VI. VON DEN NEUEN FÜRSTENTÜMERN, DIE DURCH EIGENE WAFFEN UND VIRTÙ ERWORBEN WERDEN
Jetzt kehrt das Wort zurück, das Machiavelli in Kapitel I auf den Tisch gelegt und seitdem dort liegen gelassen hat.
Virtù.
Und diesmal brauchen wir es.
Denn Machiavelli möchte über Menschen sprechen, die nicht einfach ein Reich geerbt haben.
Sie haben eines geschaffen.
DER BOGENSCHÜTZE
Zunächst erklärt Machiavelli, warum er dabei ausgerechnet die ganz Großen betrachtet.
Menschen bewegen sich, sagt er, fast immer auf Wegen, die andere vor ihnen gegangen sind. Sie ahmen einander nach.
Natürlich kann niemand einen großen Menschen vollständig kopieren.
Deshalb solle ein kluger Mensch es wie ein guter Bogenschütze machen.
Ist das Ziel sehr weit entfernt, richtet dieser seinen Bogen höher als das eigentliche Ziel.
Nicht weil er den Pfeil in den Himmel schießen möchte.
Sondern weil er weiß, dass der Pfeil während seines Fluges sinken wird.
Wer also selbst nicht die Größe der bedeutendsten Vorbilder erreichen kann, soll wenigstens hoch genug zielen, dass etwas von ihrer virtù bei ihm ankommt.
Der Bordcomputer genehmigt das Bild.
Wir zielen also auf außergewöhnliche Menschen und hoffen auf einen brauchbaren Einschlag.
Machiavellis Beispiele:
Moses. Kyros. Romulus. Theseus.
Bei Moses macht er eine kleine Ausnahme. Über ihn müsse man eigentlich nicht in derselben Weise sprechen, da Moses nach biblischer Überlieferung Gottes Auftrag ausführte.
Machiavelli nimmt ihn trotzdem in die Reihe auf.
Wer mit Gott sprechen durfte, qualifiziert sich offenbar weiterhin als interessantes Fallbeispiel.
VIRTÙ BRAUCHT EINE GELEGENHEIT
Was haben diese Männer gemeinsam?
Machiavelli sagt etwas Entscheidendes.
Das Glück schenkte ihnen nicht einfach ihre Herrschaft.
Es schenkte ihnen eine Gelegenheit.
Moses fand die Israeliten in Ägypten versklavt und unterdrückt.
Romulus musste Alba verlassen und wurde der Überlieferung nach als Säugling ausgesetzt.
Kyros traf auf Perser, die mit der Herrschaft der Meder unzufrieden waren.
Theseus fand die Athener zerstreut.
Keiner dieser Umstände allein hätte einen großen Herrscher hervorgebracht.
Aber sie lieferten das Material.
Und hier beginnen wir zu verstehen, was Machiavelli mit virtù meint.
Es ist nicht einfach moralische Tugend.
Es ist eine Mischung aus Fähigkeit, Entschlossenheit, politischer Kraft, Urteilskraft und der Fähigkeit, eine Gelegenheit zu erkennen und in eine neue Wirklichkeit zu verwandeln.
Machiavelli formuliert das Verhältnis beinahe wie eine Gleichung:
Ohne die Gelegenheit wäre ihre virtù wirkungslos geblieben.
Ohne ihre virtù wäre die Gelegenheit vergeblich gekommen.
Das ist wichtig.
Machiavellis großer Mann erschafft die Welt nicht aus dem Nichts.
Aber wenn die Welt ihm eine Öffnung bietet, erkennt er sie.
Und handelt.
DAS SCHWIERIGSTE GESCHÄFT DER POLITIK
Menschen, die auf diese Weise neue Herrschaften errichten, haben es am Anfang besonders schwer.
Denn sie müssen etwas tun, das Machiavelli für außerordentlich gefährlich hält:
eine neue Ordnung schaffen.
Und jetzt schreibt er einen der Gedanken, die weit über Fürstentümer hinausreichen.
Nichts sei schwieriger zu beginnen, unsicherer im Erfolg und gefährlicher durchzuführen als die Einführung einer neuen Ordnung.
Warum?
Weil derjenige, der etwas verändert, sofort Gegner bekommt.
Und zwar alle Menschen, die von der alten Ordnung profitiert haben.
Das wäre bereits unangenehm genug.
Diejenigen aber, die von der neuen Ordnung profitieren könnten, verteidigen sie zunächst nur halbherzig.
Auch dafür hat Machiavelli eine Erklärung.
Sie fürchten die bisherigen Machthaber.
Und sie glauben noch nicht wirklich an das Neue.
Menschen, sagt Machiavelli, glauben an neue Dinge erst dann fest, wenn sie Erfahrungen damit gemacht haben.
Damit entsteht eine bemerkenswert schlechte Ausgangslage für Reformatoren:
Die Verlierer wissen genau, was sie verlieren.
Die möglichen Gewinner wissen noch nicht, was sie gewinnen.
Der Bordcomputer speichert diesen Satz etwas länger.
Wir sind weiterhin im Jahr 1513.
BEWAFFNETE PROPHETEN
Nun stellt Machiavelli eine Frage, die den Ton des Kapitels verändert.
Kann der Erneuerer seine neue Ordnung aus eigener Kraft durchsetzen?
Oder ist er auf andere angewiesen?
Muss er bitten?
Oder kann er zwingen?
Im ersten Fall, sagt Machiavelli, geht die Sache gewöhnlich schlecht aus.
Im zweiten bestehen erheblich bessere Chancen.
Und dann fällt einer seiner berüchtigtsten Sätze:
Alle bewaffneten Propheten siegten. Die unbewaffneten gingen zugrunde.
Dahinter steckt seine Vorstellung von menschlichem Verhalten.
Menschen lassen sich relativ leicht von etwas überzeugen.
Schwieriger ist es, sie bei dieser Überzeugung zu halten.
Irgendwann beginnen sie zu zweifeln.
Dann, meint Machiavelli, muss ein politischer Gründer in der Lage sein, die neue Ordnung auch gegen den nachlassenden Glauben durchzusetzen.
Moses, Kyros, Theseus und Romulus hätten ihre Ordnungen ohne Machtmittel nicht dauerhaft behaupten können.
Und Machiavelli besitzt ein Gegenbeispiel aus seiner eigenen Stadt.
SAVONAROLA
Girolamo Savonarola war ein Dominikanermönch und Bußprediger, der in Florenz enormen politischen und religiösen Einfluss gewann.
Machiavelli hatte diese Ereignisse selbst erlebt.
Savonarola wollte Florenz grundlegend erneuern.
Eine Zeit lang folgten ihm die Menschen.
Dann begann ein Teil der Bevölkerung, nicht mehr an ihn zu glauben.
Und Savonarola besaß, wie Machiavelli trocken feststellt, keine Möglichkeit, diejenigen festzuhalten, die noch glaubten, oder diejenigen zum Glauben zu bringen, die nicht mehr glaubten.
Seine Ordnung zerbrach.
Savonarola wurde 1498 hingerichtet.
Für Machiavelli ist er der unbewaffnete Prophet.
Das ist keine theologische Aussage.
Es ist eine politische.
Eine Idee allein genügt Machiavelli nicht.
Eine neue Ordnung benötigt Macht, die sie trägt.
SCHWER HIN, LEICHTER BLEIBEN
Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Gründer einen einfachen Weg haben.
Im Gegenteil.
Machiavelli sagt, die größten Gefahren liegen während des Aufstiegs.
Sie müssen Widerstände überwinden. Alte Ordnungen beseitigen. Neue schaffen. Gegner besiegen. Und irgendwann müssen sie auch diejenigen ausschalten, die ihnen ihre neue Stellung neiden.
Aber wenn das gelungen ist, verändert sich ihre Lage.
Die neue Ordnung beginnt selbst zur Ordnung zu werden.
Die Menschen erkennen den neuen Herrscher an.
Er gewinnt Sicherheit, Ansehen und Macht.
Was ungeheuer schwer zu erwerben war, kann danach vergleichsweise leicht zu erhalten sein.
Zum Schluss nimmt Machiavelli noch ein kleineres Beispiel.
Hieron von Syrakus.
Er war zunächst Privatmann, wurde von den Syrakusanern zum Heerführer gewählt und stieg schließlich zum Herrscher auf.
Machiavelli gefällt an ihm, dass er nach seinem Aufstieg nicht einfach mit dem vorhandenen Material weiterarbeitete.
Er löste die alte Armee auf und schuf eine neue.
Er beendete alte Bündnisse und schloss neue.
Er baute sich also eine Machtgrundlage, die ihm selbst gehörte.
Ein antiker Autor habe über Hieron geschrieben, ihm habe zum Königsein nichts gefehlt außer einem Königreich.
Als er die Gelegenheit bekam, erledigte er den fehlenden Teil.
Und damit können wir virtù etwas besser sehen als noch in Kapitel I.
Sie ist nicht Güte.
Nicht bloß Intelligenz.
Und auch nicht einfach militärische Stärke.
Sie zeigt sich darin, eine Gelegenheit zu erkennen, selbstständig zu handeln, Widerstand auszuhalten und etwas Dauerhaftes zu schaffen.
Machiavelli stellt ihr bereits einen zweiten Faktor gegenüber:
fortuna.
Das Glück. Das Schicksal. Der Zufall. Die Umstände.
Noch lassen wir auch dieses Wort beweglich.
Denn das nächste Kapitel wird zeigen, was passiert, wenn ein Fürst seine Macht gerade nicht hauptsächlich der eigenen virtù verdankt.
Der Bordcomputer schließt Kapitel VI mit einer vorläufigen Diagnose:
Die Welt liefert Gelegenheiten.
Virtù entscheidet, was jemand daraus macht.
Und wer eine neue Ordnung errichten möchte, sollte vorher nachsehen, wer mit der alten sehr zufrieden ist.
VII
VON DEN NEUEN FÜRSTENTÜMERN, DIE DURCH FREMDE WAFFEN UND DURCH FORTUNA ERWORBEN WERDEN
Im vorigen Kapitel ging es um Männer, die durch eigene Kraft zu Herrschern werden.
Jetzt betrachten wir die andere Möglichkeit.
Man kann nämlich auch nach oben gelangen, ohne den ganzen Weg selbst gegangen zu sein.
Durch Geld. Durch Beziehungen. Durch fremde Waffen. Durch die Gunst eines Mächtigeren. Durch eine glückliche Gelegenheit.
Durch fortuna.
Das hat einen großen Vorteil:
Es geht schnell.
Und einen erheblichen Nachteil:
Danach steht man oben.
Wer allein durch fortuna aus einem gewöhnlichen Leben auf einen Fürstenthron gelangt, hat beim Aufstieg meist wenig Mühe. Die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn er angekommen ist.
Denn seine Macht ruht nicht auf ihm selbst.
Sie ruht auf dem Willen dessen, der ihn groß gemacht hat, auf den Waffen anderer oder auf Umständen, die sich ebenso schnell ändern können, wie sie entstanden sind. Ein solcher Herrscher hat noch keine eigenen Kräfte, keine verlässlichen Anhänger und keine gewachsene Ordnung.
Machiavelli vergleicht solche Staaten mit Dingen in der Natur, die sehr schnell wachsen.
Was schnell wächst, hat noch keine tiefen Wurzeln.
Der erste Sturm genügt.
Es sei denn, der neue Fürst besitzt genügend virtù, um nachträglich zu tun, was eigentlich vorher hätte geschehen müssen: Fundamente bauen.
Das ist schwierig.
Aber nicht unmöglich.
Machiavelli stellt zwei Männer nebeneinander.
Francesco Sforza wurde durch eigene virtù Herzog von Mailand. Was er mit großer Mühe erwarb, konnte er anschließend vergleichsweise leicht behalten.
Der andere Mann bekam seine Macht zunächst durch fremde Kräfte und durch fortuna.
Sein Name war Cesare Borgia.
Man nannte ihn den Herzog Valentino.
Und jetzt wird Machiavelli aufmerksam.
Sehr aufmerksam.
Denn Cesare Borgia erhielt seine Herrschaft wesentlich durch die Macht und das Glück seines Vaters, Papst Alexander VI. Als diese Grundlage verschwand, verlor er schließlich auch seine Herrschaft.
Damit könnte die Sache erledigt sein.
Für Machiavelli ist sie es überhaupt nicht.
Denn Borgia tat nach seinem Aufstieg fast alles, was ein kluger neuer Fürst nach Machiavellis Ansicht tun musste, um aus geliehener Macht eigene Macht zu machen.
Er bekam ein Haus geschenkt.
Dann begann er, Fundamente darunter zu bauen.
Borgia musste zunächst jene Kräfte beseitigen, von denen er abhängig war oder die ihm gefährlich werden konnten.
Die Familien Colonna und Orsini spielten dabei eine zentrale Rolle. Als die Orsini und andere Verbündete erkannten, dass Borgias wachsende Macht ihre eigene Stellung bedrohte, wandten sie sich gegen ihn.
Borgia überstand die Krise.
Danach entschied er, sich nicht länger darauf zu verlassen, dass Frankreich oder andere äußere Mächte seine Probleme lösen würden.
Er wechselte die Methode.
Von der offenen Gewalt zur Täuschung.
Er versöhnte sich scheinbar mit seinen Gegnern. Er beschenkte sie. Er beruhigte sie. Er ließ sie glauben, sie könnten ihm wieder vertrauen.
Schließlich kamen sie nach Senigallia.
Dort ließ er sie festnehmen.
Mehrere von ihnen wurden getötet.
Machiavelli war damals in Borgias Umgebung. Er kannte diese Ereignisse nicht aus einem Geschichtsbuch. Er hatte den Mann arbeiten sehen.
Und es ist schwer, beim Lesen nicht zu bemerken:
Er war beeindruckt.
Nicht weil Borgia freundlich gewesen wäre.
Sondern weil er ein politisches Problem erkannt, seine Gegner getäuscht und die Gefahr beseitigt hatte.
Machiavelli betrachtet Politik an dieser Stelle ungefähr so, wie ein Mechaniker ein geöffnetes Uhrwerk betrachtet.
Er fragt nicht zuerst, ob ihm die Zahnräder sympathisch sind.
Er will wissen, warum sie sich drehen.
Dann kommt die Romagna.
Borgia hatte dort ein Gebiet übernommen, das Machiavelli als schlecht regiert, zerstritten und voller Gewalt beschreibt.
Um Ordnung herzustellen, setzte Borgia einen Mann namens Ramiro de Orco ein.
Ramiro war hart.
Sehr hart.
Borgia gab ihm weitreichende Vollmachten, und innerhalb kurzer Zeit stellte er tatsächlich Ordnung her.
Damit entstand allerdings ein neues Problem.
Die Bevölkerung hasste die Härte der neuen Herrschaft.
Borgia reagierte.
Er richtete eine geordnetere zivile Verwaltung ein.
Und dann sorgte er dafür, dass die Menschen wussten, wem sie die vergangene Grausamkeit zuschreiben sollten.
Eines Morgens fanden die Bewohner von Cesena Ramiro de Orco auf dem Marktplatz.
Tot.
Sein Körper war in zwei Teile geteilt.
Daneben lagen ein Holzblock und ein blutiges Messer.
Machiavelli schreibt, dieser Anblick habe die Bevölkerung zugleich zufriedengestellt und verblüfft.
Man sollte diesen Moment nicht zu schnell überlesen.
Borgia hatte einen Mann eingesetzt, damit dieser mit äußerster Härte Ordnung schuf.
Als die notwendige Härte ihren Zweck erfüllt hatte und politisch zur Belastung wurde, beseitigte er den Mann.
Die Ordnung blieb.
Der Hass bekam einen anderen Adressaten.
Und Borgia konnte sich als derjenige präsentieren, der die Grausamkeit beendet hatte.
Der Bordcomputer hat die Konstruktion mehrfach überprüft.
Sie bleibt unangenehm effizient.
Die historischen Gründe für Ramiros Hinrichtung sind übrigens nicht völlig geklärt; Machiavellis Darstellung macht aus dem Vorgang ein besonders scharfes politisches Lehrstück. Genau diese Konstruktion ist für Kapitel VII entscheidend.
Borgia arbeitete nun daran, seine geliehene Macht vollständig in eigene Macht umzuwandeln.
Er beseitigte ehemalige Herrscher, soweit er sie erreichen konnte. Er gewann Teile des römischen Adels für sich. Er verschaffte sich Einfluss unter den Kardinälen. Er bereitete weitere Eroberungen in der Toskana vor.
Das Ziel ist inzwischen deutlich:
Der Sohn des Papstes wollte aufhören, nur der Sohn des Papstes zu sein.
Er wollte eine Macht schaffen, die auch ohne seinen Vater bestehen konnte.
Und dann starb sein Vater.
Papst Alexander VI. starb 1503.
Im denkbar schlechtesten Augenblick.
Borgia selbst war gleichzeitig schwer krank.
Seine neuen Herrschaften waren noch nicht vollständig gesichert, feindliche Armeen standen in Italien, und das politische System, das ihn nach oben getragen hatte, veränderte sich innerhalb kürzester Zeit.
Hier kehrt fortuna zurück.
Nicht als freundliche Dame.
Borgia hatte versucht, sich von ihr unabhängig zu machen.
Aber er war noch nicht fertig.
Machiavelli erzählt sogar von einem Gespräch mit ihm. Borgia habe gesagt, er habe sich auf praktisch alles vorbereitet, was beim Tod seines Vaters geschehen könnte.
Nur mit einer Sache habe er nicht gerechnet:
Dass er selbst zu diesem Zeitpunkt ebenfalls beinahe sterben würde.
Das ist vielleicht der reinste Machiavelli-Moment des bisherigen Buches.
Man kann Gefahren vorausdenken.
Man kann Gegner beseitigen.
Man kann Bündnisse schließen, Institutionen schaffen, Armeen aufstellen und Pläne für den Tod eines Papstes machen.
Und dann liegt man selbst mit Fieber im Bett.
Fortuna hat Humor.
Nur keinen besonders freundlichen.
Trotzdem erklärt Machiavelli Borgia nicht für gescheitert, weil dessen Methode falsch gewesen wäre.
Im Gegenteil.
Er sagt ausdrücklich, dass er einem neuen Fürsten, der durch fremde Waffen und durch Glück zur Macht gekommen ist, kaum ein besseres Vorbild geben könne.
Das ist eine starke Aussage.
Denn Machiavelli zählt nun auf, was ein solcher Herrscher können muss:
Feinde unschädlich machen. Freunde gewinnen. Mit Gewalt oder Täuschung siegen. Vom Volk zugleich geachtet und gefürchtet werden. Die Soldaten an sich binden. Menschen beseitigen, die ihn angreifen können oder werden. Alte Ordnungen durch neue ersetzen. Streng sein und zugleich Anerkennung gewinnen. Unzuverlässige Truppen auflösen und eigene schaffen. Mit anderen Herrschern so umgehen, dass sie einen lieber unterstützen als angreifen.
Für all das, sagt Machiavelli, bietet Cesare Borgia ein außergewöhnlich anschauliches Beispiel.
Das ist keine beiläufige Bewunderung.
Hier sehen wir ziemlich genau, was Machiavelli unter politischer virtù versteht.
Nicht Güte.
Nicht Tugend im heutigen moralischen Sinn.
Sondern die Fähigkeit, eine Lage zu erkennen, entschlossen zu handeln, Menschen und Kräfte richtig einzuschätzen und den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern.
Virtù bedeutet, der Welt nicht einfach ausgeliefert zu sein.
Borgia versucht genau das.
Einen entscheidenden Fehler findet Machiavelli dennoch.
Nach dem Tod Alexanders VI. musste ein neuer Papst gewählt werden.
Borgia konnte nicht mehr sicher bestimmen, wer Papst werden würde. Aber Machiavelli meint, er hätte wenigstens verhindern müssen, dass ein Mann gewählt wurde, der Grund hatte, ihn zu hassen oder zu fürchten.
Genau das geschah.
Giuliano della Rovere wurde Papst Julius II.
Borgia hatte seiner Wahl nicht ausreichend entgegengewirkt.
Für Machiavelli war das ein schwerer Fehler.
Denn ein mächtiger Mann darf nicht darauf vertrauen, dass neue Wohltaten alte Verletzungen auslöschen.
Menschen vergessen nicht automatisch, was man ihnen angetan hat, nur weil man ihnen später entgegenkommt.
Hier endet Machiavellis Bewunderung.
Cesare Borgia hatte fast alles bedacht.
Fast.
Und in der Politik kann dieses Wort ziemlich groß werden.
Kapitel VI und Kapitel VII gehören deshalb zusammen.
Im sechsten Kapitel haben wir Männer gesehen, die mit eigener virtù aufsteigen. Sie haben einen schweren Anfang, besitzen danach aber eigene Fundamente.
Im siebten Kapitel sehen wir einen Mann, der den umgekehrten Weg gehen muss.
Borgia bekommt zuerst die Macht.
Dann muss er sie sich verdienen.
Er versucht, fremde Waffen durch eigene zu ersetzen, fremde Abhängigkeiten abzuschütteln, Gegner zu beseitigen, die Bevölkerung für seine Herrschaft zu gewinnen und aus einem Geschenk der fortuna etwas Dauerhaftes zu machen.
Fast gelingt es ihm.
Dann sterben ein Papst, ein politisches System und beinahe auch Borgia selbst zur selben Zeit.
Machiavelli zieht daraus keine beruhigende Lehre.
Er sagt nicht:
Wer alles richtig macht, gewinnt.
Er sagt etwas Härteres.
Ohne virtù ist man der fortuna ausgeliefert.
Aber auch mit virtù verschwindet die fortuna nicht.
Man kann Fundamente bauen.
Man kann den Sturm nicht abschaffen.
VIII
VON DENEN, DIE DURCH VERBRECHEN ZUR HERRSCHAFT GELANGEN
Es gibt noch andere Wege an die Macht.
Machiavelli hat bisher über virtù gesprochen und über fortuna. Über eigene Kräfte und fremde. Über Männer, die einen Staat erobern, erben oder geschenkt bekommen.
Aber Menschen sind erfinderisch.
Man kann auch alle umbringen.
Machiavelli behandelt diese Möglichkeit erstaunlich nüchtern. Nicht weil er sie für gut hält, sondern weil sie existiert.
Er nennt zwei Fälle.
Einen aus der Antike.
Einen aus seiner eigenen Zeit.
Und beide Männer haben ein Problem.
Sie waren erfolgreich.
Der erste heißt Agathokles.
Er stammt aus Sizilien, ist der Sohn eines Töpfers und wächst keineswegs in einer Umgebung auf, die normalerweise Könige hervorbringt.
Er wird Soldat. Und er ist gut darin.
Durch militärische Fähigkeiten steigt er immer weiter auf, bis er eine führende Stellung in Syrakus erreicht.
Bis hierhin könnte Machiavelli beinahe eine weitere Geschichte über virtù erzählen.
Dann entscheidet Agathokles, dass ihm eine führende Stellung nicht genügt.
Er will Syrakus.
Also lässt er eines Morgens das Volk und den Senat zusammenrufen. Angeblich sollen Angelegenheiten der Republik beraten werden.
Die wichtigsten Bürger erscheinen.
Auf ein vereinbartes Zeichen greifen Agathokles’ Soldaten an.
Die Senatoren und viele der reichsten Bürger werden getötet.
Danach gehört die Stadt ihm.
Das Verfahren besitzt eine gewisse Endgültigkeit.
Und jetzt geschieht etwas, das für unser Verständnis Machiavellis wichtig ist.
Er sagt nicht:
Agathokles hat gewonnen, also hatte er virtù.
Im Gegenteil.
Machiavelli erkennt durchaus an, was dieser Mann konnte. Agathokles war mutig, militärisch außerordentlich fähig und widerstandsfähig. Als die Karthager ihn später bedrängten und Syrakus belagerten, verteidigte er nicht nur seine Herrschaft. Er ging zum Gegenangriff über, setzte nach Afrika über und brachte schließlich seine Gegner selbst in Bedrängnis.
Das alles verlangt Fähigkeiten, die Machiavelli normalerweise sehr ernst nimmt.
Und trotzdem weigert er sich, Agathokles deshalb zu den großen Männern zu zählen.
Denn Bürger zu ermorden, Freunde zu verraten, Versprechen zu brechen und ohne Mitleid zu handeln, könne zwar Herrschaft verschaffen.
Aber keinen Ruhm.
Das ist eine bemerkenswerte Unterscheidung.
Erfolg ist für Machiavelli nicht automatisch Größe.
Ein Mensch kann politisch erfolgreich sein und trotzdem etwas Entscheidendes nicht besitzen.
Agathokles bekommt den Staat.
Aber nicht die Ehre.
Der zweite Fall führt zurück in Machiavellis eigene Gegenwart.
Oliverotto da Fermo verliert früh seine Eltern und wird von seinem Onkel Giovanni Fogliani aufgezogen.
Er schlägt eine militärische Laufbahn ein und macht schnell Karriere.
Irgendwann beschließt auch Oliverotto, dass es angenehmer wäre, nicht mehr für andere zu arbeiten.
Er möchte Herr von Fermo werden.
Also schreibt er seinem Onkel.
Nach vielen Jahren in der Fremde wolle er endlich nach Hause kommen. Er wolle seine Heimatstadt wiedersehen und zeigen, dass er seine Zeit nicht nutzlos verbracht habe. Er bittet um einen ehrenvollen Empfang und kündigt an, mit hundert Reitern und Begleitern zu erscheinen.
Sein Onkel freut sich.
Fermo empfängt Oliverotto ehrenvoll.
Dann veranstaltet Oliverotto ein großes Festessen.
Sein Onkel kommt. Die führenden Männer der Stadt kommen ebenfalls. Man isst. Man unterhält sich.
Schließlich beginnt Oliverotto über Papst Alexander VI. und dessen Sohn Cesare Borgia zu sprechen. Das seien wichtige politische Angelegenheiten, erklärt er, über die man besser an einem vertraulicheren Ort rede.
Also wechseln die Herren in ein anderes Zimmer.
Dort warten Soldaten.
Sie töten Giovanni Fogliani und die übrigen Gäste.
Oliverotto steigt anschließend aufs Pferd, übernimmt die Stadt und zwingt ihre Regierung zur Unterwerfung.
Damit ist er Herr von Fermo.
Familienfeiern verliefen in der italienischen Renaissance gelegentlich anders als geplant.
Auch Oliverotto macht danach nicht einfach alles falsch.
Das ist für Machiavellis Argument wichtig.
Er beseitigt diejenigen, die seine Herrschaft gefährden könnten. Er schafft neue zivile und militärische Ordnungen. Innerhalb eines Jahres sitzt er so fest im Sattel, dass er nicht nur Fermo beherrscht, sondern auch seinen Nachbarn gefährlich wird.
Sein Staat funktioniert.
Dann begegnet er einem Mann aus dem vorigen Kapitel.
Cesare Borgia.
Oliverotto gehört zu den Männern, die Borgia nach Senigallia lockt.
Dort wird er gefangen genommen.
Kurz darauf wird er zusammen mit Vitellozzo Vitelli erdrosselt.
Machiavelli hatte diese Ereignisse sehr genau verfolgt; er verfasste sogar eine eigene Darstellung von Borgias Vorgehen gegen Vitellozzo, Oliverotto und die Orsini.
Damit entsteht eine bemerkenswerte kleine Kette:
Oliverotto lädt seine Gegner ein.
Er ermordet sie.
Borgia lädt Oliverotto ein.
Er ermordet ihn.
Der Bordcomputer registriert ein gewisses Risiko bei Einladungen in diesem Kapitel.
Aber Machiavelli ist noch nicht fertig.
Denn jetzt stellt er die eigentlich interessante Frage.
Warum funktioniert extreme Gewalt manchmal?
Und warum zerstört sie in anderen Fällen gerade die Herrschaft, die sie sichern sollte?
Seine Antwort gehört zu den berühmtesten und verstörendsten Gedanken des Fürsten.
Er unterscheidet zwischen Grausamkeiten, die, wie er formuliert, „gut gebraucht", und solchen, die schlecht gebraucht werden.
Machiavelli weiß selbst, wie seltsam diese Formulierung klingt. Im Original schiebt er sinngemäß sofort ein: sofern man vom Schlechten überhaupt sagen darf, es werde gut gebraucht.
Was meint er?
Nicht, dass Grausamkeit moralisch gut wird.
Er beschreibt eine politische Logik.
„Gut gebraucht" nennt er Gewalt, die zu Beginn einer Herrschaft konzentriert eingesetzt wird, um die neue Ordnung zu sichern, danach aber aufhört.
Anschließend soll der Herrscher versuchen, seine Stellung durch Maßnahmen zu festigen, die den Untertanen nützen.
Schlecht gebraucht ist dagegen Gewalt, die nicht endet.
Heute eine Verhaftung. Morgen eine Hinrichtung. Übermorgen ein neuer Feind. Danach der nächste.
Die Herrschaft lebt dauerhaft vom Schrecken.
Und damit entsteht ein Problem.
Niemand kann sich an eine Ordnung gewöhnen, wenn jederzeit die nächste Verletzung droht.
Der Fürst muss ständig das Messer in der Hand behalten.
Hier steckt ein Gedanke, der weit über die beiden grausamen Beispiele hinausgeht.
Machiavelli denkt über Zeit nach.
Menschen erleben nicht nur, was ihnen geschieht.
Sie erleben auch, wann und wie oft es geschieht.
Deshalb formuliert er eine seiner härtesten Regeln:
Verletzungen sollen, wenn sie politisch unvermeidlich seien, auf einmal erfolgen.
Wohltaten dagegen nach und nach.
Die Verletzungen werden dadurch für kürzere Zeit erfahren.
Die Wohltaten können immer wieder wahrgenommen werden.
Das klingt kalt.
Es ist kalt.
Aber Machiavelli beschreibt hier nicht einfach eine Vorliebe für Grausamkeit. Er versucht zu verstehen, wie sich Herrschaft im Gedächtnis der Beherrschten festsetzt.
Ein Fürst, der ständig neue Gewalt benötigt, hat seine Herrschaft nicht stabilisiert.
Er hat lediglich eine Maschine gebaut, die immer weiter Gewalt produzieren muss.
Damit können wir jetzt auch Cesare Borgia aus dem vorigen Kapitel besser verstehen.
Ramiro de Orco sollte die Romagna mit Härte befrieden.
Dann wurde Ramiro beseitigt.
Die Härte sollte einen Endpunkt bekommen.
Genau dieses Muster formuliert Machiavelli hier als allgemeine politische Überlegung.
Aber Kapitel VIII fügt etwas Entscheidendes hinzu.
Machiavelli bewundert Fähigkeit.
Er bewundert Entschlossenheit.
Er bewundert Menschen, die schwierige Situationen erkennen und handeln können.
Doch er setzt Fähigkeit nicht einfach mit Größe gleich.
Agathokles besitzt Mut, militärisches Können und enorme Entschlossenheit.
Was er nicht besitzt, ist Ruhm.
Das Reich kann man bekommen.
Die Geschichte muss einen deshalb noch lange nicht bewundern.
Und vielleicht ist das die überraschendste Entdeckung dieses Kapitels.
Machiavelli hat die Moral nicht vergessen.
Er hat nur aufgehört, so zu tun, als würde die Welt automatisch nach ihr funktionieren.
IX
VOM BÜRGERLICHEN FÜRSTENTUM
Es gibt einen weiteren Weg zur Herrschaft.
Man muss dafür keinen Staat erben.
Man muss ihn nicht erobern.
Und erfreulicherweise muss man auch niemanden zum Abendessen einladen und anschließend ermorden.
Ein Bürger kann zum Fürsten seiner eigenen Stadt werden, weil andere Bürger ihn dabei unterstützen.
Machiavelli nennt das ein bürgerliches Fürstentum.
Dafür brauche man weder ausschließlich virtù noch ausschließlich fortuna. Eher, schreibt er, eine Art glückliche Klugheit.
Aber entscheidend ist etwas anderes.
Wer einen solchen Fürsten nach oben bringt.
Denn in jeder Stadt, sagt Machiavelli, gibt es zwei unterschiedliche Kräfte.
Das Volk. Und die Großen.
Die Großen wollen herrschen und das Volk unterdrücken.
Das Volk möchte nicht von den Großen beherrscht und unterdrückt werden.
Mehr verlangt es zunächst gar nicht.
Aus diesem Konflikt können nach Machiavelli drei Dinge entstehen:
Fürstenherrschaft. Freiheit. Oder Unordnung.
Das klingt zunächst nach einer sehr groben Beschreibung einer Gesellschaft.
Aber Machiavelli hat damit etwas gefunden, das ihn auch in anderen Werken beschäftigen wird:
Politik entsteht nicht erst im Palast.
Sie entsteht daraus, dass verschiedene Gruppen verschiedene Dinge wollen.
Ein Fürst kann deshalb auf zwei Wegen an die Spitze gelangen.
Die Großen können ihn dort hinsetzen.
Oder das Volk.
Wenn die Großen merken, dass sie das Volk nicht mehr kontrollieren können, können sie einen aus ihren Reihen zum Fürsten machen. Unter seinem Schutz hoffen sie, ihre Interessen weiter durchsetzen zu können.
Das Volk kann dasselbe tun.
Wenn es den Großen nicht widerstehen kann, unterstützt es einen einzelnen Mann und gibt ihm Macht, damit er es schützt.
In beiden Fällen steht am Ende ein Fürst.
Aber seine Lage ist keineswegs dieselbe.
Machiavelli würde den zweiten Weg vorziehen.
Nicht aus Romantik.
Aus Mathematik.
Wer mit Hilfe der Großen Fürst wird, steht anschließend zwischen Menschen, die sich selbst ungefähr für seinesgleichen halten.
Das ist unangenehm.
Sie haben ihn unterstützt. Sie besitzen selbst Macht. Sie haben Erwartungen.
Und vermutlich erinnern sie sich ziemlich genau daran, dass der neue Fürst gestern noch einer von ihnen war.
Er kann ihnen deshalb nicht einfach befehlen, wie er möchte.
Wer dagegen durch Unterstützung des Volkes an die Macht gelangt, befindet sich in einer günstigeren Lage.
Denn das Volk verlangt nach Machiavellis Vorstellung im Kern nur eines:
Lass uns in Ruhe.
Genauer:
Unterdrücke uns nicht.
Bei den Großen ist das schwieriger.
Ihren Wunsch, andere zu beherrschen, kann ein Fürst nicht erfüllen, ohne dabei andere Menschen zu verletzen.
Den Wunsch des Volkes, nicht unterdrückt zu werden, kann er sehr wohl erfüllen.
Und Machiavelli fügt ausdrücklich hinzu, dass das Ziel des Volkes ehrbarer sei als das Ziel der Großen.
Das ist ein Satz, bei dem man kurz auf die Instrumententafel schauen darf.
Machiavelli.
Der Mann mit Cesare Borgia, Täuschung, Hinrichtungen und sorgfältig dosierter Grausamkeit.
Sagt gerade:
Das gewöhnliche Volk hat in diesem Konflikt das anständigere Anliegen.
Die Anzeige funktioniert.
Wir können weiterlesen.
Es gibt noch einen praktischen Grund, warum ein Fürst das Volk ernst nehmen sollte.
Von einigen mächtigen Gegnern kann man sich befreien.
Vom Volk nicht.
Es sind schlicht zu viele.
Wenn das Volk einen Fürsten hasst, besteht seine größte unmittelbare Gefahr darin, dass es ihn im entscheidenden Augenblick im Stich lässt.
Feindliche Große können mehr tun.
Sie können ihn verlassen.
Und anschließend aktiv gegen ihn arbeiten.
Denn die Großen, sagt Machiavelli, verfügen über mehr politische Erfahrung und mehr Möglichkeiten. Wenn sie glauben, dass ein anderer gewinnen wird, versuchen sie rechtzeitig, auf dessen Seite zu gelangen.
Ein Fürst muss deshalb genau beobachten, welche mächtigen Männer ihn umgeben.
Einige verbinden ihr Schicksal tatsächlich mit seinem.
Wenn sie nicht habgierig sind, sollte er sie achten.
Andere halten Abstand, weil ihnen Entschlossenheit fehlt. Auch sie können nützlich sein, besonders wenn sie guten Rat geben.
Aber dann gibt es diejenigen, die sich absichtlich nicht festlegen.
Nicht aus Schwäche.
Aus Ehrgeiz.
Sie denken zuerst an sich selbst.
Machiavelli empfiehlt, sie so zu betrachten, wie man offene Gegner betrachten würde.
Denn sobald Schwierigkeiten kommen, werden sie wahrscheinlich helfen, den Fürsten zu stürzen.
Was also soll ein Fürst tun, der durch das Volk an die Macht gekommen ist?
Das Volk auf seiner Seite behalten.
Das sei nicht besonders schwer, meint Machiavelli, weil es hauptsächlich nicht unterdrückt werden wolle.
Interessanter wird der umgekehrte Fall.
Ein Fürst ist mit Unterstützung der Großen an die Macht gekommen.
Das Volk wollte ihn nicht.
Was nun?
Machiavellis Antwort:
Gewinne das Volk.
Und zwar möglichst schnell.
Der neue Fürst soll sich zu seinem Beschützer machen.
Das könne sogar eine besonders starke Bindung erzeugen.
Denn Menschen, die von jemandem Gutes erfahren, von dem sie eigentlich Schlechtes erwartet hatten, könnten sich ihm besonders verbunden fühlen.
Das ist eine feine Beobachtung.
Erwartung verändert die Wirkung einer Handlung.
Wer ohnehin als Freund gilt, erfüllt mit einer Wohltat vielleicht nur die Erwartung.
Wer als möglicher Gegner galt und plötzlich Schutz bietet, verändert die gesamte Beziehung.
Machiavelli macht daraus keine allgemeine psychologische Theorie.
Aber er sieht den Mechanismus.
Und merkt ihn sich.
Dann formuliert er einen Satz, der für das ganze Kapitel entscheidend ist:
Ein Fürst braucht das Volk.
Ein Herrscher, der glaubt, er könne sich allein auf die Großen verlassen, baut auf unsicherem Boden.
Machiavelli führt dafür ein altes Sprichwort an:
Wer auf das Volk baut, baut auf Schlamm.
Aber er hält diese pauschale Behauptung für falsch.
Sie stimmt seiner Ansicht nach dann, wenn ein Privatmann glaubt, das Volk werde ihn gegen staatliche Gewalt oder mächtige Feinde retten.
Ein Fürst dagegen, der führen kann, in Schwierigkeiten nicht den Kopf verliert, Verteidigung organisiert und den Menschen Mut macht, kann sehr wohl auf das Volk bauen.
Das ist wichtig.
Machiavelli sagt nicht:
Das Volk ist immer treu.
Er sagt:
Volkstreue ist politisch herstellbar.
Sie hängt davon ab, wie ein Herrscher handelt.
Am gefährlichsten wird es, wenn eine bürgerliche Herrschaft ihre Form verändert.
Solange Institutionen funktionieren, kann ein Fürst entweder unmittelbar selbst regieren oder durch Magistrate und bestehende Ämter.
Im zweiten Fall besitzt er ein Problem.
Seine Macht läuft durch andere Menschen.
In ruhigen Zeiten fällt das kaum auf.
Dann kommen alle.
Alle versprechen Unterstützung.
Alle sind treu.
Alle würden selbstverständlich für den Fürsten sterben.
Solange niemand sterben muss.
Machiavelli kennt Menschen.
Er hat beruflich mit ihnen zu tun gehabt.
Erst in einer Krise zeigt sich, worauf eine Herrschaft wirklich gebaut ist.
Wenn die Bürger den Staat brauchen, findet ein Fürst viele Unterstützer.
Wenn der Staat plötzlich die Bürger braucht, werden es weniger.
Und genau dann kann ein Herrscher, dessen Autorität nur über Magistrate und Institutionen vermittelt wurde, entdecken, dass Befehle nicht automatisch dort ankommen, wo er sie benötigt.
In einer solchen Situation lässt sich Vertrauen nicht improvisieren.
Man kann eine politische Beziehung nicht jahrelang vernachlässigen und sie am Morgen der Belagerung aktivieren.
Machiavelli formuliert deshalb am Ende des Kapitels eine Regel, die viel weniger spektakulär klingt als die Geschichten über Borgia und Agathokles.
Vielleicht ist sie gerade deshalb wichtiger.
Ein kluger Fürst muss eine Ordnung schaffen, in der seine Bürger zu jeder Zeit und unter allen Umständen einen Grund haben, an seinem Staat festzuhalten.
Dann, meint Machiavelli, werden sie ihm treu bleiben.
Kapitel IX verändert damit langsam das Bild dieses Buches.
Nach den letzten Kapiteln hätte man glauben können, Machiavellis Fürst müsse vor allem eines beherrschen:
Gewalt.
Jetzt wird sichtbar, dass das nicht reicht.
Ein Herrscher kann Gegner beseitigen. Er kann Armeen besitzen. Er kann die Großen einschüchtern.
Aber unter ihm leben Menschen.
Und diese Menschen sind keine Kulisse.
Sie können gehorchen. Sie können unterstützen. Sie können hassen. Und sie können im entscheidenden Augenblick einfach nicht kommen.
Das Volk besitzt bei Machiavelli deshalb eine merkwürdige Form von Macht.
Es muss nicht selbst regieren, um politisch entscheidend zu sein.
Sein Wunsch ist bescheiden:
Nicht unterdrückt werden.
Wer diesen Wunsch ignoriert, bekommt irgendwann ein Stabilitätsproblem.
Wer ihn versteht, besitzt etwas, das sich mit Geld nur schwer kaufen lässt:
Menschen, die einen Grund haben, den bestehenden Staat nicht zusammenbrechen zu lassen.
Nach zwei Kapiteln voller Messer ist das beinahe eine freundliche Nachricht.
Beinahe.
Denn Machiavellis eigentliche Botschaft lautet nicht:
Sei gut zu den Menschen.
Sie lautet:
Eine Herrschaft ist stärker, wenn die Beherrschten einen Grund haben, ihren Fortbestand zu wollen.
Das ist etwas anderes.
Und sehr Machiavelli.
