NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

BORDFASSUNG · TEIL VI – KAPITEL XIX–XX

NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

Kapitel XIX · Wie man Verachtung und Hass vermeiden muss

Über die wichtigsten Eigenschaften eines Fürsten haben wir gesprochen.

Für die übrigen, sagt Machiavelli, genügt eine allgemeinere Regel:

Ein Fürst muss vor allem vermeiden,

gehasst

oder

verachtet

zu werden.

Gelingt ihm das, hat er einen wesentlichen Teil seiner Aufgabe erfüllt.

Andere schlechte Eigenschaften und der schlechte Ruf, den sie erzeugen, seien dann weit weniger gefährlich.


Der Bordcomputer erkennt zwei verschiedene Warnleuchten.

HASS

und

VERACHTUNG.

Sie sehen ähnlich aus.

Sind aber nicht dasselbe.

Hass bedeutet:

Die Menschen wollen dich nicht mehr.

Verachtung bedeutet:

Die Menschen glauben nicht mehr an dich.

Machiavelli hält offenbar beides für ausgesprochen ungünstige Betriebszustände.


Was erzeugt Hass?

Das kennen wir bereits.

Vor allem, sagt Machiavelli, macht sich ein Fürst verhasst, wenn er habgierig ist und sich am Eigentum und an den Frauen seiner Untertanen vergreift.

Davon soll er sich fernhalten.

Solange man der großen Mehrheit weder Besitz noch Ehre nimmt, lebt sie im Allgemeinen zufrieden.

Dann muss sich der Fürst hauptsächlich mit dem Ehrgeiz einiger weniger auseinandersetzen.

Und für diese wenigen gebe es zahlreiche Möglichkeiten, sie im Zaum zu halten.


Das ist bemerkenswert.

Machiavellis politische Welt ist voller Intrigen, Gewalt und wechselnder Bündnisse.

Aber unter all dem liegt ein erstaunlich einfacher Gedanke:

Lass die Mehrheit in Ruhe.

Nimm ihr nicht ständig etwas weg.

Demütige sie nicht.

Greife nicht willkürlich in ihr Leben ein.

Dann hast du politisch bereits sehr viel gewonnen.

Nicht weil Machiavelli plötzlich Demokrat geworden wäre.

Sondern weil ein zufriedenes Volk für ihn ein Machtfaktor ist.


Und was erzeugt Verachtung?

Ein Fürst wird verachtet, wenn er als wechselhaft, leichtfertig, schwach, feige oder unentschlossen gilt.

Davor müsse er sich hüten wie vor einem Felsen, auf den ein Schiff zuläuft.

Stattdessen sollen seine Handlungen

Größe, Mut, Ernst und Entschlossenheit

erkennen lassen.

Bei Entscheidungen gegenüber seinen Untertanen soll er den Eindruck vermitteln, dass sein Urteil Bestand hat.

Niemand soll glauben,

man könne ihn leicht täuschen,

herumschubsen

oder umstimmen.


Der Bordcomputer ergänzt:

Es genügt also nicht,

Macht zu besitzen.

Andere Menschen müssen auch damit rechnen,

dass sie funktioniert.

Wir kennen das bereits aus Kapitel XVIII.

Wahrnehmung wird politische Wirklichkeit.

Ein Herrscher, den niemand ernst nimmt, besitzt auf dem Papier vielleicht dieselben Befugnisse wie gestern.

Aber praktisch hat sich etwas verändert.

Andere beginnen auszuprobieren,

wie weit sie gehen können.


Ein Fürst, der ein solches Ansehen besitzt, sagt Machiavelli, wird schwerer angegriffen.

Und gegen ihn wird auch schwerer eine Verschwörung organisiert.

Vorausgesetzt, er gilt als fähig und wird von seinen eigenen Leuten respektiert.

Denn ein Fürst hat grundsätzlich zwei Gefahren:

eine im Inneren

durch seine Untertanen,

und

eine von außen

durch fremde Mächte.


Gegen äußere Feinde helfen nach Machiavelli

gute Waffen und gute Freunde.

Und dann formuliert er wieder eine dieser Verbindungen, die sein ganzes Buch zusammenhalten:

Wer gute Waffen besitzt,

wird gewöhnlich auch gute Freunde besitzen.

Der Bordcomputer erinnert sich an Kapitel XII.

GUTE GESETZE.

GUTE WAFFEN.

Machiavelli baut keine einzelnen Ratschläge.

Er baut langsam ein System.


Im Inneren ist die Sache komplizierter.

Hier drohen Verschwörungen.

Doch eines der stärksten Mittel gegen Verschwörungen sei erstaunlicherweise nicht eine immer größere Geheimpolizei.

Es ist:

vom Volk nicht gehasst zu werden.

Denn ein Verschwörer muss glauben, dass die Bevölkerung nach dem Tod des Fürsten zufrieden sein wird.

Wenn er dagegen damit rechnen muss, dass die Bevölkerung den Mord ablehnt, wird das Unternehmen sehr viel gefährlicher.


Das ist ein wichtiger Gedanke.

Machiavelli verschiebt die Sicherheit des Fürsten weg von der Person des Fürsten.

Der Herrscher wird nicht nur durch Wachen geschützt.

Nicht nur durch Mauern.

Nicht nur durch Waffen.

Er kann auch durch die Tatsache geschützt werden,

dass die Menschen seinen Sturz gar nicht wollen.

Der Bordcomputer trägt ein:

VOLKSGUNST = SICHERHEITSARCHITEKTUR


Und Machiavelli erklärt, warum Verschwörungen ohnehin schwierig sind.

Ein Verschwörer kann kaum allein handeln.

Also muss er jemanden einweihen.

Aber wen?

Normalerweise jemanden, von dem er glaubt, dass er ebenfalls unzufrieden ist.

Sobald er diesem Menschen jedoch den Plan verrät, eröffnet er ihm plötzlich eine zweite Möglichkeit:

Er kann den Fürsten informieren.

Und dafür eine Belohnung erhalten.


Der Bordcomputer simuliert.

OPTION A

Fürst ermorden.

Hohe Gefahr.

Ausgang ungewiss.

OPTION B

Verschwörung melden.

Fürst lebt.

Belohnung möglicherweise sofort.

Machiavelli hält Option B offenbar für ein ernstes Personalproblem der Verschwörung.


Auf der Seite des Verschwörers stehen nach Machiavelli: Angst. Misstrauen. Verdacht. Die Aussicht auf Bestrafung. Auf der Seite des Fürsten stehen: die Autorität des Staates, die Gesetze, seine Freunde, seine Verteidigungsmittel.

Kommt dazu noch die Unterstützung des Volkes,

wird eine Verschwörung außerordentlich schwierig.

Denn normalerweise fürchtet sich der Verschwörer vor der Tat.

Bei einem beliebten Fürsten muss er sich auch nach der Tat fürchten.

Dann hat er nämlich nicht nur einen toten Fürsten hinter sich.

Er hat ein feindliches Volk vor sich.


Machiavelli erzählt dazu eine Geschichte aus Bologna.

Annibale Bentivoglio wurde von der Familie Canneschi ermordet.

Von ihm blieb nur ein Sohn zurück, Giovanni, damals noch ein Säugling.

Nach dem Mord erhob sich jedoch die Bevölkerung und tötete die Canneschi.

Die Bindung an die Bentivoglio war so groß, dass die Bologneser anschließend nach einem anderen Angehörigen der Familie suchten.

Sie erfuhren von einem Mann in Florenz, der bis dahin für den Sohn eines Schmieds gehalten worden war, holten ihn nach Bologna und übergaben ihm vorübergehend die Regierung, bis Giovanni alt genug war.


Der Fürst war tot.

Die politische Bindung war es nicht.

Das ist Machiavellis Punkt.

Eine Verschwörung kann den Körper eines Herrschers beseitigen.

Aber damit ist noch lange nicht garantiert,

dass sie seine politische Stellung beseitigt.

Manchmal steht nach dem Mord plötzlich eine ganze Stadt im Raum und fragt:

Was genau war jetzt euer Plan?


Machiavellis Schluss:

Wenn das Volk dem Fürsten wohlgesinnt ist, braucht er Verschwörungen vergleichsweise wenig zu fürchten.

Wenn das Volk ihn hasst,

muss er dagegen

alles und jeden fürchten.

Gut geordnete Staaten und kluge Herrscher achten deshalb darauf,

die Mächtigen nicht in Verzweiflung zu treiben,

aber zugleich das Volk zufriedenzustellen.

Machiavelli nennt das ausdrücklich eine der wichtigsten Aufgaben eines Fürsten.


Und jetzt kommt wieder unser alter Bekannter:

INSTITUTIONEN.

Machiavelli betrachtet Frankreich.

Er lobt dessen politische Ordnung und besonders das Parlement als Institution, die zwischen König, Großen und Volk vermittelt.

Seine Interpretation lautet:

Der Gesetzgeber habe verstanden, dass die Mächtigen gezügelt werden müssen.

Gleichzeitig habe er erkannt, dass der König sich nicht persönlich mit jeder unpopulären Maßnahme belasten sollte.

Also wurde eine dritte Instanz geschaffen.


Und daraus zieht Machiavelli eine geradezu elegante Herrschaftsregel:

Belastende Maßnahmen sollte ein Fürst andere durchführen lassen.

Wohltaten sollte er selbst verteilen.

Der Bordcomputer prüft das Verfahren.

Unangenehme Nachricht:

Institution.

Angenehme Nachricht:

Fürst.

PR-Abteilung der Renaissance:

betriebsbereit.


Aber Machiavelli bleibt bei seinem wichtigeren Punkt:

Der Fürst soll die Mächtigen achten.

Er darf sich jedoch

nicht vom Volk hassen lassen.

Und nun erhebt sich ein gewaltiger Einwand.

Wenn all das stimmt,

warum wurden dann so viele römische Kaiser ermordet?

Einige von ihnen lebten ehrenhaft.

Einige besaßen große persönliche Tugenden.

Und trotzdem verloren sie Herrschaft und Leben durch Verschwörungen.

Widerlegt Rom also Machiavellis Theorie?


Machiavelli freut sich vermutlich.

Denn jetzt bekommt er mehrere Kaiser zum Zerlegen.

Von Mark Aurel bis Maximinus Thrax untersucht er eine ganze Reihe römischer Herrscher.

Und sofort entdeckt er einen entscheidenden Unterschied.

Die römischen Kaiser hatten nicht nur zwei Gruppen zu berücksichtigen.

Sie hatten drei:

die Mächtigen,

das Volk

und

die Soldaten.

Und die Soldaten wollten etwas anderes als die Bevölkerung.

Das Volk wollte Ruhe und maßvolle Herrschaft.

Die Soldaten, so beschreibt Machiavelli ihre Interessen in dieser Epoche, bevorzugten einen militärischen Herrscher und erwarteten Vorteile, Beute und eine härtere Politik.

Ein Kaiser konnte also eine Gruppe zufriedenstellen

und gerade dadurch die andere gegen sich aufbringen.


Der Bordcomputer erkennt ein neues Problem.

Bislang lautete die Frage:

Was ist die richtige Handlung?

Jetzt lautet sie:

Für wen?

Denn unterschiedliche Machtgruppen können widersprüchliche Erwartungen besitzen.

Eine Handlung erzeugt dann nicht einfach Zustimmung oder Ablehnung.

Sie erzeugt gleichzeitig:

Zustimmung hier

und Ablehnung dort.

Machiavellis Politik wird komplizierter.


Mark Aurel ist sein erster Sonderfall.

Er war maßvoll, gerecht und menschlich und starb dennoch hochgeehrt.

Warum funktionierte bei ihm, was bei anderen scheiterte?

Machiavellis Antwort:

Mark Aurel hatte das Reich geerbt.

Er musste seine Stellung weder den Soldaten noch dem Volk verdanken.

Seine Ausgangslage war deshalb grundlegend anders.


Und da ist wieder eine der wichtigsten Regeln dieses Buches:

Kopiere niemals eine Handlung, ohne die Situation zu kopieren, in der sie funktioniert hat.

Mark Aurels Verhalten war unter Mark Aurels Bedingungen erfolgreich.

Das bedeutet nicht, dass ein neuer Herrscher dasselbe tun kann und dasselbe Ergebnis erhält.

Machiavelli denkt nicht in Rezepten.

Er denkt in

Bedingungen.


Pertinax dagegen versuchte nach der zügellosen Herrschaft des Commodus, die Soldaten wieder an Disziplin zu gewöhnen.

Eine ehrenhafte Absicht.

Die Soldaten waren davon nicht begeistert.

Pertinax machte sich verhasst.

Wegen seines Alters wurde er zusätzlich verachtet.

Kurz nach Beginn seiner Herrschaft wurde er getötet.

Und Machiavelli zieht daraus einen erschreckenden Satz:

Hass kann durch gute ebenso wie durch schlechte Taten entstehen.


Das ist Kapitel XV in seiner härtesten Form.

Eine Handlung wird nicht dadurch politisch wirksam, dass sie moralisch richtig ist.

Wenn eine mächtige Gruppe korrumpiert ist, kann gerade der Versuch, sie zu reformieren, ihren Hass erzeugen.

Das bedeutet nicht, dass Machiavelli die Korruption gutheißt.

Es bedeutet:

Die Wirklichkeit belohnt gute Absichten nicht automatisch.


Dann kommt Alexander Severus.

Machiavelli beschreibt ihn als außergewöhnlich gutmütig.

Während seiner vierzehnjährigen Herrschaft sei niemand ohne gerichtliches Urteil auf seine Anordnung getötet worden.

Aber Alexander galt als schwach und als von seiner Mutter beherrscht.

Die Folge:

Verachtung.

Das Heer verschwörte sich gegen ihn und tötete ihn.

Gut.

Mild.

Rechtsförmig.

Tot.

Der Bordcomputer vermerkt:

Machiavelli bleibt bei seiner These.

Güte schützt nicht vor Verachtung.


Auf der anderen Seite stehen Herrscher wie Commodus, Caracalla und Maximinus.

Sie waren hart und gewalttätig.

Aber auch das rettete sie nicht.

Caracalla etwa war bei den Soldaten wegen seiner militärischen Härte und Belastbarkeit angesehen.

Doch seine Grausamkeit wurde so extrem, dass er schließlich überall Hass und selbst in seiner unmittelbaren Umgebung Furcht erzeugte.

Ein Zenturio, dessen Bruder Caracalla hatte töten lassen und den er selbst weiterhin bedrohte, ermordete ihn.


Das ist wichtig.

Machiavelli sagt nicht:

Sei grausam und alles funktioniert.

Caracalla war grausam.

Caracalla wurde ermordet.

Das Problem war nicht mangelnde Härte.

Das Problem war,

Hass bis in die eigene unmittelbare Umgebung zu produzieren.

Wenn der Mann, den Sie täglich bedrohen, gleichzeitig bewaffnet neben Ihnen steht,

hat der Bordcomputer gewisse Sicherheitsbedenken.


Commodus wiederum hatte eigentlich hervorragende Voraussetzungen.

Er war der Sohn Mark Aurels.

Das Reich war geerbt.

Er hätte nur dem Beispiel seines Vaters folgen müssen.

Stattdessen machte er die Soldaten zügellos, um ihre Unterstützung zu sichern, während er die Bevölkerung ausbeutete.

Zugleich beschädigte er nach Machiavellis Urteil die Würde seines Amtes, unter anderem durch öffentliche Gladiatorenkämpfe.

Damit erreichte Commodus eine ausgesprochen ungünstige Kombination:

Das Volk

hasste ihn.

Die Soldaten

verachteten ihn.

Er wurde ermordet.


Der Bordcomputer überprüft die beiden Warnleuchten.

HASS: AKTIV

VERACHTUNG: AKTIV

Diagnose:

ungünstig.


Doch einer fasziniert Machiavelli besonders:

Septimius Severus.

Ein neuer Herrscher. Brutal. Geschickt. Militärisch stark. Und nach Machiavellis Urteil mit außergewöhnlicher virtù ausgestattet.

Severus ist für ihn praktisch die Wiederkehr von Kapitel XVIII.

Fuchs und Löwe in einer Person.


Als Kaiser Pertinax ermordet worden war, führte Severus ein Heer an der Donau.

Er erklärte seinen Soldaten, man müsse nach Rom ziehen,

um Pertinax zu rächen.

Das klang ehrenhaft.

Nebenwirkung:

Severus marschierte mit einer Armee auf Rom.

Bevor man dort überhaupt richtig begriffen hatte, was geschah, war er bereits in Italien.

Der Senat machte ihn aus Furcht zum Kaiser.

Der amtierende Kaiser Julianus wurde getötet.

LÖWE:

angekommen.


Aber Severus hatte zwei Rivalen.

Pescennius Niger im Osten.

Clodius Albinus im Westen.

Beide beanspruchten ebenfalls die Herrschaft.

Gegen beide gleichzeitig vorzugehen wäre gefährlich gewesen.

Also griff Severus Niger an

und

täuschte Albinus.

Er versprach ihm Beteiligung an der Herrschaft, verlieh ihm den Titel Caesar und ließ ihn glauben, er werde sein Partner.

Albinus glaubte ihm.

Severus besiegte Niger.

Dann kehrte er nach Westen zurück.

Nun behauptete er, Albinus habe undankbarerweise versucht, ihn ermorden zu lassen.

Deshalb müsse er ihn bestrafen.

Er zog gegen ihn,

besiegte ihn

und nahm ihm Herrschaft und Leben.

FUCHS:

ebenfalls angekommen.


Machiavelli ist beeindruckt.

Wer Severus genau betrachte, sagt er, erkenne in ihm

einen wilden Löwen

und

einen äußerst listigen Fuchs.

Sein gewaltiges Ansehen schützte ihn sogar vor dem Hass, den seine Übergriffe auf die Bevölkerung hätten erzeugen können.

Und hier müssen wir aufpassen.

Machiavelli sagt nicht:

Macht es wie Severus.

Noch nicht.

Denn das Kapitel endet gerade damit, zu erklären, warum genau diese Art der Nachahmung gefährlich sein kann.


Maximinus beispielsweise war ein hervorragender Soldat.

Doch er wurde wegen seiner niedrigen Herkunft verachtet und wegen der Grausamkeit seiner Herrschaft gehasst.

Als sich Widerstand ausbreitete und selbst seine eigenen Soldaten bemerkten, wie viele Feinde er hatte, verloren sie ihre Furcht vor ihm.

Und töteten ihn.

Das ist beinahe eine Gleichung:

Viele Feinde

→ Herrscher wirkt verwundbar

→ Furcht sinkt

→ Verachtung wächst

→ Gefahr steigt.

Macht hängt also auch davon ab,

ob andere an ihre Stabilität glauben.


Und nun zieht Machiavelli alles zusammen.

Warum funktionierte Mark Aurel?

Warum funktionierte Severus?

Warum scheiterten andere, obwohl sie jeweils ähnliche Eigenschaften besaßen?

Weil dieselbe Verhaltensweise unter unterschiedlichen Bedingungen unterschiedliche Folgen hat.

Pertinax und Alexander konnten Mark Aurel nicht einfach imitieren.

Sie waren neue Herrscher.

Mark Aurel war Erbe.

Caracalla, Commodus und Maximinus konnten Severus nicht einfach imitieren.

Sie besaßen nicht genügend von dessen virtù, um dieselbe gefährliche Konstruktion aufrechtzuerhalten.


Und dann formuliert Machiavelli seine eigentliche Antwort.

Ein neuer Fürst soll weder

Mark Aurel vollständig kopieren

noch

Severus vollständig kopieren.

Er soll von Severus diejenigen Eigenschaften übernehmen, die notwendig sind,

um einen neuen Staat zu gründen und zu sichern.

Und von Mark Aurel diejenigen,

die geeignet und ehrenvoll sind,

einen bereits gefestigten Staat zu erhalten.


Da ist es wieder.

Machiavelli sucht nicht den

besten Herrscher.

Er sucht auch nicht die

beste Persönlichkeit.

Er fragt:

Welche Lage liegt vor?

Neu oder etabliert? Volk oder Soldaten? Innere oder äußere Gefahr? Hass oder Verachtung? Welche Machtgruppe kann die Herrschaft tatsächlich gefährden? Welche Handlung verändert dieses Kräfteverhältnis?

Und plötzlich wird verständlich, warum dieses Kapitel so lang ist.

Machiavelli kann seine Theorie nicht mit einer Tugendliste erklären.

Er braucht Fälle.

Mark Aurel funktioniert. Pertinax scheitert. Severus funktioniert. Caracalla versucht etwas Ähnliches und scheitert.

Nicht weil die Geschichte widersprüchlich wäre.

Sondern weil

der Kontext Teil der Handlung ist.


Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse des ganzen Fürsten.

Eine Handlung besitzt für Machiavelli keinen festen politischen Wert.

Milde ist nicht immer wirksam. Härte ist nicht immer wirksam. Großzügigkeit nicht. Sparsamkeit nicht. Aufrichtigkeit nicht.

Nicht einmal die Nachahmung eines erfolgreichen Herrschers garantiert Erfolg.

Denn man kann Severus’ Verhalten kopieren,

ohne Severus zu sein.

Man kann Mark Aurel spielen,

ohne Mark Aurels Ausgangslage zu besitzen.

Virtù bedeutet deshalb immer mehr:

die eigene Lage richtig lesen.


Und damit schließt sich ein Kreis bis Kapitel XIV.

Dort lief Philopoimen durch die Landschaft und fragte bei jedem Hügel:

Was wäre, wenn dort der Feind stünde?

Wir dachten, er übe Krieg.

Vielleicht übte er etwas Größeres.

Situationen lesen.

Denn Machiavellis Fürst besitzt offenbar keine Sammlung fertiger Antworten.

Er besitzt etwas Schwierigeres:

die Fähigkeit zu erkennen,

welche Antwort diese Wirklichkeit verlangt.

Der Bordcomputer schließt Kapitel XIX.

Mark Aurel ist ein hervorragendes Vorbild.

Severus ebenfalls.

Bitte beachten:

Nicht gleichzeitig.

Kapitel XX · Ob Festungen und andere Maßnahmen, die Fürsten häufig ergreifen, nützlich oder schädlich sind

Es gibt Dinge, die Herrscher tun, weil Herrscher sie eben schon immer getan haben.

Sie entwaffnen ihre Untertanen. Sie fördern Streit zwischen verschiedenen Gruppen. Sie versuchen frühere Gegner auf ihre Seite zu ziehen. Sie errichten Festungen. Oder sie reißen Festungen ab.

Und für fast jede dieser Maßnahmen findet sich irgendwo in der Geschichte ein kluger Mann, der erklärt hat, warum genau dies die richtige Methode sei.

Machiavelli betrachtet die Sammlung.

Der Bordcomputer erkennt ein vertrautes Problem.

Es widerspricht sich alles.

Das allerdings stört Machiavelli nicht besonders.

Denn bevor er überhaupt mit seiner Untersuchung beginnt, macht er eine Einschränkung, die für sein Denken immer wichtiger wird: Über solche Maßnahmen könne man kein endgültiges Urteil fällen, ohne die besonderen Umstände des jeweiligen Staates zu kennen. Er werde deshalb nur so allgemein darüber sprechen, wie es die Sache zulasse.

Das klingt zunächst wie eine kleine methodische Vorbemerkung.

Es ist mehr.

Seit einigen Kapiteln zerlegt Machiavelli die Vorstellung, Politik bestehe aus einer Sammlung zeitloser Regeln.

Großzügigkeit kann nützlich sein oder schädlich. Milde kann nützlich sein oder schädlich. Festungen können nützlich sein oder schädlich.

Die interessante Frage lautet nicht mehr:

IST ES GUT?

Sondern:

WANN?


Bewaffnen oder entwaffnen?

Machiavelli beginnt mit einem neuen Fürsten.

Ein Herrscher hat gerade einen Staat übernommen. Seine Untertanen besitzen keine Waffen.

Was soll er tun?

Man könnte vermuten:

So lassen.

Unbewaffnete Menschen können schließlich schlechter gegen einen rebellieren.

Machiavelli kommt zum gegenteiligen Ergebnis.

Ein neuer Fürst, sagt er, habe seine Untertanen gewöhnlich nicht entwaffnet. Finde er sie unbewaffnet vor, solle er sie vielmehr bewaffnen. Denn in dem Moment, in dem er ihnen Waffen anvertraut, geschehe politisch etwas Bemerkenswertes: Die Waffen würden gewissermaßen zu seinen Waffen. Menschen, denen er misstraut habe, könnten dadurch loyal werden; bereits loyale Menschen blieben es; Untertanen würden zu seinen Anhängern.

Der Bordcomputer überprüft den Vorgang.

MISSTRAUEN

→ Waffen wegnehmen

→ Misstrauen sichtbar machen

→ Menschen fühlen sich verdächtigt

→ Feindschaft wächst

Alternative:

VERTRAUEN

→ Waffen geben

→ Verantwortung übertragen

→ Menschen werden Teil der eigenen Verteidigung

→ Bindung wächst

Das ist bemerkenswert.

Denn Machiavelli empfiehlt Vertrauen nicht deshalb, weil Vertrauen moralisch schön sei.

Er beschreibt Vertrauen als etwas, das politische Wirklichkeit erzeugen kann.

Natürlich könne ein Fürst nicht jeden bewaffnen. Wer aber Waffen und damit besondere Verantwortung erhält, werde dadurch an ihn gebunden. Die übrigen könnten die unterschiedliche Behandlung akzeptieren, weil diejenigen mit größerem Risiko und größerem Dienst auch größere Anerkennung erhielten.

Entwaffnet der Fürst dagegen seine Untertanen, beleidigt er sie nach Machiavellis Ansicht. Er signalisiert ihnen, dass er sie entweder für feige oder für unzuverlässig hält.

Beides ist keine besonders elegante Eröffnung einer neuen Regierung.

Und dann entsteht noch ein praktisches Problem:

Der Fürst braucht trotzdem Soldaten. Hat er seine eigenen Leute entwaffnet, muss er sich anderen zuwenden.

Der Bordcomputer blättert einige Kapitel zurück.

SÖLDNER.

Oh.

Wir kennen diese Abteilung bereits.

Machiavelli ebenfalls. Und er erinnert ausdrücklich daran, was er über sie gesagt hat. Selbst wenn die Söldner gut wären, meint er, wären sie kaum stark genug, gleichzeitig mächtige äußere Feinde und misstrauische Untertanen in Schach zu halten.

Wieder erscheint dasselbe Grundmotiv wie in den Kapiteln XII und XIII:

Wer seine eigene Machtbasis schwächt, macht sich von fremder Macht abhängig.


Es gibt allerdings eine Ausnahme

Hat der Fürst nicht einen völlig neuen Staat gegründet, sondern ein neues Gebiet zu einem bereits bestehenden Staat hinzugewonnen, argumentiert Machiavelli anders.

Dann soll er das neu erworbene Gebiet entwaffnen – mit Ausnahme derjenigen, die ihn bei der Eroberung unterstützt haben.

Aber auch diese Unterstützer sollen nach und nach militärisch geschwächt werden.

Am Ende sollen die entscheidenden Waffen bei den eigenen Soldaten aus dem alten Herrschaftsgebiet liegen.

Das klingt zunächst wie ein Widerspruch.

NEUER FÜRST + NEUER STAAT:
Untertanen bewaffnen.

ALTER STAAT + NEU EROBERTES GEBIET:
Neue Untertanen entwaffnen.

Machiavelli sieht darin keinen Widerspruch.

Denn die Situation ist nicht dieselbe.

Im ersten Fall muss ein Herrscher eine eigene politische Basis aufbauen.

Im zweiten besitzt er bereits eine und muss verhindern, dass im hinzugekommenen Gebiet eine zweite bewaffnete Machtbasis entsteht.

Der Bordcomputer notiert:

GLEICHE HANDLUNG + ANDERE LAGE = ANDERE WIRKUNG

Das beginnt verdächtig nach einem Grundgesetz dieses Buches auszusehen.


Teile und herrsche?

Nun kommt Machiavelli zu einem politischen Klassiker.

Menschen gegeneinander ausspielen.

Die alten Florentiner, berichtet er, hätten gesagt, man müsse Pistoia durch Parteien und Pisa durch Festungen beherrschen. Deshalb förderten sie in einigen unterworfenen Städten bewusst innere Gegensätze.

Die Logik ist leicht verständlich:

Solange die Bürger miteinander beschäftigt sind, beschäftigen sie sich weniger mit ihrem Herrscher.

Der Bordcomputer bestätigt:

ZWEI GRUPPEN STREITEN MITEINANDER.

Herrscher: ungestört.

Das System scheint zu funktionieren.

Bis ein Feind kommt.

Dann passiert etwas ausgesprochen Ungünstiges.

Die schwächere Partei einer gespaltenen Stadt wird nach Machiavellis Argument fast zwangsläufig versuchen, sich mit dem äußeren Feind zu verbünden. Die stärkere Partei kann allein nicht standhalten.

Die Spaltung, die dem Herrscher im Frieden Kontrolle verschafft hat, wird im Krieg zum Einfallstor.

Machiavelli führt Venedig an. Die Venezianer hielten in ihren unterworfenen Städten die alten Gegensätze zwischen Guelfen und Ghibellinen lebendig. Sie ließen die Gruppen nicht bis zum Blutvergießen gehen, sorgten aber dafür, dass ihre Streitigkeiten bestehen blieben.

Die Bürger sollten miteinander beschäftigt sein.

Dann kam die militärische Niederlage von Agnadello – Machiavellis „Vailà“ – und das System zeigte nach seiner Darstellung seine andere Seite: Eine der Parteien erhob sich, und die venezianische Herrschaft brach in diesen Gebieten weg.

Damit fällt sein Urteil ungewöhnlich deutlich aus:

Solche künstlichen Spaltungen seien ein Zeichen von Schwäche.

Ein starker Staat brauche sie nicht.

Denn:

Was im Frieden das Regieren erleichtert, kann im Krieg den Staat zerstören.

Der Bordcomputer streicht damit eine weitere sehr alte Regierungstechnik von der Liste der garantiert guten Ideen.

Die Liste wird übersichtlich.


Ein Feind kann nützlich sein

Und nun wird Machiavelli wieder seltsam.

Fürsten, sagt er, werden groß, wenn sie Schwierigkeiten und Widerstände überwinden.

Besonders ein neuer Fürst braucht Ansehen. Und deshalb könne fortuna ihm geradezu Feinde entstehen lassen, damit er Gelegenheit bekomme, sie zu überwinden – und auf der Leiter, die ihm seine Gegner hingestellt haben, höher hinaufzusteigen.

Das Bild ist ausgezeichnet.

Der Feind baut eine Leiter. Eigentlich wollte er damit über Ihre Mauer. Machiavelli benutzt sie andersherum.

Deshalb hätten manche gemeint, ein kluger Fürst solle – wenn sich die Gelegenheit bietet – sogar gewisse Feindschaften geschickt fördern, damit ihre Überwindung seinen Ruhm vergrößere.

Hier sollte der Bordcomputer allerdings einen Warnhinweis anbringen:

Machiavelli berichtet diese Auffassung zustimmend genug, um sie ernst zu nehmen. Er macht daraus aber keine allgemeingültige Vorschrift.

Denn genau darum geht es in diesem Kapitel:

Die Wirkung hängt von den Umständen ab.

Das Interessante ist der Mechanismus dahinter.

Ein Fürst kann nicht nur durch das gewinnen, was ihm gelingt.

Er kann durch das wachsen, was ihm entgegensteht.

Widerstand ist damit nicht ausschließlich Gefahr.

Er kann Gelegenheit zur sichtbaren Bewährung sein.

Fortuna schickt ein Problem.

Virtù entscheidet, was daraus wird.


Vielleicht sind Ihre früheren Feinde die besseren Freunde

Nun folgt eine Beobachtung, die fast psychologisch wirkt.

Neue Fürsten, schreibt Machiavelli, hätten bisweilen mehr Treue und Nutzen bei Menschen gefunden, die ihnen anfangs verdächtig waren, als bei denen, denen sie von Anfang an vertrauten.

Pandolfo Petrucci von Siena habe seine Herrschaft stärker mit ehemals Verdächtigen geführt als mit den anderen.

Warum?

Weil ein früherer Gegner, der nun auf die Unterstützung des Fürsten angewiesen ist, einen besonderen Grund hat, seine Loyalität zu beweisen.

Er weiß:

Es gibt eine Akte.

Der Bordcomputer besitzt vermutlich mehrere Kopien.

Also muss dieser Mensch durch sein Verhalten die frühere schlechte Meinung über ihn widerlegen.

Gerade deshalb kann er sich besonders anstrengen.

Ein alter Vertrauter dagegen kann sich seiner Stellung irgendwann zu sicher werden.

VERTRAUEN OHNE BEWÄHRUNG

kann Nachlässigkeit erzeugen.

MISSTRAUEN + NEUE CHANCE

kann Bewährung erzeugen.

Auch hier sagt Machiavelli nicht, dass ehemalige Feinde grundsätzlich bessere Freunde seien. Er warnt ausdrücklich davor, die Sache zu verallgemeinern. Sie variiere je nach Person und Lage.

Aber dann verschärft er die Beobachtung.


Vorsicht vor denen, die Ihnen zur Macht verholfen haben

Nehmen wir an, Menschen innerhalb eines Staates helfen einem neuen Herrscher bei der Machtübernahme.

Das klingt nach einer ausgezeichneten Ausgangslage.

Diese Menschen sind schließlich seine Unterstützer.

Machiavelli fragt:

Warum haben sie ihn unterstützt?

Das ist eine sehr machiavellistische Frage.

Wenn sie ihn aus echter Verbundenheit unterstützten, ist das eine Sache.

Wenn sie ihn aber unterstützten, weil sie mit der bisherigen Regierung unzufrieden waren, entsteht ein Problem.

Denn nun erwarten sie vom neuen Herrscher, dass ihre Unzufriedenheit verschwindet.

Und vielleicht kann er das gar nicht leisten.

Machiavelli behauptet deshalb etwas Überraschendes: Es könne leichter sein, frühere Gegner zu Freunden zu machen, die mit dem alten Zustand eigentlich zufrieden waren, als jene dauerhaft zufriedenzustellen, die gerade wegen ihrer Unzufriedenheit beim Umsturz geholfen haben.

Der Bordcomputer rekonstruiert:

Ein Gegner erwartet zunächst wenig.

Ein enttäuschter Unterstützer erwartet eine Verbesserung.

Der Fürst betritt den Raum.

ERWARTUNGEN: bereits vorhanden.

Und Erwartungen sind politische Schulden, die nicht in der Staatskasse erscheinen.

Damit bekommt ein Gedanke aus früheren Kapiteln eine neue Form:

Nicht nur Feindschaft ist gefährlich.

Enttäuschte Hoffnung kann gefährlicher sein.


Die Festung

Jetzt kommt Machiavelli endlich zu dem Gegenstand, der dem Kapitel seinen Namen gibt.

Fürsten haben seit alters Festungen gebaut.

Die Logik ist offensichtlich.

Eine Festung kann rebellische Untertanen abschrecken, Angriffe bremsen und dem Herrscher einen sicheren Zufluchtsort bieten.

Machiavelli sagt zunächst sogar:

Das ist eine bewährte Methode. Er lobt sie.

Dann nennt er Beispiele von Herrschern, die genau das Gegenteil getan haben.

Niccolò Vitelli ließ Festungen in Città di Castello zerstören.

Guidobaldo da Montefeltro, Herzog von Urbino, kehrte in sein Land zurück, nachdem Cesare Borgia ihn vertrieben hatte – und ließ die Festungen seines Gebietes niederreißen, weil er glaubte, den Staat ohne sie schwerer erneut verlieren zu können.

Die Bentivoglio handelten nach ihrer Rückkehr nach Bologna ähnlich.

Moment.

Festungen schützen einen Staat.

Und das Niederreißen von Festungen kann einen Staat schützen.

Der Bordcomputer hat inzwischen gelernt, nicht mehr sofort Alarm auszulösen.

Machiavelli erklärt:

Festungen sind je nach Umständen nützlich oder schädlich.

Wer seine eigene Bevölkerung stärker fürchtet als auswärtige Feinde, für den können Festungen sinnvoll sein.

Wer äußere Feinde stärker fürchtet als die eigene Bevölkerung, kann besser ohne sie auskommen.

Eine Festung ist also nicht einfach „Verteidigung“.

Die Frage lautet:

Gegen wen ist sie gebaut?

Und dadurch kann sie sogar die politische Beziehung zwischen Herrscher und Bevölkerung verändern.


Die beste Festung besteht nicht aus Stein

Jetzt schließt Machiavelli unmittelbar an Kapitel XIX an.

Dort hatte er immer wieder gesagt:

Ein Fürst muss vor allem vermeiden, von seinem Volk gehasst zu werden.

Nun formuliert er daraus eine seiner stärksten politischen Metaphern:

Die beste Festung ist, vom Volk nicht gehasst zu werden.

Denn wenn die Bevölkerung den Herrscher hasst, helfen ihm auch Mauern nicht unbedingt. Sobald das Volk Waffen besitzt, könnten sich auswärtige Mächte finden, die ihm zu Hilfe kommen.

Das ist bemerkenswert.

Wir hatten in Kapitel X bereits richtige Festungen.

Mauern.

Gräben.

Artillerie.

Vorräte.

Dort behandelte Machiavelli sie durchaus als reale militärische Stärke.

Er widerruft das jetzt nicht.

Er fügt eine zweite Ebene hinzu.

Es gibt:

STEINERNE VERTEIDIGUNG

und

POLITISCHE VERTEIDIGUNG.

Eine Mauer kann einen Angriff erschweren.

Aber eine Mauer kann nicht zuverlässig kompensieren, dass die Menschen innerhalb dieser Mauer Sie loswerden wollen.


Die Gräfin von Forlì

Machiavelli nennt einen Fall, in dem eine Festung tatsächlich half.

Nach der Ermordung ihres Mannes Girolamo konnte Caterina Sforza, die Gräfin von Forlì, sich mithilfe ihrer Festung gegen den ersten Volksaufstand behaupten, auf Unterstützung aus Mailand warten und ihre Herrschaft zurückgewinnen.

Hier funktionierte die Festung.

Später griff jedoch Cesare Borgia an.

Nun verband sich die feindselige Bevölkerung mit einem äußeren Gegner.

Und die Festung genügte nicht mehr.

Machiavellis Schluss ist deshalb beinahe provozierend ausgewogen.

Er sagt sinngemäß:

Ich werde denjenigen loben, der Festungen baut.

Und ich werde denjenigen loben, der keine baut.

Der Bordcomputer überprüft das Handbuch.

BEIDE ANTWORTEN RICHTIG.

Ja.

Denn Machiavelli beurteilt nicht die Festung.

Er beurteilt die Situation, in der sie steht.

Nur eines kritisiert er eindeutig:

Einen Herrscher, der sich auf seine Festungen verlässt und deshalb glaubt, es spiele keine große Rolle, ob sein Volk ihn hasst.

Und damit ist Kapitel XX viel weniger ein Kapitel über Festungen, als der Titel vermuten lässt.

Es handelt von einem inzwischen vertrauten Problem:

Menschen suchen nach Instrumenten, die ihnen Sicherheit garantieren.

Waffen. Spaltung. Verbündete. Feinde. Festungen.

Machiavelli nimmt jedes Instrument in die Hand und stellt dieselbe Frage:

Unter welchen Bedingungen funktioniert es?

Das Werkzeug allein enthält die Antwort nicht.


Der Bordcomputer betrachtet zwanzig Kapitel.

Am Anfang wollten wir wissen, wie man einen Staat behält.

Inzwischen lautet die Antwort offenbar:

Kommt darauf an.

Machiavelli scheint das nicht für eine Schwäche seiner Theorie zu halten.

Im Gegenteil.

Vielleicht ist es seine Theorie.

TEIL VI – KAPITEL XIX–XX
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