NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

BORDFASSUNG · TEIL VII – KAPITEL XXI–XXIII

Kapitel XXI · Wie ein Fürst sich Ansehen erwerben soll

Machiavelli hat inzwischen erklärt, wie ein Fürst einen Staat erwerben kann. Wie er ihn behält. Welche Soldaten er besser nicht einstellt. Wann er grausam sein darf. Warum Großzügigkeit teuer werden kann. Warum ein Fuchs gelegentlich nützlicher ist als ein guter Ruf. Und weshalb eine Festung kein Ersatz dafür ist, von der eigenen Bevölkerung nicht gehasst zu werden.

Nun fehlt noch etwas.

Ansehen.

Denn Macht kann man besitzen.

Es ist jedoch ausgesprochen hilfreich, wenn andere Menschen sie auch bemerken.

Machiavelli eröffnet Kapitel XXI deshalb mit einer bemerkenswert einfachen Behauptung:

Nichts verschaffe einem Fürsten so viel Ansehen wie große Unternehmungen und außergewöhnliche Handlungen.

Der Bordcomputer überprüft die bisherige Akte.

MACHT: vorhanden.

WAHRNEHMUNG: bereits in Kapitel XVIII entdeckt.

RUF: wird jetzt offenbar aktiv hergestellt.

Machiavelli hat ein Beispiel.

Und es wird unangenehm.


Ferdinand von Aragón

Machiavellis großer zeitgenössischer Fall ist Ferdinand II. von Aragón, der gemeinsam mit Isabella von Kastilien herrschte.

Er nennt ihn beinahe einen neuen Fürsten: Aus einem zunächst wenig bedeutenden König sei durch Ruhm und Ansehen der führende christliche König seiner Zeit geworden.

Wie?

Durch Unternehmungen.

Eine nach der anderen.

Zunächst der Krieg gegen Granada.

Machiavelli betrachtet diesen Krieg nicht nur militärisch. Er untersucht, was er innerhalb des Staates bewirkte.

Die kastilischen Großen waren mit dem Krieg beschäftigt.

Während sie über Granada nachdachten, konnten sie weniger darüber nachdenken, die politischen Verhältnisse zu Hause zu verändern. Gleichzeitig gewann Ferdinand Ansehen und Macht über sie, fast ohne dass sie bemerkten, wie sich das Verhältnis verschob.

Mit Geld der Kirche und seiner Untertanen konnte er Truppen unterhalten. Und der lange Krieg schuf zugleich jene militärische Grundlage, die ihm später weitere Unternehmungen ermöglichte.

Der Bordcomputer erkennt eine Maschine:

UNTERNEHMUNG

→ beschäftigt den Adel

→ stärkt das Heer

→ vergrößert den Ruf

→ stärkt den Herrscher

→ ermöglicht die nächste Unternehmung

Und dann beginnt die Maschine von vorn.

Machiavelli interessiert dabei nicht nur, was Ferdinand erreichte.

Er interessiert sich dafür, dass jede Handlung bereits die Voraussetzungen für die nächste schuf.

Das kennen wir inzwischen.

Virtù bedeutet nicht bloß, eine Gelegenheit zu nutzen.

Es bedeutet zunehmend:

Aus einer Gelegenheit die nächste herstellen.


Dann schreibt Machiavelli zwei Wörter, bei denen wir anhalten müssen

Ferdinand habe, um noch größere Unternehmungen beginnen zu können, immer wieder die Religion benutzt.

Und Machiavelli nennt ein Beispiel:

die Vertreibung und Enteignung der Marranen aus seinem Königreich.

Seine Formulierung dafür ist verstörend:

„pietosa crudeltà“

Etwa:

fromme Grausamkeit.

Gemeint ist die Verfolgung von Menschen jüdischer Herkunft beziehungsweise von zum Christentum konvertierten Juden, die unter Verdacht standen, ihren früheren Glauben weiter auszuüben. Machiavelli beschreibt Ferdinands Vorgehen hier nicht als religiöse Geschichte, sondern als Bestandteil seiner politischen Strategie. Danach nennt er weitere Unternehmungen in Nordafrika, Italien und gegen Frankreich, die Ferdinand ebenfalls unter religiöser Legitimation beziehungsweise im Zusammenhang seiner fortgesetzten Machtpolitik betrieb.

Der Bordcomputer hält die Akte offen.

Hier gibt es nichts durch einen guten Gag leichter zu machen.

Menschen wurden verfolgt, enteignet und vertrieben.

Interessant ist, wie Machiavelli darüber schreibt.

Denn er unterbricht seine politische Analyse nicht, um Ferdinand moralisch zu beurteilen. Er beobachtet, wie Religion, Gewalt, öffentliche Legitimation und politische Macht ineinandergreifen.

Das ist wieder seine verità effettuale.

Und sie kann kalt sein.


Sorgen Sie dafür, dass immer etwas geschieht

Ferdinands Unternehmungen, schreibt Machiavelli, seien so aufeinander gefolgt, dass seine Untertanen ständig gespannt auf ihren Ausgang blickten.

Sie hatten kaum Zeit, zur Ruhe zu kommen.

Und damit auch kaum Gelegenheit, gegen ihn zu handeln.

Das ist eine bemerkenswerte Vorstellung von Herrschaft.

Nicht:

Alle sollen ruhig sein.

Sondern:

Alle sollen auf etwas schauen.

Der Fürst steht dabei im Mittelpunkt einer fortlaufenden Geschichte.

Eine große Unternehmung endet. Die nächste beginnt. Das Publikum wartet. Der Herrscher handelt. Sein Ruf wächst.

Machiavelli beschreibt damit etwas, das Kapitel XVIII bereits vorbereitet hatte:

Herrschaft findet nicht nur in Armeen, Gesetzen und Institutionen statt.

Sie findet auch in der Wahrnehmung anderer Menschen statt.

Der Fürst besitzt deshalb nicht nur einen Staat.

Er besitzt – wenn er es geschickt macht – eine öffentliche Figur seiner selbst.


Man soll über Sie reden

Große Kriege sind allerdings nicht die einzige Möglichkeit.

Auch innerhalb eines Staates könne ein Fürst durch ungewöhnliche Entscheidungen Ansehen gewinnen.

Machiavelli verweist auf Bernabò Visconti von Mailand. Wenn jemand im bürgerlichen Leben etwas Außergewöhnliches tue – im Guten oder im Schlechten –, solle der Fürst eine ebenso außergewöhnliche Form finden, ihn zu belohnen oder zu bestrafen.

Und zwar so, dass viel darüber gesprochen werde.

Der Bordcomputer überprüft.

Normale Tat. Normale Reaktion. Niemand erzählt davon. Außergewöhnliche Tat. Außergewöhnliche Reaktion.

GESPRÄCHSSTOFF ERZEUGT.

Machiavelli verlangt damit nicht einfach Härte.

Er verlangt Deutlichkeit.

Ein Fürst soll in seinen Handlungen den Ruf des Großen und Außergewöhnlichen erzeugen.

Das passt erstaunlich genau zu Kapitel XIX.

Dort war Verachtung gefährlich.

Ein Herrscher durfte nicht schwankend, schwach, unentschlossen oder bedeutungslos erscheinen.

Hier liefert Machiavelli gewissermaßen die positive Gegenbewegung:

Nicht nur Verachtung vermeiden.

Bedeutung erzeugen.


Neutral bleiben?

Jetzt wechselt Machiavelli das Thema.

Zwei mächtige Nachbarn beginnen einen Krieg.

Sie möchten nicht hineingezogen werden.

Der Bordcomputer schlägt eine bekannte menschliche Strategie vor:

Nichts tun.

Machiavelli lehnt ab.

Ein Fürst gewinne Ansehen, wenn er ein echter Freund oder ein echter Feind sei – wenn er also offen Partei für die eine Seite gegen die andere ergreife.

Das sei gewöhnlich nützlicher, als neutral zu bleiben.

Und jetzt rechnet er.


Möglichkeit eins: Der Sieger könnte für Sie gefährlich werden

Zwei Nachbarn kämpfen.

Einer von beiden wird gewinnen.

Und dieser Sieger wäre stark genug, anschließend auch Ihnen gefährlich zu werden.

Wenn Sie neutral bleiben, sagt Machiavelli, geraten Sie in eine ausgesprochen schlechte Lage.

Der Sieger hat keinen besonderen Grund, Sie zu schützen.

Sie haben ihm schließlich nicht geholfen.

Der Verlierer hat ebenfalls keinen Grund, Ihnen dankbar zu sein.

Sie haben ihm schließlich auch nicht geholfen.

Der Bordcomputer erstellt das Ergebnis:

SIEGER: mag Sie nicht besonders.

VERLIERER: mag Sie ebenfalls nicht besonders.

SIE: hervorragend neutral geblieben.

Machiavelli hält das für keinen großen Erfolg.

Er zitiert dazu eine Episode aus der antiken Geschichte. Antiochos war nach Griechenland gekommen; die Römer standen gegen ihn. Die Achaier sollten entscheiden, ob sie neutral blieben oder sich den Römern anschlossen.

Der römische Gesandte argumentierte sinngemäß:

Wenn ihr euch heraushaltet, werdet ihr ohne Dank und ohne Ansehen einfach der Preis des Siegers.

Das ist Machiavellis Punkt.

Neutralität beseitigt das Risiko nicht unbedingt.

Sie kann lediglich dafür sorgen, dass man das Risiko ohne Verbündete erlebt.


Aber wenn meine Seite verliert?

Machiavelli hat daran gedacht.

Unterstützt der Fürst eine Seite und diese gewinnt, entsteht zwischen beiden eine Verpflichtung. Selbst wenn der Sieger mächtig ist, hat der Verbündete an seinem Erfolg mitgewirkt.

Verliert die unterstützte Seite dagegen, bleibt eine Verbindung bestehen. Der Verlierer nimmt den Fürsten auf, hilft ihm, solange er kann, und beide teilen nun ein Schicksal, das sich später wieder wenden könnte.

Machiavelli sagt damit nicht:

Parteinahme garantiert Erfolg.

Das wäre geradezu un-machiavellistisch.

Er sagt:

Sie erzeugt Beziehungen.

Neutralität kann dagegen dazu führen, dass nach dem Krieg niemand einen besonderen Grund hat, sich für Sie einzusetzen.


Möglichkeit zwei: Keiner der beiden ist Ihnen überlegen

Dann sei eine Parteinahme noch sinnvoller, argumentiert Machiavelli.

Hilft man einer Seite beim Sieg, gewinnt man Einfluss auf den Ausgang und auf den Verbündeten.

Aber hier baut Machiavelli sofort eine Grenze ein.

Und die kennen wir.

Ein Fürst soll sich möglichst niemals mit einem mächtigeren Herrscher verbünden, um einen Dritten anzugreifen – jedenfalls nicht, wenn er es vermeiden kann.

Denn gewinnt der mächtige Verbündete, befindet man sich anschließend in dessen Hand.

Der Bordcomputer hört ein Echo aus Kapitel XIII.

FREMDE MACHT LÖST IHR PROBLEM.

Problem gelöst.

FREMDE MACHT IST JETZT SEHR MÄCHTIG.

Neues Problem.

Machiavelli erinnert an die Venezianer, die sich mit Frankreich gegen den Herzog von Mailand verbündeten. Für ihn ist dies ein Beispiel einer vermeidbaren Verbindung mit einer stärkeren Macht, die zum eigenen Verderben beitrug. Wenn eine solche Verbindung dagegen durch die Umstände unvermeidbar wird, müsse der Fürst sie eingehen und mit den verbleibenden Risiken arbeiten.

Und dann formuliert Machiavelli einen Satz, der vielleicht wichtiger ist als die gesamte Diskussion über Neutralität.


Es gibt keine sichere Entscheidung

Ein Staat, sagt Machiavelli, solle niemals glauben, er könne eine vollkommen sichere Entscheidung treffen.

Er müsse vielmehr davon ausgehen, dass jede Entscheidung zweifelhaft sei.

Denn die Ordnung der Dinge sei so beschaffen, dass man niemals einem Nachteil ausweichen könne, ohne in einen anderen zu geraten.

Klugheit bestehe deshalb darin, die verschiedenen Nachteile unterscheiden zu können und den weniger schlechten als den guten zu wählen.

Der Bordcomputer hält inne.

Das ist Machiavelli in einem Satz.

Nicht:

FINDE DIE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG.

Sondern:

ERKENNE DIE ART DER NACHTEILE.

Dann wähle.

Wir hatten das gerade in Kapitel XX.

Festung bauen? Kann schaden. Festung abreißen? Kann ebenfalls schaden. Untertanen bewaffnen? Kommt darauf an. Entwaffnen? Kommt ebenfalls darauf an.

Und jetzt sagt Machiavelli beinahe ausdrücklich, warum sein Buch so funktioniert.

Politisches Handeln findet nicht zwischen einer perfekten und einer schlechten Möglichkeit statt.

Oft findet es zwischen verschiedenen Unvollkommenheiten statt.

Klugheit beseitigt dieses Problem nicht.

Klugheit erkennt es.

Das verändert auch unser Verständnis von virtù noch einmal.

Virtù ist nicht die Fähigkeit, immer zu gewinnen.

Sie ist auch die Fähigkeit, unter Bedingungen zu handeln, in denen keine saubere Lösung existiert.


Ein Staat besteht allerdings nicht nur aus Kriegen

Nun wird Kapitel XXI überraschend freundlich.

Ein Fürst solle sich als Liebhaber von Fähigkeiten und Leistungen zeigen und Menschen ehren, die in ihrem jeweiligen Bereich besonders gut sind.

Er soll seine Bürger ermutigen, ihre Tätigkeiten ruhig auszuüben:

Handel. Landwirtschaft. Andere Gewerbe und Beschäftigungen.

Niemand soll darauf verzichten, seinen Besitz zu verbessern, weil er fürchten muss, dass dieser ihm weggenommen wird.

Niemand soll davor zurückschrecken, ein Geschäft zu eröffnen, weil er Angst vor belastenden Abgaben hat.

Der Bordcomputer überprüft die Maschine.

Das ist interessant.

Wir sind immer noch in Der Fürst.

Aber plötzlich besteht politische Stärke aus Menschen, die sagen können:

Ich kann etwas aufbauen, ohne Angst haben zu müssen, dass es mir genommen wird.

Das passt tiefer in Machiavellis Denken, als es zunächst scheint.

Schon in Kapitel XVII und XIX warnte er besonders davor, Eigentum und Ehre der Untertanen anzutasten.

Jetzt erscheint die positive Seite:

Sicherheit soll Tätigkeit ermöglichen.

Der Fürst soll diejenigen belohnen, die solche Dinge unternehmen, und Menschen fördern, die auf irgendeine Weise ihre Stadt oder ihren Staat vergrößern und verbessern.

Das ist eine andere Art von Machtbasis.

Nicht:

Menschen tun nichts, weil sie Angst haben.

Sondern:

Menschen tun etwas, weil sie darauf vertrauen können, dass es sich lohnt.


Und gelegentlich sollte man feiern

Zu passenden Zeiten des Jahres, schreibt Machiavelli, soll der Fürst das Volk mit Festen und Schauspielen beschäftigen.

Städte seien in Zünfte, Berufsgruppen oder andere Gemeinschaften gegliedert. Der Herrscher solle diese Gruppen beachten, sich gelegentlich mit ihnen versammeln und dabei Menschlichkeit und Großzügigkeit zeigen.

Der Bordcomputer sieht sich um.

Wir sind von Cesare Borgia über Hannibal, Hinrichtungen, Söldner, Verschwörungen und die Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen hier angekommen:

STADTFEST.

Machiavelli besitzt eine gewisse Bandbreite.

Aber auch das ist kein belangloser Anhang.

Der Fürst soll sichtbar Teil des gesellschaftlichen Lebens sein.

Er soll Leistung wahrnehmen.

Wirtschaft ermöglichen.

Gruppen anerkennen.

Mit Menschen zusammenkommen.

Feste ermöglichen.

Doch dann fügt Machiavelli einen letzten Satz hinzu.

Bei all dieser Menschlichkeit und Zugänglichkeit müsse der Fürst stets die Majestät seiner Würde bewahren.

Sie dürfe niemals fehlen.

Also:

Gehen Sie zum Fest.

Sprechen Sie mit den Leuten.

Zeigen Sie sich menschlich.

Aber vergessen Sie nicht:

Sie sind immer noch der Fürst.


Damit ergibt dieses merkwürdig vielfältige Kapitel plötzlich ein Ganzes.

Ferdinands Kriege. Außergewöhnliche Belohnungen und Strafen. Parteinahme. Unsichere Entscheidungen. Handel. Landwirtschaft. Feste.

Auf den ersten Blick gehört das alles nicht zusammen.

Machiavelli verbindet es durch eine Frage:

Wie wird Herrschaft sichtbar?

Ein Fürst besitzt nicht einfach Macht.

Er erzeugt ein Bild seiner Handlungsfähigkeit.

Durch große Unternehmungen zeigt er, dass er handeln kann.

Durch klare Entscheidungen zeigt er, dass er sich festlegt.

Durch die Anerkennung besonderer Leistungen zeigt er, was in seinem Staat zählt.

Durch wirtschaftliche Sicherheit zeigt er, dass Tätigkeit sich lohnt.

Durch öffentliche Präsenz zeigt er, dass Herrschaft nicht irgendwo hinter einer Mauer verschwindet.

Und durch die Wahrung seiner Würde sorgt er dafür, dass Nähe nicht in Verachtung umschlägt.

Kapitel XVIII hatte uns gezeigt:

Menschen sehen, was du zu sein scheinst.

Kapitel XIX:

Sorge dafür, dass sie dich weder hassen noch verachten.

Kapitel XX:

Kein Instrument funktioniert unabhängig von der Situation.

Und Kapitel XXI fügt hinzu:

Dann gib ihnen etwas zu sehen.


Der Bordcomputer schließt Kapitel XXI.

Der Fürst hat einen Krieg geführt,

eine Entscheidung getroffen,

einen Handwerker ausgezeichnet,

den Handel gefördert

und ein Fest besucht.

Ein bemerkenswert voller Arbeitstag.

Machiavelli überprüft das Ergebnis.

ANSEHEN: gestiegen.

Kapitel XXII · Von den Ministern der Fürsten

Nach einundzwanzig Kapiteln könnte ein Fürst auf einen gefährlichen Gedanken kommen.

Er hat inzwischen gelernt, Staaten zu erwerben und zu halten, eigene Truppen aufzubauen, fortuna zu begegnen, den Fuchs vom Löwen zu unterscheiden, Hass zu vermeiden, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen und gelegentlich ein Stadtfest zu besuchen.

Vielleicht denkt er nun:

Ich kann das.

Machiavelli betrachtet ihn.

Nein.

Denn ein Fürst regiert nicht allein.

Und deshalb widmet er ein ganzes Kapitel den Menschen, die unmittelbar um ihn herum arbeiten – seinen Ministern, Beratern und Vertrauten.

Das Kapitel ist kurz.

Die Diagnose ist nicht besonders angenehm:

Man erkennt einen Herrscher auch an den Menschen, die er auswählt.


Zeigen Sie mir Ihre Leute

Machiavelli beginnt ohne Umweg.

Die Auswahl der Minister sei für einen Fürsten von großer Bedeutung. Ob diese Minister gut oder schlecht seien, hänge wesentlich von der Klugheit des Fürsten ab.

Und dann formuliert er ein bemerkenswert modernes Prinzip:

Der erste Schluss, den man über den Verstand eines Herrschers ziehen könne, entstehe daraus, welche Menschen ihn umgeben.

Der Bordcomputer öffnet eine neue Diagnosefunktion.

FÜRST NICHT DIREKT VERFÜGBAR.

Kein Problem.

UMGEBUNG ANALYSIEREN.

Denn wenn seine engsten Mitarbeiter fähig und loyal sind, könne man den Fürsten selbst für klug halten.

Warum?

Nicht unbedingt, weil er alles besser weiß als sie.

Sondern weil er zwei Dinge geschafft hat:

Er hat ihre Fähigkeiten erkannt.

Und er hat ihre Loyalität erhalten.

Sind die Menschen um ihn dagegen unfähig oder unzuverlässig, fällt das Urteil auch auf ihn zurück.

Denn, sagt Machiavelli, der erste Fehler eines Herrschers liegt dann bereits in ihrer Auswahl.

Das ist hart.

Der Minister macht einen Fehler. Machiavelli schaut zum Fürsten. Der Fürst deutet auf den Minister. Machiavelli schaut weiterhin zum Fürsten.


Antonio da Venafro

Als Beispiel nennt Machiavelli wieder Pandolfo Petrucci, den Herrscher von Siena, dem wir bereits begegnet sind.

Petrucci hatte Antonio da Venafro als Minister.

Und Machiavelli behauptet: Wer Antonio in dieser Funktion kennengelernt habe, habe auch Pandolfo für einen außerordentlich klugen Mann halten müssen.

Nicht weil Antonio und Pandolfo dasselbe waren.

Sondern weil Pandolfo offenbar fähig genug gewesen war, Antonio auszuwählen.

Das erweitert unser Bild von virtù.

Ein fähiger Herrscher muss nicht jede Fähigkeit selbst besitzen.

Er muss Fähigkeiten erkennen können.

Vielleicht ist das sogar schwieriger.

Denn nun muss ein Mensch beurteilen, ob ein anderer Mensch etwas besser kann als er selbst.

Der Bordcomputer meldet:

EGO KÖNNTE DEN VORGANG BEEINTRÄCHTIGEN.

Machiavelli hat dafür allerdings ein Modell.


Drei Arten von Verstand

Es gebe, schreibt er, drei Arten von Köpfen.

Der erste versteht die Dinge von selbst.

Der zweite versteht sie, wenn ein anderer sie ihm zeigt.

Der dritte versteht sie weder selbst noch durch andere.

Machiavellis Bewertung ist eindeutig:

ERSTER VERSTAND: ausgezeichnet.

ZWEITER VERSTAND: gut.

DRITTER VERSTAND: nutzlos.

Der Bordcomputer überprüft, ob eine vierte Kategorie vorgesehen ist.

MENSCH VERSTEHT NICHTS, ERKLÄRT ES ABER SEHR SELBSTBEWUSST.

Nicht aufgeführt.

Vermutlich Untergruppe drei.

Der entscheidende Punkt ist aber die zweite Kategorie.

Denn Machiavelli verlangt vom Herrscher gerade nicht, alles selbst herauszufinden.

Ein Fürst kann hervorragend regieren, obwohl eine Idee von jemand anderem stammt.

Er braucht jedoch genügend Urteilskraft, um zu erkennen:

Das ist eine gute Idee. Das ist eine schlechte Idee. Dieser Mensch kann etwas. Dieser Mensch erzählt Unsinn.

Das ist eine erstaunlich wichtige Einschränkung seines Fürstenideals.

Klugheit bedeutet nicht Allwissenheit.

Sie kann auch darin bestehen, fremde Klugheit richtig beurteilen zu können.


Das Problem mit guten Beratern

Damit entsteht allerdings sofort ein neues Problem.

Nehmen wir an, der Fürst besitzt einen außerordentlich klugen Minister.

Dieser Minister erkennt Dinge, die der Fürst selbst nicht erkannt hätte.

Wie weiß der Fürst nun, ob der Minister wirklich für ihn arbeitet?

Machiavellis Antwort ist vollkommen erwartbar.

Schauen Sie darauf, wem der Minister nützt.

Wenn ein Minister mehr an sich selbst denkt als an seinen Fürsten und in seinen Handlungen vor allem den eigenen Vorteil sucht, werde er niemals ein guter Minister sein und verdiene kein Vertrauen.

Der Bordcomputer öffnet die Personalakte.

FÄHIGKEIT: ausgezeichnet.

LOYALITÄT: fehlt.

Gesamtergebnis:

PROBLEM.

Wir kennen dieses Muster.

Ein hervorragender Söldnerführer war gefährlich.

Ein mächtiger fremder Verbündeter war gefährlich.

Und nun kann auch ein hervorragender Minister gefährlich werden.

Nicht weil Fähigkeit schlecht wäre.

Sondern weil Machiavelli seit Beginn des Buches dieselbe Frage stellt:

Wessen Interessen verfolgt die vorhandene Macht?

Ein fähiger Mensch, dessen Fähigkeiten ausschließlich ihm selbst dienen, ist für den Fürsten keine Stärke.

Er ist eine fremde Macht im eigenen Haus.


Allerdings verlangt Machiavelli etwas Radikales

Ein Mensch, dem der Staat eines anderen anvertraut sei, schreibt Machiavelli, dürfe niemals an sich selbst denken, sondern müsse an den Fürsten denken und dürfe ihm nichts vortragen, was nicht dessen Angelegenheiten diene.

Das ist keine moderne Stellenbeschreibung.

Machiavelli schreibt über persönliche Fürstenherrschaft im frühen 16. Jahrhundert. Seine Loyalitätsordnung richtet den Minister auf die Person und Herrschaft des Fürsten aus.

Aber innerhalb seines Modells ist die Logik klar:

Wer Zugang zu Macht besitzt, darf diesen Zugang nicht zum Aufbau einer konkurrierenden eigenen Macht verwenden.

Damit wäre die Sache eigentlich erledigt.

Minister: Sei loyal. Fürst: Suche loyale Minister. Kapitel fertig.

Machiavelli ist jedoch klüger als das.

Denn er weiß:

Loyalität kann man nicht einfach bestellen.


Auch der Fürst hat eine Aufgabe

Jetzt dreht Machiavelli die Perspektive um.

Wenn der Fürst möchte, dass sein Minister loyal bleibt, muss er selbst etwas dafür tun.

Er soll den Minister ehren. Ihn wohlhabend machen. Ihn an sich binden. Ihm Ämter, Verantwortung und Würden geben.

Moment.

Gerade eben sollte der Minister nicht an seinen eigenen Vorteil denken.

Jetzt soll der Fürst ihm Vorteile verschaffen.

Das ist kein Widerspruch.

Es ist Machiavelli.

Er versucht wieder, die Interessen zweier Menschen so anzuordnen, dass sie in dieselbe Richtung zeigen.

Der Minister soll genügend Ehre und Wohlstand besitzen, dass er nicht ständig nach noch mehr davon suchen muss.

Und er soll genügend Verantwortung tragen, dass politische Veränderungen für ihn selbst riskant werden.

Machiavellis Gedanke ist ziemlich nüchtern:

Sagen Sie einem Menschen nicht einfach:

Sei loyal.

Schaffen Sie eine Situation, in der Loyalität auch für ihn vernünftig ist.


Das ist größer als dieses kleine Kapitel

Wir haben inzwischen oft gesehen, wie misstrauisch Machiavelli gegenüber menschlichen Absichten ist.

Menschen sind wechselhaft.

Sie brechen Versprechen.

Sie verfolgen Vorteile.

Sie reagieren auf Angst, Besitz, Anerkennung und Gelegenheit.

Man könnte daraus schließen, sein politisches Modell bestehe hauptsächlich darin, Menschen zu kontrollieren.

Kapitel XXII zeigt etwas Interessanteres.

Machiavelli versucht immer wieder, Interessen zu ordnen.

Bei den Untertanen:

Nehmen Sie ihnen nicht ständig den Besitz, dann haben sie weniger Grund, Sie zu hassen.

Bei den Bürgern:

Lassen Sie sie Handel treiben und ihre Güter verbessern, ohne fürchten zu müssen, dass ihnen alles genommen wird.

Bei Soldaten:

Verlassen Sie sich möglichst auf Menschen, deren Verteidigung des Staates zugleich die Verteidigung ihrer eigenen politischen Gemeinschaft ist.

Und jetzt beim Minister:

Sorgen Sie dafür, dass sein eigener Wohlstand und seine Stellung mit der Stabilität Ihrer Herrschaft verbunden sind.

Der Bordcomputer erkennt ein wiederkehrendes Muster:

INTERESSE A

INTERESSE B

↓

möglichst gleiche Richtung.

Das ist keine Freundschaft.

Aber es kann erstaunlich stabil sein.


Der Fürst wird beurteilt

Und damit kehren wir zum Anfang zurück.

Ein schlechter Minister kann ein schlechter Mensch sein.

Aber Machiavelli lässt den Fürsten nicht einfach sagen:

Damit hatte ich nichts zu tun.

Doch.

Sie haben ihn ausgewählt.

Sie haben ihn nicht durchschaut.

Oder Sie haben eine Beziehung geschaffen, in der Verrat für ihn attraktiver wurde als Loyalität.

Das bedeutet nicht, dass ein Fürst jeden Verrat verhindern könne. So absolut argumentiert Machiavelli hier nicht.

Aber die Qualität der Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung ist für ihn ein Indiz für die Qualität seines eigenen Urteils.

Das ist vielleicht die wichtigste Verschiebung des Kapitels.

Wir könnten zunächst denken:

Ein guter Fürst braucht gute Minister.

Machiavelli sagt etwas Anspruchsvolleres:

Ein guter Fürst erkennt gute Minister.

Und wenn er nicht selbst zu den Menschen gehört, die alles durch eigenen Verstand erfassen, genügt sogar die zweite Art von Intelligenz:

Er muss verstehen können, was ihm ein anderer zeigt.

Damit öffnet sich eine interessante Grenze der Macht.

Ein Fürst darf Hilfe brauchen.

Er darf etwas nicht wissen.

Er darf eine Idee nicht selbst gehabt haben.

Was er sich nicht leisten kann, ist:

nicht unterscheiden zu können.

Gut von schlecht. Fähigkeit von Blendwerk. Loyalität von Eigennutz. Rat von Manipulation.

Denn sobald ein Herrscher diese Unterschiede nicht mehr erkennt, regiert vielleicht noch jemand.

Nur möglicherweise nicht mehr er.


Machiavelli beendet Kapitel XXII mit einem Gleichgewicht.

Wenn Fürst und Minister richtig zueinander stehen, können sie einander vertrauen.

Wenn nicht, werde das Ende für den einen oder den anderen schädlich sein.

Der Bordcomputer schließt die Personalakte.

MINISTER: fähig.

MINISTER: loyal.

FÜRST: klug genug, beides zu erkennen.

Systemstatus:

STABIL.

Dann öffnet sich die Tür.

Ein weiterer Berater tritt ein.

Er lächelt.

Er erklärt dem Fürsten, dass dieser außerordentlich klug, schön und praktisch unfehlbar sei.

Machiavelli seufzt.

Kapitel XXIII.

Kapitel XXIII · Wie man Schmeichler meiden soll

Die Tür öffnet sich.

Ein Berater tritt ein.

Er lächelt.

Er erklärt dem Fürsten, dass dieser außerordentlich klug, schön und praktisch unfehlbar sei.

Machiavelli seufzt.

Ach der.

Jetzt wissen wir, warum.

Denn Kapitel XXIII handelt von einer Gefahr, die nicht von Frankreich kommt, nicht von Söldnern, nicht von aufständischen Städten und nicht von einem rivalisierenden Fürsten.

Sie steht direkt neben dem Thron.

Und sagt:

Ausgezeichnete Entscheidung, Majestät.


Eine Seuche am Hof

Machiavelli kündigt das Problem ungewöhnlich deutlich an.

Er wolle einen wichtigen Punkt nicht übergehen: einen Fehler, gegen den Fürsten sich nur schwer schützen könnten, wenn sie nicht sehr klug seien oder bei der Auswahl ihrer Leute besonderes Geschick besäßen.

Das Problem sind die Schmeichler.

Die Höfe, schreibt er, seien voll von ihnen.

Warum?

Nicht zunächst, weil Schmeichler besonders raffiniert wären.

Sondern weil Menschen eine Schwachstelle besitzen.

Sie mögen sich selbst.

Und sie gefallen sich so sehr in ihren eigenen Angelegenheiten, sagt Machiavelli, dass sie sich dabei leicht täuschen lassen.

Das ist unangenehm.

Der Schmeichler muss Ihnen nämlich nicht unbedingt etwas einreden, was Sie niemals geglaubt hätten.

Sehr viel einfacher:

Er erzählt Ihnen etwas, das Sie ohnehin gerne über sich glauben möchten.

Der Bordcomputer rekonstruiert den Vorgang.

FÜRST: Ich glaube, das war eine bemerkenswert kluge Entscheidung.

BERATER: Außergewöhnlich klug.

FÜRST: Wirklich?

BERATER: Historisch.

Problem erkannt.


Aber jetzt entsteht das Gegenproblem

Die einfachste Lösung wäre:

Alle sollen dem Fürsten immer die Wahrheit sagen.

Machiavelli sieht sofort, warum auch das nicht funktioniert.

Wenn jeder dem Herrscher jederzeit frei heraus sagen kann, was er denkt, besteht nach seiner Auffassung die Gefahr, dass die notwendige Achtung vor dem Fürsten verloren geht.

Wir haben also zwei schlechte Zustände.

ZUSTAND A

Niemand widerspricht dem Fürsten.

Er hört nur noch, was ihm gefällt.

Er verliert den Kontakt zur Wirklichkeit.

ZUSTAND B

Jeder redet jederzeit auf den Fürsten ein.

Autorität und Entscheidungsfähigkeit lösen sich im Stimmengewirr auf.

Machiavelli sucht deshalb – ausdrücklich – einen dritten Weg.

Und der ist interessanter als ein bloßes „Umgeben Sie sich mit ehrlichen Menschen“.


Wahrheit braucht ein Verfahren

Der kluge Fürst soll in seinem Staat einige weise Männer auswählen.

Nur ihnen soll er die Freiheit geben, ihm die Wahrheit zu sagen.

Und auch diese Freiheit hat eine Grenze:

Sie sollen über die Dinge sprechen, nach denen der Fürst sie fragt.

Das klingt zunächst ziemlich autoritär.

Aber jetzt kommt die andere Hälfte.

Der Fürst soll nach allem fragen.

Er soll die Meinungen seiner Berater anhören.

Und er soll dafür sorgen, dass jeder von ihnen weiß:

Je freier und offener er spricht, desto willkommener ist sein Rat.

Das ist ein erstaunlich sorgfältig gebautes System.

Nicht:

Sagt mir, dass ich recht habe.

Aber auch nicht:

Regiert ihr für mich.

Sondern:

Ich frage.

Ihr sagt mir die Wahrheit.

Ich höre zu.

Dann entscheide ich.

Der Bordcomputer vergibt einen Namen:

WAHRHEITSSCHLEUSE.

Zugang beschränkt.

Durchfluss ausdrücklich erwünscht.


Und dann entscheidet der Fürst

Dieser Punkt ist Machiavelli wichtig.

Nachdem der Fürst seine Berater gehört hat, muss er selbst entscheiden.

Und wenn er entschieden hat, soll er seiner Entscheidung folgen und darin standhaft bleiben.

Das verbindet Kapitel XXIII unmittelbar mit Kapitel XXII.

Dort hatten wir gelernt:

Ein kluger Fürst muss nicht alles selbst wissen.

Er muss aber fremde Klugheit erkennen können.

Jetzt geht Machiavelli einen Schritt weiter:

Ein guter Berater ersetzt nicht das Urteil des Fürsten.

Er versorgt es mit Wirklichkeit.

Die Verantwortung bleibt beim Herrscher.

Das ist entscheidend.

Denn sonst hätte Machiavelli das Problem nur verschoben.

Wir hätten dann keinen Fürsten mit guten Beratern.

Wir hätten Berater, die den Staat regieren, und vorne sitzt jemand mit einem bemerkenswert guten Stuhl.


Kaiser Maximilian

Machiavelli führt dafür ein zeitgenössisches Gegenbeispiel an: Kaiser Maximilian I.

Er beruft sich auf einen Mann aus Maximilians Umfeld, Luca Rinaldi, der den Kaiser sinngemäß so beschrieben habe:

Maximilian berate sich mit niemandem.

Aber er mache schließlich auch nichts wirklich so, wie er selbst es beschlossen habe.

Das klingt zunächst unmöglich.

Machiavelli erklärt den Mechanismus.

Der Kaiser sei verschlossen gewesen und habe seine Pläne nicht mit anderen geteilt und vorher keinen Rat eingeholt.

Doch sobald er begann, sie umzusetzen, wurden die Pläne sichtbar.

Nun kamen die Menschen in seiner Umgebung.

Sie widersprachen.

Und Maximilian ließ sich leicht davon abbringen.

Er hatte also nicht zu viele Berater.

Er hatte Beratung am falschen Zeitpunkt.

Plan geheim halten. Entscheidung treffen. Umsetzung beginnen. Widerspruch hören. Plan ändern. Am nächsten Tag: neuer Plan.

Machiavelli beschreibt das Ergebnis trocken: Was der Kaiser an einem Tag tue, zerstöre er am nächsten. Niemand könne zuverlässig erkennen, was er eigentlich wolle oder vorhabe, und auf seine Entscheidungen könne man sich nicht verlassen.

Der Bordcomputer lädt den Tagesbericht.

MONTAG: Richtung Norden.

DIENSTAG: Norden verworfen.

MITTWOCH: Süden.

DONNERSTAG: Bitte bisherigen Schriftverkehr vernichten.

Das Problem ist nicht, seine Meinung zu ändern.

Neue Informationen können eine Änderung vernünftig machen.

Machiavellis Problem ist ein anderes:

Der Fürst besitzt kein stabiles Verfahren, durch das Information zur Entscheidung wird.


Fragen. Zuhören. Entscheiden.

Deshalb formuliert Machiavelli seine Regel noch einmal präziser.

Der Fürst soll sich beraten lassen, wenn er es will, nicht wenn andere es wollen.

Er soll Menschen sogar davon abhalten, ihm ungefragt ständig Ratschläge zu erteilen.

Aber:

Er selbst soll ein großer Frager sein.

Und wenn er gefragt hat, soll er die Wahrheit geduldig anhören.

Mehr noch: Wenn er bemerkt, dass jemand ihm aus irgendeinem Grund nicht die Wahrheit sagt, soll ihn genau das ärgern.

Das verändert das Bild erheblich.

Machiavellis idealer Fürst sitzt hier nicht auf dem Thron und verkündet:

ICH WEISS ES BESSER.

Er fragt. Viel.

Der Unterschied besteht darin, dass er kontrolliert, wann aus Beratung Entscheidung wird.

Vielleicht können wir das System inzwischen genauer beschreiben:

FRAGEN → WIDERSPRUCH ZULASSEN → ZUHÖREN → ABWÄGEN → SELBST ENTSCHEIDEN → HANDELN

Und nicht:

ENTSCHEIDEN → WIDERSPRUCH HÖREN → UNSICHER WERDEN → ÄNDERN → NÄCHSTEN WIDERSPRUCH HÖREN → WIEDER ÄNDERN

Der zweite Kreislauf produziert keinen offenen Herrscher.

Er produziert einen steuerbaren.


Können gute Berater einen schlechten Fürsten retten?

Jetzt kommt Machiavelli zu einer Frage, die seit Kapitel XXII im Raum steht.

Vielleicht ist ein Fürst gar nicht besonders klug. Aber er hat hervorragende Berater. Reicht das?

Machiavellis Antwort:

Nein.

Zumindest nicht zuverlässig.

Er widerspricht ausdrücklich der Vorstellung, ein Fürst könne allein deshalb als klug gelten, weil kluge Menschen um ihn herumstehen.

Ein Fürst, der selbst nicht urteilsfähig ist, könne auch nicht gut beraten werden.

Warum?

Weil Beratung ausgewertet werden muss.

Mehrere kluge Menschen können unterschiedliche Dinge empfehlen.

Dann braucht es jemanden, der ihre Argumente versteht, Unterschiede erkennt, Interessen durchschaut und schließlich zu einem Urteil kommt.

Ist der Fürst dazu nicht fähig, hat er ein Problem.

BERATER 1: A.

BERATER 2: B.

BERATER 3: C.

FÜRST: Vielen Dank.

…

FÜRST: Hilfe.


Es gibt allerdings eine Ausnahme

Machiavelli räumt ein:

Ein unkluger Fürst könnte theoretisch gut regiert werden, wenn er sich vollständig einem einzigen außerordentlich klugen Menschen überließe.

Dann hätte er tatsächlich eine Chance.

Kurz.

Denn Machiavelli sieht sofort das nächste Problem:

Dieser eine Mensch würde ihm wahrscheinlich bald den Staat wegnehmen.

Da ist er wieder.

Der Gedanke, der uns seit den Söldnerkapiteln verfolgt.

Sie können eigene Fähigkeit durch fremde Fähigkeit ersetzen. Aber dann müssen Sie fragen:

Wem gehört die Fähigkeit?

Ein einziger genialer Berater könnte die geistige Arbeit des Fürsten übernehmen.

Ausgezeichnet.

Nun befindet sich die entscheidende politische Urteilskraft des Staates in den Händen dieses Beraters.

Der Bordcomputer meldet:

REGIERUNG ERFOLGREICH AUSGELAGERT.

Nebenwirkung:

REGIERUNG AUSGELAGERT.

Machiavelli bleibt sich bemerkenswert treu.


Mehrere Berater lösen das Problem ebenfalls nicht

Vielleicht also mehrere.

Dann kann keiner allein die Macht übernehmen.

Aber auch das hilft einem urteilsunfähigen Fürsten nicht.

Denn jeder Berater, sagt Machiavelli, werde auch seine eigenen Interessen verfolgen.

Der Fürst muss deshalb ihre Ratschläge beurteilen, zusammenführen, korrigieren und erkennen können, was dahintersteht.

Kann er das nicht, bekommt er keine Weisheit.

Er bekommt mehrere Interessen gleichzeitig.

Und hier berührt Kapitel XXIII plötzlich sehr viele frühere Kapitel.

Machiavelli misstraut nicht nur Menschen.

Er misstraut Abhängigkeit ohne eigene Urteilskraft.

Söldner besitzen Ihre militärische Macht. Hilfstruppen gehören einem anderen Herrscher. Ein übermächtiger Verbündeter kann nach dem gemeinsamen Sieg Ihr nächstes Problem werden. Ein Minister kann eigene Interessen verfolgen. Und ein Berater kann für Sie denken.

Immer wieder dieselbe Warnlampe:

FREMDE FÄHIGKEIT ERSETZT EIGENE FÄHIGKEIT.

Das kann funktionieren.

Bis Ihre Interessen auseinandergehen.


Der letzte Satz dreht alles um

Und dann beendet Machiavelli das Kapitel mit einer bemerkenswerten Umkehrung.

Man könnte glauben:

Ein Fürst wird klug, weil er gute Ratschläge bekommt.

Machiavelli sagt:

Nein.

Gute Ratschläge – woher sie auch kommen – müssen letztlich aus der Klugheit des Fürsten hervorgehen.

Nicht die Klugheit des Fürsten aus den guten Ratschlägen.

Natürlich meint er damit nicht, dass der Fürst alle guten Gedanken selbst haben muss.

Kapitel XXII hat gerade das Gegenteil gezeigt.

Er meint:

Er muss in der Lage sein, guten Rat als guten Rat zu erkennen und daraus eine eigene Entscheidung zu machen.

Damit schließen XXII und XXIII wie zwei Zahnräder ineinander.

Kapitel XXII fragte:

Wen lässt du in deine Nähe?

Kapitel XXIII fragt:

Was machst du mit dem, was diese Menschen dir sagen?

Der gute Fürst braucht andere Menschen.

Aber er darf ihnen weder blind misstrauen noch blind vertrauen.

Er muss Menschen auswählen, sie zum offenen Sprechen bringen, Wahrheit aushalten, verschiedene Urteile verstehen – und danach selbst entscheiden.

Das ist eine wesentlich anspruchsvollere Vorstellung von Autorität als:

Der Chef weiß alles.

Machiavellis Fürst muss nicht alles wissen.

Aber er muss wissen, wie er herausfindet, was er wissen muss.


Der Bordcomputer schließt Kapitel XXIII.

Die Tür vom Ende des vorigen Kapitels steht noch offen.

Der Schmeichler wartet draußen.

Er fragt höflich, ob er wieder hereinkommen dürfe.

Machiavelli überlegt.

„Nein.“

Der Schmeichler lächelt.

„Eine ausgezeichnete Entscheidung, Majestät.“

TEIL VII – KAPITEL XXI–XXIII
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