NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

BORDFASSUNG · TEIL V – KAPITEL XVI–XVIII

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XVI · Von Freigebigkeit und Sparsamkeit

Beginnen wir also mit der ersten der genannten Eigenschaften.

Es wäre gut, für freigebig gehalten zu werden.

Doch wenn Freigebigkeit so ausgeübt wird, wie sie wirklich eine Tugend wäre, wird sie möglicherweise gar nicht wahrgenommen.

Und dann entgeht man trotzdem nicht dem Ruf ihres Gegenteils.

Wer also unter den Menschen den Ruf eines freigebigen Fürsten bewahren will, muss sichtbar großzügig auftreten.

Er muss Aufwand treiben. Geld ausgeben. Schenken. Pracht zeigen.

Und ein Fürst, der dies dauerhaft tut, wird schließlich sein gesamtes Vermögen aufbrauchen.


Der Bordcomputer erkennt das erste Problem.

Es geht nicht nur darum,

großzügig zu sein.

Es geht darum,

als großzügig zu gelten.

Und das ist teurer.

Eine stille Großzügigkeit kann maßvoll sein.

Aber niemand sieht sie.

Wer dagegen einen politischen Ruf als großzügiger Herrscher aufrechterhalten will, muss dafür sorgen, dass die Großzügigkeit sichtbar bleibt.

Das Publikum muss etwas bemerken.

Sonst gibt es keinen Ruf.

Und ein Ruf benötigt regelmäßige Wartung.


Irgendwann, sagt Machiavelli, sind die Mittel des Fürsten erschöpft.

Will er trotzdem weiterhin als großzügig gelten, bleibt ihm nur eines:

Er muss seine Untertanen außergewöhnlich stark belasten. Er muss Steuern erheben. Er muss nach neuen Einnahmequellen suchen. Er muss alles tun, wodurch er an Geld gelangen kann.

Und damit beginnt die vermeintliche Tugend, ihr Gegenteil hervorzubringen.

Der großzügige Fürst wird

gierig.

Er nimmt vielen etwas weg,

damit er wenigen weiterhin etwas geben kann.


Das ist die Maschine.

FREIGEBIGKEIT

↓

hohe Ausgaben

↓

Vermögen schrumpft

↓

neues Geld wird benötigt

↓

Untertanen werden belastet

↓

Unzufriedenheit

↓

HASS

Der Bordcomputer betrachtet das Ergebnis.

Ausgangswert:

Tugend.

Endwert:

Menschen hassen dich.

Machiavelli dürfte zufrieden sein.


Und es wird noch schlimmer.

Denn wenn der Fürst schließlich erkennt, wohin seine Großzügigkeit führt, und versucht, sparsamer zu werden, geschieht etwas ausgesprochen Menschliches:

Jetzt gilt er plötzlich als geizig.

Er hat also mit seiner Freigebigkeit viele Menschen belastet und nur wenige belohnt.

Dann beendet er die Freigebigkeit.

Und verliert zusätzlich den Ruf, freigebig zu sein.

Eine bemerkenswert schlechte Rendite.


Ein kluger Fürst, sagt Machiavelli deshalb, sollte sich nicht darum kümmern, wenn man ihn für sparsam oder sogar geizig hält.

Denn mit der Zeit könne gerade seine Sparsamkeit dazu führen, dass man ihn für immer freigebiger hält.

Warum?

Weil seine vorhandenen Einnahmen ausreichen. Er kann sich gegen Angriffe verteidigen. Er kann Unternehmungen durchführen. Und er muss dafür seine Bevölkerung nicht zusätzlich belasten.


Hier dreht Machiavelli das Wort Freigebigkeit einmal vollständig um.

Der Fürst, der ständig schenkt, muss irgendwann vielen etwas nehmen.

Der Fürst, der sparsam wirtschaftet, muss vielen nichts nehmen.

Also ist er, so argumentiert Machiavelli, gewissermaßen gegenüber all jenen freigebig, denen er nichts wegnimmt.

Und das sind sehr viele.

Geizig erscheint er lediglich gegenüber denen, denen er nichts schenkt.

Und das sind vergleichsweise wenige.

Der Bordcomputer rechnet nach.

Nichts weggenommen: sehr viele Menschen.

Kein Geschenk bekommen: einige Menschen.

Machiavelli hat offenbar gerade versucht, Sparsamkeit als eine Form von Großzügigkeit zu verkaufen.

Er macht das erstaunlich überzeugend.


In seiner eigenen Zeit, sagt Machiavelli, hätten nur diejenigen Herrscher wirklich große Dinge vollbracht, die als sparsam galten.

Die anderen seien zugrunde gegangen.

Er nennt Papst Julius II.

Julius hatte zunächst den Ruf der Freigebigkeit genutzt, um zum Papsttum aufzusteigen.

Nachdem er Papst geworden war, kümmerte er sich jedoch nicht mehr darum, diesen Ruf aufrechtzuerhalten.

Warum?

Weil er Krieg führen wollte.

Seine vorherige Sparsamkeit ermöglichte ihm zahlreiche Kriege, ohne dafür außergewöhnliche neue Abgaben erheben zu müssen.


Das ist wichtig.

Machiavelli sagt nicht:

Freigebigkeit ist immer nutzlos.

Für jemanden, der erst noch an die Macht gelangen will, kann der Ruf der Freigebigkeit politisch äußerst nützlich sein.

Wer Freunde gewinnen, Anhänger sammeln und Unterstützung aufbauen muss, profitiert davon.

Aber sobald er herrscht, verändert sich die Rechnung.

Denn jetzt muss die Freigebigkeit dauerhaft finanziert werden.

Und damit unterscheidet Machiavelli wieder zwischen zwei Situationen:

MACHT ERWERBEN

und

MACHT ERHALTEN.

Was in der ersten Phase nützlich ist, kann in der zweiten gefährlich werden.


Damit beantwortet Machiavelli auch einen ziemlich offensichtlichen Einwand.

Caesar.

War Caesar nicht gerade wegen seiner Freigebigkeit außerordentlich erfolgreich?

Doch. Machiavelli bestreitet das nicht. Caesar wollte die Herrschaft in Rom erst erwerben. Dafür war Freigebigkeit nützlich.

Hätte Caesar jedoch nach Erlangung der Herrschaft lange weitergelebt und seine Ausgaben nicht eingeschränkt, behauptet Machiavelli, hätte er das Reich dadurch ruiniert.

Das ist wieder typisch.

Machiavelli sucht keine Eigenschaft, die immer richtig ist.

Er fragt:

In welcher Situation befinden wir uns?

Dasselbe Verhalten kann heute virtù zeigen

und morgen töricht sein.


Dann kommt allerdings eine Ausnahme.

Und sie ist ziemlich groß.

Ein Fürst kann nämlich zwei Arten von Geld ausgeben:

sein eigenes und das seiner Untertanen

oder

das Geld anderer Leute.

Im ersten Fall soll er sparsam sein.

Im zweiten darf er sich bei seiner Freigebigkeit überhaupt nicht zurückhalten.


Der Bordcomputer prüft die moralische Eleganz dieser Konstruktion.

Ergebnis:

überschaubar.

Die politische Logik ist allerdings klar.

Ein Heerführer, dessen Armee von Beute, Plünderungen und erobertem Vermögen lebt, muss großzügig verteilen.

Sonst folgen ihm seine Soldaten nicht.

Machiavelli nennt Cyrus, Caesar und Alexander.

Wer fremdes Vermögen verteilt, sagt er, verliert dadurch nicht an Ansehen.

Im Gegenteil.

Sein Ansehen wächst.


Und dann formuliert Machiavelli einen wunderbaren, beinahe mathematischen Gedanken:

Nichts verzehrt sich selbst so sehr wie die Freigebigkeit.

Denn während du sie ausübst, verlierst du nach und nach gerade die Fähigkeit,

sie weiterhin auszuüben.

Das ist stark.

Freigebigkeit enthält bei begrenzten Mitteln ihren eigenen Verbrauch.

Je großzügiger du bist,

desto weniger kannst du großzügig bleiben.

Und irgendwann gibt es nur noch zwei Möglichkeiten.

Du wirst arm.

Oder du beschaffst dir neues Geld.

Wenn du arm wirst, verlierst du Macht und Ansehen.

Wenn du dir das Geld von deinen Untertanen holst, wirst du räuberisch und verhasst.

Die Tugend hat sich selbst aufgefressen.


Jetzt kehrt ein Begriff aus Kapitel XIV zurück:

Verachtung.

Ein Fürst muss sich, sagt Machiavelli, vor allem davor hüten,

verachtet und gehasst zu werden.

Freigebigkeit kann ihn zu beidem führen.

Wenn sie ihn arm macht, wird er verachtet.

Wenn sie ihn zwingt, seinen Untertanen immer mehr abzunehmen, wird er gehasst.

Und deshalb kommt Machiavelli zu seinem Schluss:

Es ist klüger, den Ruf eines Geizigen auf sich zu nehmen.

Dieser Ruf bringt zwar Schande.

Aber keinen Hass.

Wer dagegen unbedingt den Ruf eines freigebigen Herrschers behalten will, läuft Gefahr, schließlich als räuberisch zu gelten.

Und dieser Ruf bringt Schande

und Hass.


Damit hat Machiavelli das Experiment aus Kapitel XV zum ersten Mal vollständig durchgeführt.

Wir hatten dort gelernt:

Manches sieht wie eine Tugend aus und führt zum Untergang.

Manches sieht wie ein Laster aus und führt zu Sicherheit.

Jetzt setzt er zwei Eigenschaften in die Maschine:

FREIGEBIGKEIT

und

SPARSAMKEIT.

Nach gewöhnlicher moralischer Bewertung scheint die erste besser.

Machiavelli fragt stattdessen nach den Folgen.

Und plötzlich ergibt sich:

Ein sparsamer Fürst kann seine Bevölkerung weniger belasten.

Ein großzügiger Fürst kann gezwungen sein, sie auszunehmen.


Aber etwas Entscheidendes sollten wir nicht übersehen.

Machiavelli hat damit nicht bewiesen, dass Geiz moralisch gut ist.

Das versucht er überhaupt nicht.

Er hat die Frage gewechselt.

Seine Frage lautet:

Welche Folgen produziert eine politische Eigenschaft, wenn sie über längere Zeit unter realen Bedingungen ausgeübt wird?

Genau das ist die verità effettuale aus Kapitel XV.

Nicht das schöne Wort betrachten.

Den Mechanismus dahinter betrachten.


Und vielleicht sehen wir jetzt, wie gefährlich Machiavellis Methode wirklich ist.

Denn sie funktioniert nicht nur mit Freigebigkeit.

Man kann fast jedes schöne politische Wort nehmen und fragen:

Was kostet es? Wer bezahlt dafür? Wer profitiert davon? Wie lange kann es aufrechterhalten werden? Welche Anreize entstehen? Und was passiert, wenn die Mittel ausgehen?

Machiavelli misstraut nicht unbedingt dem Wert einer Tugend.

Er misstraut der Vorstellung, dass ein guter Name automatisch gute Folgen garantiert.

Das ist ein erheblicher Unterschied.


Der Bordcomputer schließt Kapitel XVI.

Der Fürst wollte als großzügig gelten.

Er hat allen etwas geschenkt.

Dann war das Geld weg.

Nun möchte er es zurück.

Die Bevölkerung beginnt zu ahnen, dass die erste Phase angenehmer war.

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XVII · Von Grausamkeit und Milde und ob es besser ist, geliebt oder gefürchtet zu werden

Kommen wir zur nächsten der genannten Eigenschaften.

Jeder Fürst sollte wünschen, als mild und barmherzig zu gelten und nicht als grausam.

Doch er muss darauf achten,

diese Milde nicht falsch anzuwenden.

Cesare Borgia galt als grausam.

Und dennoch hatte gerade seine Grausamkeit die Romagna geordnet, geeint und zu Frieden und Treue zurückgeführt.

Betrachtet man das genau, sagt Machiavelli, war Borgia damit viel barmherziger als die Florentiner.

Denn die Florentiner wollten den Ruf der Grausamkeit vermeiden.

Und ließen deshalb zu, dass Pistoia zerstört wurde.


Da ist die Maschine aus Kapitel XVI wieder.

Diesmal geben wir hinein:

BARMHERZIGKEIT.

Eigentlich wissen wir, was herauskommen sollte.

Machiavelli öffnet die Klappe.

Darin liegen Tote.

Der Bordcomputer schließt die Klappe wieder.

Wir müssen offenbar genauer hinsehen.


Machiavellis Argument lautet:

Ein Fürst kann aus dem Wunsch heraus, mild zu erscheinen, darauf verzichten, früh gegen Unordnung vorzugehen.

Dann breitet sich die Unordnung aus. Es entstehen Gewalt, Raub und möglicherweise zahlreiche Tote. Ein anderer Fürst greift hart ein. Dabei leiden einzelne Menschen. Aber die allgemeine Ordnung wird wiederhergestellt.

Wer von beiden war nun tatsächlich barmherziger?

Machiavelli beantwortet diese Frage nicht nach der Absicht.

Er beantwortet sie nach den Folgen.


Deshalb soll sich ein Fürst nicht allzu sehr um den Ruf der Grausamkeit kümmern, wenn wenige harte Maßnahmen notwendig seien, um seine Untertanen geeint und loyal zu halten.

Denn, so argumentiert Machiavelli:

Unruhen, die man aus übermäßiger Milde geschehen lässt, können eine ganze Gemeinschaft treffen.

Hinrichtungen oder Strafen durch den Fürsten treffen dagegen einzelne Personen.

Das ist ein harter Gedanke.

Und wir sollten ihn nicht freundlicher machen, als er ist.

Machiavelli akzeptiert hier ausdrücklich gezielte Gewalt als politisches Mittel, wenn er sie zur Verhinderung größeren Schadens für erforderlich hält.

Das ist seine Argumentation.

Nicht unsere moralische Absolution.


Besonders ein neuer Fürst, sagt er, könne dem Ruf der Grausamkeit kaum entkommen.

Neue Herrschaften seien voller Gefahren.

Und dann macht Machiavelli etwas Schönes.

Er zitiert Vergil.

Dido, die Königin von Karthago, rechtfertigt die Härte ihrer jungen Herrschaft sinngemäß damit:

Die schwierige Lage und die Neuheit ihres Reiches zwängen sie zu solchen Maßnahmen und dazu, ihre Grenzen streng zu bewachen.


Der Bordcomputer registriert:

Neuer Staat. Unsichere Lage. Feinde. Instabile Ordnung.

Dido sagt:

Ich wäre wirklich gern entspannter.

Die Umstände haben andere Vorstellungen.

Und wieder erscheint etwas, das wir inzwischen gut kennen.

Machiavelli beurteilt Handlungen situativ.

Eine stabile Herrschaft und eine neu errichtete Herrschaft besitzen nicht dieselben Handlungsspielräume.


Aber jetzt kommt eine wichtige Begrenzung.

Der Fürst soll nicht leichtgläubig sein.

Er soll nicht vorschnell handeln.

Er soll sich auch nicht selbst ständig Gefahren einreden.

Stattdessen soll er maßvoll vorgehen,

mit Klugheit und Menschlichkeit.

Zu viel Vertrauen darf ihn nicht unvorsichtig machen.

Zu viel Misstrauen darf ihn nicht unerträglich machen.


Das ist bemerkenswert.

Wir befinden uns im berühmten „Grausamkeitskapitel“.

Und Machiavelli sagt gerade:

Klugheit. Menschlichkeit. Maß.

Er empfiehlt keinen paranoiden Tyrannen.

Denn auch übermäßige Härte produziert ein politisches Problem.

Der Fürst muss also wieder zwischen zwei Abgründen navigieren.

Zu weich:

Ordnung zerfällt.

Zu misstrauisch und grausam:

Der Herrscher wird unerträglich.

Und damit kommen wir zur berühmten Frage.


Ist es besser, geliebt oder gefürchtet zu werden?

Machiavellis erste Antwort lautet:

Am besten wäre natürlich

beides.

Geliebt und gefürchtet.

Der Bordcomputer nickt.

Problem gelöst.

Kapitel beendet.

Leider fährt Machiavelli fort.


Da es schwierig sei, beides miteinander zu verbinden, müsse man entscheiden, worauf man sich verlassen könne, wenn eines von beiden fehlt.

Und dann lautet seine Antwort:

Es ist viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden.

Da ist er.

Der Satz, wegen dessen Machiavelli seit Jahrhunderten einen etwas schwierigen Ruf auf Cocktailpartys besitzt.

Aber jetzt müssen wir lesen, warum er das sagt.

Denn seine Begründung ist wichtiger als die Schlagzeile.


Über die Menschen könne man im Allgemeinen sagen, schreibt Machiavelli, dass sie undankbar, wechselhaft, heuchlerisch, feige angesichts der Gefahr und auf Gewinn bedacht seien.

Solange du ihnen Gutes tust und die Gefahr fern ist, gehören sie ganz dir.

Sie versprechen dir ihr Blut. Ihr Vermögen. Ihr Leben. Ihre Kinder.

Aber wenn die Not tatsächlich näher kommt,

wenden sie sich ab.


Der Bordcomputer betrachtet Machiavellis Menschenbild.

Status:

nicht sonnig.

Aber hier liegt der Schlüssel.

Machiavelli glaubt, dass Liebe von etwas abhängt, das der andere Mensch kontrolliert.

Der andere kann seine Zuneigung zurückziehen. Seine Loyalität brechen. Sein Versprechen vergessen. Besonders dann, wenn sein eigener Vorteil betroffen ist.

Ein Herrscher, der ausschließlich auf Liebe vertraut, legt deshalb einen Teil seiner Sicherheit in die Hände anderer.

Und wenn wir in den letzten Kapiteln etwas gelernt haben, dann dies:

Machiavelli hat ein grundsätzliches Problem damit, seine Sicherheit in die Hände anderer zu legen.


Bei der Furcht sieht er die Sache anders.

Liebe werde durch ein Band der Verpflichtung zusammengehalten.

Dieses Band brechen Menschen nach Machiavellis pessimistischer Einschätzung, sobald ihr eigener Vorteil es verlangt.

Furcht dagegen werde durch die Erwartung einer Strafe erhalten.

Und diese Erwartung bleibe bestehen.

Also:

LIEBE

abhängig vom Willen des anderen.

FURCHT

abhängig von der Fähigkeit des Fürsten, Konsequenzen durchzusetzen.

Und plötzlich erkennen wir Kapitel XIII wieder.

Dort hieß es:

Verlasse dich nicht auf fremde Waffen.

Hier heißt es:

Verlasse dich nicht ausschließlich auf fremde Gefühle.

In beiden Fällen sucht Machiavelli nach etwas,

das der Fürst selbst kontrollieren kann.


Aber nun kommt die Stelle, die bei der berühmten Kurzfassung fast immer verloren geht.

Machiavelli sagt ausdrücklich:

Der Fürst muss sich so fürchten lassen, dass er, wenn er schon keine Liebe gewinnt,

wenigstens den Hass vermeidet.

Denn:

Gefürchtet zu werden und nicht gehasst zu werden, lässt sich sehr wohl miteinander verbinden.


Das verändert die Sache erheblich.

Machiavellis Formel lautet nicht:

FURCHT > LIEBE

und fertig.

Sie lautet eher:

LIEBE + FURCHT

optimal, aber schwierig.

Wenn Entscheidung nötig:

FURCHT

ist verlässlicher.

Aber unbedingt:

KEIN HASS.

Der Bordcomputer markiert HASS rot.

Offenbar ist dies die eigentliche Gefahrenzone.


Wie vermeidet ein Fürst Hass?

Machiavellis Antwort ist verblüffend konkret.

Er soll die Finger lassen von

dem Eigentum seiner Bürger und Untertanen

und

ihren Frauen.

Wenn er gegen das Leben eines Menschen vorgehen müsse, solle dies nur geschehen, wenn dafür eine angemessene Rechtfertigung und ein klarer Grund vorlägen.

Vor allem aber:

Finger weg vom Eigentum.

Und dann schreibt Machiavelli einen seiner finstersten Sätze:

Menschen vergessen eher den Tod ihres Vaters

als den Verlust ihres Erbes.


Der Bordcomputer bleibt einen Moment still.

Das ist Machiavelli in konzentrierter Form.

Brutal.

Witzig ist daran nichts.

Aber die Beobachtung ist so kalt formuliert, dass man fast körperlich merkt, wie wenig romantische Vorstellungen vom Menschen dieser Autor besitzt.

Und Machiavelli liefert sofort noch eine Begründung:

Gründe, fremdes Eigentum zu beschlagnahmen, lassen sich immer finden.

Wer einmal anfängt, von Raub zu leben, findet ständig neue Vorwände dafür.

Gründe für Hinrichtungen seien dagegen seltener und erschöpften sich schneller.

Das ist keine moderne rechtsstaatliche Theorie.

Aber es zeigt erneut:

Machiavelli denkt in Mechanismen.

Eine Praxis kann sich selbst verstärken.

Beginnt ein Herrscher, seine Herrschaft durch Enteignung zu finanzieren, entstehen immer neue Anreize zur Enteignung.

Und damit produziert er genau das, was er vermeiden muss:

Hass.


Dann wechselt Machiavelli wieder zum Militär.

Wer ein großes Heer führt, müsse sich noch weniger darum kümmern, als grausam zu gelten.

Denn ohne eine gewisse Härte könne man eine große Zahl von Soldaten weder zusammenhalten noch kampffähig erhalten.

Sein großes Beispiel:

Hannibal.

Hannibal führte ein riesiges Heer durch fremde Länder.

Es bestand aus Menschen verschiedenster Herkunft.

Trotz guter und schlechter fortuna kam es nach Machiavellis Darstellung weder unter ihnen noch gegen Hannibal zu ernsthafter Auflehnung.

Wie war das möglich?

Machiavellis Antwort:

durch Hannibals extreme Härte,

verbunden mit seinen anderen außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Sie machte ihn in den Augen seiner Soldaten zugleich

verehrungswürdig und furchterregend.


Und jetzt ärgert sich Machiavelli über andere Autoren.

Sie bewundern Hannibals Leistungen.

Gleichzeitig verurteilen sie seine Grausamkeit.

Dabei, sagt Machiavelli, übersehen sie, dass gerade diese Eigenschaft wesentlich dazu beigetragen habe, jene Leistungen überhaupt möglich zu machen.

Da ist wieder Kapitel XV.

Man kann nicht einfach sagen:

Hier sind die guten Eigenschaften.

Dort die schlechten.

Und anschließend so tun, als hätten die schlechten Eigenschaften mit dem erfolgreichen Ergebnis nichts zu tun.

Machiavelli zwingt den Leser, die unangenehme Möglichkeit zu betrachten, dass etwas moralisch Abstoßendes kausal wirksam gewesen sein könnte.

Das macht es nicht moralisch gut.

Aber wenn man verstehen will, was geschehen ist, darf man die Ursache nicht aus Höflichkeit entfernen.

Verità effettuale.

Schon wieder.


Dann stellt Machiavelli Hannibal einen anderen berühmten Feldherrn gegenüber:

Scipio.

Scipio war außergewöhnlich.

Machiavelli nennt ihn einen der seltensten Männer nicht nur seiner Zeit, sondern der gesamten bekannten Geschichte.

Doch seine Milde war so groß, dass seine Soldaten in Spanien gegen ihn rebellierten.

Er gewährte ihnen nach Machiavellis Urteil mehr Freiheit, als militärische Disziplin vertragen konnte.

Fabius Maximus warf ihm deshalb im römischen Senat vor, die römische Kriegskunst zu verderben.


Wieder dasselbe Experiment.

HANNIBAL

grausam

→ Disziplin.

SCIPIO

mild

→ Disziplin gefährdet.

Machiavelli behauptet nicht, Hannibal sei deshalb der bessere Mensch.

Diese Frage interessiert ihn hier überhaupt nicht.

Er fragt:

Welche Eigenschaft erzeugte unter diesen Bedingungen welche Wirkung?

Und sogar bei Scipio fügt er hinzu:

Diese allzu nachgiebige Natur hätte langfristig seinen Ruhm beschädigen können.

Dass dies nicht geschah, lag auch daran, dass Scipio unter der Autorität des römischen Senats stand.

Eine Institution begrenzte also die Folgen seiner persönlichen Schwäche.

Der Bordcomputer markiert erneut:

INSTITUTIONEN.

Wir kennen diesen Akteur inzwischen.


Und dann kehrt Machiavelli zur Ausgangsfrage zurück.

Geliebt oder gefürchtet?

Seine Schlussfolgerung lautet:

Da Menschen nach ihrem eigenen Willen lieben, aber nach dem Willen des Fürsten fürchten, soll sich ein kluger Fürst auf das stützen, was von ihm selbst abhängt, nicht auf das, was von anderen abhängt.

Nur eines muss er unbedingt vermeiden:

gehasst zu werden.


Jetzt wird sichtbar, dass dieses berühmte Kapitel eigentlich nicht primär von Angst handelt.

Es handelt von Kontrolle und Abhängigkeit.

Machiavelli fragt wieder:

Worauf kannst du deine Sicherheit gründen? Auf die Zuneigung anderer? Dann hängt deine Sicherheit von deren Entscheidung ab. Auf die Fähigkeit, Regeln und Konsequenzen durchzusetzen? Dann liegt zumindest ein größerer Teil davon bei dir.

Aber wenn du daraus Terror, Willkür, Enteignung und permanente Bedrohung machst, erzeugst du Hass.

Und Hass wird selbst zur Gefahr.

Also sucht Machiavelli wieder keinen Extremwert.

Er sucht eine schwierige politische Zone:

genug Furcht für Autorität,

genug Begrenzung, um Hass zu vermeiden.

Das ist wesentlich interessanter als der berühmte Satz allein.


Und jetzt können wir Kapitel XV, XVI und XVII zusammen betrachten.

Kapitel XV:

Schau nicht auf den Namen einer Tugend. Schau auf ihre Wirkung.

Kapitel XVI:

Großzügigkeit kann Ausbeutung erzeugen.

Kapitel XVII:

Milde kann größere Gewalt ermöglichen.

Machiavelli zerlegt moralische Begriffe nicht, weil er beweisen möchte, dass ihr Gegenteil immer richtig ist.

Er zerlegt sie, weil er wissen will,

was tatsächlich geschieht.

Der Bordcomputer schließt Kapitel XVII.

Der Fürst möchte geliebt werden.

Machiavelli hat grundsätzlich nichts dagegen.

Er möchte nur wissen,

was Plan B ist.

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XVIII · Wie Fürsten ihr Wort halten sollen

Wie lobenswert es für einen Fürsten ist, sein Wort zu halten, aufrichtig zu leben und nicht mit List zu handeln,

das versteht jeder.

Trotzdem, sagt Machiavelli, zeigt die Erfahrung seiner eigenen Zeit etwas anderes.

Gerade jene Fürsten hätten große Dinge vollbracht, die auf ihr gegebenes Wort wenig Rücksicht nahmen und verstanden, die Menschen mit List zu täuschen.

Am Ende hätten sie diejenigen übertroffen, die sich auf ihre Redlichkeit verließen.


Der Bordcomputer sieht ein Problem.

Kapitel XVII war bereits nicht besonders beruhigend.

Kapitel XVIII hat offenbar beschlossen,

darauf aufzubauen.

Denn Machiavelli beginnt wieder mit einer Eigenschaft, bei der eigentlich alles klar scheint.

VERSPRECHEN HALTEN: GUT.

LÜGEN: SCHLECHT.

Machiavelli betrachtet die Tabelle.

Wir wissen inzwischen, was gleich passieren wird.


Es gibt, sagt er, zwei Arten zu kämpfen.

Die eine geschieht

mit Gesetzen.

Die andere

mit Gewalt.

Die erste gehört zum Menschen.

Die zweite zu den Tieren.

Doch weil die erste oft nicht ausreicht, müsse ein Fürst wissen, wie er auch auf die zweite zurückgreift.

Ein Fürst müsse deshalb verstehen,

den Menschen und das Tier zu gebrauchen.


Und jetzt wird Machiavelli mythologisch.

Die antiken Autoren, sagt er, hätten das den Fürsten bereits verschlüsselt beigebracht.

Achilles und andere antike Helden wurden dem Kentauren Chiron zur Erziehung übergeben.

Ein Kentaur:

halb Mensch,

halb Tier.

Für Machiavelli ist das kein hübsches mythologisches Detail.

Es ist politische Theorie.

Der Herrscher braucht beide Naturen.

MENSCH

Gesetz
Ordnung
Vernunft

TIER

Kraft
Instinkt
Gewalt

Keine der beiden reiche allein dauerhaft aus.


Aber Machiavelli ist noch nicht fertig mit dem zoologischen Institut.

Denn wenn der Fürst schon ein Tier sein muss,

sollte er wenigstens die richtigen Tiere auswählen.

Er braucht

den Löwen

und

den Fuchs.

Der Löwe kann sich nicht gegen Fallen schützen.

Der Fuchs kann sich nicht gegen Wölfe verteidigen.

Also muss man Fuchs sein,

um die Fallen zu erkennen,

und Löwe,

um die Wölfe zu erschrecken.


Der Bordcomputer hält das für eine ausgesprochen effiziente Personalunion.

LÖWE

Stärke.

Abschreckung.

Gewalt.

Problem:

sieht die Falle nicht.

FUCHS

List.

Täuschung.

Gefahrenerkennung.

Problem:

wird vom Wolf gefressen.

FÜRST

bitte beide installieren.


Und damit erreicht Machiavelli die eigentliche Frage des Kapitels.

Was geschieht mit einem gegebenen Versprechen?

Ein kluger Herrscher, sagt er, könne und solle sein Wort nicht halten, wenn ihm die Einhaltung schadet und die Gründe weggefallen sind, aus denen er das Versprechen gegeben hat.

Das ist deutlich.

Und Machiavelli weiß es.

Deshalb liefert er sofort seine Begründung:

Wenn alle Menschen gut wären,

wäre diese Regel schlecht.

Aber weil die Menschen nach seiner Auffassung nicht gut sind und auch dir gegenüber ihre Versprechen nicht halten würden, musst auch du deine Versprechen ihnen gegenüber nicht unter allen Umständen halten.


Da ist wieder das Menschenbild aus Kapitel XVII.

Machiavellis politische Theorie beginnt nicht bei der Frage:

Wie würden sich vollkommen gute Menschen verhalten?

Sondern:

Was geschieht, wenn andere ebenfalls täuschen, Verträge brechen und ihren Vorteil suchen?

Seine Antwort ist nicht:

Dann bleib du unbedingt der einzige vollkommen Aufrichtige. Seine Antwort lautet: Dann musst du diese Möglichkeit ebenfalls beherrschen. Der Fürst soll also nicht ständig lügen.

Aber er darf sich nach Machiavellis Argumentation nicht selbst wehrlos machen, indem er Wahrhaftigkeit zu einer unveränderlichen Regel erklärt.

Wieder dasselbe Prinzip:

Nicht gut sein müssen.

Nicht gut sein können.


Und Ausreden?

Kein Problem.

Einem Fürsten, sagt Machiavelli trocken, werden niemals legitime Gründe fehlen, mit denen er den Bruch eines Versprechens einfärben kann.

Der Bordcomputer übersetzt:

Versprechen gebrochen.

Begründung erforderlich.

Begründung gefunden.

Vorgang abgeschlossen.


Machiavelli behauptet, man könne zahllose Beispiele seiner eigenen Zeit dafür nennen, wie Friedensschlüsse und Versprechen durch die Untreue von Fürsten zunichtegemacht wurden.

Und wer den Fuchs am besten zu gebrauchen wusste,

hatte den größeren Erfolg.

Aber jetzt kommt etwas Entscheidendes:

Es genügt nicht,

ein Fuchs zu sein.

Man muss auch verstehen,

den Fuchs zu verbergen.

Ein Fürst müsse ein großer Meister des Vortäuschens und Verbergens sein.

Denn die Menschen seien nach Machiavellis Einschätzung so leichtgläubig und so sehr von den unmittelbaren Notwendigkeiten bestimmt, dass jemand, der täuschen wolle, immer jemanden finden werde, der sich täuschen lasse.


Und dann erscheint ein alter Bekannter.

Alexander VI.

Papst.

Vater Cesare Borgias.

Machiavelli behauptet über ihn sinngemäß:

Dieser Mann habe praktisch nichts anderes getan, als Menschen zu täuschen.

Und er habe immer jemanden gefunden, bei dem es funktionierte.

Niemand habe überzeugender etwas versichert. Niemand habe größere Schwüre geleistet. Und kaum jemand habe sie weniger eingehalten.

Trotzdem seien seine Täuschungen immer wieder erfolgreich gewesen, weil er diese Seite der menschlichen Natur ausgezeichnet verstanden habe.


Der Bordcomputer öffnet die Akte Alexander VI.

BERUF:

Papst.

BESONDERE FÄHIGKEIT:

Versprechen.

ZUSATZFÄHIGKEIT:

Versprechen nicht halten.

KUNDENZUFRIEDENHEIT:

historisch schwer zu ermitteln.

Machiavelli scheint jedoch beeindruckt.


Jetzt kommt der vielleicht wichtigste Gedanke des Kapitels.

Ein Fürst muss, sagt Machiavelli,

nicht tatsächlich alle guten Eigenschaften besitzen.

Aber es ist sehr notwendig,

so zu erscheinen, als besäße er sie.

Das ist ein gewaltiger Schritt.

Denn bisher haben wir darüber gesprochen,

was ein Fürst tut.

Jetzt spricht Machiavelli darüber,

was andere glauben, dass er tut.

Politik bekommt eine zweite Ebene.

HANDLUNG

und

ERSCHEINUNG.


Ein Fürst soll also den Eindruck erwecken,

barmherzig,

treu,

menschlich,

aufrichtig

und religiös zu sein.

Und Machiavelli geht noch weiter.

Es sei durchaus gut, diese Eigenschaften tatsächlich zu besitzen.

Aber der Fürst müsse innerlich so beschaffen sein, dass er im Notfall

in ihr Gegenteil wechseln kann.


Das ist vielleicht die präziseste Form seiner Lehre bisher.

Nicht:

Sei schlecht.

Auch nicht:

Sei gut.

Sondern:

Sei beweglich.

Wenn das Gute möglich ist,

bleib beim Guten.

Machiavelli sagt das tatsächlich ausdrücklich.

Aber wenn die Notwendigkeit es verlangt,

müsse der Fürst wissen,

wie man ins Böse eintritt.


Der Bordcomputer hält an.

Denn dieser Satz verändert noch einmal, was wir über virtù gelernt haben.

Virtù ist offenbar nicht einfach eine Sammlung guter Eigenschaften.

Sie ist auch keine Sammlung schlechter Eigenschaften.

Sie ist die Fähigkeit,

die eigene Handlungsweise an eine veränderte Wirklichkeit anzupassen.

Der starre gute Mensch kann scheitern.

Der starre grausame Mensch ebenfalls.

Der Fürst muss erkennen,

was die Lage verlangt.

Hier berühren sich virtù und fortuna wieder.

Die Welt verändert sich.

Der Handelnde muss sich mit ihr verändern können.


Besonders ein neuer Fürst, schreibt Machiavelli, könne nicht alle Eigenschaften einhalten, aufgrund derer Menschen für gut gehalten werden.

Um seinen Staat zu erhalten, werde er häufig gezwungen sein,

gegen Menschlichkeit,

gegen Nächstenliebe

und gegen Religion

zu handeln.

Das steht dort.

Wir sollten es weder entschärfen noch dramatischer machen.

Machiavelli beschreibt hier seine Auffassung politischer Notwendigkeit.

Er behauptet nicht, dass solche Handlungen dadurch moralisch gut werden.

Seine Frage bleibt:

Was verlangt die Erhaltung des Staates?


Deshalb müsse der Fürst seinen Geist so eingerichtet haben, dass er sich danach wenden könne,

wie die Winde und Veränderungen der fortuna es verlangen.

Und wieder:

Er soll vom Guten nicht abweichen,

wenn er es vermeiden kann.

Aber er muss wissen, wie er ins Schlechte geht,

wenn er dazu gezwungen ist.


Dann kommt Machiavelli zur Öffentlichkeit.

Ein Fürst müsse äußerst sorgfältig darauf achten, dass aus seinem Mund niemals etwas komme, das nicht voller

Barmherzigkeit,

Treue,

Menschlichkeit,

Aufrichtigkeit

und Religion

zu sein scheint.

Besonders wichtig sei der Anschein von Religion.

Warum?

Jetzt kommt einer der stärksten Sätze des ganzen Buches.

Machiavelli sagt sinngemäß:

Jeder sieht, was du zu sein scheinst.

Nur wenige erfahren, was du wirklich bist.


Da ist plötzlich etwas erstaunlich Modernes.

Politische Wirklichkeit besteht für Machiavelli nicht nur aus dem, was geschieht.

Sie besteht auch daraus,

was Menschen wahrnehmen.

Die meisten Bürger begegnen ihrem Herrscher nicht persönlich.

Sie können seine inneren Motive nicht untersuchen.

Sie sehen: Auftritte. Entscheidungen. Symbole. Worte. Ergebnisse.

Also urteilen sie über das,

was ihnen erscheint.

Und die wenigen, die erkennen, was wirklich dahinterliegt, können sich nur schwer gegen die Meinung der vielen stellen, solange die Macht des Staates diese öffentliche Wahrnehmung stützt.


Der Bordcomputer ergänzt einen neuen Akteur.

Wir hatten:

VIRTÙ

FORTUNA

INSTITUTIONEN

Jetzt kommt:

WAHRNEHMUNG.

Nicht als Nebensache.

Als politische Macht.


Und dann nähert sich Machiavelli dem Satz, der ihm später zugeschrieben werden wird:

Der Zweck heiligt die Mittel.

Diesen Satz schreibt er hier nicht.

Aber man versteht, warum er mit Machiavelli verbunden wurde.

Bei den Handlungen der Menschen, besonders der Fürsten, sagt er, gebe es oft keine höhere Instanz, bei der man Berufung einlegen könne.

Deshalb werde auf das Ergebnis geschaut.

Ein Fürst solle also darauf bedacht sein, den Staat zu erhalten.

Wenn ihm das gelingt, würden seine Mittel nach Machiavellis Beobachtung von der Menge häufig als ehrenvoll beurteilt und gelobt.


Das ist subtiler als:

Alles ist erlaubt, solange man gewinnt.

Machiavelli beschreibt hier auch einen Mechanismus politischer Wahrnehmung:

Erfolg verändert rückwirkend die Bewertung der Mittel.

Wenn ein Herrscher scheitert, erscheinen seine Methoden als Fehler.

Wenn er erfolgreich ist, finden sich Menschen, die dieselben Methoden als Klugheit bezeichnen.

Der Erfolg schreibt gewissermaßen an der Geschichte seiner eigenen Ursachen mit.


Und wer entscheidet diese öffentliche Bewertung?

Machiavellis Antwort ist nicht besonders schmeichelhaft.

Die große Menge lasse sich vom Anschein und vom Ergebnis einnehmen.

Die wenigen hätten kaum Raum, sich gegen die vielen zu stellen, solange die vielen festen Halt an der bestehenden Macht finden.

Wieder sein Menschenbild.

Nicht:

Menschen prüfen sorgfältig die moralische Konsistenz jeder politischen Entscheidung.

Eher:

Sie sehen, was erscheint.

Sie sehen, was herauskommt.

Und daraus bilden sie ihr Urteil.


Zum Schluss nennt Machiavelli einen zeitgenössischen Fürsten, dessen Namen er angeblich lieber nicht nennen möchte.

Dieser Fürst predige ständig

Frieden

und

Treue.

Hätte er aber tatsächlich immer Frieden und Treue eingehalten, sagt Machiavelli, hätte er mehrfach sowohl seinen Staat als auch seinen Ruf verloren.

Machiavellis Zeitgenossen dürften verstanden haben, wen er meinte.

Der Bordcomputer respektiert für einen Moment die Diskretion des Autors.

Es handelt sich um Ferdinand von Aragón.

Die Diskretion hat damit ungefähr vier Sekunden gehalten.


Jetzt können wir sehen, was in den Kapiteln XV bis XVIII passiert ist.

Machiavelli hat nacheinander vier angenehme Gewissheiten beschädigt.

Kapitel XV:
Gut sein genügt nicht.

Kapitel XVI:
Großzügigkeit kann in Ausbeutung enden.

Kapitel XVII:
Milde kann mehr Leid erzeugen als Härte.

Kapitel XVIII:
Aufrichtigkeit kann denjenigen wehrlos machen, der sie unter Menschen praktiziert, die selbst täuschen.

Aber darunter liegt immer dieselbe Frage:

Was geschieht tatsächlich?

Nicht:

Wie heißt diese Eigenschaft?

Nicht:

Wie schön klingt sie?

Sondern:

Was tut sie unter wirklichen Bedingungen?


Und jetzt erscheint Machiavellis Fürst beinahe vollständig.

Er braucht eigene Waffen. Er muss Geschichte kennen. Er muss vorausdenken. Er muss sich verändern können. Er darf das Gute nicht unnötig verlassen. Er muss aber zum Gegenteil fähig sein. Er braucht die Stärke des Löwen. Die List des Fuchses.

Und schließlich muss er verstehen, dass Menschen nicht nur darauf reagieren,

was er ist,

sondern auch darauf,

was sie sehen.

Der Bordcomputer schließt Kapitel XVIII.

Im Tierbestand befinden sich jetzt:

ein Löwe,

ein Fuchs

und ein halber Kentaur.

Machiavelli nennt das offenbar

Regierungslehre.

TEIL V – KAPITEL XVI–XVIII
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