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FRANZ KAFKA

DIE VERWANDLUNG

BORDFASSUNG · TEIL III

Der Apfel blieb in Gregors Rücken stecken. Niemand wagte, ihn zu entfernen. Die schwere Verletzung erinnerte den Vater allerdings daran, dass Gregor trotz seiner gegenwärtigen Gestalt noch immer zur Familie gehörte. Man konnte ihn nicht behandeln wie einen Feind, den man aus der Wohnung vertreiben musste. Man musste ihn ertragen.

Mehr als einen Monat verging. Gregor konnte sich seit der Verletzung kaum noch bewegen. Für eine Strecke, die er früher in wenigen Augenblicken zurückgelegt hatte, brauchte er nun lange Minuten. An die Wände oder die Decke war nicht mehr zu denken. Dafür bekam er etwas anderes zurück.

Am Abend blieb seine Tür offen.

Gregor lag dann im Dunkeln seines Zimmers und konnte ins Wohnzimmer sehen. Vater, Mutter und Grete saßen dort wie früher. Nur war inzwischen fast nichts mehr wie früher.

Der Vater trug noch immer seine Uniform. Er arbeitete als Diener bei einer Bank und weigerte sich offenbar, nach Feierabend vollständig damit aufzuhören. Die goldenen Knöpfe glänzten, der Stoff wurde zunehmend fleckig, und der Vater schlief regelmäßig in seinem Sessel ein. Die Mutter nähte feine Wäsche für ein Geschäft. Grete hatte eine Stelle als Verkäuferin angenommen und lernte abends Stenografie und Französisch, weil sie hoffte, später etwas Besseres zu finden.

Alle arbeiteten. Gregor hatte früher geglaubt, genau das verhindern zu müssen.

Abends saßen sie nun erschöpft beieinander. Die Mutter ließ die Näharbeit sinken. Grete legte ihre Bücher weg. Und irgendwann schlief der Vater ein. Dann versuchten Mutter und Tochter, ihn ins Bett zu bringen.

„Nun komm doch, Vater“, sagte Grete.

Der Vater öffnete die Augen, erklärte, das sei ein Leben im Alter, und blieb sitzen. Erst nach langem Zureden erhob er sich schließlich, gestützt von beiden Frauen, und ging langsam ins Schlafzimmer.

Gregor beobachtete das alles durch die offene Tür. Früher war er nach Hause gekommen und hatte geglaubt, seine Familie ruhe sich aus, weil er arbeitete. Nun arbeitete die ganze Familie, während er im Dunkeln lag und zusah.

Die Tür war offen. Das war freundlich gemeint und vielleicht sogar eine Form von Zugehörigkeit. Aber Gregor begann zu verstehen, dass man zu einer Familie gehören und trotzdem nicht mehr in ihrem Leben vorkommen konnte.

Die Familie hatte sich eingerichtet. Nicht gut, aber so, dass es weiterging.

Der Vater ging morgens zur Bank. Grete stand hinter einem Ladentisch. Die Mutter nähte zu Hause Wäsche für fremde Leute. Dazu kam der Haushalt, der für die drei inzwischen zu groß geworden war. Die frühere Hilfe war nicht mehr da. Nur morgens und abends kam eine ältere Bedienerin für die schwersten Arbeiten. Alles andere erledigte die Mutter neben ihrer Näharbeit.

Auch an anderen Stellen wurde das bisherige Leben Stück für Stück abgebaut. Schmuckstücke der Mutter wurden verkauft. Man sprach darüber, die Wohnung aufzugeben. Sie war zu groß und zu teuer geworden.

Gregor hörte diese Gespräche aus seinem Zimmer. Der Gedanke an einen Umzug beunruhigte ihn. Die Familie erklärte sich gegenseitig, dass man keine kleinere Wohnung finden könne, solange Gregor da sei. Aber Gregor hielt das nicht für überzeugend. Man hätte ihn schließlich in einer Kiste transportieren können, wenn man nur ein paar Luftlöcher hineingemacht hätte. Das eigentliche Hindernis, vermutete er, war ein anderes. Die Familie glaubte, von einem Unglück getroffen worden zu sein, wie es noch niemanden getroffen hatte.

Dagegen war mit einem Umzugsunternehmen wenig auszurichten.

Gregor sah, wie erschöpft alle waren. Abends fiel der Vater in seinen Sessel, die Mutter beugte sich über ihre Näharbeit, Grete lernte für eine bessere Zukunft, die möglichst bald beginnen sollte. Und Gregor konnte nichts tun.

Anfangs hatte ihn dieser Gedanke vor allem mit Sorge erfüllt. Er hatte überlegt, wie man Geld beschaffen, die Mutter schonen und Grete das Arbeiten ersparen könnte. Inzwischen mischte sich etwas anderes darunter: Wut.

Er erinnerte sich an seine Arbeit, an die Reisen, an die frühen Züge, an all das Geld, das er nach Hause gebracht hatte. Er erinnerte sich daran, wie selbstverständlich es irgendwann geworden war, dass er für alle sorgte. Nun lag er allein in einem schmutziger werdenden Zimmer und wartete darauf, dass jemand die Tür öffnete.

Gregor hatte seine Familie jahrelang getragen. Jetzt trug die Familie sich selbst. Und niemand schien dabei noch besonders viel Kraft übrig zu haben, auch Gregor zu tragen.

Grete kam noch immer in Gregors Zimmer. Aber sie kam anders als früher.

Am Anfang hatte sie beobachtet, was er aß, hatte verschiedene Speisen ausprobiert und aus den Resten ihre Schlüsse gezogen. Jetzt schob sie morgens und mittags mit dem Fuß irgendein Essen hinein und fegte es später wieder hinaus, gleichgültig, ob Gregor davon gefressen hatte oder nicht.

Auch das Zimmer veränderte sich. Staub sammelte sich an den Wänden, auf dem Boden lagen Schmutz und Essensreste. Gregor selbst wurde davon nicht verschont. Auf seinem Rücken hafteten Staub, Haare und Abfälle, die er beim Kriechen mit sich zog. Manchmal bewegte er sich nur noch deshalb durch das Zimmer, weil ihn die Unordnung ärgerte.

Grete bemerkte das durchaus. Trotzdem putzte sie nicht gründlicher. Sie hatte inzwischen Arbeit, Unterricht und einen Haushalt, in dem jeder müde war. Gregor war einmal ihre besondere Aufgabe gewesen. Nun war er eine weitere.

Eines Tages konnte die Mutter den Zustand des Zimmers nicht länger ansehen. Sie nahm mehrere Eimer Wasser und reinigte es gründlich. Gregor bekam die Feuchtigkeit schlecht.

Grete bekam etwas anderes schlecht.

Als sie sah, dass die Mutter Gregors Zimmer gereinigt hatte, brach ein heftiger Streit aus. Grete betrachtete Gregors Pflege noch immer als ihre Aufgabe. Die Mutter weinte. Der Vater machte der Mutter Vorwürfe, weil sie die Reinigung nicht Grete überlassen hatte, und schrie zugleich Grete an, sie solle Gregors Zimmer künftig überhaupt nicht mehr reinigen.

Gregor hörte alles mit an. Drei Menschen stritten darüber, wer für ihn zuständig war.

Das war vermutlich mehr Aufmerksamkeit, als er seit Tagen bekommen hatte.

Die ältere Bedienerin, die inzwischen morgens und abends die gröbsten Arbeiten erledigte, hatte vor Gregor keine Angst. Sie öffnete seine Tür, sah hinein und blieb einfach stehen. Gregor wartete darauf, dass sie schrie, floh oder wenigstens die Tür wieder schloss.

Nichts davon geschah. Sie betrachtete ihn eine Weile.

„Komm mal herüber, alter Mistkäfer!“

Gregor hatte inzwischen einiges erlebt. Aber angesprochen zu werden war beinahe wieder etwas Neues.

Gregor aß inzwischen fast nichts mehr. Manchmal nahm er einen Bissen in den Mund, behielt ihn dort lange und spuckte ihn schließlich wieder aus. Er erklärte sich selbst, dass der Zustand seines Zimmers ihm den Appetit verdarb. Vielleicht war es das.

Dann bekam die Wohnung drei neue Bewohner. Es waren drei Zimmerherren, alle mit Vollbärten, und sie brachten eigene Möbel mit. Sie legten Wert auf Ordnung und hatten wenig Verwendung für Dinge, die sie nicht benötigten.

Die Familie dagegen besaß inzwischen einiges, für das sie keine Verwendung mehr hatte. Also wanderte es in Gregors Zimmer. Eine Aschenkiste kam hinein, eine Abfallkiste aus der Küche, alte Möbel und schließlich fast alles, was die Bedienerin gerade aus dem Weg haben wollte. Gregor lebte nun zwischen Gegenständen, die anderswo störten.

Er störte dort wenigstens niemanden.

Gregor hätte Platz schaffen können. Früher hatte er schließlich gern gekrochen. Aber seine Verletzung machte ihn langsam, und inzwischen fehlte ihm auch die Kraft. Also schob er sich zwischen dem Gerümpel hindurch, wenn er sich überhaupt bewegte.

Im Wohnzimmer sah die Welt inzwischen anders aus. Wenn die Zimmerherren aßen, standen Vater, Mutter und Grete bereit. Die Männer prüften das Essen, beobachteten die Mutter beim Servieren und nickten, wenn alles ihren Erwartungen entsprach. Die Familie selbst aß in der Küche.

Gregor sah durch die Tür zu. Früher hatte er für diese Wohnung bezahlt. Jetzt saßen andere Männer am Tisch und bezahlten dafür, dort zu sitzen.

Eines Abends war Gregors Tür offen geblieben. Die Zimmerherren saßen beim Essen, der Vater war aufmerksam, die Mutter brachte das Fleisch, Grete die Kartoffeln.

Dann hörte Gregor aus der Küche eine Violine.

Grete spielte.

Die drei Männer unterbrachen ihr Essen. Und Gregor hob den Kopf.

Die Zimmerherren wollten Grete hören.

Also wurde das Notenpult ins Wohnzimmer gebracht. Die Mutter setzte sich abseits in einen Sessel, der Vater blieb an der Tür stehen. Die drei Herren versammelten sich um das Pult, zunächst mit der Aufmerksamkeit von Männern, die eine musikalische Darbietung bestellt hatten und nun prüfen wollten, was geliefert wurde.

Grete begann zu spielen.

Gregor kannte ihr Spiel. Aber diesmal hörte er anders zu. Er schob den Kopf aus seinem Zimmer, dann den Körper. Dass er schmutzig war, dass Staub und Fäden an seinem Rücken hingen, kümmerte ihn nicht mehr. Früher hätte er sich versteckt, um Grete seinen Anblick zu ersparen.

Jetzt zog ihn die Musik ins Wohnzimmer.

Die Zimmerherren verloren unterdessen schnell das Interesse. Sie steckten die Hände in die Taschen, flüsterten miteinander und gingen schließlich zum Fenster. Grete spielte weiter.

Gregor kroch näher.

War er ein Tier, wenn Musik ihn so ergriff?

Die Frage stellte sich ihm tatsächlich. Und zum ersten Mal seit langer Zeit führte sie nicht nur zu dem, was er verloren hatte.

Er sah Grete an. Er wollte zu ihr. Sie sollte mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen und dort spielen. Nicht für die Zimmerherren. Nicht für Vater und Mutter. Für ihn.

Und plötzlich war auch der alte Plan wieder da: das Konservatorium.

Gregor hatte arbeiten und sparen wollen, damit Grete Musik studieren konnte. Weihnachten hatte er es der Familie sagen wollen. Dann war ein anderer Morgen gekommen, und Weihnachten hatte sich erledigt.

Nun stellte er sich vor, Grete in sein Zimmer zu holen und ihr endlich zu sagen, dass er sie aufs Konservatorium hatte schicken wollen. Natürlich konnte er es noch immer nicht sagen. Aber für einige Augenblicke schien Gregor das nicht zu begreifen. Er kroch weiter auf sie zu, als müsste er nur nahe genug an Grete herankommen und könnte ihr dann alles erklären.

Die Musik hatte etwas in ihm erreicht, an das in dieser Wohnung schon lange niemand mehr herangekommen war. Gregor wollte nichts verdienen, niemanden versorgen, niemandem aus dem Weg gehen.

Er wollte seiner Schwester zuhören. Und er wollte, dass sie wusste, warum.

Gregor war inzwischen weit ins Wohnzimmer gekrochen.

Einer der Zimmerherren bemerkte ihn zuerst. Er zeigte mit dem Finger auf Gregor und rief den Vater herbei. Gretes Violine verstummte.

Der Vater versuchte sofort, die drei Männer zurück in ihr Zimmer zu drängen. Er stellte sich vor sie, breitete die Arme aus und schob sie vorwärts, als ließe sich Gregor damit nachträglich wieder aus dem Abend entfernen.

Die Zimmerherren ließen sich das nicht gefallen. Der Wortführer erklärte, dass er sein Zimmer auf der Stelle kündige. Für die Tage, die er bereits in der Wohnung verbracht hatte, werde er wegen der widerwärtigen Verhältnisse selbstverständlich auch nichts bezahlen. Die beiden anderen schlossen sich ihm an. Dann verschwanden sie in ihrem Zimmer.

Im Wohnzimmer blieb die Familie zurück. Grete legte die Violine beiseite.

„Liebe Eltern“, sagte sie.

Sie könne so nicht weitermachen. Vor diesem Wesen dürfe man Gregors Namen nicht mehr aussprechen. Wenn es wirklich Gregor wäre, hätte er längst begriffen, dass Menschen mit einem solchen Wesen nicht zusammenleben könnten. Er wäre freiwillig fortgegangen.

Der Vater stimmte ihr zu. Die Mutter konnte kaum sprechen.

Gregor hörte zu.

Ausgerechnet Grete. Sie hatte ihm als Erste Essen gebracht. Sie hatte herausgefunden, was ihm schmeckte. Sie hatte sein Zimmer betreten, als alle anderen davor zurückschreckten. Nun war sie die Erste, die sagte, dass er gehen müsse.

Und ihre Begründung war schwerer zu ertragen als bloßer Ekel. Wenn das dort wirklich Gregor wäre, sagte sie sinngemäß, würde er Rücksicht auf seine Familie nehmen.

Gregor hatte seit seiner Verwandlung kaum etwas anderes getan.

Grete sah ihn an. Sie glaubte nicht mehr, dass er sie verstehen konnte. Sie glaubte auch nicht mehr, dass ihr Bruder irgendwo in diesem Körper vorhanden war.

Für sie war Gregor bereits fort. Nur sein Körper war noch da.

Gregor begann sich umzudrehen. Er wollte zurück in sein Zimmer.

Gregor brauchte lange, um sich umzudrehen. Sein Körper war schwach, und jede Bewegung kostete ihn Kraft. Niemand half ihm. Niemand trieb ihn an. Die Familie sah zu, während er sich langsam zurück in Richtung seines Zimmers bewegte.

Als er endlich die Tür erreicht hatte, drehte er noch einmal den Kopf. Die Mutter war eingeschlafen. Der Vater und Grete saßen still beieinander.

Gregor kroch in sein Zimmer.

Hinter ihm sprang Grete auf und schloss die Tür. Der Schlüssel drehte sich im Schloss.

„Endlich!“, sagte sie.

Gregor lag im Dunkeln. Seine Schmerzen wurden schwächer. Auch den Apfel in seinem Rücken spürte er kaum noch.

Er dachte an seine Familie.

Mit Liebe.

Und er war, wenn möglich, noch entschiedener als seine Schwester davon überzeugt, dass er verschwinden müsse.

So blieb er liegen. Draußen wurde es langsam heller. Von der Straße fiel ein schwacher Schein an die Zimmerdecke.

Dann senkte sich Gregors Kopf von selbst zu Boden. Aus seinen Nüstern kam noch einmal schwach der Atem.

Die Turmuhr schlug drei Uhr morgens.

Gregor Samsa bewegte sich nicht mehr.

Am nächsten Morgen öffnete die Bedienerin Gregors Tür. Sie sah hinein, bemerkte, dass er sich nicht bewegte, und stieß ihn mit dem Besen an. Als auch das nichts änderte, begriff sie.

„Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert.“

Vater, Mutter und Grete kamen aus ihren Zimmern. Gregor lag flach und trocken auf dem Boden. Grete betrachtete ihn und stellte fest, wie mager er geworden war. Er hatte seit langer Zeit kaum noch gegessen.

Dann standen die drei Zimmerherren im Flur und verlangten ihr Frühstück. Der Vater zeigte auf Gregors Zimmer. Die Männer sahen hinein.

Danach forderte der Vater sie auf, die Wohnung zu verlassen.

Diesmal gehorchten sie.

Die Bedienerin kümmerte sich um Gregors Körper. Später erklärte sie der Familie, dass sie sich keine Sorgen machen müsse. Es sei schon alles erledigt.

Vater, Mutter und Grete schrieben ihren Arbeitgebern und baten für diesen Tag um Entschuldigung. Dann verließen sie gemeinsam die Wohnung.

Sie fuhren mit der Straßenbahn hinaus ins Freie. Seit Monaten waren sie nicht mehr zusammen fort gewesen. Sie sprachen über ihre Arbeit und stellten fest, dass ihre Stellen gar nicht schlecht waren und Aussicht auf Besserung boten.

Auch die Wohnung konnte nun gewechselt werden. Eine kleinere würde genügen. Sie wäre billiger und günstiger gelegen.

Während der Fahrt wurde Grete lebhafter. Die Eltern sahen ihre Tochter an und bemerkten, dass sie trotz allem, was in den vergangenen Monaten geschehen war, zu einer jungen Frau herangewachsen war. Sie dachten daran, dass es bald Zeit sein könnte, einen guten Mann für sie zu finden.

Am Ende der Fahrt stand Grete auf und streckte ihren jungen Körper.

Vater und Mutter sahen einander an.

Es war ein schöner Tag.

Und das Leben ging weiter.

TEIL III
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