NICCOLÒ MACHIAVELLI

DER FÜRST

BORDFASSUNG · TEIL VIII – KAPITEL XXIV–XXVI

Kapitel XXIV · Warum die Fürsten Italiens ihre Staaten verloren haben

Wir sind fast am Ende.

Drei Kapitel noch.

Und Machiavelli beginnt aufzuräumen.

Vierundzwanzig Kapitel lang hat er untersucht, wie Staaten entstehen, wie sie verloren gehen, welche Truppen etwas taugen, wie Menschen auf Herrschaft reagieren, wann Grausamkeit politisch wirkt, warum Großzügigkeit gefährlich werden kann, wie ein Fürst beraten werden sollte und weshalb ein Fuchs gelegentlich nützlicher ist als ein Löwe.

Nun blickt er auf Italien.

Dort sitzen mehrere Männer, die einmal Fürsten waren.

Ihre Staaten sind weg.

Eine Erklärung liegt nahe:

Pech gehabt.

Machiavelli kennt dafür ein vornehmeres Wort.

Fortuna.

Er akzeptiert die Erklärung nicht.


Ein neuer Fürst kann sehr schnell alt werden

Zunächst kehrt Machiavelli überraschend zum Anfang des Buches zurück.

Wir erinnern uns:

Ein erblicher Fürst besitzt einen großen Vorteil.

Gewohnheit.

Seine Familie herrscht bereits. Die Menschen kennen sie. Die politische Ordnung ist vertraut. Ein neuer Fürst dagegen muss seine Herrschaft erst begründen.

Aber jetzt sagt Machiavelli:

Das muss nicht lange so bleiben.

Wenn ein neuer Fürst all die Dinge klug beachtet, die dieses Buch bisher behandelt hat, könne er sehr schnell so sicher dastehen, als herrsche seine Familie schon lange. Vielleicht sogar sicherer.

Warum?

Weil ein neuer Fürst stärker beobachtet wird.

Das klingt zunächst nach einem Nachteil.

Machiavelli macht daraus eine Chance.

Die Menschen schauen genau hin.

Also sehen sie auch, wenn er etwas gut macht.

Und wenn seine Handlungen sich als tüchtig erweisen, können sie die Menschen stärker an ihn binden als eine alte Abstammung. Denn, so Machiavelli, Menschen seien stärker von gegenwärtigen Dingen beeindruckt als von vergangenen. Finden sie in der Gegenwart etwas Gutes, geben sie sich damit zufrieden und verteidigen den Fürsten sogar.

Der Bordcomputer aktualisiert eine ältere Annahme.

ALTE DYNASTIE

Vorteil: Tradition.

NEUER FÜRST

Vorteil: Leistung sichtbar.

Interessant.

Abstammung ist politisches Kapital.

Aber Machiavelli behauptet:

Gegenwart kann Herkunft schlagen.


Doppelte Ehre

Für einen neuen Fürsten ergibt sich daraus sogar eine besondere Möglichkeit.

Wenn er einen neuen Staat begründet und ihn anschließend mit guten Gesetzen, guten Waffen, guten Verbündeten und guten Beispielen stärkt, erwirbt er nach Machiavelli doppelte Ehre.

Denn er hat den Staat nicht bloß erhalten.

Er hat ihn aufgebaut.

Umgekehrt gilt dasselbe Prinzip allerdings in die andere Richtung.

Wer bereits als Fürst geboren wurde und seinen Staat durch mangelnde Klugheit verliert, trägt nach Machiavellis Urteil:

doppelte Schande.

Der eine begann mit wenig und schuf Stabilität.

Der andere begann mit Stabilität und schuf wenig.

Machiavellis Sympathie ist nicht schwer zu erkennen.

Sein Buch interessiert sich seit Kapitel I auffällig wenig für die Würde alter Stammbäume.

Es interessiert sich für die Frage:

Was kannst du tatsächlich?


Nun zu den Herren ohne Staat

Jetzt nennt Machiavelli die italienischen Fürsten seiner eigenen Zeit, die ihre Herrschaften verloren hatten – darunter den König von Neapel und den Herzog von Mailand.

Und er untersucht ihre Niederlagen nicht als einzelne Unglücksfälle.

Er sucht gemeinsame Fehler.

Der erste ist inzwischen ein alter Bekannter:

die Waffen.

Machiavelli hat darüber, wie er selbst bemerkt, bereits ausführlich gesprochen.

Sehr ausführlich.

Der Bordcomputer bestätigt.

SÖLDNER: schlecht.

HILFSTRUPPEN: noch schlechter.

EIGENE WAFFEN: Machiavelli möchte dieses Thema offenbar wirklich nicht noch einmal erklären.

Wir haben verstanden.

Aber damit ist seine Diagnose nicht beendet.

Bei den verlorenen italienischen Herrschaften finde man außerdem, dass manche Fürsten das Volk gegen sich hatten.

Andere hatten zwar das Volk auf ihrer Seite, verstanden es aber nicht, sich gegenüber den Mächtigen – den Großen – abzusichern.

Plötzlich liegt fast das ganze Buch auf dem Tisch.

WAFFEN.

VOLK.

GROSSE.

Wir kennen alle drei.

Machiavelli führt keine neue Theorie ein.

Er überprüft seine alte an den Trümmern.


Hätten sie überhaupt eine Chance gehabt?

Hier könnte ein Einwand kommen.

Vielleicht waren die Gegner einfach zu mächtig.

Was soll ein kleinerer Staat tun, wenn eine gewaltige Macht ihn angreift?

Machiavelli bringt dafür Philipp V. von Makedonien ins Spiel – ausdrücklich nicht Philipp II., den Vater Alexanders des Großen, sondern den späteren makedonischen König, der gegen Rom kämpfte und von Titus Quinctius Flamininus besiegt wurde.

Sein Reich war gegenüber der Macht Roms und seiner griechischen Gegner klein.

Trotzdem hielt er jahrelang stand.

Machiavelli nennt dafür drei Gründe:

Er verstand das Kriegshandwerk. Er wusste mit dem Volk umzugehen. Und er wusste sich gegenüber den Mächtigen abzusichern.

Am Ende verlor Philipp Gebiete.

Aber sein Königreich blieb bestehen.

Das ist wichtig.

Machiavelli behauptet nicht:

Wenn du alles richtig machst, gewinnst du immer.

Das wäre nach diesem Buch geradezu absurd.

Er sagt etwas anderes:

Schwierige Umstände erklären nicht automatisch vollständiges politisches Versagen.

Ein überlegener Gegner kann Ihnen Verluste zufügen.

Aber zwischen

DER GEGNER WAR STÄRKER

und

ICH HABE ALLES VERLOREN

liegt für Machiavelli ein Bereich, in dem politische und militärische Fähigkeit eine Rolle spielt.


Und jetzt wird Machiavelli böse

Denn nun kommen wir zu seiner eigentlichen Anklage.

Die italienischen Fürsten, die ihre Staaten verloren haben, sollen nach Machiavelli nicht fortuna beschuldigen.

Sie sollen ihre eigene Trägheit und Untüchtigkeit beschuldigen.

Warum?

Weil sie in ruhigen Zeiten nicht daran gedacht hätten, dass sich die Zeiten ändern könnten.

Und dann schreibt Machiavelli ein Bild, das fast das ganze Buch zusammenfasst:

Menschen hätten die Gewohnheit, bei ruhiger See nicht an den Sturm zu denken.

Der Bordcomputer hält kurz an.

Da ist es wieder.

Kapitel XIV:

Der Fürst übt im Frieden für den Krieg.

Kapitel XX:

Ein Mittel, das im Frieden funktioniert, kann im Krieg versagen.

Kapitel XXI:

Klugheit besteht darin, Nachteile vorauszusehen.

Und nun:

RUHIGE SEE.

Der Fürst blickt hinaus.

Kein Sturm.

Also beschließt er:

Stürme offenbar abgeschafft.

Machiavelli legt den Kopf auf den Tisch.


Vorbereitung ist keine Reaktion

Als dann tatsächlich schwierige Zeiten kamen, sagt Machiavelli, dachten diese Fürsten ans Fliehen, nicht ans Verteidigen.

Das ist ein vernichtender Satz.

Denn damit wirft er ihnen nicht bloß militärische Schwäche vor.

Er wirft ihnen vor, dass sie die ganze ruhige Zeit hindurch keine belastbare Herrschaft gebaut hatten.

Keine ausreichenden eigenen Machtmittel. Keine stabile Vorbereitung. Keine politische Struktur, die den Sturm aushielt.

Und als der Sturm kam:

Abreise.


Aber vielleicht holt uns das Volk zurück

Dabei hatten die geflohenen Fürsten noch eine Hoffnung.

Machiavelli beschreibt sie:

Vielleicht würden die Menschen irgendwann genug von der Herrschaft der Sieger haben.

Vielleicht würden sie ihre alten Fürsten zurückrufen.

Das ist nicht völlig unsinnig.

Machiavelli sagt sogar: Wenn alle anderen Möglichkeiten fehlen, kann das ein Ausweg sein.

Nur sollte man vorher vielleicht die anderen Möglichkeiten nicht absichtlich weglassen.

Der Bordcomputer rekonstruiert die Strategie.

PHASE 1: Staat verlieren.

PHASE 2: Fliehen.

PHASE 3: Warten, bis der neue Herrscher unbeliebt wird.

PHASE 4: Hoffen, zurückgerufen zu werden.

Bewertung:

bemerkenswert hoher Hoffnungsanteil.


Fallen und aufgefangen werden

Dann schreibt Machiavelli einen der stärksten Sätze dieses kurzen Kapitels.

Man solle niemals fallen, weil man darauf vertraut, dass jemand einen anschließend auffängt.

Vielleicht fängt einen tatsächlich jemand auf.

Vielleicht nicht.

Aber selbst wenn es geschieht, sagt Machiavelli, ist diese Rettung nicht sicher.

Warum?

Weil sie nicht von dir abhängt.

Und plötzlich sind wir wieder ganz am Anfang.

Nicht nur dieses Kapitels.

Des ganzen Buches.

Söldner waren gefährlich, weil die militärische Macht nicht wirklich Ihnen gehörte. Hilfstruppen waren gefährlich, weil der Sieg von der Macht eines anderen abhing. Ein übermächtiger Verbündeter war gefährlich, weil Ihre Sicherheit von ihm abhing. Ein genialer Minister konnte gefährlich werden, wenn Ihre Urteilskraft vollständig bei ihm lag.

Und jetzt:

Eine politische Rückkehr ist keine belastbare Verteidigung, wenn sie davon abhängt, dass andere Menschen Sie irgendwann wiederhaben wollen.

Das Muster ist inzwischen unübersehbar.

ABHÄNGIGKEIT.


Was von dir selbst abhängt

Machiavelli beendet Kapitel XXIV mit einer Formulierung, die beinahe wie eine Schlussformel für das bisherige Buch wirkt.

Nur diejenigen Verteidigungen seien gut, sicher und dauerhaft, die von einem selbst und von der eigenen virtù abhängen.

Da ist sie wieder.

Virtù.

Wir haben das Wort absichtlich nie einfach mit „Tugend“ übersetzt.

Jetzt sieht man besonders deutlich, warum.

Hier bedeutet es nicht moralische Güte.

Es ist die Fähigkeit, selbst wirksam zu sein. Zu erkennen. Vorbereitet zu sein. Eigene Mittel zu besitzen. Auf veränderte Umstände reagieren zu können. Nicht darauf angewiesen zu sein, dass jemand anderes das eigene Problem löst.

Und damit lässt sich ein erstaunlich großer Teil des Buches unter eine einzige Frage stellen:

Wovon hängt deine Handlungsfähigkeit ab?

Von deinen Söldnern? Von Frankreich? Von einem Verbündeten? Von einem genialen Minister? Von der Beliebtheit deines Nachfolgers? Von der Hoffnung, dass irgendjemand dich auffängt?

Oder:

von dir?


Und nun passiert etwas sehr Schönes.

Machiavelli hat gerade den italienischen Fürsten verboten, ihre Niederlagen mit fortuna zu entschuldigen.

Natürlich drängt sich sofort die Gegenfrage auf:

Moment.

Wir reden seit Beginn dieses Buches von fortuna.

Von Umständen.

Von Zufall.

Von Gelegenheiten, die ein Mensch nicht selbst erschafft.

Von Ereignissen, die niemand kontrollieren kann.

Wie viel hängt denn tatsächlich von uns ab?

Machiavelli schließt Kapitel XXIV.

Der Bordcomputer sieht auf die nächste Akte.

Darauf steht nur ein Wort.

FORTUNA.

Darunter eine Frage:

Wie mächtig bist du eigentlich?

Kapitel XXV.

Kapitel XXV · Wie viel Macht Fortuna über die menschlichen Dinge hat – und wie man ihr widerstehen kann

Da ist sie also.

FORTUNA.

Seit Beginn dieses Buches taucht sie immer wieder auf. Sie schenkt Gelegenheiten. Sie verändert Umstände. Sie rettet Menschen aus schlechten Entscheidungen und zerstört Pläne, die gestern noch vernünftig erschienen.

Und im letzten Kapitel hat Machiavelli den vertriebenen Fürsten Italiens gerade gesagt:

Hört auf, fortuna für alles verantwortlich zu machen.

Nun muss er eine ziemlich große Frage beantworten:

Wie viel können Menschen überhaupt beeinflussen?

Und Machiavelli antwortet darauf erstaunlich persönlich.

Denn manchmal, gibt er zu, sei er selbst beinahe versucht zu glauben:

Vielleicht sehr wenig.


Vielleicht wird tatsächlich alles von Fortuna regiert

Machiavelli beginnt mit einer Vorstellung, die offenbar viele Menschen seiner Zeit teilten.

Vielleicht werden die Dinge der Welt so sehr von fortuna und von Gott gelenkt, dass menschliche Klugheit daran überhaupt nichts ändern kann.

Wenn das stimmt, folgt daraus eine ziemlich bequeme Konsequenz:

Dann braucht man sich auch nicht besonders anzustrengen.

Man lässt sich eben vom Schicksal treiben.

Der Bordcomputer prüft die Argumentation.

WENN ALLES VORHERBESTIMMT IST:

Planung unnötig.

Vorbereitung unnötig.

Verantwortung fraglich.

Ergebnis:

bemerkenswert entspannter Arbeitstag.

Aber Machiavelli macht sich über diese Position nicht einfach lustig.

Das ist wichtig.

Er sagt, die gewaltigen politischen Veränderungen seiner eigenen Zeit hätten diese Auffassung besonders überzeugend erscheinen lassen. Dinge geschahen, die außerhalb menschlicher Voraussicht zu liegen schienen.

Und dann schreibt er sinngemäß:

Wenn ich darüber nachdenke, neige ich manchmal selbst ein Stück weit zu dieser Meinung.

Das ist ein bemerkenswerter Moment.

Nach vierundzwanzig Kapiteln voller Entscheidungen, Vorbereitung, Strategie und virtù sagt der Mann:

Ja. Manchmal sieht die Welt tatsächlich so aus, als hätten wir sie nicht im Griff.

Aber dann kommt:

Nondimanco.

Dennoch.


Die Hälfte

Damit unser freier Wille nicht vollständig ausgelöscht werde, schreibt Machiavelli, halte er Folgendes für möglich:

Fortuna bestimmt vielleicht die Hälfte unserer Handlungen.

Die andere Hälfte – oder etwas weniger – überlässt sie uns.

Bitte nicht als mathematische Messung verstehen.

Machiavelli hat keine politische Untersuchung durchgeführt und festgestellt:

FORTUNA: 50,0 %

MENSCH: 50,0 %

Er markiert eine Grenze.

Es gibt Dinge, die wir nicht kontrollieren.

Und es gibt Dinge, die wir beeinflussen können.

Das Entscheidende ist:

Beides ist gleichzeitig wahr.

Der Mensch ist nicht allmächtig.

Aber er ist auch nicht machtlos.

Und jetzt findet Machiavelli dafür eines der schönsten Bilder des ganzen Buches.


Der Fluss

Fortuna, sagt er, gleiche einem reißenden Fluss.

Wenn dieser Fluss anschwillt und wütet, überschwemmt er die Ebenen.

Er reißt Bäume und Gebäude mit. Er trägt Erde von einer Stelle fort und lagert sie an einer anderen ab. Menschen fliehen vor ihm. Niemand kann sich seiner Gewalt unmittelbar entgegenstellen.

Das ist fortuna.

Der Moment, in dem etwas geschieht, das größer ist als Sie.

Krieg. Politischer Zusammenbruch. Ein mächtiger Gegner. Eine unerwartete Veränderung der Verhältnisse.

Der Fluss kommt.

Und wenn er bereits über die Ufer getreten ist, können Sie sich nicht vor ihn stellen und sagen:

Ich habe Kapitel XIV gelesen.

Der Fluss zeigt sich unbeeindruckt.

Aber Machiavelli ist mit seinem Bild noch nicht fertig.

Denn Flüsse sind nicht immer im Hochwasser.

Es gibt ruhige Zeiten.

Und dann können Menschen etwas tun.

Sie können Dämme bauen.

Sie können Deiche errichten.

Sie können dem Wasser Wege geben.

Damit es beim nächsten Hochwasser entweder in einem Kanal abfließt oder zumindest nicht mehr mit derselben ungebremsten Gewalt alles verwüstet.

Der Bordcomputer hält das Bild fest.

STURM: möglicherweise nicht kontrollierbar.

VORBEREITUNG AUF DEN STURM: kontrollierbar.

Da ist Kapitel XXIV wieder.

Bei ruhiger See an den Sturm denken.

Jetzt wissen wir, warum.


Fortuna ist am stärksten, wo niemand vorbereitet ist

Und nun formuliert Machiavelli den entscheidenden Satz des Bildes.

Fortuna zeigt ihre Macht dort, wo keine geordnete virtù vorhanden ist, die ihr widersteht.

Sie richtet ihre Gewalt dorthin, wo keine Dämme und Schutzwerke gebaut wurden.

Das ist viel subtiler als:

Der Mensch besiegt das Schicksal.

Nein.

Der Damm schafft den Fluss nicht ab.

Er garantiert auch nicht, dass niemals etwas passiert.

Er verändert nur, was passiert, wenn der Fluss kommt.

Damit bekommt virtù noch eine weitere Bedeutung.

Nicht Kontrolle über die Welt.

Sondern:

Widerstandsfähigkeit gegenüber einer Welt, die man nicht kontrolliert.

Und Machiavelli blickt wieder auf Italien.

Für ihn ist Italien eine Landschaft ohne Dämme und ohne Schutzwerke.

Deshalb konnte die politische Flut dort so verheerend wirken. Andere große Mächte seiner Zeit seien besser geschützt gewesen.

Das ist seine politische Diagnose.

Aber dann verlässt er das Flussbild.

Denn es gibt noch ein schwierigeres Problem.


Warum funktioniert dieselbe Person plötzlich nicht mehr?

Machiavelli beobachtet etwas Merkwürdiges.

Ein Fürst ist heute erfolgreich.

Morgen geht er zugrunde.

Dabei hat sich der Fürst selbst vielleicht überhaupt nicht verändert.

Gleicher Mensch.

Gleicher Charakter.

Gleiche Methoden.

Gestern:

ERFOLG.

Heute:

RUIN.

Was ist passiert?

Machiavellis Antwort gehört zu den wichtigsten Gedanken des ganzen Buches:

Die Zeiten haben sich verändert.


Menschen haben eine Art

Menschen verfolgen ähnliche Ziele – Machiavelli nennt etwa Ruhm und Reichtum –, aber sie gehen unterschiedlich vor.

Der eine ist vorsichtig. Der andere stürmisch. Der eine handelt mit Gewalt. Der andere mit Geschick. Der eine geduldig. Der andere ungeduldig.

Und das Verrückte ist:

Alle diese Wege können funktionieren.

Zwei Menschen können völlig unterschiedlich handeln und beide erfolgreich sein.

Zwei andere können genau gleich handeln – und nur einer von ihnen hat Erfolg.

Damit zerstört Machiavelli endgültig die Vorstellung eines universellen politischen Rezepts.

Wir hatten das in Kapitel XX bereits gesehen:

Eine Festung kann nützlich sein.

Eine Festung kann schädlich sein.

Untertanen zu bewaffnen kann klug sein.

Untertanen zu entwaffnen kann unter anderen Umständen sinnvoll erscheinen.

Nun verallgemeinert er das Prinzip.

Nicht nur die Handlung zählt.

Es zählt die Passung zwischen Handlung und Zeit.

Der Bordcomputer ergänzt die Formel:

METHODE + PASSENDE ZEIT = möglicherweise Erfolg

DIESELBE METHODE + ANDERE ZEIT = möglicherweise Katastrophe

Und plötzlich wird virtù noch anspruchsvoller.


Der erfolgreichste Weg wird zur Falle

Stellen wir uns einen vorsichtigen Menschen vor.

Er wägt ab. Er wartet. Er plant. Er geht keine unnötigen Risiken ein.

Und die Umstände belohnen genau dieses Verhalten.

Also hat er Erfolg.

Was lernt er daraus?

Meine Methode funktioniert.

Natürlich.

Also benutzt er sie wieder.

Sie funktioniert wieder.

Noch besser.

Jetzt weiß er:

So macht man das.

Dann ändern sich die Zeiten.

Plötzlich wäre Schnelligkeit nötig.

Risiko.

Entschlossenheit.

Vielleicht sogar Rücksichtslosigkeit.

Und unser vorsichtiger Mensch?

Ist vorsichtig.

Denn Vorsicht hat ihn sein ganzes Leben lang erfolgreich gemacht.

Und nun ruiniert ihn genau die Eigenschaft, die ihn groß gemacht hat.

Das ist ein außerordentlich scharfer Gedanke.

ERFOLG ERZEUGT ERFAHRUNG.

Erfahrung erzeugt:

GEWOHNHEIT.

Gewohnheit erzeugt:

DAS HAT IMMER FUNKTIONIERT.

Und dann ändert sich die Welt.


Warum ändern Menschen sich nicht einfach?

Machiavelli stellt genau diese Frage.

Wenn die Zeiten sich ändern, warum ändern Menschen nicht ihre Methode?

Weil das offenbar verdammt schwer ist.

Er nennt zwei Gründe.

Erstens könne ein Mensch nur schwer von dem abweichen, wozu seine Natur ihn neigt.

Zweitens könne jemand, der auf einem bestimmten Weg immer erfolgreich gewesen sei, sich kaum davon überzeugen, diesen Weg plötzlich zu verlassen.

Da ist es.

Einer der vielleicht menschlichsten Gedanken des ganzen Buches.

Wir scheitern nicht immer, weil wir nichts gelernt haben.

Manchmal scheitern wir, weil wir zu gut gelernt haben, was früher funktioniert hat.

Der Bordcomputer notiert:

VERGANGENER ERFOLG

kann enthalten:

Erfahrung.

Kompetenz.

Selbstvertrauen.

und möglicherweise

eine Falle.


Die unmögliche Virtù

Damit erreichen wir beinahe eine Definition des vollkommenen Machiavellischen Menschen.

Er müsste seine Art verändern können, sobald sich die Zeiten verändern.

Vorsichtig sein, wenn Vorsicht funktioniert. Stürmisch sein, wenn Sturm nötig ist. Geduldig warten. Und im richtigen Augenblick nicht warten.

Wenn ein Mensch seine Natur tatsächlich so mit den Umständen verändern könnte, sagt Machiavelli, würde sich sein Glück nicht verändern.

Das wäre virtù in beinahe vollkommener Form:

nicht eine bestimmte Eigenschaft besitzen, sondern die richtige Eigenschaft zur richtigen Zeit einsetzen können.

Wir haben das schon vorbereitet.

Der Löwe.

Der Fuchs.

Nicht:

Welches Tier bist du?

Sondern:

Welches brauchst du jetzt?

Nur gesteht Machiavelli nun ein:

Menschen sind keine Maschinen mit umschaltbaren Betriebsarten.

Sie haben Charakter.

Gewohnheiten.

Erfolgsgeschichten.

Und genau deshalb erwischt fortuna sie.


Julius II. rennt los

Als Beispiel kehrt Papst Julius II. zurück.

Machiavelli beschreibt ihn als ausgesprochen stürmischen, ungestümen Menschen.

Julius ging seine Unternehmungen mit großer Energie und Kühnheit an.

Und zufällig – oder eben durch fortuna – passten die Zeiten hervorragend zu genau dieser Art.

Machiavelli betrachtet besonders Julius’ Unternehmen gegen Bologna.

Die Venezianer waren nicht begeistert.

Spanien ebenfalls nicht.

Mit Frankreich gab es komplizierte Interessen.

Ein vorsichtiger Herrscher hätte vermutlich zunächst versucht, alles abzusichern.

Verhandlungen.

Zusagen.

Bedingungen.

Garantien.

Noch eine Besprechung.

Julius?

Los.

Er setzte sich persönlich in Bewegung.

Und genau diese Geschwindigkeit veränderte die Lage.

Spanien und Venedig wurden zum Abwarten gezwungen.

Der französische König wiederum entschied sich schließlich dafür, Julius zu unterstützen.

Machiavelli ist beeindruckt.

Was ein anderer Papst mit aller menschlichen Vorsicht kaum zustande gebracht hätte, erreichte Julius durch seinen Impuls.

Nicht weil Ungestümheit immer überlegen ist.

Sondern weil:

DIESER MENSCH + DIESE ZEIT = PASSUNG.


Julius hatte noch etwas anderes: Glück

Und dann fügt Machiavelli eine herrliche kleine Gemeinheit hinzu.

Julius’ Unternehmungen gingen gut aus.

Aber sein Leben war kurz genug, dass er die gegenteilige Situation nicht mehr erleben musste.

Denn wären Zeiten gekommen, in denen Vorsicht nötig gewesen wäre, meint Machiavelli, wäre Julius vermutlich zugrunde gegangen.

Er hätte seine Art nicht ändern können.

Das ist bemerkenswert.

Julius erscheint erfolgreich.

Machiavelli sagt:

Ja.

Aber daraus folgt nicht, dass seine Methode richtig war.

Vielleicht lebte er einfach in den richtigen Umständen für seinen Charakter.

Und starb, bevor der Test wechselte.

Der Bordcomputer ergänzt die Personalakte:

JULIUS II.

Methode: Impetus.

Ergebnis: hervorragend.

Langzeittest unter gegenteiligen Bedingungen:

nicht durchgeführt.

Das ist fortuna auf einer viel feineren Ebene.

Nicht nur:

Ein Ereignis passiert zufällig.

Sondern:

Dein Charakter trifft auf eine bestimmte historische Situation.

Und manchmal passt er.


Wenn Mensch und Zeit auseinanderlaufen

Machiavelli zieht daraus seine Schlussfolgerung:

Weil fortuna sich verändert, Menschen aber an ihren Verhaltensweisen festhalten, sind sie erfolgreich, solange beides zusammenpasst.

Und sie werden erfolglos, sobald beides auseinandergeht.

Damit haben wir plötzlich eine sehr präzise Beziehung zwischen unseren beiden großen Begriffen.

FORTUNA

verändert die Lage.

VIRTÙ

ist die Fähigkeit, in dieser Lage wirksam zu handeln.

Aber weil Menschen ihre Art nicht beliebig verändern können, bleibt immer ein Rest, den sie nicht beherrschen.

Vielleicht sogar ungefähr:

die Hälfte.

Jetzt ergibt Machiavellis Zahl vom Anfang Sinn.

Sie war nie Buchhaltung.

Sie war eine Absage an zwei Extreme.

Nicht:

Alles liegt in deiner Hand.

Und nicht:

Nichts liegt in deiner Hand.

Sondern:

Die Welt verändert sich ohne deine Erlaubnis.

Was du daraus machst, ist nicht bedeutungslos.


Und dann kommt dieser Schluss

Bis hierhin ist Kapitel XXV außergewöhnlich differenziert.

Anpassungsfähigkeit.

Charakter.

Zeit.

Zufall.

Vorbereitung.

Freier Wille.

Und dann schreibt Machiavelli am Ende etwas, bei dem der Bordcomputer kurz innehält.

Er sagt, er halte es insgesamt für besser, ungestüm als vorsichtig zu sein.

Und begründet das mit einem Bild, das aus seiner Zeit stammt und heute deutlich befremdet:

Fortuna sei eine Frau; wer sie beherrschen wolle, müsse sie schlagen und stoßen. Sie lasse sich eher von den Ungestümen bezwingen als von denen, die kühl und vorsichtig vorgehen. Deshalb sei sie – wie eine Frau, schreibt Machiavelli – den Jungen zugeneigt, weil diese weniger vorsichtig, wilder und kühner seien.

Das steht da.

Wir machen es weder unsichtbar noch hübscher.

Es ist Machiavellis gewaltsames, sexualisiertes Schlussbild für fortuna und gehört zum Text.

Aber wir sollten aufpassen, dass dieses berühmte Bild nicht das feinere Argument des Kapitels verschluckt.

Denn Machiavelli hat unmittelbar davor selbst erklärt:

Ungestümheit funktioniert nicht immer.

Julius II. wäre nach seiner eigenen Analyse wahrscheinlich gescheitert, sobald die Zeiten Vorsicht verlangt hätten.

Sein abschließendes Temperament schlägt also stärker in Richtung Kühnheit aus als seine eigene Analyse.

Der Bordcomputer vermerkt:

AUTOR BESITZT OFFENBAR EBENFALLS EINE NATÜRLICHE NEIGUNG.

Machiavelli hätte vermutlich Verständnis für die Diagnose.


Fortuna und Virtù

Nun können wir zwei Wörter, die uns durch fast das ganze Buch begleitet haben, endlich nebeneinanderlegen.

Fortuna ist nicht einfach Glück.

Sie ist das, was Ihnen begegnet.

Die veränderten Zeiten. Die Gelegenheit. Der Zufall. Der Sturm. Der Fluss. Die Dinge, die nicht nach Ihrer Zustimmung fragen.

Und virtù ist nicht einfach Tugend.

Sie ist das, womit Sie antworten.

Urteilskraft. Vorbereitung. Entschlossenheit. Anpassungsfähigkeit. Eigene Machtmittel. Die Fähigkeit, eine Gelegenheit zu erkennen und zu nutzen.

Und deshalb ist Machiavellis Fürst weder Herr des Universums noch Spielball des Schicksals.

Er steht dazwischen.

Vor ihm fließt ein Fluss, dessen Wasser er nicht kontrolliert.

Aber solange das Wetter ruhig ist, besitzt er Hände.

Er kann Dämme bauen.


Der Bordcomputer schließt Kapitel XXV.

Auf dem Tisch liegen zwei Akten.

FORTUNA

und

VIRTÙ.

Keine von beiden lässt sich schließen.

Daneben liegt nur noch eine dritte.

ITALIEN.

Machiavelli nimmt sie in die Hand.

Vierundzwanzig Kapitel lang hat er erklärt, wie Macht funktioniert.

Im fünfundzwanzigsten hat er gefragt, wie viel davon überhaupt in menschlicher Hand liegt.

Jetzt bleibt nur noch eine Frage:

Wozu hat er dieses Buch geschrieben?

Kapitel XXVI.

Kapitel XXVI · Aufruf, Italien von den Fremden zu befreien

Jetzt verändert sich das Buch.

Nicht langsam.

Sofort.

Bis eben saß Machiavelli über seinen Fällen.

Er verglich Fürsten. Zerlegte Entscheidungen. Beobachtete Cesare Borgia. Prüfte Söldner, Festungen, Minister, Füchse, Löwen und Päpste. Selbst bei Grausamkeit blieb seine Stimme häufig kühl genug, um noch die politische Mechanik dahinter zu untersuchen.

Und nun?

Nun steht er auf.

Kapitel XXVI heißt:

Aufruf, Italien von den Fremden zu befreien.

Das ist keine weitere Untersuchung.

Das ist der Moment, in dem wir erfahren, wofür Machiavelli seine Untersuchung gebrauchen will.


Ist jetzt der richtige Augenblick?

Machiavelli beginnt, indem er alles bisher Gesagte zusammennimmt.

Nach all den Überlegungen dieses Buches fragt er sich:

Sind die gegenwärtigen Verhältnisse Italiens vielleicht genau jene Gelegenheit, in der ein neuer Fürst hervortreten könnte?

Ein kluger und mit virtù begabter Mensch, der eine neue Ordnung schafft – zu seinem eigenen Ruhm, aber auch zum Wohl Italiens?

Und seine Antwort ist beinahe elektrisiert:

Er könne sich kaum eine Zeit vorstellen, die dafür geeigneter wäre.

Das ist bemerkenswert.

Denn Italien befindet sich nach Machiavellis eigener Beschreibung in einem katastrophalen Zustand.

Und Machiavelli sieht:

eine Gelegenheit.

Natürlich.

Nach fünfundzwanzig Kapiteln hätten wir damit rechnen können.

Der Bordcomputer öffnet die beiden Akten vom Ende des letzten Kapitels.

FORTUNA: Gelegenheit vorhanden.

VIRTÙ: ?

Genau darum geht es jetzt.


Moses. Kyros. Theseus.

Machiavelli holt noch einmal drei Figuren hervor, die wir bereits aus Kapitel VI kennen.

Moses.

Kyros.

Theseus.

Warum konnten diese Männer groß werden?

Weil es eine Lage gab, in der ihre Fähigkeiten sichtbar und wirksam werden konnten.

Damit Moses’ virtù erkennbar werden konnte, mussten die Israeliten in Ägypten versklavt sein.

Damit die Größe des Kyros hervortreten konnte, mussten die Perser von den Medern unterdrückt werden.

Damit Theseus sich auszeichnen konnte, mussten die Athener zerstreut sein.

Das klingt zunächst beinahe grausam.

Aber es entspricht exakt Machiavellis bisheriger Logik:

Virtù braucht materia.

Fähigkeit braucht eine Situation, an der sie sich betätigen kann.

Ein großer Gründer ohne Gelegenheit bleibt möglicherweise einfach ein bemerkenswert fähiger Mann, von dem niemand etwas hört.

Und deshalb betrachtet Machiavelli nun das Elend Italiens nicht nur als Katastrophe.

Sondern als:

MATERIA.

Material für politische Neugründung.


Italien liegt da

Dann schreibt Machiavelli einige der emotionalsten Zeilen des gesamten Buches.

Italien sei ohne Führung und ohne Ordnung.

Geschlagen. Ausgeplündert. Zerrissen. Überrannt. Von allen möglichen Verwüstungen getroffen.

Das ist nicht mehr der Ton des Mannes, der gerade berechnet, ob eine Festung nützlich sein könnte.

Hier spricht jemand über sein Land.

Machiavelli steigert den Vergleich sogar:

Italien sei stärker versklavt als die Hebräer, stärker unterworfen als die Perser, stärker zerstreut als die Athener.

Historische Analyse verwandelt sich in politische Hoffnung.

Denn wenn extreme Not die Gelegenheit für außergewöhnliche virtù schafft, dann bedeutet Italiens Elend für Machiavelli:

Die Gelegenheit könnte jetzt so groß sein wie die Not.


Jemand muss kommen

Es habe bereits Menschen gegeben, bei denen es kurz so ausgesehen habe, als könnten sie diese Aufgabe übernehmen.

Machiavelli formuliert sogar religiös: als seien sie von Gott zur Erlösung Italiens bestimmt gewesen.

Doch auf dem Höhepunkt ihrer Unternehmungen habe fortuna sie verworfen.

Da liegt Italien nun in seinem Bild beinahe wie ein verwundeter Körper.

Es wartet auf jemanden, der seine Wunden heilt.

Der den Plünderungen und Verwüstungen ein Ende setzt.

Machiavelli schreibt, Italien flehe Gott geradezu darum an, jemand möge kommen und es von diesen Leiden befreien. Es sei bereit, einer Fahne zu folgen – wenn nur jemand sie ergreife.

Der Bordcomputer sieht auf die Akte.

FORTUNA: Gelegenheit weiterhin vorhanden.

VIRTÙ: Bewerber gesucht.

Und jetzt erfahren wir, an wen dieses Buch letztlich adressiert ist.


Die Medici

Machiavelli richtet seine Hoffnung auf das Haus, dem er den Fürsten gewidmet hat:

die Medici.

Er fordert die „erlauchte Familie“ auf, diese Aufgabe zu übernehmen. In ihr sieht er die Verbindung von virtù und fortuna, zusätzlich begünstigt durch Gott und die Kirche.

Damit schließt sich ein Kreis zur Widmung.

Am Anfang stand Machiavelli vor Lorenzo de’ Medici und sagte sinngemäß:

Ich habe kein Gold, keine Pferde und keine kostbaren Geschenke.

Ich habe nur mein Wissen darüber, wie Herrschaft funktioniert.

Sechsundzwanzig Kapitel später wissen wir, wozu dieses Geschenk dienen soll.

Nicht nur:

Hier ist ein Handbuch, wie Sie Fürst bleiben.

Sondern:

Hier ist das Wissen, das Sie vielleicht brauchen, um etwas zu gründen.

Das macht das Buch nicht plötzlich selbstlos.

Machiavelli verspricht dem neuen Fürsten ausdrücklich Ruhm und Größe.

Aber persönlicher Ruhm und politische Erneuerung Italiens fallen in seinem Schlussbild zusammen.


Gott hat schon ziemlich viel erledigt

Nun wird Machiavelli beinahe biblisch.

Er sagt:

Die Gelegenheit sei da. Die Aufgabe sei gerecht. Die Voraussetzungen seien günstig.

Und dann greift er die Exodus-Geschichte auf.

Das Meer habe sich geöffnet.

Eine Wolke habe den Weg gewiesen.

Aus dem Felsen sei Wasser gekommen.

Manna sei vom Himmel gefallen.

Alles, schreibt Machiavelli sinngemäß, sei zu eurer Größe zusammengekommen.

Das ist eine gewaltige rhetorische Steigerung.

Der Bordcomputer überprüft den Arbeitsstand.

MEER: geöffnet.

WEG: markiert.

WASSER: vorhanden.

MANNA: geliefert.

Offene Aufgabe:

REST.

Und genau das sagt Machiavelli.

Der Rest müsse von euch getan werden.


Gott macht nicht alles

Dann folgt ein Satz, der direkt an Kapitel XXV anschließt.

Machiavelli schreibt:

Gott will nicht alles tun.

Denn sonst würde er uns den freien Willen nehmen – und jenen Anteil am Ruhm, der uns selbst zukommt.

Da ist die Antwort.

Wir haben im vorigen Kapitel gefragt:

Wie viel bestimmt fortuna?

Wie viel können Menschen tun?

Machiavelli antwortete ungefähr:

Nicht alles.

Aber genug.

Und nun, im letzten Kapitel, wird aus dieser philosophischen Überlegung ein Auftrag.

Die Gelegenheit kann vorhanden sein.

Die Umstände können günstig sein.

Gott selbst kann in Machiavellis Rhetorik die Tür öffnen.

Aber:

Jemand muss hindurchgehen.

Fortuna liefert die Gelegenheit.

Virtù muss handeln.

Das ganze Buch steht plötzlich in diesem einen Verhältnis.


Was fehlt Italien?

Machiavelli sieht das Problem nicht darin, dass Italien keine fähigen Menschen habe.

Im Einzelkampf, schreibt er, zeigten Italiener Kraft, Geschicklichkeit und Verstand.

Aber sobald ganze Heere aufträten, versage das System.

Warum?

Die Führung. Die Ordnung. Die Organisation.

Die bisherigen militärischen Strukturen seien schlecht gewesen, und niemand habe bisher neue geschaffen, die sich durchsetzen konnten.

Das ist wichtig.

Machiavelli sagt nicht:

Das Material ist schlecht.

Er sagt:

Die Ordnung ist schlecht.

Und damit kehrt ein weiterer Gedanke des Buches zurück.

Menschen allein reichen nicht. Es braucht Strukturen. Gesetze. Organisation. Führung.

INSTITUTIONEN.

Der Bordcomputer erinnert sich an Kapitel XI.

Institutionen können stärker sein als einzelne Menschen.

Nun soll ein neuer Fürst genau solche neuen Ordnungen schaffen.


Natürlich: eigene Waffen

Und dann passiert etwas, das inzwischen fast beruhigend vertraut wirkt.

Wir stehen im letzten Kapitel.

Italien wartet auf Erlösung.

Gott öffnet das Meer.

Petrarca wartet bereits hinter der nächsten Seite.

Und Machiavelli sagt:

Wir müssen noch einmal über das Heer sprechen.

Natürlich müssen wir das.

Der Bordcomputer hatte kurz gehofft.

Machiavelli besteht darauf, dass der neue Fürst vor allem über eigene Waffen verfügen müsse. Keine anderen Soldaten seien treuer, zuverlässiger oder besser; und gemeinsam würden sie noch besser, wenn sie von ihrem eigenen Fürsten geführt, geehrt und versorgt würden.

Zwölf Kapitel später sind wir also wieder da.

SÖLDNER: weiterhin schlecht.

Der Mann hat seine Position nicht geändert.


Eine neue Armee

Machiavelli wird sogar noch einmal ziemlich technisch.

Die berühmten Schweizer und spanischen Infanterien seien zwar gefürchtet, hätten aber jeweils Schwächen.

Die Spanier seien gegenüber Kavallerie verwundbar.

Die Schweizer beziehungsweise ihre Kampfweise könnten gegen entschlossene Infanterie Schwierigkeiten bekommen.

Machiavelli verweist dabei auf die Schlacht von Ravenna und glaubt, aus den Schwächen der bestehenden Modelle lasse sich eine neue militärische Ordnung entwickeln, die sowohl Kavallerie als auch Infanterie widerstehen könne.

Das Detail ist historisch-militärisch.

Aber die Denkweise kennen wir inzwischen sehr gut.

Machiavelli fragt nicht:

Welches bestehende Modell ist das beste?

Sondern:

Welche Schwächen besitzen die vorhandenen Modelle – und lässt sich daraus etwas Neues bauen?

Das ist virtù.

Nicht kopieren. Beobachten. Verstehen. Anpassen. Neu ordnen.


Der neue Fürst

Und nun malt Machiavelli aus, was geschehen würde, wenn tatsächlich jemand diese Gelegenheit ergriffe.

Wie groß die Liebe wäre, mit der ein solcher Befreier in den von fremden Mächten bedrängten Gebieten empfangen würde.

Wie stark der Wunsch nach Veränderung sei. Welche Treue. Welche Hoffnung. Welche Tränen.

Machiavelli stellt rhetorische Fragen:

Welche Türen würden sich ihm verschließen?

Welche Menschen würden ihm den Gehorsam verweigern?

Welcher Neid könnte sich ihm entgegenstellen?

Welcher Italiener würde ihm die Gefolgschaft versagen?

Das ist keine kühle empirische Prognose mehr.

Das ist ein Aufruf.

Der Titel des Kapitels sagt es offen.

Machiavelli will hier nicht mehr nur erklären.

Er will bewegen.

Und plötzlich verstehen wir vielleicht auch, warum dieses letzte Kapitel stilistisch so anders klingt.

Der Analytiker hat seine Arbeit getan.

Jetzt versucht der Autor, einen Menschen zum Handeln zu bringen.


Ein Buch wird zu einer Handlung

Damit verändert sich rückwirkend ein wenig, was wir gelesen haben.

Der Fürst ist nicht nur eine Sammlung von Beobachtungen über Macht.

Er ist selbst Teil einer politischen Situation.

Machiavelli schreibt über virtù.

Und versucht gleichzeitig, virtù hervorzurufen.

Er schreibt über Gelegenheit.

Und erklärt seinem Adressaten:

Dies ist deine Gelegenheit.

Er schreibt darüber, dass ein kluger Mensch die Zeiten erkennen muss.

Und sagt:

Erkenne diese Zeit.

Er schreibt, dass neue Fürsten durch neue Ordnungen Ruhm erwerben.

Und sagt:

Gründe neue Ordnungen.

Das Buch beschreibt Handlung nicht nur.

Es versucht, Handlung auszulösen.

Der Bordcomputer aktualisiert die Dokumentenart.

DATEITYP:

politische Analyse

politische Theorie

historische Fallstudie

Bewerbungsschreiben

Handlungsaufforderung

Mehrfachauswahl offenbar zulässig.


Und am Ende spricht Petrarca

Machiavelli beendet sein Buch nicht mit einem eigenen Satz.

Er ruft Petrarca.

Aus einer Kanzone des Dichters nimmt er die letzten Verse seines Fürsten.

Sinngemäß:

Virtù wird gegen die Raserei zu den Waffen greifen, und der Kampf wird kurz sein; denn der alte Mut ist in den italienischen Herzen noch nicht gestorben.

Das ist das Ende.

Nicht Cesare Borgia.

Nicht der Löwe.

Nicht der Fuchs.

Nicht die Behauptung, der Zweck heilige die Mittel – die Machiavelli so ohnehin nicht geschrieben hat.

Nicht einmal fortuna.

Sondern:

virtù.

Das Wort, das wir sechsundzwanzig Kapitel lang nicht vorschnell mit „Tugend“ übersetzt haben.

Hier steht es noch einmal.

Als Fähigkeit.

Kraft.

Mut.

Wirksamkeit.

Politische Energie.

Und vielleicht auch als Hoffnung.


Was für ein seltsames Buch

Wir sind am Ende angekommen.

Und Der Fürst sieht jetzt etwas anders aus als am Anfang.

Es begann mit Arten von Fürstentümern. Dann kamen Eroberungen. Cesare Borgia. Verbrechen. Volk und Große. Kirche. Söldner. Hilfstruppen. Eigene Waffen. Kriegsvorbereitung. Moralische Eigenschaften. Großzügigkeit. Grausamkeit. Liebe und Furcht. Löwe und Fuchs. Wahrnehmung. Hass und Verachtung. Festungen. Ansehen. Minister. Schmeichler. Verlorene Staaten. Fortuna.

Und unter all dem liefen einige Fragen immer weiter.

Wovon hängt deine Macht ab?

Besitzt du eigene Fähigkeiten – oder leihst du sie dir?

Siehst du die Welt, wie sie ist – oder wie du sie gern hättest?

Kannst du erkennen, wann sich die Zeiten verändern?

Kannst du deine Art verändern, wenn die Zeit es verlangt?

Was liegt nicht in deiner Hand?

Und schließlich:

Was tust du mit dem Teil, der in deiner Hand liegt?

Vielleicht ist das die Frage, auf die Machiavelli sein ganzes Buch zulaufen lässt.

Nicht:

Wie werde ich ein böser Herrscher?

Das wäre nach sechsundzwanzig Kapiteln erstaunlich klein.

Sondern:

Die Welt ist unsicher.

Menschen sind unzuverlässig.

Macht verändert sich.

Umstände wechseln.

Fortuna kommt wie ein Fluss.

Du wirst niemals alles kontrollieren.

Aber du bist auch nicht nichts.

Also:

Was kannst du tun?


Der Bordcomputer schließt die letzte Akte.

FORTUNA: nicht beherrscht.

VIRTÙ: erforderlich.

ITALIEN: wartet.

Machiavelli legt die Feder hin.

Der Löwe ist still.

Der Fuchs ebenfalls.

Draußen fließt der Fluss weiter.

Und irgendwo baut jemand einen Damm.

ENDE.

TEIL VIII – KAPITEL XXIV–XXVI
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