberung gelitten haben, sind seine Feinde.

Und diejenigen, die ihm geholfen haben, sind häufig enttäuscht, weil sie sich von der neuen Herrschaft mehr versprochen hatten.

Der Bordcomputer notiert:

Eine Revolution besitzt offenbar eine kurze Garantiezeit.

Machiavelli führt Ludwig XII. von Frankreich an. Der französische König eroberte Mailand 1499. Dabei konnte er auf Menschen zählen, die mit ihrem bisherigen Herrscher Ludovico Sforza unzufrieden waren.

Sie öffneten dem neuen Herrscher die Türen.

Dann stellten sie fest, dass französische Herrschaft ebenfalls mit Unannehmlichkeiten verbunden war.

Ludwig verlor Mailand zunächst wieder.

Beim zweiten Mal konnte er es leichter zurückerobern und anschließend besser sichern. Denn nach einer Rebellion, sagt Machiavelli, kann ein Herrscher härter vorgehen: Schuldige bestrafen, Verdächtige beobachten und Schwachstellen beseitigen.

Das klingt bereits weniger gemütlich als Kapitel II.

Und Machiavelli hat gerade erst angefangen.

ÄHNLICHE LÄNDER SIND EINFACHER

Nun unterscheidet Machiavelli zwei Fälle.

Wird ein Gebiet erobert, das dem bisherigen Herrschaftsgebiet in Sprache, Sitten und Lebensweise ähnlich ist, lässt es sich vergleichsweise leicht eingliedern.

Dafür empfiehlt er im Wesentlichen zwei Dinge.

Erstens:

Die Familie des bisherigen Herrschers darf als politische Konkurrenz nicht fortbestehen.

Machiavellis Formulierung ist erheblich weniger zurückhaltend. Die Blutlinie des alten Fürsten müsse ausgelöscht werden.

Zweitens:

Gesetze und Abgaben möglichst nicht verändern.

Wenn beides gelingt, können altes und neues Gebiet nach Machiavellis Ansicht relativ schnell zu einem politischen Ganzen zusammenwachsen.

Das ist bemerkenswert.

Er empfiehlt gleichzeitig äußerste Härte gegen die frühere Dynastie und größtmögliche Zurückhaltung gegenüber dem alltäglichen Leben der Bevölkerung.

Machiavelli scheint weniger daran interessiert zu sein, ob eine Maßnahme mild oder grausam aussieht.

Ihn interessiert, ob sie Herrschaft stabilisiert oder destabilisiert.

WENN DIE MENSCHEN ANDERS LEBEN

Schwieriger wird es, wenn ein Fürst ein Land erobert, dessen Sprache, Sitten und politische Ordnung sich von seinen eigenen unterscheiden.

Jetzt empfiehlt Machiavelli etwas erstaunlich Handfestes:

Zieh hin.

Der Fürst soll in dem eroberten Gebiet selbst leben.

Dann bemerkt er Unruhen, solange sie noch klein sind. Seine Untertanen können ihn unmittelbar erreichen. Seine Beamten können das Land nicht völlig unbeobachtet ausplündern. Und ausländische Mächte überlegen sich einen Angriff genauer, wenn der Herrscher persönlich vor Ort ist.

Wer dagegen weit entfernt regiert, erfährt von Problemen häufig erst, wenn sie groß geworden sind.

Machiavelli benutzt dafür ein medizinisches Bild.

Eine Krankheit kann am Anfang schwer zu erkennen, aber leicht zu heilen sein.

Später ist sie leicht zu erkennen.

Dann ist sie allerdings schwer zu heilen.

Für politische Probleme gilt nach seiner Auffassung dasselbe.

Der gute Herrscher erkennt deshalb nicht nur die Krise, die bereits vor ihm steht.

Er erkennt die Krise, die entsteht.

KOLONIEN ODER SOLDATEN

Falls der Fürst nicht selbst dort leben will, empfiehlt Machiavelli Kolonien an strategisch wichtigen Orten.

Und hier zeigt sich seine Denkweise besonders deutlich.

Eine dauerhafte militärische Besatzung ist teuer.

Soldaten müssen bezahlt und versorgt werden. Ihre Anwesenheit belastet viele Einwohner. Dadurch entstehen viele Menschen, die Grund haben, den neuen Herrscher zu hassen.

Kolonien seien billiger.

Dafür müsse man lediglich einigen wenigen Einwohnern Häuser und Land wegnehmen und dort loyale Siedler ansiedeln.

Machiavellis Rechnung lautet ungefähr:

Die Enteigneten werden ruiniert und zerstreut und sind deshalb zu schwach, um sich zu rächen.

Die große Mehrheit verliert nichts.

Und sie weiß nun, was passieren könnte, wenn sie sich gegen den Herrscher stellt.

Dann formuliert Machiavelli einen jener Gedanken, bei denen man merkt, weshalb dieses Buch fünfhundert Jahre später noch einen gewissen Ruf besitzt:

Menschen müsse man entweder gut behandeln oder so schwer treffen, dass man ihre Rache nicht mehr zu fürchten brauche.

Denn für kleine Verletzungen könnten Menschen sich rächen.

Für sehr große nicht.

Der Bordcomputer hat hierzu keine Ergänzung.

Machiavelli scheint seinen Ruf selbstständig verwalten zu können.

DIE RÖMER

Nun holt Machiavelli die Römer herein.

Sie seien ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine Großmacht neu erworbene Gebiete sichern könne.

Sie gründeten Kolonien.

Sie hielten kleinere Mächte auf ihrer Seite, ohne sie zu mächtig werden zu lassen.

Sie schwächten die starken regionalen Mächte.

Und vor allem verhinderten sie, dass eine andere Großmacht in derselben Region Fuß fasste.

Das Entscheidende daran ist für Machiavelli wiederum die Voraussicht.

Die Römer warteten nicht, bis ein Gegner unmittelbar vor ihnen stand.

Sie bekämpften Gefahren früh.

Auch einen Krieg vermieden sie nicht nur deshalb, weil gerade Frieden herrschte.

Denn, sagt Machiavelli sinngemäß:

Ein notwendiger Krieg verschwindet nicht dadurch, dass man ihn aufschiebt.

Man verschiebt ihn möglicherweise nur zum Vorteil des Gegners.

Auch die damals offenbar beliebte politische Weisheit, man solle die Vorteile der Zeit genießen, beeindruckt ihn wenig.

Zeit löst Probleme nicht automatisch.

Zeit bringt Veränderungen.

Und die können gut oder schlecht sein.

LUDWIG XII. MACHT FAST ALLES FALSCH

Jetzt kehrt Machiavelli nach Italien zurück.

Und Ludwig XII. bekommt eine ausführliche Nachbesprechung.

Der französische König hatte in Italien zunächst eine starke Stellung. Doch dann tat er nach Machiavellis Analyse nahezu das Gegenteil dessen, was die Römer getan hätten.

Er schwächte die kleineren Mächte, die natürliche Verbündete Frankreichs hätten sein können.

Er stärkte mit Papst Alexander VI. eine bereits bedeutende Macht.

Er half einer weiteren ausländischen Großmacht, Spanien, in Italien Fuß zu fassen.

Er zog nicht selbst nach Italien.

Er gründete keine Kolonien.

Und schließlich schwächte er auch noch Venedig.

Machiavelli zählt am Ende sechs Fehler.

Das Faszinierende daran ist, dass jeder einzelne Schritt für Ludwig in seinem jeweiligen Moment durchaus einen Grund hatte.

Manche Entscheidungen sollten Bündnisse sichern.

Andere sollten einen Krieg vermeiden.

Wieder andere dienten kurzfristigen politischen Geschäften.

Machiavelli betrachtet jedoch nicht die Absicht.

Er betrachtet die Folgen für das Kräfteverhältnis.

Und sein Urteil ist vernichtend.

Ludwig verlor seine Stellung in Italien nicht durch geheimnisvolles Schicksal.

Er half dabei mit.

Am Ende greift Machiavelli noch eine mögliche Verteidigung des französischen Königs auf.

Vielleicht habe Ludwig bestimmte Zugeständnisse gemacht, um einen Krieg zu vermeiden.

Machiavellis Antwort kennen wir inzwischen:

Man vermeidet einen solchen Krieg nicht unbedingt.

Man verschiebt ihn.

Und möglicherweise führt man ihn später unter schlechteren Bedingungen.

Eine weitere Rechtfertigung betrifft ein Versprechen, das Ludwig dem Papst gegeben hatte.

Darauf antwortet Machiavelli noch nicht.

Er kündigt lediglich an, später darüber zu sprechen, wie Fürsten ihr Wort halten sollen.

Der Bordcomputer sieht auf die verbleibenden Kapitel.

Das war keine beiläufige Ankündigung.

Aber vorerst genügt Kapitel III.

Wir haben gelernt:

Menschen unterstützen einen Machtwechsel, weil sie auf Verbesserung hoffen.

Eroberer erzeugen durch die Eroberung neue Feinde.

Ähnliche Gebiete lassen sich leichter integrieren als fremde.

Entfernte Herrschaft erkennt Probleme häufig zu spät.

Großmächte sollten nicht gedankenlos andere Großmächte in ihre Nachbarschaft einladen.

Und Zeit ist keine politische Strategie.

Machiavelli hat damit aus einem kurzen Kapitel über erbliche Fürstentümer einen ziemlich umfangreichen Werkzeugkasten für Eroberer gemacht.

Die Schonfrist für durchschnittliche Fürsten ist vorbei.

IV. WARUM DAS REICH DES DARIUS NACH ALEXANDERS TOD NICHT GEGEN SEINE NACHFOLGER AUFSTAND

Machiavelli hat in Kapitel III ausführlich erklärt, wie schwierig es ist, ein neu erobertes Land zu behalten.

Nun bemerkt er ein Problem mit seiner eigenen Theorie.

Alexander der Große.

Alexander eroberte innerhalb weniger Jahre das gewaltige Perserreich des Darius.

Kurz darauf starb er.

Eigentlich hätte jetzt alles auseinanderbrechen müssen.

Ein fremder Eroberer war gekommen, hatte ein riesiges Reich unterworfen und verschwand praktisch sofort wieder von der politischen Bühne.

Doch das persische Herrschaftsgebiet erhob sich nicht einfach gegen Alexanders Nachfolger. Die größten Schwierigkeiten entstanden vielmehr dadurch, dass diese Nachfolger anschließend untereinander um die Beute stritten.

Warum?

Machiavellis Antwort lautet:

Nicht jedes Fürstentum ist im Inneren gleich gebaut.

Und damit nimmt er uns für einen Moment von der Landkarte herunter und führt uns in die Maschine.

ZWEI ARTEN VON HERRSCHAFT

Machiavelli unterscheidet zwei Grundmodelle.

Im ersten steht ganz oben ein einziger Herrscher.

Unter ihm befinden sich Beamte und Verwalter, deren Macht vollständig von ihm abhängt. Sie regieren nicht aufgrund eigener ererbter Rechte. Der Herrscher setzt sie ein. Der Herrscher kann sie austauschen.

Ihre Macht ist geliehen.

Im zweiten Modell gibt es ebenfalls einen Fürsten.

Aber unter ihm stehen mächtige Adlige, die ihre Stellung nicht von ihm erhalten haben. Ihre Familien besitzen seit Generationen eigene Gebiete, Rechte und Untertanen.

Diese Menschen sind nicht bloß Angestellte des Herrschers.

Sie besitzen eine eigene Machtbasis.

Machiavelli nennt zwei Beispiele aus seiner Zeit.

Für das erste Modell:

das Osmanische Reich.

Für das zweite:

Frankreich.

Beim osmanischen Sultan sieht Machiavelli die politische Macht stark im Herrscher konzentriert. Die Verwalter seiner Gebiete sind von ihm abhängig.

Der französische König dagegen befindet sich zwischen zahlreichen alten Herren, deren Stellung und Ansehen nicht einfach verschwinden, nur weil der König es gern hätte.

Und nun kommt der interessante Teil.

Beide Systeme haben eine Schwachstelle.

Nur liegt sie jeweils an einer anderen Stelle.

SCHWER HINEIN, LEICHT DRINBLEIBEN

Ein stark zentralisiertes Reich wie das Osmanische ist nach Machiavelli schwer zu erobern.

Warum?

Weil ein Angreifer kaum mächtige regionale Herren finden kann, die ihm die Tür öffnen.

Es gibt nicht überall halb unabhängige Adlige, die sagen könnten:

Der Sultan geht mir ohnehin auf die Nerven. Kommen Sie herein.

Die Führungsschicht hängt selbst vom Herrscher ab. Selbst wenn einzelne Funktionsträger bestochen werden könnten, besitzen sie nach Machiavellis Vorstellung nicht automatisch genügend eigene Anhänger, um ganze Regionen mit sich zu ziehen.

Ein Angreifer muss deshalb damit rechnen, auf ein vergleichsweise geschlossenes Reich zu treffen.

Er muss es mit seiner eigenen Stärke schlagen.

Hat er das allerdings geschafft, dreht sich die Lage um.

Ist der zentrale Herrscher besiegt und seine Familie als mögliche Konkurrenz beseitigt, existieren kaum andere alte Machtzentren, um die sich ein Widerstand sammeln könnte.

Das Reich war vorher schwer zu erobern.

Danach ist es vergleichsweise leicht zu halten.

Der Bordcomputer prüft die Konstruktion.

Stabile Tür. Zentraler Hauptschalter.

Das ist möglicherweise keine Kombination, die man einem fremden Eroberer zeigen möchte.

LEICHTER HINEIN, SCHWER DRINBLEIBEN

Bei einem Reich nach französischem Muster verhält es sich genau umgekehrt.

Dort findet ein Angreifer leichter Verbündete.

Unter den mächtigen Herren gibt es fast immer jemanden, der unzufrieden ist.

Jemanden, der mehr Macht möchte.

Jemanden, der eine Rechnung mit dem König offen hat.

Jemanden, der glaubt, ein ausländisches Heer könnte bei der Lösung seiner innenpolitischen Probleme hilfreich sein.

Die Menschheit hat dieses Verfahren später mehrfach erneut getestet.

Machiavelli hält es schon 1513 für riskant.

Denn genau jene unabhängigen Machtzentren, die einem Eroberer den Zugang erleichtern, bleiben nach der Eroberung bestehen.

Nun muss der Sieger mit denjenigen fertigwerden, die er bekämpft hat.

Und mit denjenigen, die ihm geholfen haben.

Die alte Herrscherfamilie zu beseitigen reicht nicht.

Andere mächtige Familien können zum Mittelpunkt neuer Aufstände werden.

Das Reich ist deshalb leichter zu betreten.

Aber wesentlich schwerer dauerhaft zu besitzen.

ZURÜCK ZU ALEXANDER

Jetzt beantwortet Machiavelli seine Ausgangsfrage.

Das Perserreich des Darius war seiner Auffassung nach ähnlich organisiert wie das stark zentralisierte osmanische Modell seiner eigenen Zeit.

Alexander konnte deshalb nicht einfach einige persische Adlige auf seine Seite ziehen und das Reich von innen auseinandernehmen.

Er musste Darius tatsächlich besiegen.

Das war der schwierige Teil.

Aber nachdem die persische Zentralmacht militärisch gebrochen und Darius tot war, fehlten jene unabhängigen Fürsten, die ihre eigenen alten Herrschaftsgebiete gegen Alexander hätten mobilisieren können.

Deshalb blieb das eroberte Reich seinen Nachfolgern erhalten.

Wenn diese Nachfolger anschließend Schwierigkeiten bekamen, sagt Machiavelli, dann vor allem wegen ihrer eigenen Ambitionen und Streitigkeiten.

Mit anderen Worten:

Das eroberte Reich war nicht das unmittelbare Problem.

Die neuen Besitzer waren es.

UND WIEDER DIE RÖMER

Zum Schluss prüft Machiavelli seine Theorie noch an einem Gegenbeispiel.

Die Römer hatten in Spanien, Frankreich und Griechenland erheblich mehr Schwierigkeiten.

Dort existierten zahlreiche lokale Herrschaften und politische Traditionen. Solange die Erinnerung an diese alten Herren lebendig blieb, konnten sich immer wieder Widerstände bilden.

Erst mit der Zeit verschwanden diese Erinnerungen.

Dann wurde die römische Herrschaft selbst zur vertrauten Ordnung.

Wir kennen diesen Gedanken bereits aus Kapitel II:

Zeit stabilisiert Macht.

Und Machiavelli zieht daraus seine eigentliche Schlussfolgerung.

Ob ein Eroberer ein Reich halten kann, hängt nicht ausschließlich davon ab, wie klug oder tüchtig er ist.

Es hängt auch davon ab, was für ein Gebilde er überhaupt erobert hat.

Das ist eine kleine, aber wichtige Verschiebung.

Machiavelli schaut nicht nur auf große Männer.

Er schaut auf Strukturen.

Alexander war außergewöhnlich.

Aber selbst Alexander spielte auf einem Spielfeld, dessen Regeln bereits existierten.

Der Bordcomputer korrigiert daher einen vorläufigen Eindruck aus den vergangenen Kapiteln:

Offenbar genügt es nicht, ein guter Fürst zu sein.

Man sollte sich außerdem erkundigen, was genau man da gerade erobert hat.

V. WIE STÄDTE ODER FÜRSTENTÜMER ZU REGIEREN SIND, DIE VOR IHRER EROBERUNG NACH EIGENEN GESETZEN LEBTEN

Machiavelli kommt nun zu einem Sonderfall.

Und dieser Sonderfall hat ein Gedächtnis.

Was geschieht, wenn ein Fürst eine Stadt erobert, die vorher frei war und nach ihren eigenen Gesetzen lebte?

Machiavelli nennt drei Möglichkeiten.

Man kann die Stadt zerstören.

Man kann selbst dort wohnen.

Oder man lässt ihr ihre Gesetze, verlangt Abgaben und setzt eine kleine, vom neuen Herrscher abhängige Regierung ein.

Drei Möglichkeiten.

Die erste davon lautet tatsächlich:

Zerstören.

Wir sind in Kapitel V.

Der Bordcomputer beginnt zu verstehen, weshalb dieses Buch nicht Ratschläge für einen entspannten Regierungsalltag heißt.

DIE BEQUEME LÖSUNG

Die dritte Möglichkeit klingt zunächst ausgesprochen vernünftig.

Die eroberte Stadt darf ihre bisherigen Gesetze behalten.

Sie zahlt dem neuen Herrscher Tribut.

Und innerhalb der Stadt wird eine kleine Gruppe eingesetzt, die dafür sorgt, dass die neue politische Ordnung bestehen bleibt.

Machiavellis Überlegung dahinter ist einfach: Diese neue Führung verdankt ihre Stellung dem Eroberer. Ohne seine Freundschaft und Macht könnte sie sich nicht halten.

Also hat sie ein starkes eigenes Interesse daran, ihm treu zu bleiben.

Und wenn man eine freie Stadt erhalten möchte, sagt Machiavelli, lässt sie sich am leichtesten durch ihre eigenen Bürger kontrollieren.

Das klingt nach einer eleganten Lösung.

Leider folgt jetzt Geschichte.

SPARTA PROBIERT ES

Die Spartaner beherrschten Athen und Theben zeitweise auf diese Weise.

Sie setzten dort kleine, ihnen ergebene Regierungen ein.

Und verloren beide Städte wieder.

Die Römer gingen in vergleichbaren Fällen anders vor.

Capua.

Karthago.

Numantia.

Sie zerstörten diese Städte.

Und verloren sie nicht.

Machiavelli erwähnt allerdings auch, dass selbst die Römer zunächst versuchten, Griechenland auf mildere Weise zu beherrschen. Sie ließen dort Freiheiten und bestehende Gesetze teilweise bestehen.

Es funktionierte nach seiner Darstellung nicht.

Schließlich sahen auch sie sich gezwungen, Städte zu zerstören, um ihre Herrschaft zu sichern.

Machiavellis Schluss daraus ist kompromisslos.

Bei einer Stadt, die vorher frei war, gebe es letztlich keine sichere Art, sie dauerhaft zu besitzen, außer sie zu zerstören.

Jetzt wird interessant, warum er das glaubt.

DAS PROBLEM HEISST FREIHEIT

Ein Volk, das seit Generationen unter einem Fürsten lebt, kennt Herrschaft als Normalzustand.

Beseitigt man die alte Dynastie, fehlt ihm nach Machiavellis Vorstellung häufig ein natürlicher Mittelpunkt für einen Aufstand.

Die Menschen sind ans Gehorchen gewöhnt.

Sie besitzen keinen alten Fürsten mehr.

Auf einen neuen aus den eigenen Reihen können sie sich womöglich nicht einigen.

Und mit politischer Freiheit haben sie keine eingeübte Erfahrung.

Solche Länder lassen sich deshalb vergleichsweise leichter unterwerfen.

Bei einer ehemaligen Republik ist es anders.

Dort existiert etwas, das sich nicht ohne Weiteres beseitigen lässt:

die Erinnerung daran, frei gewesen zu sein.

Machiavelli hält diese Erinnerung für politisch explosiv.

Ganz gleich, wie viel Zeit vergeht.

Ganz gleich, welche Vorteile der neue Herrscher gewährt.

Wenn eine Gelegenheit zum Aufstand kommt, besitzt die Bevölkerung einen Namen, unter dem sie sich sammeln kann.

Freiheit.

Und sie besitzt die Erinnerung an ihre alten Institutionen.

Machiavelli nennt Pisa.

Die Stadt war 1406 unter florentinische Herrschaft geraten. Jahrzehnte später erhob sie sich wieder und versuchte, ihre Unabhängigkeit zurückzugewinnen.

Für Machiavelli ist das kein Zufall.

Eine ehemalige Republik vergisst nicht einfach, dass sie einmal sich selbst gehört hat.

EIN UNBEQUEMER GEDANKE

Damit enthält dieses sehr kurze Kapitel einen der interessantesten Gedanken des bisherigen Buches.

Machiavelli möchte einem Eroberer erklären, wie er freie Städte beherrschen kann.

Dabei erklärt er ihm beinahe nebenbei, warum freie Städte so schwer zu beherrschen sind.

Nicht weil ihre Mauern stärker wären.

Nicht weil ihre Soldaten besser wären.

Sondern weil Menschen, die politische Freiheit einmal als normalen Zustand kennengelernt haben, sich an sie erinnern.

Und diese Erinnerung kann Generationen überdauern.

Deshalb bleiben für Machiavelli am Ende nur zwei wirklich zuverlässige Möglichkeiten:

Eine freie Stadt vernichten.

Oder selbst dort leben und sie unmittelbar kontrollieren.

Der Bordcomputer betrachtet Kapitel V.

Es ist eines der kürzesten Kapitel des Buches.

Machiavelli benötigte dafür nicht viele Worte.

Freiheit hat ein Gedächtnis.

Für einen Eroberer ist genau das das Problem.

TEIL I – WIDMUNG UND KAPITEL I–V
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