NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

BORDFASSUNG · TEIL IV – KAPITEL XIII–XV

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XIII · Von Hilfstruppen, gemischten und eigenen Heeren

Hilfstruppen sind jene andere nutzlose Art von Waffen, die man erhält, wenn man einen mächtigen Herrscher bittet, mit seinen eigenen Truppen zu kommen, um einen zu unterstützen und zu verteidigen.

So handelte in jüngster Zeit Papst Julius II.

Nachdem er beim Unternehmen gegen Ferrara gesehen hatte, wie schlecht sich seine Söldnertruppen bewährten, wandte er sich Hilfstruppen zu.

Er vereinbarte mit Ferdinand, dem König von Spanien, dass dieser ihm mit seinen Soldaten und Heeren helfen sollte.

Solche Truppen können für sich selbst durchaus brauchbar und gut sein.

Für denjenigen aber, der sie ruft, sind sie immer gefährlich.

Denn wenn sie verlieren, bist du besiegt.

Und wenn sie gewinnen, bist du ihr Gefangener.


Der Bordcomputer überprüft die beiden möglichen Ergebnisse.

NIEDERLAGE: schlecht.

SIEG: ebenfalls schlecht.

Machiavelli scheint mit diesem militärischen Produkt nicht zufrieden zu sein.

Aber sein Argument ist wichtig.

Bei Söldnern bestand das Problem darin, dass sie nicht zuverlässig genug waren.

Bei Hilfstruppen besteht das Problem darin, dass sie womöglich sehr zuverlässig sind.

Nur leider gehören sie jemand anderem.


Die alten Geschichtswerke sind voll von solchen Beispielen.

Aber ich will bei Julius II. bleiben, denn sein Fall liegt noch nicht lange zurück.

Seine Entscheidung hätte kaum unvorsichtiger sein können.

Um Ferrara zu gewinnen, legte er sein Schicksal vollständig in die Hände eines Fremden.

Doch seine gute fortuna ließ einen dritten Umstand eintreten, sodass er die Früchte seiner schlechten Entscheidung nicht ernten musste.

Seine spanischen Hilfstruppen wurden bei Ravenna geschlagen.

Dann erschienen die Schweizer und vertrieben unerwartet die Sieger.

So geriet Julius weder in die Gefangenschaft seiner Feinde, weil diese vertrieben wurden, noch in die seiner Hilfstruppen, weil der Sieg schließlich durch andere Waffen errungen worden war.


Das ist herrlich Machiavelli.

Julius trifft eine schlechte Entscheidung. Sie müsste eigentlich katastrophale Folgen haben. Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes, und er kommt davon.

Machiavelli sagt deshalb nicht:

Seht her, die Entscheidung war offenbar doch gut.

Sondern sinngemäß:

Nein. Die Entscheidung war schlecht. Er hatte Glück.

Da ist wieder unsere alte Unterscheidung.

Ein gutes Ergebnis beweist nicht automatisch eine gute Entscheidung.

Fortuna kann Fehler verdecken.

Zumindest eine Weile.


Die Florentiner waren völlig unbewaffnet und holten zehntausend Franzosen, um Pisa zu erobern.

Damit brachten sie sich in größere Gefahr als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt ihrer Schwierigkeiten.

Der Kaiser von Konstantinopel wiederum holte zehntausend Türken nach Griechenland, um sich gegen seine Nachbarn zu verteidigen.

Als der Krieg beendet war, wollten die Türken nicht wieder gehen.

Dies, sagt Machiavelli, sei der Anfang der Unterwerfung Griechenlands unter die Ungläubigen gewesen.


Die Konstruktion ist immer dieselbe.

Du hast ein Problem. Du besitzt nicht genügend eigene Macht, um es zu lösen. Also holst du jemanden herein, der diese Macht besitzt. Problem gelöst. Nun besitzt allerdings jemand anderes innerhalb deines politischen Raumes genau die Macht, die dir selbst gefehlt hat.

Neues Problem.

Der Bordcomputer erkennt eine gewisse Rekursion.


Wer also auf keinen Fall gewinnen möchte, soll sich solcher Truppen bedienen.

Denn sie sind noch viel gefährlicher als Söldner.

Bei ihnen ist der Untergang bereits vorbereitet.

Sie bilden einen geschlossenen Körper und gehorchen vollständig einem anderen.

Söldner dagegen brauchen nach einem Sieg mehr Zeit und eine günstigere Gelegenheit, um sich gegen dich zu wenden.

Sie sind kein einheitlicher Körper.

Du selbst hast sie angeworben und bezahlt.

Und ein Heerführer, den du über sie setzt, kann nicht sofort genügend Macht gewinnen, um dich zu vernichten.

Kurz gesagt:

Bei Söldnern ist ihre Feigheit am gefährlichsten.

Bei Hilfstruppen ihre Tüchtigkeit.


Das ist einer jener Sätze, bei denen Machiavelli das ganze Kapitel plötzlich in zwei Zeilen zusammenfaltet.

Der schlechte Söldner ist gefährlich, weil er nicht kämpft.

Der gute Verbündete ist gefährlich, weil er kämpfen kann.

Und falls er für dich gewinnt, steht anschließend ein gut organisiertes fremdes Heer in deinem Land.

Herzlichen Glückwunsch zum Sieg.

Der Bordcomputer empfiehlt, die Champagnerflasche noch geschlossen zu halten.


Ein kluger Fürst hat deshalb solche Waffen immer gemieden und sich auf seine eigenen gestützt.

Er wollte lieber mit den eigenen Truppen verlieren als mit fremden gewinnen.

Denn einen Sieg, den man mit den Waffen eines anderen erringt, hielt er nicht für einen wirklichen Sieg.


Das ist radikal.

Lieber selbst verlieren als abhängig gewinnen.

Nicht aus Stolz.

Sondern weil Machiavelli Erfolg anders misst.

Wenn jemand anderes die entscheidende Macht besitzt, durch die dein Staat gerettet wurde, hat dein Staat zwar die Schlacht überstanden.

Aber seine Abhängigkeit besteht weiterhin.

Vielleicht ist sie sogar größer geworden.

Machiavelli fragt deshalb nicht nur:

Wer hat gewonnen?

Sondern:

Wer besitzt nach dem Sieg die Macht?


Und natürlich erscheint wieder Cesare Borgia.

Der Herzog zog zunächst mit französischen Hilfstruppen in die Romagna und nahm mit ihnen Imola und Forlì.

Doch diese Waffen erschienen ihm nicht sicher.

Also wechselte er zu Söldnern und verpflichtete die Orsini und Vitelli.

Dann stellte er fest, dass auch diese zweifelhaft, untreu und gefährlich waren.

Also beseitigte er sie.

Und wandte sich schließlich seinen eigenen Truppen zu.

Machiavelli betrachtet Borgias Entwicklung beinahe wie eine Versuchsreihe:

FREMDE HILFSTRUPPEN

Gefährlich.

↓

SÖLDNER

Ebenfalls gefährlich.

↓

EIGENE TRUPPEN

Endlich.

Und Machiavelli sagt, man könne den Unterschied an Borgias Ansehen erkennen.

Solange er von Orsini und Vitelli abhängig war, wurde er niemals so hoch eingeschätzt wie später.

Sein Ansehen stieg erst wirklich, als jeder erkennen konnte:

Dieser Mann besitzt seine Machtmittel selbst.


Machiavelli könnte nun bei italienischen Beispielen bleiben.

Tut er aber nicht.

Er holt David und Goliath auf die Konsole.

Als David sich bereit erklärte, gegen Goliath zu kämpfen, gab Saul ihm seine eigene Rüstung.

David zog sie an.

Und legte sie wieder ab.

Er könne sich darin nicht richtig bewegen.

Also trat er dem Gegner mit seiner Schleuder und seinem Messer entgegen.

Machiavellis Schluss:

Die Waffen eines anderen fallen dir entweder vom Körper, oder sie belasten dich, oder sie engen dich ein.


Das ist ein überraschend schönes Bild.

Fremde Macht passt nicht richtig.

Selbst wenn sie stärker aussieht.

Sauls Rüstung bietet vermutlich besseren Schutz als eine Schleuder.

Aber David kann darin nicht David sein.

Für Machiavelli ist Selbstständigkeit deshalb nicht einfach eine Frage der Menge an Macht.

Es geht um die Frage:

Kannst du über diese Macht tatsächlich verfügen?

Eine kleinere eigene Fähigkeit kann politisch wertvoller sein als eine größere fremde.


Dann kommt Frankreich.

Karl VII. hatte Frankreich mit eigener virtù und fortuna von den Engländern befreit und erkannt, dass das Königreich eigene militärische Kräfte benötigte.

Er schuf eine Ordnung eigener Kavallerie und Infanterie.

Sein Sohn Ludwig XI. löste jedoch die eigene Infanterie wieder auf und begann, Schweizer anzuwerben.

Damit, sagt Machiavelli, begann das Problem.

Denn je mehr Ansehen die Schweizer gewannen, desto mehr verloren die eigenen französischen Truppen.

Die französische Infanterie verschwand.

Und die eigene Kavallerie gewöhnte sich daran, nur noch gemeinsam mit den Schweizern erfolgreich kämpfen zu können.

Das Ergebnis:

Gegen die Schweizer waren die Franzosen nicht stark genug.

Ohne die Schweizer glaubten sie wiederum, gegen andere nicht bestehen zu können.


Jetzt wird Machiavellis Argument noch interessanter.

Abhängigkeit entsteht nicht erst dann, wenn jemand dich zwingt.

Sie kann entstehen, weil du eine eigene Fähigkeit nicht mehr benutzt.

Zuerst holst du fremde Hilfe, weil sie praktisch ist. Dann baust du deine eigene Fähigkeit zurück. Dann gewöhnst du dein System an die fremde Hilfe. Und irgendwann kannst du ohne sie nicht mehr richtig funktionieren.

Der Bordcomputer markiert:

ABHÄNGIGKEIT KANN ERLERNT WERDEN.

Das steht so nicht bei Machiavelli.

Aber genau diesen Mechanismus beschreibt er.


Frankreich besitzt deshalb ein gemischtes Heer: teilweise eigene, teilweise fremde Kräfte.

Das ist nach Machiavelli wesentlich besser als reine Söldner oder reine Hilfstruppen.

Aber deutlich schlechter als vollständig eigene Waffen.

Frankreich, behauptet er, wäre nahezu unüberwindlich geworden, wenn die Ordnung Karls VII. erhalten und weiterentwickelt worden wäre.

Dann folgt ein Satz, den wir bereits aus früheren Kapiteln kennen könnten:

Menschen beginnen häufig etwas, das ihnen zunächst vorteilhaft erscheint, ohne das Gift zu erkennen, das darin verborgen liegt.

Wie bei einer Krankheit.

Wenn ein Herrscher die Gefahr erst erkennt, nachdem sie sichtbar geworden ist, ist er nicht wirklich weise.

Denn politische Klugheit besteht für Machiavelli gerade darin, Probleme zu erkennen, bevor sie offensichtlich werden.


Und nun zieht er den größten historischen Fall heran.

Den Beginn des Niedergangs des Römischen Reiches führt Machiavelli darauf zurück, dass die Römer begannen, Goten als Soldaten anzuwerben.

Von diesem Augenblick an, sagt er, wurden die eigenen Kräfte des Reiches schwächer.

Und genau jene militärische virtù, die Rom verlor, ging auf die Goten über.

Das ist seine ganze Theorie in einem Bild:

Du kaufst dir eine Fähigkeit.

Dabei verlernst du sie selbst.

Der andere übt sie.

Du wirst schwächer.

Er wird stärker.

Und irgendwann stellst du fest, dass du jahrelang jemanden dafür bezahlt hast, das zu lernen, was du selbst nicht mehr kannst.


Deshalb lautet Machiavellis Schluss:

Ohne eigene Waffen ist kein Fürstentum sicher.

Es ist vollständig der fortuna ausgeliefert, weil es keine eigene virtù besitzt, die es im Unglück verteidigen könnte.

Machiavelli beruft sich auf eine alte Einsicht:

Nichts sei so schwach und unbeständig wie der Ruf einer Macht, die nicht auf eigenen Kräften beruht.

Eigene Waffen sind für ihn diejenigen, die aus deinen Untertanen, deinen Bürgern oder Menschen bestehen, die unmittelbar zu deiner politischen Ordnung gehören.

Alle anderen sind Söldner oder Hilfstruppen.


Damit endet Kapitel XIII.

Und nun erkennen wir, dass die beiden Militärkapitel eigentlich gar nicht nur von Militär handeln.

Sie handeln von einem Gedanken, der sich durch Der Fürst zieht:

Besitzt du selbst die Voraussetzungen deiner eigenen Existenz?

Eine Herrschaft, die nur durch fremde Unterstützung erworben wurde, ist abhängig.

Eine Stadt, die sich nicht selbst verteidigen kann, ist abhängig.

Ein Heer, das nur für Geld kämpft, ist unzuverlässig.

Ein fremdes Heer, das zuverlässig kämpft, ist noch gefährlicher.

Und ein Staat, der seine eigenen Fähigkeiten abbaut, weil fremde Kräfte sie bequemer übernehmen können, macht sich Schritt für Schritt von ihnen abhängig.

Machiavellis Gegenbegriff lautet:

eigene Kräfte.

Nicht weil sie immer stärker sind.

Sondern weil sie deine sind.

Der Bordcomputer schließt Kapitel XIII.

David hat Sauls Rüstung zurückgegeben.

Cesare Borgia hat drei verschiedene Militärmodelle ausprobiert.

Frankreich sucht seine Infanterie.

Und Machiavelli scheint erstmals seit mehreren Seiten einigermaßen zufrieden.

Im nächsten Kapitel erklärt er dem Fürsten, was dieser nun persönlich mit all diesen Waffen anfangen soll.

Die Antwort beginnt wenig überraschend mit:

Üben.

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XIV · Was einem Fürsten in militärischen Dingen zukommt

Ein Fürst darf kein anderes Ziel und keinen anderen Gedanken haben und nichts anderes zu seinem eigentlichen Handwerk machen als

den Krieg, seine Ordnung und seine Disziplin.

Denn dies ist die einzige Kunst, die demjenigen zukommt, der herrscht.

Sie besitzt eine solche Kraft, dass sie nicht nur geborene Fürsten an der Macht erhält.

Sie kann sogar Männer aus einem privaten Leben zur Herrschaft emporheben.

Umgekehrt sieht man, dass Fürsten ihre Staaten verloren haben, wenn sie sich mehr den Annehmlichkeiten als den Waffen widmeten.

Wer diese Kunst vernachlässigt, verliert seine Herrschaft.

Wer sie beherrscht, kann eine erwerben.


Der Bordcomputer blickt auf die Stellenbeschreibung.

Gesucht wird:

Fürst.

Aufgabenbereich:

Krieg.

Weitere Interessen offenbar optional.

Das klingt zunächst fast erschreckend eindimensional. Aber wir sollten Machiavelli genau lesen.

Er sagt nicht einfach:

Ein Fürst soll ständig Krieg führen.

Er sagt:

Ein Fürst muss das Handwerk des Krieges beherrschen.

Das ist etwas anderes.

Kapitel XII und XIII haben erklärt, warum.

Wer das Handwerk selbst nicht versteht, muss sich auf Menschen verlassen, die es verstehen.

Und damit sind wir sofort wieder bei Machiavellis Lieblingsproblem:

Abhängigkeit.


Francesco Sforza wurde durch seine militärische Fähigkeit vom Privatmann zum Herzog von Mailand.

Seine Nachkommen dagegen wurden aus Herzögen wieder Privatleute, weil sie die Mühen und Beschwernisse des Waffenhandwerks mieden.

Denn unter den Nachteilen, die daraus entstehen, unbewaffnet zu sein, befindet sich auch dieser:

Man wird verachtet.

Und Verachtung gehört, wie Machiavelli später noch ausführlicher erklären wird, zu den Dingen, die ein Fürst unbedingt vermeiden muss.

Zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten besteht für Machiavelli kein vernünftiges Gleichgewicht.

Es sei nicht zu erwarten, dass ein Bewaffneter einem Unbewaffneten gern gehorcht.

Ebenso wenig könne sich ein unbewaffneter Herrscher unter bewaffneten Dienern wirklich sicher fühlen.

Auf der einen Seite entsteht Geringschätzung.

Auf der anderen Misstrauen.

So können beide nicht gut zusammenarbeiten.


Das ist der politische Kern.

Der Fürst muss nicht deshalb militärische Kenntnisse besitzen, weil Machiavelli Panzer besonders interessant findet.

Es gibt noch keine Panzer.

Das hilft.

Der Fürst muss sie besitzen, weil Wissen Machtverhältnisse verändert.

Stellen wir uns einen Herrscher vor, der von Krieg nichts versteht.

Seine Generäle erklären ihm:

Diese Stellung können wir nicht halten. Jene Truppen brauchen wir unbedingt. Dort müssen wir angreifen. Hier müssen wir uns zurückziehen.

Der Fürst kann zuhören. Er kann nicken. Er kann sehr fürstlich aussehen. Aber er kann kaum beurteilen, ob irgendetwas davon stimmt.

Formal befiehlt er.

Praktisch ist er abhängig von denen, die wissen, wovon sie sprechen.

Machiavelli mag solche Konstruktionen nicht.


Ein Fürst, der vom Militärwesen nichts versteht, kann deshalb nach Machiavellis Urteil weder von seinen Soldaten geachtet werden noch ihnen vertrauen.

Also muss er lernen.

Und zwar auf zwei Arten:

mit dem Körper

und mit dem Geist.


MIT DEM KÖRPER

Ein Fürst darf in Friedenszeiten nicht untätig sein.

Er soll sich durch körperliche Übungen abhärten.

Vor allem soll er die Jagd betreiben.

Nicht hauptsächlich, weil ein toter Hirsch die Stabilität des Staates erhöht.

Sondern weil die Jagd für Machiavelli militärisches Geländeunterricht ist.

Der Fürst lernt dabei die Beschaffenheit des Landes kennen.

Er sieht, wie Berge ansteigen. Wie Täler sich öffnen. Wie Ebenen liegen. Wie Flüsse und Sümpfe beschaffen sind.

Er soll solche Dinge mit größter Aufmerksamkeit beobachten.


Und hier wird aus dem Spaziergang plötzlich Strategie.

Wer sein eigenes Land genau kennt, kann es besser verteidigen.

Aber Machiavelli geht weiter.

Wer ein Gelände wirklich verstanden hat, kann daraus lernen, auch unbekanntes Gelände schneller zu begreifen.

Denn Hügel, Täler, Ebenen, Flüsse und Sümpfe unterscheiden sich zwar.

Aber ihre militärischen Eigenschaften lassen sich vergleichen.

Der Fürst trainiert also nicht bloß Ortskenntnis.

Er trainiert die Fähigkeit,

Landschaft zu lesen.

Der Bordcomputer betrachtet den nächsten Waldspaziergang mit leicht verändertem Respekt.


Wer diese Kenntnisse nicht besitzt, dem fehlt nach Machiavelli die erste Fähigkeit eines Heerführers.

Denn Geländekenntnis lehrt ihn,

den Feind zu finden,

geeignete Lagerplätze auszuwählen,

Heere zu führen,

Schlachten zu ordnen

und Städte mit Vorteil zu belagern.

Das Interessante daran ist:

Machiavelli spricht schon wieder über Vorbereitung.

Nicht über Heldentum im entscheidenden Augenblick.

Nicht über spontane Genialität.

Sondern darüber, vor dem entscheidenden Augenblick so viel gesehen, gedacht und geübt zu haben, dass man dann nicht bei null anfangen muss.


Dafür führt er Philopoimen, den Feldherrn der Achäer, an.

Die antiken Autoren lobten ihn dafür, dass er auch in Friedenszeiten ständig über den Krieg nachdachte.

Wenn er mit Freunden über Land ging, blieb er manchmal stehen und fragte:

Angenommen, die Feinde wären dort auf diesem Hügel.

Und wir wären hier mit unserem Heer.

Wer hätte die bessere Stellung?

Wie könnten wir sie angreifen, ohne unsere Ordnung zu verlieren?

Was müssten wir tun, wenn wir uns zurückziehen wollten?

Wie würden wir sie verfolgen, wenn sie sich zurückzögen?

Dann hörte Philopoimen sich die Antworten seiner Begleiter an.

Er erklärte seine eigene Lösung.

Und begründete sie.


Der Bordcomputer hält an.

Das gefällt ihm.

Philopoimen geht offenbar nicht spazieren.

Er betreibt eine permanente taktische Simulation.

Andere Menschen sehen einen Hügel.

Philopoimen sieht:

FEIND MÖGLICH.

Andere Menschen sehen einen Weg.

Philopoimen fragt:

RÜCKZUGSROUTE?

Es muss ausgesprochen entspannend gewesen sein, mit diesem Mann einen Sonntagnachmittag zu verbringen.

Aber Machiavellis Punkt ist ausgezeichnet.

Durch dieses ständige gedankliche Durchspielen möglicher Situationen konnte Philopoimen später als Heerführer kaum etwas begegnen, über das er nicht schon einmal nachgedacht hatte.

Das ist die eigentliche Übung.

Nicht:

die Zukunft vorhersagen.

Sondern:

mögliche Zukünfte vorher durchdenken.


MIT DEM GEIST

Der Fürst soll außerdem Geschichte lesen.

Und hier wird es für unsere kleine Unternehmung interessant.

Machiavelli empfiehlt Geschichte nicht als Bildungsschmuck.

Der Fürst soll darin die Handlungen bedeutender Männer untersuchen.

Er soll beobachten, wie sie sich im Krieg verhalten haben.

Er soll die Ursachen ihrer Siege und Niederlagen prüfen.

Das Erfolgreiche soll er nachahmen.

Das Fehlerhafte vermeiden.

Mit anderen Worten:

Geschichte ist ein Simulator mit bereits geschehenen Folgen.

Man kann Entscheidungen betrachten, deren Ausgang bekannt ist.

Warum gewann dieser?

Warum verlor jener?

Welche Entscheidung sah vernünftig aus und erwies sich als katastrophal?

Welche Vorbereitung wurde erst Jahre später wichtig?

Das ist ziemlich genau die Art, wie Machiavelli selbst seit vierzehn Kapiteln Geschichte benutzt.

Rom.

Sparta.

Frankreich.

Venedig.

Florenz.

Cesare Borgia.

Alexander.

David.

Die Vergangenheit ist für ihn kein Museum.

Sie ist ein Versuchslabor.


Und Machiavelli empfiehlt noch etwas.

Ein bedeutender Mann soll sich einen großen Vorgänger zum Vorbild nehmen und dessen Handlungen immer vor Augen behalten.

So habe Alexander der Große Achill nachgeahmt.

Caesar Alexander.

Scipio Cyrus.

Wer Xenophons Darstellung des Cyrus lese, könne später im Leben Scipios erkennen, wie sehr diese Nachahmung zu dessen Ruhm beigetragen habe.

Machiavelli nennt Eigenschaften wie Keuschheit, Freundlichkeit, Menschlichkeit und Freigebigkeit, in denen Scipio sich an Xenophons Cyrus orientiert habe.


Das ist interessant, weil „Nachahmung“ hier nicht bedeutet:

Kopiere exakt, was jemand anderes getan hat.

Achill lebte nicht in Alexanders Welt.

Alexander nicht in Caesars.

Cyrus nicht in Scipios.

Machiavelli denkt eher in Modellen.

Man sucht sich ein Beispiel menschlicher Größe.

Man studiert dessen Entscheidungen und Eigenschaften.

Und bildet daran das eigene Urteil.

Der Mensch lernt am Menschen.

Auch über Jahrhunderte hinweg.


Und jetzt fügt sich das ganze Kapitel zusammen.

Ein kluger Fürst darf in Friedenszeiten niemals untätig bleiben.

Er muss diese Zeit nutzen, um Fähigkeiten und Erfahrungen anzusammeln, die ihm später im Unglück helfen.

Damit er, wenn sich fortuna verändert,

bereit ist, ihren Schlägen zu widerstehen.

Da ist sie wieder.

Fortuna.

Wir haben sie inzwischen oft gesehen.

Machiavelli glaubt nicht, dass man sie abschaffen kann.

Man kann nicht verhindern, dass die Welt sich verändert.

Man kann nicht garantieren, dass kein Krieg kommt.

Man kann nicht wissen, welche Krise wartet.

Aber man kann dafür sorgen, dass die Krise einen nicht vollkommen unvorbereitet findet.


Damit endet Kapitel XIV.

Und plötzlich erkennen wir, dass dieses kurze Militärkapitel einen Gedanken enthält, der weit über Militär hinausgeht.

Machiavellis Fürst soll in ruhigen Zeiten genau das trainieren, was er in schwierigen Zeiten brauchen wird.

Er soll beobachten. Üben. Lesen. Vergleichen. Szenarien durchspielen. Fehler anderer untersuchen. Vorbilder studieren. Das Unangenehme nicht deshalb ignorieren, weil es gerade noch nicht eingetreten ist.

Kapitel X sagte:

Bereite die Stadt vor.

Kapitel XII und XIII sagten:

Baue eigene Fähigkeiten auf.

Kapitel XIV sagt:

Bereite dich selbst vor.

Denn fortuna kündigt ihren Termin nicht an.

Der Bordcomputer schließt Kapitel XIV.

Draußen herrscht Frieden.

Philopoimen betrachtet einen Hügel.

Und leider hat er schon wieder eine Frage.

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XV · Von den Dingen, für die Menschen und besonders Fürsten gelobt oder getadelt werden

Nun bleibt zu untersuchen, wie sich ein Fürst gegenüber seinen Untertanen und seinen Freunden verhalten soll.

Ich weiß, dass viele darüber geschrieben haben.

Und deshalb fürchte ich, für anmaßend gehalten zu werden, wenn auch ich darüber schreibe.

Vor allem, weil ich bei der Behandlung dieses Gegenstandes von den Wegen der anderen abweiche.


Der Bordcomputer hält an.

Machiavelli kündigt gerade an, dass etwas passieren wird.

Nicht besonders laut.

Kein Manifest.

Kein:

ACHTUNG. AB HIER BEGINNT DIE MODERNE POLITISCHE THEORIE.

Nur:

Andere haben darüber geschrieben.

Ich werde es anders machen.

Dann folgt der Satz, für den man dieses Buch auch fünfhundert Jahre später noch aufschlägt.


Da es meine Absicht ist, etwas zu schreiben, das demjenigen nützt, der es versteht, erschien es mir angemessener,

der tatsächlichen Wahrheit der Sache zu folgen als ihrer Vorstellung.

Denn viele haben sich Republiken und Fürstentümer ausgedacht, die niemals wirklich gesehen wurden und von denen man nicht weiß, dass sie je existiert hätten.

Zwischen der Art, wie man lebt, und der Art, wie man leben sollte, liegt nämlich eine so große Entfernung, dass derjenige, der das, was tatsächlich geschieht, zugunsten dessen aufgibt, was geschehen sollte, eher seinen Untergang lernt als seine Erhaltung.


Da ist es.

VERITÀ EFFETTUALE.

Die tatsächliche Wahrheit.

Der Bordcomputer legt den Begriff in das Hauptarchiv.

Wir werden ihn noch brauchen.

Denn Machiavelli zieht hier eine Linie zwischen zwei verschiedenen Fragen.

Die eine lautet:

Wie sollte ein guter Herrscher handeln?

Die andere:

Wie handeln Menschen tatsächlich, und was geschieht mit einem Herrscher, der das ignoriert?

Machiavelli entscheidet sich ausdrücklich für die zweite.

Das bedeutet nicht, dass moralische Fragen für ihn plötzlich nicht existieren.

Es bedeutet zunächst etwas Präziseres:

Er weigert sich, eine Beschreibung der Welt mit einem Wunsch über die Welt zu verwechseln.


Und jetzt wird es unangenehm.

Ein Mensch, der unter allen Umständen den Beruf des Guten ausüben will, sagt Machiavelli, muss unter so vielen Menschen, die nicht gut sind, zugrunde gehen.

Deshalb ist es für einen Fürsten, der sich erhalten will, notwendig,

zu lernen, nicht gut sein zu können

und davon Gebrauch zu machen oder keinen Gebrauch zu machen,

je nach Notwendigkeit.


Der Bordcomputer liest den Satz noch einmal.

Ja.

Er steht dort.

Aber wir müssen aufpassen, denn aus genau solchen Sätzen entsteht der Machiavelli der Legende.

Machiavelli schreibt nicht: Sei böse. Er schreibt auch nicht: Das Böse ist gut.

Seine Behauptung ist wesentlich unbequemer.

Ein Herrscher, der sich vorgenommen hat, unter keinen Umständen etwas moralisch Verwerfliches zu tun, kann in Situationen geraten, in denen gerade diese Festlegung seinen Staat zerstört.

Deshalb müsse er die Fähigkeit besitzen,

nicht gut handeln zu können.

Und dann kommt die entscheidende Einschränkung:

Er muss wissen, wann er diese Fähigkeit benutzt und wann nicht.

Das Böse wird hier nicht zum Ideal.

Es wird zur politischen Möglichkeit.

Und genau das macht den Gedanken so verstörend.


Bis hierher haben wir Machiavelli oft über virtù sprechen hören.

Jetzt versteht man vielleicht noch besser, warum wir das Wort nie einfach mit Tugend übersetzt haben.

Ein moralisch vollkommen tugendhafter Mensch und ein Mensch mit Machiavellis virtù sind nicht notwendigerweise dasselbe.

Virtù bedeutet bei ihm immer stärker: die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu erkennen, in ihr handlungsfähig zu bleiben und das zu tun, was die Lage verlangt. Auch wenn die Lage hässlich ist.


Machiavelli lässt deshalb nun die vorgestellten Fürsten beiseite und betrachtet die wirklichen.

Und wirkliche Menschen werden nach bestimmten Eigenschaften beurteilt.

Der eine gilt als freigebig, der andere als geizig.

Der eine als großzügig, der andere als räuberisch.

Der eine als grausam, der andere als barmherzig.

Der eine als wortbrüchig, der andere als treu.

Der eine als schwach und feige, der andere als entschlossen und mutig.

Der eine als menschlich, der andere als hochmütig.

Der eine als ausschweifend, der andere als keusch.

Der eine als aufrichtig, der andere als listig.

Der eine als hart, der andere als nachgiebig.

Der eine als ernst, der andere als leichtfertig.

Der eine als religiös, der andere als ungläubig.

Und so weiter.


Das sieht zunächst aus wie eine moralische Tabelle.

GUT

barmherzig
treu
menschlich
freigebig
aufrichtig

SCHLECHT

grausam
wortbrüchig
hochmütig
geizig
listig

Der Bordcomputer kennt dieses Interface.

Links anklicken.

Speichern.

Guter Fürst fertig.

Machiavelli löscht die Tabelle.


Natürlich, sagt er, würde jeder zugeben, dass es höchst lobenswert wäre, wenn ein Fürst alle Eigenschaften besäße, die als gut gelten.

Das wäre wunderbar.

Es gibt nur ein Problem.

Die menschlichen Verhältnisse lassen es nicht zu.

Ein Fürst kann nicht sämtliche guten Eigenschaften vollkommen besitzen und jederzeit nach ihnen handeln.

Also braucht er etwas anderes:

Klugheit.

Er muss diejenigen schlechten Eigenschaften vermeiden, die ihn seine Herrschaft kosten würden.

Auch andere Laster sollte er vermeiden, wenn das möglich ist.

Wenn es aber nicht möglich ist, könne er ihnen mit weniger Bedenken nachgeben.


Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung.

Machiavellis Maßstab lautet nicht mehr ausschließlich:

Welche Eigenschaft ist moralisch gut?

Sondern zusätzlich:

Welche Folgen hat diese Eigenschaft unter diesen Umständen?

Und jetzt kommt der letzte Satz des Kapitels.

Er ist vielleicht noch wichtiger als der erste.

Ein Fürst soll sich nicht davor fürchten, wegen solcher Eigenschaften einen schlechten Ruf zu bekommen, ohne die er seinen Staat nur schwer erhalten könnte.

Denn wenn man alles genau betrachtet, sagt Machiavelli, findet man manches,

das wie eine Tugend aussieht und zum Untergang führt,

und anderes,

das wie ein Laster aussieht und Sicherheit und Wohlergehen hervorbringt.


Der Bordcomputer stoppt die Übertragung.

Denn hier liegt etwas, das leicht missverstanden werden kann.

Machiavelli sagt nicht:

Tugend ist in Wahrheit schlecht.

Und auch nicht:

Laster ist in Wahrheit gut.

Er trennt zwei Bewertungssysteme voneinander.

Eine Handlung kann moralisch lobenswert erscheinen und politisch katastrophale Folgen haben.

Eine andere kann moralisch verwerflich erscheinen und nach Machiavellis Maßstab zur Sicherung des Staates beitragen.

Das ist keine Auflösung der Moral.

Es ist die Behauptung, dass

moralischer Wert und politische Wirkung nicht automatisch dasselbe sind.

Und damit hat Machiavelli ein Problem auf den Tisch gelegt, das nicht wieder verschwinden wird.


Nehmen wir einen Fürsten, der sich sagt:

Ich werde immer großzügig sein.

Klingt gut.

Was geschieht aber, wenn dauernde Großzügigkeit die Staatskasse leert?

Dann braucht er Geld.

Also erhöht er Abgaben.

Dann beginnt die Bevölkerung, ihn zu hassen.

Vielleicht hat seine Tugend eine politische Wirkung erzeugt, die niemand beabsichtigt hatte.

Das ist kein zufällig gewähltes Beispiel.

Genau darüber handelt Kapitel XVI.

Oder nehmen wir Barmherzigkeit.

Eine gute Eigenschaft.

Aber was geschieht, wenn ein Herrscher aus Barmherzigkeit eine Gewaltentwicklung nicht stoppt und dadurch sehr viel mehr Menschen zu Schaden kommen?

Auch darauf wird Machiavelli zurückkommen.

Er beginnt ab jetzt, die schönen Wörter auseinanderzunehmen.

Nicht indem er behauptet, sie seien bedeutungslos.

Sondern indem er immer dieselbe unangenehme Frage stellt:

Was geschieht tatsächlich, wenn man danach handelt?


Jetzt versteht man auch besser, warum dieses Kapitel an genau dieser Stelle steht.

Vierzehn Kapitel lang hat Machiavelli uns vorbereitet.

Wir haben gesehen, wie Staaten erworben werden. Wie sie verloren gehen. Wie fortuna eingreift. Wie virtù auf sie reagieren kann. Wie Abhängigkeit entsteht. Warum eigene Machtmittel entscheidend sind. Warum ein Fürst Geschichte studieren und sich auf Krisen vorbereiten soll.

Und erst jetzt sagt Machiavelli:

Gut.

Dann können wir über Gut und Böse sprechen.

Aber bitte nicht in einer Republik, die nur in unserer Vorstellung existiert.

Wir sprechen darüber

in der Welt, wie sie ist.


Das ist der eigentliche Einschnitt von Kapitel XV.

Bislang fragte Der Fürst hauptsächlich:

Wie funktioniert Herrschaft?

Von nun an wird die Frage persönlicher:

Was muss ein Mensch möglicherweise werden, um Herrschaft zu erhalten?

Und damit wird das Buch gefährlicher.

Denn Festungen, Söldner und eroberte Provinzen kann man aus sicherer Entfernung betrachten.

Die nächsten Kapitel handeln von Eigenschaften, die wir auch aus unserem eigenen moralischen Vokabular kennen:

Großzügigkeit.

Grausamkeit.

Barmherzigkeit.

Treue.

Täuschung.

Liebe.

Furcht.

Hass.

Machiavelli nimmt diese Wörter jetzt einzeln in die Hand.

Und prüft, was passiert, wenn sie mit der Wirklichkeit kollidieren.

Der Bordcomputer schließt Kapitel XV.

Im Archiv befinden sich zahlreiche Bücher darüber, wie Menschen sein sollten.

Machiavelli stellt ein dünnes Buch daneben.

Auf dem Etikett steht:

WIE SIE SIND.

TEIL IV – KAPITEL XIII–XV
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