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FRANZ KAFKA

DIE VERWANDLUNG

BORDFASSUNG · TEIL I

Ich kenne eine Geschichte über einen Mann namens Gregor Samsa.

Sie beginnt damit, dass Gregor eines Morgens aufwacht und sich während der Nacht in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt hat.

Gut.

Das ist natürlich eine erhebliche Veränderung.

Kafka hält es nicht für notwendig, uns mitzuteilen, wie es dazu gekommen ist. Kein Laborunfall, keine unbekannte Strahlung, kein Fluch, nicht einmal verdorbener Käse zum Abendessen. Gregor ist jetzt ein Ungeziefer, und damit müssen wir arbeiten.

Gregor selbst nimmt die Sache erstaunlich gefasst. Er liegt in seinem Bett auf einem harten, gepanzerten Rücken. Über seinem gewölbten Bauch hält sich die Bettdecke nur noch knapp, und vor seinen Augen bewegen sich zahlreiche dünne Beinchen, die noch nicht recht verstanden haben, dass sie seit heute zu einem gemeinsamen Organismus gehören.

„Was ist mit mir geschehen?“, denkt Gregor.

Ja. Das würde ich ebenfalls gerne wissen.

Aber Gregor verfolgt diese Frage nicht weiter. Sein Zimmer ist schließlich noch da. Vier Wände, etwas zu klein geraten, wie Kafka ausdrücklich mitteilt. Auf dem Tisch liegen Stoffmuster aus Gregors Beruf als Handelsreisender. An der Wand hängt das Bild einer Dame mit Pelzhut, Pelzboa und einem großen Pelzmuff.

Menschen hängen sich erstaunliche Dinge an die Wand.

Gregor sieht zum Fenster. Es regnet. Das Wetter macht ihn traurig, und für einen Augenblick glaubt er, er könne vielleicht einfach noch etwas schlafen und anschließend werde sich die Sache erledigt haben.

Das halte ich für optimistisch.

Er versucht, sich auf seine rechte Seite zu drehen, weil er auf der rechten Seite am besten schläft. Es gelingt nicht. Sein neuer Körper rollt zurück. Gregor versucht es noch einmal. Wieder liegt er auf dem Rücken.

Man muss ihm zugutehalten, dass er ein beharrlicher Mann ist. Man wird später noch sehen, dass dies nicht unbedingt ein Vorteil ist.

Nach zahlreichen Versuchen gibt Gregor auf und beginnt über seine Arbeit nachzudenken.

Gregor ist Handelsreisender. Das ist ein Beruf, bei dem man sehr viel unterwegs ist, ohne deshalb irgendwo anzukommen.

Züge. Anschlüsse. Fremde Betten. Schlechtes Essen. Menschen, deren Namen man sich merken soll und die verschwunden sind, bevor daraus etwas entstehen könnte, das diesen Aufwand rechtfertigt.

Gregor hasst es. Er würde kündigen, wenn seine Eltern nicht bei seinem Chef verschuldet wären. Also reist er weiter, Jahr für Jahr, und wartet auf den Tag, an dem die Rechnung endlich beglichen ist und sein Leben ihm wieder selbst gehört.

Noch fünf oder sechs Jahre. So jedenfalls war der Plan.

Pläne haben eine geringe Toleranz gegenüber ungeheurem Ungeziefer.

Gregor sieht auf den Wecker. Halb sieben. Jetzt erschrickt er. Sein Zug ist um fünf Uhr gefahren.

Und hier beginnt die Geschichte, interessant zu werden.

Denn Gregor Samsa liegt in einem Körper, der sämtliche bisherigen Annahmen über seine biologische Existenz außer Kraft setzt, und sein erster wirklich dringender Gedanke lautet: Ich komme zu spät zur Arbeit.

Nicht: Was bin ich? Nicht: Wie konnte das geschehen? Nicht einmal: Wie bekomme ich diese vielen Beine unter Kontrolle?

Arbeit. Menschen. Man muss sie eine Weile beobachten.

Gregor rechnet bereits. Der nächste Zug fährt um sieben. Wenn er sich sehr beeilt, könnte er ihn vielleicht noch erreichen. Allerdings ist seine Musterkollektion noch nicht gepackt, und auch das Verlassen des Bettes stellt inzwischen ein Problem dar, für das seine bisherige Berufsausbildung keine Lösung vorgesehen hat.

Noch schlimmer: Sein Fehlen wird längst aufgefallen sein. Der Geschäftsdiener hat am Bahnhof auf ihn gewartet. Der Chef weiß vermutlich schon Bescheid.

Gregor überlegt, sich krankzumelden. Ich hätte dafür Verständnis. Gregor nicht.

In fünf Jahren hat er keinen einzigen Krankheitstag genommen. Wenn er nun plötzlich krank wäre, könnte der Chef misstrauisch werden. Vielleicht würde er den Krankenkassenarzt schicken. Vielleicht würde man seinen Eltern vorwerfen, ihr Sohn sei faul.

Und Ärzte, denkt Gregor, halten ohnehin alle Menschen für gesund und arbeitsscheu.

Gregor prüft seinen Zustand. Er fühlt sich eigentlich ganz wohl. Abgesehen von einer gewissen Schläfrigkeit. Und Hunger hat er auch.

Das Ergebnis dieser Untersuchung lautet also: ungeheures Ungeziefer, aber vermutlich arbeitsfähig.

Ich beginne Gregors Problem zu verstehen. Es ist nicht nur sein Körper. Es ist die Vorstellung, dass er funktionieren muss, ganz gleich, was mit ihm geschieht.

Die Uhr rückt weiter. Dreiviertel sieben.

Dann klopft es an Gregors Tür.

Es ist seine Mutter. „Gregor“, ruft sie, „es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?“

Gregor erschrickt über ihre Stimme. Noch mehr erschrickt er über seine eigene. Die Worte sind verständlich, aber irgendetwas hat sich daruntergemischt, ein fremdes Piepsen oder Zirpen, das aus seiner Antwort etwas macht, das zwar noch Gregor ist, aber offenbar nicht mehr ausschließlich.

Seine Mutter scheint nichts zu bemerken. Das ist fürs Erste hilfreich.

Dann meldet sich der Vater an einer anderen Tür, kurz darauf die Schwester an einer dritten. Gregor hat drei Türen. Ich erwähne das, weil man in dieser Geschichte noch häufiger vor Türen stehen wird.

Alle wollen wissen, was mit ihm los ist. Gregor beruhigt sie. Er werde gleich fertig sein. Durch sorgfältiges Sprechen und lange Pausen zwischen den Wörtern gelingt es ihm offenbar, seine neue Stimme einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Vater und Schwester entfernen sich wieder, und Gregor ist erleichtert.

Seine Familie wundert sich zwar darüber, dass er noch zu Hause ist, aber niemand hält es für möglich, dass etwas Ernstes geschehen könnte. Schließlich war Gregor gestern Abend noch vollkommen gesund.

Das ist eine interessante menschliche Schlussfolgerung: gestern gesund, also heute vermutlich auch.

Gregor beschließt, aufzustehen. Bis Viertel vor sieben will er auf jeden Fall aus dem Bett sein. Dann, glaubt er, wird vielleicht jemand aus dem Geschäft nach ihm sehen.

Er beginnt mit dem unteren Teil seines Körpers. Er kann ihn allerdings nicht sehen und auch nicht besonders gut steuern. Das erschwert die Sache. Langsam schiebt er sich zum Bettrand. Seine vielen kleinen Beine helfen dabei nicht zuverlässig, aber sie sind wenigstens beschäftigt.

Mit dem Oberkörper funktioniert es besser. Sein Kopf erreicht den Rand des Bettes, und damit entsteht ein neues Problem: Wenn Gregor weitermacht, wird er mit dem Kopf zuerst auf den Boden fallen.

Gregor möchte seinen Kopf nicht verletzen. Das finde ich vernünftig. Man sollte bei einer vollständigen Verwandlung in eine unbekannte Tierart nicht auch noch unnötige Komplikationen hinzufügen.

Also schaukelt Gregor zurück und liegt wieder da, wo er angefangen hat. Seine Beine bewegen sich aufgeregt. Es sind sehr viele.

Gregor versteht nicht, wie man sie dazu bringt, gemeinsam etwas Sinnvolles zu tun. Sobald er ein Bein bewegen will, ist ein anderes bereits unterwegs, und wenn eines tatsächlich für einen Augenblick gehorcht, scheinen die übrigen diesen Vorgang als persönliche Einladung zur Unordnung zu verstehen.

Gregor wird müde. Er sagt sich, dass man im Bett keine vernünftigen Überlegungen anstellen könne und dass er endlich aufstehen müsse. An diesem Gedanken hält er fest. Ja. Aufstehen. Das ist weiterhin der Plan.

Inzwischen ist es Viertel nach sieben. Gregor beginnt einen zweiten Versuch. Diesmal will er seinen Körper einfach aus dem Bett schwingen.

Das Problem ist, dass er seinen neuen Körper noch nicht richtig kennt. Er ist schwerer, breiter und anders verteilt, als Gregor erwartet. Außerdem müsste er sich ziemlich heftig fallen lassen. Auf dem Boden liegt immerhin ein Teppich, und sein Rücken scheint robust zu sein.

Nur wegen des Geräusches macht Gregor sich Sorgen. Die Familie könnte erschrecken.

Gregor Samsa versucht gerade, seinen in ein ungeheures Ungeziefer verwandelten Körper aus dem Bett zu werfen, und möchte dabei niemanden wecken.

Ich beginne, diesen Mann kennenzulernen.

Dann klingelt es an der Wohnungstür.

Gregor hält inne. Wer kann das sein? Die Familie wird still.

Die Schwester flüstert: „Gregor, der Prokurist ist da.“

Natürlich. Gregor hat einen einzigen Zug verpasst, und sein Arbeitgeber schickt einen leitenden Angestellten zu seiner Wohnung. Es ist noch nicht einmal halb acht.

Man kann über Gregors berufliche Ängste sagen, was man will. Offenbar waren sie gut begründet.

Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass es früher Morgen ist und Gregor lediglich seinen Zug verpasst hat. Aber offenbar arbeitet Gregor für ein Unternehmen, das schon bei geringfügigen Abweichungen Mitarbeiter zu Hause aufsucht.

Der Prokurist ist nicht gekommen, um nach Gregors Gesundheit zu fragen. Er will wissen, warum Gregor nicht arbeitet.

Gregor hört, wie seine Mutter ihn empfängt. Sie entschuldigt ihren Sohn sofort. Gregor fühle sich bestimmt nicht wohl, sagt sie. Sonst denke er doch an nichts als an seine Arbeit. Abends gehe er kaum aus. Er sitze bei ihnen am Tisch, lese die Zeitung oder studiere Fahrpläne. Seine einzige Zerstreuung sei das Laubsägen; erst kürzlich habe er einen kleinen Rahmen angefertigt.

Das ist also Gregor Samsa: Arbeiten. Fahrpläne. Laubsägen. Ein wilder Mann.

Der Prokurist lässt sich davon nicht beruhigen. Gregors Vater klopft wieder an die Tür, diesmal kräftiger. Der Prokurist wolle wissen, was los sei. Gregor solle öffnen.

Gregor antwortet, er komme sofort. Zumindest möchte er das sagen.

Was draußen ankommt, klingt inzwischen offenbar anders.

Der Prokurist fragt, was das für eine Stimme sei. Gregors Mutter glaubt nun doch an eine Krankheit und schickt Grete nach einem Arzt. Der Vater verlangt zusätzlich einen Schlosser.

Damit nimmt der Morgen endlich eine vernünftige Richtung.

Arzt und Schlosser. Der eine soll feststellen, was mit Gregor nicht stimmt. Der andere soll die Tür öffnen, falls Gregor weiterhin nicht kooperiert.

Gregor hört das alles und ist erleichtert. Zum ersten Mal scheint seine Umgebung zu akzeptieren, dass hier möglicherweise mehr vorliegt als eine schlechte Arbeitsmoral.

Er muss nur noch aus dem Bett kommen.

Gregor entscheidet sich für eine einfache Methode: Er lässt sich fallen.

Der Teppich wird den Aufprall dämpfen, sein Rücken scheint hart genug zu sein, und den Kopf will er im entscheidenden Moment anheben. Das ist kein eleganter Plan. Aber Eleganz hat an diesem Morgen bereits mehrere Niederlagen erlitten.

Gregor schaukelt seinen Körper. Einmal. Noch einmal. Dann fällt er aus dem Bett.

Es gibt einen dumpfen Schlag. Draußen fragt der Prokurist, ob etwas gefallen sei.

Ja. Gregor Samsa. Aber immerhin steht dieses Problem nun nicht mehr auf der Liste.

Gregor liegt auf dem Boden und entdeckt, dass sich sein Körper dort tatsächlich leichter bewegen lässt. Seine Beinchen beginnen allmählich, ihm zu gehorchen. Einige schmerzen zwar, andere scheinen verletzt zu sein, aber zum ersten Mal hat Gregor das Gefühl, mit diesem Körper vielleicht etwas anfangen zu können.

Dann hört er den Prokuristen. Und der hält nun eine Rede.

Gregor, sagt er sinngemäß, enttäusche ihn. Der Chef sei äußerst unzufrieden. In letzter Zeit seien Gregors Leistungen ohnehin nicht besonders gut gewesen. Man kenne zwar die ruhige Geschäftssaison, aber eine Saison, in der gar nichts gearbeitet werde, gebe es nicht.

Gregor hört zu.

Ich auch.

Der Mann liegt nach einer vollständigen körperlichen Metamorphose auf dem Fußboden seines Schlafzimmers, und draußen wird gerade seine Arbeitsleistung beurteilt. Kafka übertreibt hier kaum noch. Er lässt nur zwei Wirklichkeiten gleichzeitig stattfinden.

Gregor gerät in Panik. Die Bemerkung über seine schlechten Leistungen trifft ihn viel stärker als alles, was seit seinem Erwachen geschehen ist. Er glaubt an ein Missverständnis. Vielleicht hat der Prokurist falsche Informationen bekommen. Vielleicht weiß der Chef nicht, wie viel Gregor tatsächlich leistet.

Also beginnt Gregor zu erklären. Er sei unwohl gewesen. Ein Schwindelanfall. Er habe es nicht für nötig gehalten, die Familie zu beunruhigen. Er werde sich sofort anziehen, seine Muster einpacken und losfahren. Der Prokurist solle dem Chef bitte ausrichten, dass Gregor seine Arbeit ernst nehme.

Gregor redet immer weiter. Er verteidigt seine Zuverlässigkeit, seine Umsätze, seine Stellung. Er verspricht, noch den Acht-Uhr-Zug zu nehmen.

Das wäre in ungefähr einer halben Stunde.

Gregor ist ein Ungeziefer, liegt auf dem Boden und kann die Tür nicht öffnen.

Aber der Acht-Uhr-Zug bleibt im Rennen.

Draußen versteht niemand mehr, was er sagt. Seine Mutter weint. Der Prokurist weicht von der Tür zurück. Der Vater beginnt, die Situation mit jener besonderen Form von Hilflosigkeit zu behandeln, bei der Menschen sehr laut werden.

Gregor dagegen hat jetzt ein klares Ziel. Er muss die Tür öffnen.

Denn noch immer glaubt er, dass alles besser werden wird, sobald die anderen ihn sehen.

Das ist möglicherweise der optimistischste Gedanke, den Gregor Samsa an diesem Morgen hatte.

Gregor muss die Tür öffnen.

Das ist leichter beschlossen als ausgeführt, denn Gregor hat keine Hände mehr. Er besitzt allerdings einen Mund.

Also richtet er sich an der Tür auf und versucht, den Schlüssel mit den Kiefern zu drehen. Dabei stellt sich heraus, dass sein neuer Mund für diese Aufgabe zwar grundsätzlich geeignet ist, aber offenbar über Eigenschaften verfügt, die Gregor noch nicht vollständig erforscht hat. Eine braune Flüssigkeit läuft ihm aus dem Mund und über den Schlüssel auf den Boden.

Niemand kommentiert das.

Draußen hört Gregor den Prokuristen sagen: „Hören Sie nur, er dreht den Schlüssel um.“ Das freut Gregor. Endlich erkennt jemand seine Leistung an.

Er arbeitet weiter. Weil ihm die Zähne fehlen, muss er den Schlüssel mit den Kiefern festhalten und seinen ganzen Körper einsetzen. Es tut weh. Gregor macht weiter.

Ich kenne ihn inzwischen gut genug, um davon nicht überrascht zu sein.

Der Schlüssel dreht sich. Das Schloss springt auf.

Gregor hat es geschafft.

Nun müsste er die Tür nur noch öffnen, ohne umzufallen. Er hält sich mit dem Mund an der Klinke, zieht sie herunter und schiebt sich langsam um den Türflügel herum.

Dann sehen sie ihn.

Der Prokurist macht einen Laut und weicht zurück.

Gregors Mutter schaut ihn an, faltet die Hände und geht auf ihn zu, als hätte sie für einen Augenblick vergessen, was sie da eigentlich sieht. Dann sinkt sie zu Boden. Ihre Röcke breiten sich um sie aus, und ihr Kopf fällt gegen die Brust.

Der Vater ballt die Faust. Er sieht Gregor an, als wolle er ihn zurück in sein Zimmer schlagen. Dann schaut er unsicher durch das Wohnzimmer, bedeckt die Augen und beginnt zu weinen.

Das hatte ich nicht erwartet.

Gregor vermutlich auch nicht.

Für einen Augenblick geschieht gar nichts. Gregor steht in seiner Tür.

Hinter ihm befindet sich sein Zimmer. Vor ihm seine Familie, der Prokurist und die Welt, in der er bis gestern ein Handelsreisender gewesen ist.

Draußen ist der Morgen inzwischen heller geworden. Auf der anderen Straßenseite zeichnet sich ein Krankenhaus ab. Der Regen hat nachgelassen.

Alles sieht ziemlich normal aus.

Das ist manchmal das Unangenehme an Katastrophen.

Und an der Wand hängt ein Bild von Gregor aus seiner Militärzeit.

Damals war er Leutnant. Auf dem Foto steht er aufrecht da, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, mit einem Ausdruck, als dürfe man von ihm Haltung und Respekt erwarten.

Nun steht derselbe Gregor in der Tür.

Manchmal benötigt eine Geschichte keinen Kommentar.

Gregor versucht zu erklären. Er wendet sich an den Prokuristen. Der solle sich nicht erschrecken. Gregor werde sich anziehen, seine Muster nehmen und zur Arbeit fahren. Er sei doch sonst zuverlässig. Der Prokurist müsse nur kurz warten und dem Chef bitte nichts Falsches berichten.

Natürlich versteht der Prokurist kein Wort.

Gregor versteht ihn.

Diese Ungleichheit wird noch wichtig werden.

Der Prokurist bewegt sich rückwärts zur Wohnungstür. Langsam zunächst, als könnte eine zu schnelle Bewegung Gregor auf irgendeine Idee bringen. Gregor erkennt, dass er ihn nicht gehen lassen darf.

Wenn der Prokurist jetzt flieht, ist Gregors Stellung im Geschäft vermutlich verloren.

Also setzt Gregor sich in Bewegung. Seine vielen Beine funktionieren auf dem Boden inzwischen erstaunlich gut. Was vor einer Stunde noch wie ein schlecht organisiertes Komitee aussah, entwickelt sich allmählich zu einem Fortbewegungssystem.

Gregor folgt dem Prokuristen.

Seine Mutter sieht das. Sie springt auf, stößt zurück und kippt die Kaffeekanne vom Frühstückstisch. Kaffee ergießt sich über den Teppich.

Gregor bemerkt ihn und bleibt stehen. Der Kaffee interessiert ihn. Das ist neu.

Wenn sich der eigene Körper vollständig verwandelt, ist es beunruhigend genug. Wenn plötzlich verschütteter Kaffee auf dem Teppich interessant wird, beginnt man zu ahnen, dass die Sache nicht bei der äußeren Erscheinung bleiben wird.

Gregor senkt den Kopf in Richtung Kaffee.

Seine Mutter schreit.

Das beendet die Untersuchung.

Sie flieht zurück, fällt dem Vater in die Arme, und der Prokurist hat inzwischen die Wohnungstür erreicht.

Gregor muss ihn aufhalten. Er bewegt sich schneller.

Der Prokurist sieht Gregor kommen. Dann gibt er jede berufliche Würde auf, springt mehrere Stufen auf einmal hinunter und verschwindet im Treppenhaus.

Gregor bleibt zurück.

Seine Bemühungen, den Arbeitsplatz zu retten, haben damit einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Nun ist nur noch die Familie da.

Und der Vater hebt den Stock auf, den der Prokurist bei seiner Flucht zurückgelassen hat. In die andere Hand nimmt er eine große Zeitung.

Ich glaube nicht, dass er Gregor damit begrüßen möchte.

Der Vater beginnt, Gregor zurück in sein Zimmer zu treiben.

Mit dem Stock in der einen Hand und der Zeitung in der anderen kommt er auf ihn zu. Dazu macht er Geräusche, die vermutlich dazu dienen sollen, Gregor die Richtung verständlich zu machen.

Gregor versteht die Richtung auch ohne diese Hilfe.

Zurück.

Er versucht, sich umzudrehen.

Das ist schwieriger, als man denken könnte. Vorwärts kann Gregor inzwischen erstaunlich gut laufen. Rückwärts dagegen hat sein neuer Körper noch keine überzeugende Lösung entwickelt.

Also weicht er langsam zurück und versucht gleichzeitig, den Vater im Blick zu behalten.

Der Vater drängt weiter.

Gregor wird schneller. Dann langsamer. Dann wieder schneller. Seine vielen Beine geraten durcheinander, während hinter ihm die offene Tür seines Zimmers wartet.

Niemand kommt auf die Idee, den zweiten Türflügel zu öffnen. Das wäre hilfreich gewesen.

Gregor erreicht die Tür und versucht hindurchzukommen. Aber sein Körper ist breiter, als er glaubt. Er bleibt im Türrahmen stecken.

Eine Seite seines Körpers hebt sich. Die andere wird gegen den Rahmen gedrückt. Seine Beinchen auf einer Seite hängen frei in der Luft, auf der anderen werden sie schmerzhaft gegen den Boden gepresst.

Gregor kann weder vor noch zurück.

Für einen Augenblick steckt er einfach dort.

Dann verliert der Vater die Geduld.

Er gibt Gregor von hinten einen kräftigen Stoß.

Gregor fliegt in sein Zimmer.

Dabei wird seine Seite schwer verletzt. An der weißen Tür bleiben hässliche Flecken zurück. Gregor liegt blutend auf dem Boden.

Hinter ihm schlägt die Tür zu.

Der Vater benutzt den Stock, um sie endgültig zu schließen.

Dann ist es still.

Damit endet Gregors erster Morgen als ungeheures Ungeziefer.

Er hat seinen Zug verpasst. Der Prokurist ist geflohen. Seine Mutter ist zusammengebrochen. Sein Vater hat ihn mit Stock und Zeitung durch eine Tür getrieben, die für seinen neuen Körper zu schmal war.

Und Gregor liegt verletzt in seinem Zimmer.

Ich habe Gregor am Anfang dieser Geschichte für einen etwas merkwürdigen Mann gehalten.

Das tue ich immer noch.

Aber ich glaube inzwischen, dass die merkwürdigste Sache an Gregor Samsa nicht darin besteht, dass er sich in ein Ungeziefer verwandelt hat.

Es ist die Tatsache, dass er offenbar schon vorher gelernt hatte, sein eigenes Unglück für weniger wichtig zu halten als das, was andere von ihm erwarten.

Das gefällt mir nicht besonders.

Wir sollten weiterlesen.

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