ARTHUR CONAN DOYLE – STUDIE IN SCHARLACHROT
TEIL I
I. MR. SHERLOCK HOLMES
Also gut. Sherlock Holmes. Bevor wir diesen Mann kennenlernen können, müssen wir allerdings erst John Watson kennenlernen. Arthur Conan Doyle besteht darauf, und er hat recht damit. Sherlock Holmes ohne Watson wäre zwar immer noch Sherlock Holmes. Aber niemand würde angemessen über ihn staunen.
Watson ist Arzt. Im Jahre 1878 macht er seinen Abschluss an der Universität London und geht anschließend nach Netley, um sich zum Militärarzt ausbilden zu lassen. Danach wird er als Assistenzarzt den Fünften Northumberland-Füsilieren zugeteilt. Das Regiment befindet sich in Indien.
Watson befindet sich noch in England. Und bevor die britische Militärverwaltung Gelegenheit bekommt, diese beiden Zustände miteinander in Einklang zu bringen, beginnt der zweite Afghanistankrieg. Watson reist nach Bombay, erfährt dort, dass sein Regiment bereits durch die Pässe gezogen ist und sich tief im feindlichen Gebiet befindet, und macht sich hinterher. Schließlich erreicht er Kandahar und tritt seinen Dienst an.
Der Feldzug bringt manchen Männern Ehre und Beförderungen. Watson bekommt eine Kugel. In der Schlacht von Maiwand trifft ihn das Geschoss einer Jezail-Muskete an der Schulter, zertrümmert den Knochen und streift knapp an einer großen Arterie vorbei. Sein Ordonnanzsoldat Murray wirft den Verwundeten auf ein Packpferd und bringt ihn zurück zu den britischen Linien.
Ohne Murray wäre Watson dort vermutlich gestorben. Das ist für unsere Geschichte von einer gewissen Bedeutung. Nicht nur deshalb, weil ein toter Dr. Watson die weitere Lektüre erheblich erschweren würde. Sondern weil wir später noch sehr viel über einen außergewöhnlichen Mann namens Sherlock Holmes sprechen werden. Es kann nicht schaden, vorher festzuhalten, dass ein Mann namens Murray etwas ziemlich Außergewöhnliches getan hat, ohne daraus eine Wissenschaft zu machen.
Watson kommt in ein Lazarett nach Peschawar. Er erholt sich langsam von seiner Verwundung, kann wieder durch die Station gehen und schließlich sogar ein wenig auf der Veranda in der Sonne sitzen. Dann bekommt er Typhus. Doyle räumt seinen Erzähler gründlich ab.
Monatelang rechnet niemand damit, dass Watson überleben wird. Als er schließlich doch wieder zu sich kommt, ist er so schwach und abgemagert, dass eine Ärztekommission seine unverzügliche Rückkehr nach England anordnet. Das Truppenschiff Orontes bringt ihn nach Portsmouth.
Watson ist wieder zu Hause. Seine Gesundheit ist dauerhaft ruiniert, nahe Verwandte hat er in England nicht, und die Regierung gewährt ihm neun Monate, um wieder auf die Beine zu kommen. Dazu erhält er täglich elf Schilling und sechs Pence. Er ist, wie er selbst sagt, frei wie die Luft.
Das ist eine bemerkenswerte menschliche Definition von Freiheit: keine Familie, keine Aufgabe, eine angeschlagene Gesundheit und elf Schilling sechs Pence am Tag. Aber gut. Watson geht nach London. Dort lebt er eine Zeit lang in einem privaten Hotel am Strand, führt eine, wie er selbst sagt, unbequeme und bedeutungslose Existenz und gibt sein Geld erheblich schneller aus, als es hereinkommt.
Damit besitzt er immerhin wieder ein Problem, das sich lösen lässt. Er kann London verlassen und irgendwo auf dem Land billiger leben. Oder er kann seine Lebensweise ändern. Watson entscheidet sich für London. Am selben Tag steht er in der Criterion Bar, als ihm jemand auf die Schulter klopft. Es ist Stamford, ein junger Mann, der früher am St. Bartholomew’s Hospital unter ihm gearbeitet hat.
Die beiden waren nie besonders eng befreundet. Watson freut sich trotzdem außerordentlich, ihn zu sehen. Das ist keine Nebensächlichkeit. London ist voller Menschen, und Watson ist allein. Unter solchen Umständen kann ein bekanntes Gesicht innerhalb weniger Sekunden erheblich an Wert gewinnen.
Er lädt Stamford zum Mittagessen ins Holborn ein, und gemeinsam fahren sie in einer Droschke durch die vollen Londoner Straßen. Stamford betrachtet seinen ehemaligen Kollegen. Watson sei dünn wie eine Latte und braun wie eine Nuss. Was um alles in der Welt sei mit ihm geschehen?
Watson erzählt. Afghanistan. Maiwand. Die Kugel. Typhus. Heimreise. „Armer Teufel“, sagt Stamford. Dann fragt er, was Watson nun vorhabe. Watson sucht eine Wohnung. Genauer gesagt versucht er herauszufinden, ob es in London möglich ist, angenehme Zimmer zu einem vernünftigen Preis zu bekommen.
Stamford findet das bemerkenswert. Watson sei bereits der zweite Mann an diesem Tag, der ihm genau dasselbe gesagt habe. Der andere arbeitet im chemischen Labor des Krankenhauses. Er hat schöne Räume gefunden, kann sich die Miete allein jedoch nicht leisten und sucht jemanden, der Wohnung und Kosten mit ihm teilt.
Watson ist sofort interessiert. Er wäre ohnehin lieber mit jemandem zusammen als allein. Stamford sieht ihn über sein Weinglas hinweg an. „Sie kennen Sherlock Holmes noch nicht.“ Da ist er. Nach Krieg, Verwundung, Typhus, einem Truppenschiff, einem Hotel und einer ziemlich angespannten Haushaltslage taucht Sherlock Holmes zum ersten Mal in der Literatur auf.
Nicht mit Mantel. Nicht mit Pfeife. Nicht im Nebel der Baker Street. Als Warnung eines Bekannten. Watson fragt natürlich, was gegen Holmes einzuwenden sei. Eigentlich nichts, sagt Stamford. Holmes sei ein anständiger Kerl. Nur etwas eigentümlich in seinen Vorstellungen und von einigen Wissenschaftsgebieten geradezu besessen.
Watson vermutet, Holmes sei Medizinstudent. Nein.
Was Sherlock Holmes eigentlich werden will, weiß Stamford nicht. Holmes kennt sich hervorragend mit Anatomie aus und ist ein erstklassiger Chemiker. Ein ordentliches Medizinstudium absolviert er jedoch nicht. Überhaupt scheinen seine Studien keinem vernünftigen Lehrplan zu folgen. Er sammelt Wissen nach einem System, das für seine Umgebung nicht erkennbar ist.
Das ist unsere erste brauchbare Information über Sherlock Holmes. Er weiß nicht einfach viel. Er entscheidet offenbar selbst, was wissenswert ist. Watson möchte ihn kennenlernen. Ein wissenschaftlich arbeitender, ruhiger Mitbewohner erscheint ihm sogar ideal. Nach Afghanistan habe er genug Lärm und Aufregung für den Rest seines Lebens gehabt.
Wir lassen diesen Satz hier einfach stehen. Stamford schlägt vor, nach dem Essen zum Krankenhaus zu fahren. Holmes werde wahrscheinlich im Labor sein. Manchmal verschwinde er dort wochenlang, manchmal arbeite er von morgens bis abends. Auf dem Weg versucht Stamford ein weiteres Mal, seine Verantwortung für die bevorstehende Bekanntschaft zu begrenzen.
Falls Watson mit Holmes nicht zurechtkomme, dürfe er ihm später keinen Vorwurf machen. Er kenne den Mann selbst nur aus dem Labor. Jetzt wird Watson misstrauisch. Was stimmt mit Holmes nicht? Stamford lacht. Das sei schwer zu erklären. Holmes sei für seinen Geschmack ein wenig zu wissenschaftlich. Beinahe kaltblütig.
Er könne sich durchaus vorstellen, dass Holmes einem Freund eine kleine Dosis eines neu entdeckten Pflanzengifts verabreichen würde, nur um dessen Wirkung zu untersuchen. Nicht aus Bosheit. Das ist Stamford wichtig. Holmes würde das Gift vermutlich ebenso bereitwillig selbst einnehmen.
Watson findet die Leidenschaft für exaktes Wissen grundsätzlich vernünftig. Stamford nennt ein weiteres Beispiel. Holmes schlägt mit einem Stock auf Leichen ein. Watson findet nun ebenfalls, dass zusätzliche Informationen hilfreich wären. Stamford hat es selbst gesehen. Holmes wollte feststellen, wie lange nach dem Tod noch Blutergüsse erzeugt werden können.
Und nein: Noch immer weiß niemand, wofür er dieses Wissen eigentlich sammelt. Dann erreichen sie das Krankenhaus. Sie steigen eine kahle Steintreppe hinauf, gehen einen langen Korridor mit weiß getünchten Wänden entlang und gelangen durch einen niedrigen Durchgang in das chemische Labor.
Der Raum ist hoch und voller Flaschen. Auf breiten Tischen stehen Retorten, Reagenzgläser und kleine Bunsenbrenner mit blauen Flammen. Nur ein Mensch ist dort. Er steht über einen entfernten Tisch gebeugt und arbeitet. Dann hört er die Schritte. Er blickt auf.
Springt hoch. „Ich habe es! Ich habe es!“ Mit einem Reagenzglas in der Hand läuft er auf die beiden Männer zu. Er habe ein Reagenz gefunden, erklärt er, das auf Hämoglobin reagiere und auf nichts anderes. Sein Gesicht strahlt, als hätte er Gold entdeckt. Das ist Sherlock Holmes.
Nicht die Warnungen Stanfords. Nicht der Name. Nicht die Figur, die inzwischen jeder zu kennen glaubt. Der Mann. Stamford stellt sie einander vor. Dr. Watson. Mr. Sherlock Holmes. Holmes begrüßt Watson herzlich und schüttelt ihm die Hand. Sein Griff ist kräftiger, als Watson nach seinem Äußeren erwartet hätte.
Dann sieht Holmes ihn an. „Sie waren in Afghanistan, wie ich sehe.“ Watson starrt zurück. Woher zum Teufel weiß dieser Mann das? Holmes kichert. Unwichtig.
Er hat schließlich Hämoglobin. Das muss man einen Augenblick würdigen. Watson begegnet einem vollkommen Fremden. Dieser Fremde weiß nach einem Blick, dass Watson gerade aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Watson möchte verständlicherweise wissen, wie das möglich ist.
Sherlock Holmes möchte über einen braunen Niederschlag sprechen. Und Doyle erklärt uns nichts. Noch nicht. Er lässt Watson mit seiner Frage stehen und zeigt uns stattdessen, womit dieser sonderbare Mensch sich beschäftigt. Holmes zieht ihn zum Arbeitstisch. Seine Entdeckung, erklärt er, ermögliche einen zuverlässigen Nachweis selbst winzigster Blutspuren.
Watson ist Arzt. Chemisch findet er das interessant. Den praktischen Nutzen erkennt er zunächst nicht. Holmes kann das kaum glauben. Das sei eine der bedeutendsten gerichtsmedizinischen Entdeckungen seit Jahren. Er sticht sich mit einer langen Nadel in den Finger.
Die Bekanntschaft dauert zu diesem Zeitpunkt ungefähr eine Minute. Holmes nimmt einen Tropfen seines eigenen Blutes und verdünnt ihn mit einem Liter Wasser. Die Flüssigkeit sieht danach nahezu klar aus. Nicht mehr als ein Teil Blut auf eine Million. Dann gibt er einige weiße Kristalle und Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu.
Die Mischung färbt sich stumpf mahagonibraun. Ein bräunlicher Niederschlag sinkt auf den Boden. Holmes klatscht in die Hände. Er ist glücklich. Nun erklärt er Watson, warum. Bei einem Mord findet man Monate später eine alte braune Spur auf einem Kleidungsstück. Ist es Blut? Schlamm? Rost? Fruchtsaft? Die bisherigen Verfahren liefern nach längerer Zeit keine sichere Antwort.
Holmes behauptet, dieses Problem gelöst zu haben. Und plötzlich bekommen all die sonderbaren Wissensgebiete, von denen Stamford erzählt hat, eine Richtung. Holmes beginnt Kriminalfälle aufzuzählen. Von Bischoff in Frankfurt. Mason in Bradford. Muller. Lefevre in Montpellier. Samson in New Orleans. Fälle, bei denen sein Verfahren seiner Ansicht nach entscheidend gewesen wäre.
Stamford nennt ihn lachend einen wandelnden Kalender des Verbrechens. Holmes scheint das eher als Anregung zu verstehen. Er klebt ein kleines Pflaster auf seinen Finger und erklärt, dass er vorsichtig sein müsse, weil er viel mit Giften experimentiere. Dann zeigt er seine Hand.
Sie ist mit weiteren Pflastern übersät und von starken Säuren verfärbt. Stamford hatte also nicht übertrieben. Eher im Gegenteil. Nun erinnert er die beiden daran, weshalb sie überhaupt hier sind. Watson braucht eine Wohnung. Holmes braucht einen Mitbewohner. Holmes ist sofort begeistert. Er hat bereits Räume in der Baker Street im Auge, die für beide hervorragend geeignet seien.
Damit beginnt eine jener erstaunlich sachlichen Verhandlungen, mit denen Menschen entscheiden, wem sie künftig beim Frühstück begegnen möchten. Holmes raucht starken Tabak. Watson auch. Holmes bewahrt Chemikalien in der Wohnung auf und führt gelegentlich Experimente durch.
Watson stört das nicht. Manchmal, erklärt Holmes, verfalle er in düstere Stimmungen und spreche tagelang kein Wort. Watson solle dann nicht glauben, er sei beleidigt. Man müsse ihn einfach in Ruhe lassen. Nun ist Watson an der Reihe. Er besitzt einen jungen Hund. Seine Nerven sind angeschlagen, weshalb er Lärm nicht verträgt. Er steht zu völlig unvernünftigen Zeiten auf und ist derzeit ausgesprochen faul. Wenn es ihm gesundheitlich besser gehe, besitze er noch weitere schlechte Eigenschaften.
Holmes hat eine dringende Frage. Zählt Geigenspiel als Lärm? Das hänge vom Spieler ab, sagt Watson. Eine gut gespielte Geige sei ein Genuss für die Götter. Eine schlecht gespielte dagegen— Holmes lacht. Dann ist alles geklärt. Am nächsten Mittag wollen sie gemeinsam die Zimmer besichtigen.
Watson verabschiedet sich von Holmes und geht mit Stamford zurück zu seinem Hotel. Nach einigen Schritten bleibt er stehen. Eine Sache lässt ihm keine Ruhe. Wie zum Teufel hatte Sherlock Holmes gewusst, dass er aus Afghanistan zurückgekehrt war? Stamford lächelt.
Das sei eben Holmes’ kleine Besonderheit. Watson sei keineswegs der Erste, der wissen wolle, wie dieser Mann solche Dinge herausfinde. Nun ist Watson endgültig interessiert. Das gefällt mir an ihm. Er hat gerade erst Krieg, Verwundung und Krankheit überstanden. Sein Körper funktioniert noch nicht richtig, sein Geld wird knapp, und sein Leben besitzt keine erkennbare Richtung.
Dann stellt ihm jemand ein Rätsel hin. Und Watson wird neugierig. Er erinnert sich an einen alten Satz: Das eigentliche Studienobjekt des Menschen sei der Mensch. Stamford findet das passend. Dann solle Watson Sherlock Holmes studieren. Allerdings werde das schwierig. Stamford würde darauf wetten, dass Holmes am Ende mehr über Watson herausgefunden haben werde als Watson über Holmes.
Sie verabschieden sich. Watson geht allein zu seinem Hotel zurück. Doyle beendet das Kapitel an dieser Stelle. Wir wissen noch immer nicht, wie Holmes von Afghanistan wusste. Wir wissen nicht, womit er sein Geld verdient. Wir wissen nicht, warum er dieses merkwürdige Wissen sammelt. Eigentlich wissen wir nicht einmal genau, was Sherlock Holmes ist.
Watson weiß es auch nicht. Aber er möchte es herausfinden. Damit haben wir für den Anfang alles, was wir brauchen.
II. DIE WISSENSCHAFT DER DEDUKTION
Am nächsten Tag treffen Watson und Holmes sich wieder und besichtigen die Wohnung, von der Holmes gesprochen hat.
221B Baker Street.
Ja. Diese Adresse. Heute genügt es, sie hinzuschreiben, und sofort steht ein ganzes Universum im Raum. 1887 ist davon noch nichts da. Keine Legende, kein berühmtester Detektiv der Welt, keine Generationen von Lesern, die wissen, wer hinter dieser Tür wohnt. Für Watson sind es einfach bezahlbare Zimmer.
Zwei angenehme Schlafzimmer und ein großes, luftiges Wohnzimmer mit zwei breiten Fenstern. Die Räume gefallen ihnen, die Miete erscheint geteilt durchaus vernünftig, und damit ist die Sache beschlossen. Watson zieht noch am selben Abend aus seinem Hotel ein. Holmes folgt am nächsten Morgen mit mehreren Kisten und Reisetaschen.
Ein oder zwei Tage lang packen sie aus, verteilen ihre Sachen und richten sich ein. Dann beginnt das Zusammenleben. Und Watson beginnt mit seiner Untersuchung. Nicht offiziell natürlich. Er sitzt nicht mit einem Notizblock hinter Holmes und verfolgt ihn durch die Wohnung.
Noch nicht. Zunächst stellt er fest, dass Sherlock Holmes überraschend unkompliziert als Mitbewohner ist. Er lebt ruhig und regelmäßig. Nach zehn Uhr abends ist er selten noch wach, morgens hat er meistens längst gefrühstückt und das Haus verlassen, bevor Watson überhaupt aufsteht.
Manchmal arbeitet Holmes im chemischen Labor, manchmal in den Sezierräumen. Gelegentlich unternimmt er lange Spaziergänge, die ihn offenbar in die ärmsten Gegenden Londons führen. Wenn er arbeitet, besitzt er eine enorme Energie. Dann wieder geschieht das Gegenteil.
Holmes liegt tagelang auf dem Sofa, spricht kaum ein Wort und bewegt sich von morgens bis abends fast nicht. Sein Blick wird leer und träumerisch. Watson fragt sich sogar, ob sein Mitbewohner vielleicht Drogen nimmt. Er verwirft den Gedanken. Holmes’ sonstige Lebensweise ist zu maßvoll und ordentlich.
Damit bleibt allerdings die ursprüngliche Frage bestehen:
Was macht dieser Mensch eigentlich?
Watson hat Zeit, darüber nachzudenken. Sehr viel Zeit. Seine Gesundheit erlaubt ihm nur bei gutem Wetter, das Haus zu verlassen. Freunde, die ihn besuchen könnten, besitzt er kaum. Sein Leben hat noch immer wenig Inhalt. Unter diesen Umständen wird Sherlock Holmes zu einer ausgesprochen willkommenen Beschäftigung.
Watson beobachtet ihn. Holmes ist etwas über sechs Fuß groß und so außergewöhnlich dünn, dass er noch größer wirkt. Seine Augen sind scharf und durchdringend, jedenfalls solange er nicht in einen seiner seltsamen reglosen Zustände verfällt. Die schmale, gebogene Nase gibt seinem Gesicht etwas Wachsames und Entschlossenes. Das kräftige, kantige Kinn verstärkt diesen Eindruck.
Seine Hände dagegen erzählen eine eigene Geschichte. Tinte. Chemische Flecken. Säurespuren. Und trotzdem besitzt Holmes eine außerordentlich feine und sichere Hand, wenn er seine empfindlichen Instrumente benutzt. Watson wird immer neugieriger. Er entschuldigt sich bei uns sogar dafür.
Der Leser möge ihn nicht für einen hoffnungslosen Schnüffler halten. Sein eigenes Leben sei schließlich leer genug gewesen, und Holmes habe nun einmal ein Rätsel dargestellt. Das ist verständlich. Man kann einem Menschen schwerlich einen Sherlock Holmes ins Wohnzimmer setzen und anschließend verlangen, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.
Watson versucht also herauszufinden, welchem Zweck all diese merkwürdigen Fähigkeiten dienen. Medizin studiert Holmes definitiv nicht. Auch auf einen naturwissenschaftlichen Abschluss arbeitet er nicht hin. Überhaupt scheint er keinen der üblichen Wege zu verfolgen, auf denen Menschen sich von einer Institution bestätigen lassen, dass sie etwas wissen.
Und doch weiß er auf bestimmten Gebieten erstaunlich viel. Nicht allgemein viel. Das wäre einfacher. Holmes’ Wissen besitzt Löcher. Große Löcher. Von zeitgenössischer Literatur versteht er praktisch nichts. Philosophie interessiert ihn ebenso wenig. Politik nur am Rande.
Als Watson Thomas Carlyle erwähnt, möchte Holmes wissen, wer das sei und was er getan habe. Watson ist überrascht. Dann entdeckt er etwas, das ihn wirklich erschüttert. Sherlock Holmes kennt die kopernikanische Theorie nicht. Er weiß nicht, dass die Erde um die Sonne kreist.
Holmes beschreibt sein Gehirn als eine kleine Dachkammer. Wer vernünftig sei, stelle dort nur die Möbel hinein, die er wirklich brauche. Nutzloses Wissen nehme wertvollen Platz ein und erschwere es, das Wichtige wiederzufinden.
Watson ist von dieser Theorie nicht vollständig überzeugt. Der Bordcomputer enthält sich an dieser Stelle einer Bewertung. Denn wir befinden uns auf einer Website namens Astronautenbar, und Sherlock Holmes hat gerade beschlossen, dass die Kenntnis des Sonnensystems für seine Arbeit entbehrlich ist.
Das muss man zunächst einmal respektieren.
Wissen ist für Sherlock Holmes kein Besitz. Es ist Werkzeug.
Und plötzlich ergibt Stanfords Beschreibung aus dem ersten Kapitel mehr Sinn. Holmes sammelt nicht wahllos merkwürdige Kenntnisse. Er baut etwas. Watson erkennt das ebenfalls. Wenn Holmes ausschließlich Dinge lernt, die seinem Zweck dienen, müsste man aus seinem Wissen eigentlich auf diesen Zweck schließen können.
Also macht Watson eine Liste. Jetzt sitzt er tatsächlich mit einem Stift da und untersucht seinen Mitbewohner. Die Bilanz sieht ungefähr so aus:
Sherlock Holmes – seine Grenzen
Literatur: nichts. Philosophie: nichts. Astronomie: nichts. Politik: schwach. Botanik: wechselhaft. Belladonna, Opium und Gifte ausgezeichnet. Gartenarbeit: keine Ahnung. Geologie: praktisch, aber begrenzt. Holmes kann verschiedene Erdarten unterscheiden und Watson nach einem Spaziergang anhand der Flecken auf seiner Hose sagen, aus welcher Gegend Londons sie stammen.
Chemie: hervorragend. Anatomie: genau, aber unsystematisch. Sensations- und Kriminalliteratur: gewaltig. Holmes scheint jedes schreckliche Verbrechen des Jahrhunderts zu kennen. Außerdem spielt er gut Geige, ist ein hervorragender Stockkämpfer, Boxer und Fechter und kennt sich praktisch mit britischem Recht aus.
Watson betrachtet die Liste. Literatur nichts. Astronomie nichts. Gifte ausgezeichnet. Böden unterscheiden. Verbrechen. Anatomie. Boxen. Geige. Recht. Er versucht, sich einen Beruf vorzustellen, für den genau diese Kombination erforderlich ist. Dann wirft er die Liste ins Feuer.
Man kann Watson keinen Vorwurf machen. Es gibt zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur einen Beruf, der exakt auf Sherlock Holmes zugeschnitten ist. Und Sherlock Holmes hat ihn selbst erfunden. Doch davon weiß Watson noch nichts. Zunächst gibt es die Geige. Holmes spielt bemerkenswert gut. Wenn Watson ihn darum bittet, spielt er Mendelssohn und andere Stücke, die Watson liebt.
Wenn Holmes dagegen für sich selbst spielt, wird es schwieriger. Dann lehnt er sich abends im Sessel zurück, schließt die Augen und lässt den Bogen scheinbar gedankenlos über die Saiten gehen. Manchmal entstehen tiefe, melancholische Klänge, dann wieder wilde und heitere.
Watson vermutet, dass die Musik Holmes’ Gedanken folgt. Ob sie ihm beim Denken hilft oder lediglich eine Laune ist, kann er nicht entscheiden. Holmes besitzt immerhin genügend soziales Feingefühl, diese Experimente anschließend häufig mit einigen von Watsons Lieblingsstücken auszugleichen.
Die Wohngemeinschaft funktioniert. Dann kommen die Besucher. Watson hatte zunächst angenommen, Holmes sei ebenso freundlos wie er selbst. Das erweist sich als Irrtum. Ein kleiner, blasser Mann mit dunklen Augen erscheint mehrmals innerhalb einer Woche. Er heißt Lestrade.
Dann kommt eine modisch gekleidete junge Frau. Ein älterer, heruntergekommener Mann. Eine schlampig gekleidete ältere Frau. Ein weißhaariger Herr. Ein Eisenbahnträger in Uniform. Menschen aus vollkommen unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft steigen die Treppe zu 221B Baker Street hinauf und verschwinden im gemeinsamen Wohnzimmer.
Wenn sie kommen, bittet Holmes Watson höflich, ihm den Raum zu überlassen. Er brauche ihn geschäftlich. Diese Leute seien seine Klienten. Watson hätte jetzt fragen können, was für ein Geschäft das eigentlich ist. Er fragt nicht. Menschen sind bemerkenswert. Watson führt inzwischen eine geistige Bestandsaufnahme über die Kenntnisse seines Mitbewohners, beobachtet dessen Besucher und versucht aus Schlammspritzern, Geigenspiel und Giftkenntnissen einen Beruf zu rekonstruieren.
Eine direkte Frage erscheint ihm dagegen indiskret. Holmes löst das Problem schließlich selbst. Am Morgen des 4. März steht Watson ungewöhnlich früh auf. Holmes sitzt noch beim Frühstück. Die Vermieterin ist an Watsons spätes Erscheinen so gewöhnt, dass weder sein Platz gedeckt noch sein Kaffee vorbereitet ist. Watson reagiert darauf mit jener besonderen Gereiztheit, zu der Menschen neigen, wenn andere Menschen sich vollkommen vernünftig an ihre Gewohnheiten angepasst haben.
Er klingelt nach seinem Frühstück. Während Holmes Toast isst, nimmt Watson eine Zeitschrift vom Tisch. Ein Artikel ist mit Bleistift markiert. Die Überschrift lautet:
„The Book of Life.“
Der Artikel behauptet, ein geschulter Beobachter könne aus winzigen Einzelheiten erstaunlich viel über einen Menschen herausfinden. Ein Gesichtsausdruck. Eine Muskelbewegung. Ein Blick. Fingernägel. Ärmel. Schuhe. Hosenknie. Schwielen an Fingern und Daumen. Hemdmanschetten.
Wer richtig beobachten und analysieren könne, so der Verfasser, könne daraus Beruf, Vergangenheit und Eigenschaften eines Menschen ableiten. Ein einzelner Wassertropfen könne einem Logiker die Existenz eines Atlantiks oder eines Niagarafalls verraten, auch wenn er weder das eine noch das andere je gesehen habe.
Alles Leben sei eine große Kette. Wer ein Glied wirklich verstehe, könne auf andere schließen. Watson liest weiter. Die Argumentation ist scharf. Die Schlussfolgerungen erscheinen ihm vollkommen übertrieben. Schließlich schlägt er die Zeitschrift auf den Tisch.
Was für ein unsäglicher Unsinn. Holmes blickt auf. Watson erklärt ihm, irgendein Sesseldenker habe sich da ein hübsches System ausgedacht. In seinem Arbeitszimmer möge das überzeugend klingen. Man solle diesen Menschen einmal in einen Wagen der Londoner Untergrundbahn setzen und ihn die Berufe seiner Mitreisenden bestimmen lassen.
Watson würde tausend zu eins gegen ihn wetten. Holmes kaut ruhig weiter. Watson würde sein Geld verlieren. Den Artikel habe nämlich Holmes geschrieben. Watson sieht ihn an. Holmes erklärt, Beobachtung und Deduktion lägen ihm. Und diese angeblich absurden Theorien seien ausgesprochen praktisch.
So praktisch, dass er damit seinen Lebensunterhalt verdiene. Jetzt sind wir endlich da. Watson fragt, wie. Holmes besitzt einen eigenen Beruf. Vermutlich, sagt er, sei er der einzige Mensch auf der Welt, der ihn ausübe. Er sei beratender Detektiv. London besitzt Polizeidetektive und Privatdetektive. Wenn diese Leute nicht weiterwissen, kommen sie zu Sherlock Holmes. Sie legen ihm die Fakten vor, und Holmes bringt sie wieder auf die richtige Spur.
Verbrechen, erklärt er, ähneln einander. Wer die Einzelheiten von tausend Fällen im Kopf habe, müsse schon großes Pech haben, wenn er den tausendundersten nicht entwirren könne. Lestrade etwa sei ein bekannter Detektiv. Bei einem Fälschungsfall habe er sich kürzlich völlig verirrt.
Deshalb war er hier. Und die anderen Besucher? Menschen mit Problemen. Häufig werden sie von privaten Ermittlungsbüros geschickt. Sie erzählen Holmes ihre Geschichte. Holmes hört zu, gibt seine Einschätzung ab und kassiert sein Honorar. Watson versucht, das zu begreifen.
Holmes löst Fälle, ohne die Wohnung zu verlassen? Durchaus. Bei schwierigeren Fällen müsse er natürlich selbst hinaus und die Dinge ansehen. Aber häufig genügten ihm sein Spezialwissen und die Informationen anderer. Beobachtung sei für ihn zur zweiten Natur geworden.
Zum Beispiel Afghanistan. Da ist es wieder. Die Frage aus dem ersten Kapitel. Watson vermutet noch immer, irgendjemand müsse Holmes davon erzählt haben. Niemand. Holmes erklärt ihm nun, was bei ihrer ersten Begegnung tatsächlich geschehen ist. Er sah einen Mann mit medizinischem Erscheinungsbild und zugleich militärischer Haltung.
Also einen Militärarzt. Watsons Gesicht war dunkel gebräunt, seine Handgelenke dagegen hell. Er musste aus den Tropen zurückgekehrt sein. Sein abgehärmtes Gesicht verriet Krankheit und Entbehrung. Der linke Arm war verletzt. Watson hielt ihn steif und unnatürlich.
Nun musste Holmes nur noch fragen: Wo konnte ein englischer Militärarzt in den Tropen schwere Entbehrungen erlebt und eine Armverletzung erlitten haben? Afghanistan. Das Ganze dauerte weniger als eine Sekunde. Holmes hatte die einzelnen Schritte nicht einmal mehr bewusst wahrgenommen.
Watson lächelt. Wenn Holmes es erklärt, klingt es plötzlich einfach. Das wird noch häufiger passieren. Es ist eine der besonderen Grausamkeiten großer Könner, dass ihre Arbeit im Nachhinein gelegentlich aussieht, als hätte man selbst darauf kommen können. Watson kennt solche Figuren allerdings aus Büchern.
Holmes erinnere ihn an Dupin, den Detektiv von Edgar Allan Poe. Er habe gar nicht gewusst, dass solche Menschen außerhalb von Geschichten existierten. Das hätte Holmes als Kompliment auffassen können. Tut er nicht. Dupin sei ein ziemlich minderwertiger Kerl. Ein wenig analytisches Talent, gewiss. Aber diese Angewohnheit, nach langem Schweigen plötzlich scheinbar die Gedanken seines Gegenübers zu erraten, sei vor allem effektvoll und oberflächlich.
Watson versucht es mit einem anderen berühmten Detektiv: Lecoq aus den Büchern Émile Gaboriaus. Holmes schnaubt. Lecoq sei ein jämmerlicher Stümper. Immerhin fleißig. In einem Fall habe Lecoq sechs Monate gebraucht, um einen unbekannten Gefangenen zu identifizieren. Holmes hätte das in vierundzwanzig Stunden erledigt.
Das Buch könne man höchstens als Lehrbuch darüber verwenden, wie Detektive nicht arbeiten sollten. Watson ist beleidigt. Er mochte Dupin und Lecoq. Nun steht er am Fenster und denkt, sein neuer Mitbewohner möge sehr klug sein. Bescheiden ist er jedenfalls nicht.
Holmes beklagt sich unterdessen darüber, dass es heutzutage überhaupt keine interessanten Verbrechen mehr gebe. Was nütze ihm sein Verstand, wenn niemand etwas Anständiges verbreche? Er wisse, dass er das Zeug dazu habe, berühmt zu werden. Kein lebender oder verstorbener Mensch habe so viel Studium und natürliches Talent auf die Aufklärung von Verbrechen verwendet wie er.
Und was bekomme er dafür? Stümperhafte Verbrechen mit Motiven, die sogar Scotland Yard erkenne. Wir haben Sherlock Holmes jetzt seit zwei Kapiteln kennengelernt. Doyle hält es offenbar nicht für notwendig, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten mit falscher Bescheidenheit auszustatten.
Watson wechselt lieber das Thema. Auf der anderen Straßenseite geht ein kräftiger, schlicht gekleideter Mann langsam entlang. Er betrachtet die Hausnummern und trägt einen großen blauen Umschlag. Offenbar sucht er eine Adresse. Watson deutet auf ihn. Was dieser Mann wohl suche?
Holmes blickt hin. „Sie meinen den pensionierten Sergeant der Marine.“ Watson denkt: Angeber. Holmes könne seine Behauptung schließlich nicht beweisen. In diesem Moment entdeckt der Mann die richtige Hausnummer, überquert die Straße und klopft. Schwere Schritte kommen die Treppe herauf.
Er tritt ins Zimmer. Ein Brief für Mr. Sherlock Holmes. Watson sieht seine Gelegenheit. Jetzt kann er Holmes erwischen. Ganz beiläufig fragt er den Boten nach seinem Beruf. Kommissionär, Sir. Die Uniform sei gerade zur Reparatur. Watson wirft Holmes einen leicht triumphierenden Blick zu.
Und vorher? Der Mann richtet sich auf. Sergeant, Sir. Royal Marine Light Infantry. Er schlägt die Hacken zusammen, salutiert und geht. Watson bleibt zurück. Holmes auch. Und auf dem Tisch liegt ein großer blauer Umschlag. Doyle könnte Watson an dieser Stelle noch etwas Zeit geben, seine Niederlage zu verarbeiten.
Tut er aber nicht. Wir haben schließlich einen Fall zu lösen.
III. DAS RÄTSEL VON LAURISTON GARDENS
Watson ist noch nicht ganz fertig mit dem pensionierten Marinesergeanten. Holmes schon. Er hat inzwischen den blauen Umschlag geöffnet und liest. Watson möchte wissen, wie er das mit dem Sergeanten erkannt hat. Holmes reagiert gereizt. Nicht weil die Frage schwierig wäre, sondern weil Watson gerade einen Gedankengang unterbrochen hat. Dann entschuldigt er sich und erklärt es doch.
Auf dem Handrücken des Mannes war ein großer blauer Anker tätowiert. Das deutete aufs Meer. Haltung und Backenbart waren militärisch. Dazu kamen die selbstbewusste Art, der Stock, die Kopfhaltung, das Alter. Marine. Sergeant. Für Holmes ist die Sache ungefähr so bemerkenswert wie zwei plus zwei.
Watson findet sie wunderbar. Holmes sagt: Alltäglich. Dabei sieht er durchaus so aus, als gefiele ihm Watsons Bewunderung. Das beruhigt mich ein wenig. Nun reicht er Watson den Brief. Er stammt von Tobias Gregson von Scotland Yard. In der vergangenen Nacht ist in Lauriston Gardens, nahe der Brixton Road, etwas geschehen.
Gegen zwei Uhr morgens bemerkte ein Polizist Licht in einem leer stehenden Haus. Die Haustür war offen. Im vorderen Zimmer fand er einen gut gekleideten toten Mann. In dessen Tasche steckten Karten mit dem Namen: Enoch J. Drebber Cleveland, Ohio U.S.A. Nichts wurde gestohlen.
Am Körper gibt es keine Verletzung. Im Zimmer befindet sich trotzdem Blut. Und niemand weiß, wie Drebber in das leere Haus gelangt ist oder woran er gestorben ist. Gregson hat alles möglichst unverändert gelassen und bittet Sherlock Holmes, vor zwölf Uhr vorbeizukommen.
Holmes liest die Nachricht mit deutlich größerem Interesse als eben Watsons Frage. Gregson, sagt er, sei der klügste Mann bei Scotland Yard. Lestrade ebenfalls. Das klingt zunächst freundlich. Dann ergänzt Holmes, beide seien schnell und energisch, aber erschreckend konventionell. Außerdem könnten sie einander nicht ausstehen und seien eifersüchtig wie zwei konkurrierende Schönheiten.
Sollten beide auf denselben Fall angesetzt sein, könne die Sache immerhin unterhaltsam werden. Watson versteht nicht, weshalb Holmes noch sitzt. Gerade eben hat dieser Mann darüber geklagt, London liefere keine vernünftigen Verbrechen mehr. Nun liegt ein Toter ohne Wunde in einem leeren Haus, umgeben von Blut, und Scotland Yard schreibt persönlich.
Watson will eine Droschke bestellen. Holmes ist unentschlossen. Er sei, erklärt er, der unheilbarste Faulpelz, der je Schuhe getragen habe. Zumindest manchmal. Watson erinnert ihn daran, dass er auf genau so einen Fall gewartet hat. Holmes weiß das. Das Problem ist ein anderes.
Wenn er den Fall vollständig löst, werden Gregson und Lestrade am Ende den Ruhm dafür bekommen. So sei das eben, wenn man keine offizielle Person ist. Watson weist darauf hin, dass Gregson ihn ausdrücklich um Hilfe gebeten hat.
Natürlich.
Gregson weiß, dass Holmes ihm überlegen ist. Er würde sich nur eher die Zunge abbeißen, als das vor einem dritten Menschen zuzugeben. Damit ist Holmes’ Widerstand überwunden. Vielleicht löst er den Fall. Vielleicht kann er wenigstens über Scotland Yard lachen.
Beides scheint ihm die Fahrt wert. „Kommen Sie.“ Watson soll seinen Hut holen. Ob Holmes möchte, dass er mitkommt? Natürlich.
Falls Watson nichts Besseres zu tun habe. Watson hat nichts Besseres zu tun. Eine Minute später sitzen beide in einer Droschke auf dem Weg zur Brixton Road. Der Morgen ist grau und neblig. Über den Dächern hängt ein schmutzig gelber Schleier, als hätte der Himmel beschlossen, sich farblich den Straßen anzupassen.
Watson wird von Wetter und Anlass bedrückt. Holmes ist bester Laune. Er spricht über Geigen. Genauer gesagt über Cremoneser Geigen und den Unterschied zwischen einer Stradivari und einer Amati. Watson hält das irgendwann nicht mehr aus. Ob Holmes überhaupt über den Fall nachdenke?
Nein.
Noch nicht. Er habe keine Daten. Und dann sagt Holmes etwas, das für seine gesamte Methode wichtiger ist als manche spektakuläre Deduktion: Es sei ein schwerer Fehler, eine Theorie zu bilden, bevor man die Beweise kenne. Denn sobald man eine Theorie besitzt, beginnt man unwillkürlich, die Tatsachen passend zu machen.
Holmes wartet lieber auf die Tatsachen. Kurz darauf kommen sie in der Brixton Road. Watson zeigt auf das Haus. Holmes lässt die Droschke sofort anhalten. Allerdings nicht davor. Etwa hundert Meter vorher. Den Rest gehen sie zu Fuß. Lauriston Gardens besteht aus vier Häusern, die etwas von der Straße zurückgesetzt stehen. Zwei sind bewohnt. Zwei leer.
Das Haus, das sie suchen, wirkt nicht besonders einladend. Drei Reihen leerer Fenster sehen auf die Straße hinaus. An einigen Scheiben hängen Schilder: ZU VERMIETEN. Zwischen Straße und Haus liegt ein kleiner Vorgarten mit kümmerlichen Pflanzen. Ein schmaler Weg aus gelblichem Lehm und Kies führt zur Tür. In der Nacht hat es geregnet. Alles ist nass und aufgeweicht.
Vor der Mauer steht ein Polizist. Ein paar Schaulustige haben sich ebenfalls eingefunden. Es gibt einen Toten. Menschen kommen schauen. Auch darin ist die Erde über die Jahrhunderte erstaunlich zuverlässig geblieben. Watson erwartet, dass Holmes sofort ins Haus eilt.
Holmes tut das Gegenteil. Er schlendert über den Gehweg. Sieht auf den Boden. Sieht zum Himmel. Betrachtet die Häuser gegenüber. Die Zäune. Dann geht er langsam in Richtung Eingang, allerdings nicht auf dem Weg, sondern über den schmalen Grasstreifen daneben. Zweimal bleibt er stehen.
Einmal lächelt er. Einmal gibt er einen kleinen zufriedenen Laut von sich. Watson sieht vor allem Fußspuren. Sehr viele Fußspuren. Polizisten sind bereits mehrfach über den nassen Boden gelaufen. Für Watson ist der Vorgarten damit weitgehend zerstört. Holmes sieht offenbar etwas anderes.
An der Haustür erwartet sie Gregson. Groß, blass, hellhaarig, Notizbuch in der Hand. Er begrüßt Holmes ausgesprochen herzlich und versichert ihm, im Haus sei alles unberührt geblieben. Holmes zeigt auf den Gartenweg. Fast alles. Eine Büffelherde hätte dort kaum gründlichere Arbeit leisten können.
Gregson erklärt, er habe im Haus genug zu tun gehabt. Lestrade sei schließlich ebenfalls da gewesen und hätte sich um draußen kümmern können. Holmes sieht Watson an. Hebt die Augenbrauen. Mit zwei Männern wie Gregson und Lestrade vor Ort könne für einen dritten Ermittler eigentlich kaum noch etwas übrig sein.
Gregson hört den Spott nicht. Oder beschließt, ihn nicht zu hören. Sie hätten bereits alles getan, was möglich sei. Aber der Fall sei wirklich ungewöhnlich, und er kenne schließlich Holmes’ Vorliebe für solche Dinge. Holmes stellt eine scheinbar vollkommen zusammenhanglose Frage.
Ob Gregson mit einer Droschke gekommen sei? Nein.
Lestrade? Auch nicht. Gut. Dann könne man jetzt das Zimmer ansehen. Watson versteht nicht, warum das wichtig war. Gregson ebenfalls nicht. Holmes geht hinein. Ein kahler, staubiger Flur führt durch das Haus. Zwei Türen gehen davon ab. Eine ist seit Wochen geschlossen. Die andere führt in das Esszimmer.
Dort liegt der Tote. Watson ist Arzt und Soldat gewesen. Er hat Menschen sterben sehen. Trotzdem verändert sich etwas in ihm, als er den Raum betritt. Der Tod besitzt eine Gegenwart. Das Zimmer ist groß und quadratisch, wirkt durch das fehlende Mobiliar noch größer. An den Wänden hängt eine auffällige Tapete, an vielen Stellen feucht und verschimmelt. Ganze Bahnen lösen sich und geben gelblichen Putz frei.
Gegenüber der Tür befindet sich ein Kamin mit einem Sims aus falschem weißem Marmor. Darauf steht der Rest einer roten Wachskerze. Durch das einzige schmutzige Fenster fällt trübes Licht. Alles ist grau. Alles ist staubig. Und mitten darin liegt Enoch J. Drebber.
Etwa dreiundvierzig oder vierundvierzig Jahre alt. Mittelgroß. Breite Schultern. Schwarzes, lockiges Haar. Kurzer Bart. Ein schwerer Gehrock, Weste, helle Hose, makelloser Kragen und saubere Manschetten. Neben ihm liegt ordentlich sein Zylinder. Der Mann selbst liegt nicht ordentlich.
Seine Hände sind verkrampft, die Arme ausgestreckt, die Beine ineinander verdreht. Auf seinem Gesicht ist ein Ausdruck von Angst und Hass erstarrt, wie Watson ihn selbst nach seinen Kriegserfahrungen noch nie gesehen hat. Das hier war kein friedlicher Tod. Lestrade steht an der Tür.
Er ist klein, schmal und wachsam. Dieser Fall werde Aufsehen erregen, sagt er. So etwas habe selbst er noch nicht gesehen. Keine Spur, sagt Gregson. Überhaupt keine, bestätigt Lestrade. Sherlock Holmes kniet sich neben die Leiche. Rund um den Körper befinden sich Blutspritzer.
Holmes fragt noch einmal: Keine Wunde? Beide Scotland-Yard-Männer sind sicher. Holmes zieht daraus unmittelbar die naheliegende und zugleich unangenehme Folgerung. Dann gehört das Blut einem zweiten Menschen. Falls Drebber ermordet wurde, wahrscheinlich dem Mörder.
Holmes erinnert der Fall an einen Todesfall in Utrecht im Jahr 1834. Gregson kennt ihn nicht. Natürlich nicht. Holmes empfiehlt ihm, ihn nachzulesen. Unter der Sonne gebe es wenig Neues. Während er spricht, arbeiten seine Hände. Tasten. Drücken. Öffnen Kleidung.
Prüfen. Seine Augen wirken dabei beinahe abwesend. Er riecht sogar an den Lippen des Toten und untersucht die Sohlen seiner Lackschuhe. Dann ist er fertig. Die Leiche könne weggebracht werden. Mehr gebe sie nicht her. Vier Männer kommen mit einer Bahre. Sie heben Drebber an.
Etwas fällt zu Boden. Ein leises metallisches Geräusch. Ein Ring rollt über die Dielen. Lestrade greift danach. Ein schlichter goldener Ehering einer Frau. Plötzlich stehen vier Männer in einem leeren Haus um einen kleinen goldenen Ring herum und betrachten ihn, als hätte er gerade das Wort ergriffen.
Lestrade ist begeistert. Eine Frau war hier. Gregson findet, der Fall werde immer komplizierter. Holmes fragt, ob der Ring ihn nicht vielleicht einfacher mache. Dann will er wissen, was Drebber bei sich trug. Die Gegenstände liegen auf einer der unteren Treppenstufen.
Eine goldene Uhr. Eine schwere goldene Kette. Ein goldener Ring mit Freimaurerzeichen. Eine goldene Nadel mit einem Bulldoggenkopf und Rubinaugen. Ein Kartenetui aus russischem Leder mit Drebbers Visitenkarten. Etwas mehr als sieben Pfund Bargeld. Kein Portemonnaie.
Außerdem eine kleine Ausgabe von Boccaccios Decamerone. Darin steht ein anderer Name:
Joseph Stangerson.
Schließlich zwei Briefe. Einer an Drebber. Einer an Stangerson. Beide liegen beim American Exchange am Strand zur Abholung bereit und stammen von einer Dampfschifffahrtsgesellschaft. Sie betreffen eine bevorstehende Überfahrt von Liverpool nach Amerika. Drebber wollte also offenbar nach New York zurückkehren.
Holmes fragt nach Stangerson. Gregson hat bereits Zeitungsanzeigen veranlasst und einen Mann zum American Exchange geschickt. Außerdem hat Scotland Yard nach Cleveland telegrafiert. Holmes möchte wissen, was genau man gefragt habe. Nun wird Gregson etwas weniger zufrieden.
Man habe die Umstände geschildert und um alle Informationen gebeten, die bei der Aufklärung helfen könnten. Holmes fragt, ob Gregson nach einem bestimmten entscheidenden Punkt gefragt habe. Nach Stangerson. Sonst nichts? Gregson wird beleidigt. Er habe dazu nichts mehr zu sagen.
Holmes chuckelt. In diesem Augenblick kommt Lestrade zurück. Er sieht aus wie ein Mann, der gerade etwas gefunden hat, das Gregson nicht gefunden hat. Das ist für Lestrade beinahe ebenso erfreulich wie die Aufklärung eines Mordes. Er bittet alle zurück ins Zimmer.
Dort zündet er ein Streichholz an und hält es an eine dunkle Ecke der Wand. Ein großes Stück Tapete hat sich dort gelöst. Der gelbliche Putz liegt frei. Darauf steht mit blutroten Buchstaben ein einziges Wort:
RACHE
Lestrade ist triumphierend. Der Mörder müsse es mit Blut geschrieben haben. Die rote Kerze auf dem Kaminsims sei vermutlich angezündet gewesen, weshalb genau diese Ecke hell genug zum Schreiben war. Gregson möchte wissen, was das Wort bedeuten soll. Lestrade hat eine Theorie.
Der Täter wollte Rachel schreiben. Den Namen einer Frau. Er wurde nur gestört, bevor er das letzte L setzen konnte. Watson hört zu. Gregson hört zu. Sherlock Holmes beginnt zu lachen. Lestrade ist gekränkt. Er werde schon sehen. Wenn der Fall gelöst sei, werde eine Frau namens Rachel darin vorkommen. Holmes möge noch so klug sein, am Ende sei der alte Spürhund eben doch der beste.
Holmes entschuldigt sich. Immerhin gebühre Lestrade das Verdienst, die Schrift entdeckt zu haben. Nun möchte Holmes das Zimmer selbst untersuchen. Er zieht ein Maßband und eine große runde Lupe aus der Tasche. Und dann verschwindet Sherlock Holmes. Nicht körperlich.
Aber für die anderen Menschen im Raum. Er läuft lautlos hin und her, bleibt stehen, kniet nieder, legt sich einmal sogar flach auf den Boden. Er misst Abstände zwischen Spuren, die Watson nicht einmal sehen kann. Er vermisst Stellen an den Wänden. Murmelt. Pfeift. Stöhnt. Gibt kleine zufriedene Laute von sich.
Watson beobachtet ihn. Holmes erinnert ihn an einen hervorragend ausgebildeten Jagdhund, der eine verlorene Fährte aufgenommen hat. Mehr als zwanzig Minuten arbeitet er so. An einer Stelle sammelt er vorsichtig ein wenig grauen Staub vom Boden und füllt ihn in einen Umschlag.
Dann untersucht er jeden einzelnen Buchstaben des Wortes an der Wand mit der Lupe. Erst danach steckt er seine Instrumente wieder ein. Genie, sagt Holmes, werde manchmal als unendliche Fähigkeit beschrieben, sich Mühe zu geben. Eine schlechte Definition. Für Detektivarbeit sei sie allerdings gar nicht schlecht.
Gregson und Lestrade betrachten ihn mit einer Mischung aus Neugier und Geringschätzung. Watson nicht mehr. Watson beginnt zu verstehen, dass bei Sherlock Holmes selbst die kleinsten Handlungen einen Zweck haben. Die beiden Detektive wollen sein Urteil hören. Holmes möchte ihnen selbstverständlich nicht den Ruhm nehmen.
Sie seien doch hervorragend unterwegs. Es wäre geradezu schade, sich einzumischen. Der Sarkasmus ist inzwischen so deutlich, dass selbst Scotland Yard ihn wahrnehmen dürfte. Holmes bittet lediglich darum, über den Fortgang der Ermittlungen informiert zu werden.
Und er möchte mit dem Polizisten sprechen, der die Leiche entdeckt hat. Sein Name ist John Rance. 46 Audley Court, Kennington Park Gate. Holmes notiert die Adresse. Dann wendet er sich noch einmal an Gregson und Lestrade. Vielleicht könne er ihnen doch ein wenig helfen.
Der Tote wurde ermordet. Der Mörder war ein Mann. Mehr als sechs Fuß groß. Im besten Mannesalter. Für seine Körpergröße hatte er kleine Füße. Er trug grobe Schuhe mit eckigen Spitzen. Er rauchte eine Trichinopoly-Zigarre. Er kam gemeinsam mit Drebber in einer vierrädrigen Droschke.
Das Pferd dieser Droschke hatte drei alte Hufeisen und am rechten Vorderhuf ein neues. Der Täter hatte wahrscheinlich ein gerötetes Gesicht. Und auffallend lange Fingernägel an der rechten Hand. Holmes macht eine kleine Pause. Nur ein paar Hinweise. Vielleicht seien sie nützlich.
Gregson und Lestrade sehen einander an. Sie lächeln. Natürlich. Wenn es Mord war, fragt Lestrade, wie wurde Drebber dann getötet? Holmes antwortet mit einem Wort.
Gift.
Dann geht er zur Tür. Dort fällt ihm noch etwas ein. Er dreht sich zu Lestrade um. „Rache“ sei das deutsche Wort für revenge. Rache. Nicht Rachel. Lestrade könne sich die Suche nach Miss Rachel also sparen. Damit verlässt Sherlock Holmes das Haus. Gregson und Lestrade bleiben zurück.
Mit offenem Mund. Watson folgt Holmes. Er weiß noch nicht, ob irgendeine dieser Behauptungen stimmt. Aber etwas hat sich verändert. Im ersten Kapitel wollte Watson herausfinden, wer Sherlock Holmes ist. Im zweiten erfuhr er, was Sherlock Holmes tut. Jetzt hat er ihn zum ersten Mal arbeiten sehen.
Und plötzlich ist die Frage eine andere.
Wie um alles in der Welt hat er das alles gesehen?
IV. WAS JOHN RANCE ZU ERZÄHLEN HAT
Es ist ein Uhr, als Holmes und Watson Lauriston Gardens verlassen. Holmes geht zunächst zum nächsten Telegraphenamt und schickt ein langes Telegramm ab. An wen? Sagt er nicht. Was darin steht? Sagt er ebenfalls nicht. Watson kennt ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Fragen an dieser Stelle vermutlich nur dazu führen würden, dass Holmes zufrieden aussieht.
Danach nehmen sie eine Droschke zu John Rance. Holmes ist mit dem Fall im Wesentlichen fertig. Watson nicht. Nicht annähernd. Er fragt deshalb, ob Holmes all die Dinge, die er Gregson und Lestrade gerade aufgezählt hat, wirklich ernst gemeint habe. Der große Mann. Die kleinen Füße. Die eckigen Schuhe. Das Pferd mit dem neuen Hufeisen. Die Zigarre. Die Fingernägel.
Holmes versteht die Aufregung nicht. Natürlich.
Die Droschke hatte vor dem Haus zwei tiefe Radspuren hinterlassen. Eine Woche lang hatte es nicht geregnet. Also musste sie in der vergangenen Nacht dort gestanden haben. Die Hufabdrücke waren ebenfalls sichtbar. Einer zeichnete sich deutlich schärfer ab als die übrigen drei.
Ein neues Hufeisen. Das erklärt die Droschke. Watson fragt nach der Körpergröße. Schrittlänge. Holmes hatte die Abstände der Fußspuren draußen im Lehm und drinnen im Staub gemessen. Außerdem schreibt ein Mensch an einer Wand gewöhnlich ungefähr auf Augenhöhe. Das Wort RACHE befand sich etwas mehr als sechs Fuß über dem Boden.
Für Holmes: Kinderspiel. Watson versucht es mit dem Alter. Auch das. Auf dem Gartenweg lag eine Pfütze. Der Mann mit den Lackschuhen war außen herumgegangen. Der Mann mit den eckigen Schuhspitzen hatte sie mit einem einzigen großen Schritt überwunden. Ein älterer, steifer Mann bewegt sich gewöhnlich anders.
Watson fragt nach den langen Fingernägeln. Beim Schreiben des Wortes hatte der Täter seinen Zeigefinger in Blut getaucht. Holmes’ Lupe zeigte feine Kratzer im Putz. Der Fingernagel war also lang. Und die Zigarre? Der graue Staub, den Holmes vom Boden gesammelt hatte, war Zigarrenasche.
Nicht irgendeine. Trichinopoly. Holmes hat Zigarrenasche studiert. Ausführlich. Er hat sogar eine Monografie darüber geschrieben und behauptet, die Asche sämtlicher bekannter Zigarren- und Tabaksorten auf einen Blick unterscheiden zu können. Natürlich hat er das.
Watson hatte im ersten Kapitel versucht herauszufinden, warum ein Mensch sein Gehirn mit derart sonderbarem Wissen füllt. Langsam bekommt er Antworten. Der Mann sammelt keine Kuriositäten. Er sammelt Unterschiede. Dinge, die für andere Menschen gleich aussehen und für ihn nicht.
Asche ist nicht Asche. Erde ist nicht Erde. Ein Fußabdruck ist nicht einfach ein Fußabdruck. Und ein leerer Vorgarten ist offenbar ein ziemlich ausführlicher Bericht, wenn man seine Sprache lesen kann. Nur bei einer Sache wird Holmes vorsichtiger. Dem roten Gesicht des Täters.
Das, räumt er ein, sei eine kühnere Schlussfolgerung gewesen. Mehr verrät er noch nicht. Watson fährt sich über die Stirn. Je mehr Holmes erklärt, desto verwirrender erscheint ihm der Fall als Ganzes. Zwei Männer kommen gemeinsam in einem Wagen zu einem leeren Haus.
Einer stirbt, ohne sichtbare Verletzung. Der andere hat offenbar geblutet. Raub war nicht das Motiv. Ein Ehering liegt beim Toten. Der Täter schreibt das deutsche Wort RACHE an die Wand. Und irgendwo verschwindet ein Droschkenkutscher. Wie soll das alles zusammenpassen?
Holmes lächelt anerkennend. Watson habe die Schwierigkeiten ausgezeichnet zusammengefasst. Einige Dinge seien tatsächlich noch unklar. Aber über die wesentlichen Tatsachen habe Holmes sich bereits eine Meinung gebildet. Auch das Wort an der Wand hält er nicht für besonders geheimnisvoll.
Es sollte die Polizei auf eine falsche Spur bringen. Deutsche. Sozialisten. Geheimgesellschaften. Etwas in dieser Richtung. Der Täter habe sich sogar bemüht, das A deutsch aussehen zu lassen. Zu sehr bemüht. Ein echter Deutscher, erklärt Holmes, hätte den Buchstaben nicht so geschrieben.
Also war RACHE Theater. Eine Kulisse für Scotland Yard. Holmes möchte Watson allerdings nicht alles erklären. Ein Zauberkünstler, sagt er, verliere seinen Reiz, sobald man den Trick kenne. Wenn er Watson zu viel über seine Arbeitsweise verrate, werde dieser ihn am Ende noch für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten.
Watson widerspricht sofort. Das werde niemals geschehen. Holmes habe die Aufklärung von Verbrechen einer exakten Wissenschaft nähergebracht, als irgendjemand sonst es vermutlich je schaffen werde. Holmes wird rot. Tatsächlich. Sherlock Holmes errötet vor Freude.
Das sollten wir uns merken. Es ist leicht, ihn als kalte Denkmaschine zu betrachten. Er selbst hilft bei diesem Missverständnis kräftig mit. Aber loben Sie seine Arbeit ernsthaft, und plötzlich sitzt dort ein junger Mann, der sehr gern hört, dass er außergewöhnlich gut in etwas ist.
Holmes schenkt Watson dafür noch eine Information. Die beiden Männer kamen gemeinsam in derselben Droschke. Sie gingen friedlich nebeneinander zum Haus, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Drinnen änderte sich die Stimmung. Der Mann mit den Lackschuhen stand weitgehend still.
Der Mann mit den eckigen Schuhen lief im Zimmer auf und ab. Holmes konnte es im Staub lesen. Und die Schritte wurden länger. Der Mann wurde also immer aufgeregter. Er redete. Steigerte sich hinein. Wurde wütend. Dann geschah der Mord. Mehr, sagt Holmes, wisse er selbst noch nicht.
Alles Weitere wäre Vermutung. Das genügt ihm fürs Erste. Außerdem muss er sich beeilen. Am Nachmittag möchte er ein Konzert besuchen. Norman Neruda spielt. Mordermittlung am Vormittag. Violine am Nachmittag. Man muss Prioritäten setzen. Während Holmes seine Rekonstruktion erklärt hat, ist die Droschke immer weiter durch London gefahren. Die Straßen werden schmaler, schmutziger und trostloser.
Schließlich hält der Kutscher. Audley Court. Ein schmaler Durchgang zwischen stumpfen Backsteinfassaden führt in einen gepflasterten Hof. Schmutzige Kinder spielen zwischen den Häusern. Verfärbte Wäsche hängt über ihnen. In Nummer 46 wohnt John Rance. Der Polizist schläft.
Seine Nachtschicht ging von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens, und er reagiert entsprechend begeistert darauf, für zwei Fremde geweckt zu werden. Er habe seinen Bericht bereits auf der Wache abgegeben. Holmes nimmt eine halbe Sovereign-Münze aus der Tasche und lässt sie nachdenklich zwischen den Fingern spielen.
Sie würden die Geschichte trotzdem gern noch einmal von ihm persönlich hören. Rance betrachtet die Goldmünze. Seine Erinnerung verbessert sich augenblicklich. Er setzt sich auf das Rosshaarsofa und beginnt. Seine Schicht war zunächst ruhig gewesen. Gegen elf hatte es im White Hart eine Schlägerei gegeben. Danach nichts Besonderes.
Um ein Uhr begann es zu regnen. Rance traf seinen Kollegen Harry Murcher, der den Bezirk Holland Grove kontrollierte. Die beiden standen eine Weile an der Ecke Henrietta Street und unterhielten sich. Gegen zwei ging Rance weiter die Brixton Road hinunter. Die Straße war leer.
Ein oder zwei Droschken fuhren vorbei. Rance dachte darüber nach, wie angenehm jetzt ein heißer Gin wäre. Dann sah er Licht in einem Fenster. Lauriston Gardens. Rance wusste, dass die Häuser leer standen. Der Eigentümer weigerte sich, die Abflüsse reparieren zu lassen, und der letzte Mieter war an Typhus gestorben.
Man kann Immobilien auf verschiedene Arten vermarkten. Diese hier gehörte offenbar nicht zu den erfolgreicheren. Rance wurde misstrauisch. Er ging zur Haustür. Holmes unterbricht ihn.
Nein.
Rance sei zur Haustür gegangen, dort stehen geblieben und anschließend wieder bis zum Gartentor zurückgelaufen. Warum? Rance verstummt. Er sieht Holmes an. Woher zum Teufel weiß der das? Watson kennt dieses Gefühl bereits. Rance erklärt widerwillig, dass das Haus vollkommen still und verlassen gewirkt habe.
Er habe keine Angst. Selbstverständlich nicht. Nicht vor irgendetwas auf dieser Seite des Grabes. Aber möglicherweise, so war ihm durch den Kopf gegangen, könnte der an Typhus verstorbene ehemalige Bewohner zurückgekehrt sein, um sich die Abflüsse anzusehen, die ihn umgebracht hatten.
Das ist eine bemerkenswert bürokratische Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Rance ging also zurück zum Tor und suchte nach Murchers Laterne. Nichts. Kein Mensch auf der Straße. Nicht einmal ein Hund. Schließlich nahm er seinen Mut zusammen, ging wieder zum Haus und öffnete die Tür.
Drinnen war alles still. Im Zimmer brannte die rote Kerze. Und dort lag der Tote. Holmes unterbricht erneut. Rance sei mehrfach durch das Zimmer gegangen. Dann habe er sich neben die Leiche gekniet. Danach sei er in den hinteren Teil des Hauses gegangen und habe versucht, die Küchentür zu öffnen.
Rance springt auf. Jetzt wird ihm Holmes unheimlich. Wo habe dieser Mann gesteckt, dass er das alles wissen könne? Holmes lacht und wirft ihm seine Visitenkarte zu. Rance solle ihn bitte nicht wegen Mordes verhaften. Holmes gehöre zu den Jagdhunden. Nicht zum Wolf.
Gregson oder Lestrade könnten das bestätigen. Dann soll Rance weitererzählen. Nachdem er das Haus untersucht hatte, ging er zurück zum Tor und blies seine Polizeipfeife. Murcher kam. Zwei weitere Polizisten ebenfalls. Holmes fragt: War die Straße zu diesem Zeitpunkt leer?
Rance zögert. Im Wesentlichen. Was heißt das? Nun. Da war ein Betrunkener. Und zwar, nach Rances Einschätzung, einer der betrunkensten Männer, die er je gesehen hatte. Er lehnte am Gartentor, konnte kaum stehen und sang mit voller Lautstärke irgendein Lied über Columbine und ein Banner.
Für die Ermittlungen hielt Rance ihn für vollkommen nutzlos. Holmes wird plötzlich sehr aufmerksam. Wie sah er aus? Rance versteht nicht, warum das wichtig sein soll. Ein Betrunkener eben. Holmes will sein Gesicht wissen. Seine Kleidung. Rance hatte den Mann gemeinsam mit Murcher sogar stützen müssen.
Also ja. Groß. Rotes Gesicht. Der untere Teil des Gesichts war eingewickelt. Holmes unterbricht ihn. Genug. Was geschah mit ihm? Nichts. Die Polizisten hatten einen Toten im Haus. Sie hatten keine Zeit, sich zusätzlich um einen Betrunkenen zu kümmern. Der werde schon nach Hause gefunden haben.
Was trug er? Einen braunen Mantel. Eine Peitsche? Nein. Holmes murmelt etwas. Dann fragt er, ob Rance danach noch eine Droschke gesehen oder gehört habe. Nein.
Holmes steht auf. Er gibt Rance die halbe Sovereign-Münze. Und dann erklärt er ihm, dass seine Aussichten auf eine Beförderung vermutlich begrenzt sind. Sein Kopf, sagt Holmes, sollte nicht ausschließlich als dekorativer Abschluss seines Körpers dienen. Rance hätte in dieser Nacht seine Sergeantenstreifen verdienen können.
Denn der Mann, den er mit eigenen Händen gestützt hat, war genau der Mann, den sie suchen. Rance starrt ihn an. Holmes nimmt seinen Hut. Watson folgt. Draußen ist Holmes wütend. Was für ein unglaublicher Narr. Der Polizist habe das größtmögliche Glück gehabt und es einfach wieder laufen lassen.
Watson versteht noch immer nicht alles. Die Beschreibung des Betrunkenen passt tatsächlich zu Holmes’ Täter. Groß. Rotes Gesicht. Brauner Mantel. Aber warum sollte ein Mörder nach der Tat freiwillig an den Tatort zurückkehren? Holmes sieht ihn an. Der Ring.
Natürlich.
Der Ring. Der Täter hatte den Ehering verloren und kam zurück, um ihn zu suchen. Nur war inzwischen die Polizei da. Also spielte er den Betrunkenen. Plötzlich besitzt der kleine goldene Ring einen ganz anderen Wert. Holmes hat bereits einen Plan. Wenn sie keine andere Möglichkeit finden, den Täter zu fangen, werden sie den Ring als Köder benutzen.
Er ist sich sicher. Sie werden ihn bekommen. Dann bedankt Holmes sich bei Watson. Ohne Watson wäre er heute vielleicht gar nicht nach Lauriston Gardens gefahren. Und dann hätte er womöglich die interessanteste Untersuchung seines bisherigen Lebens verpasst. Eine Studie in Scharlachrot, sagt Holmes.
Warum nicht ein wenig Kunstsprache benutzen? Durch das farblose Gewebe des Lebens zieht sich ein scharlachroter Faden des Mordes. Ihre Aufgabe ist es, ihn zu entwirren. Ihn freizulegen. Ihn vollständig sichtbar zu machen. Da ist er. Der Titel des Buches. Und für einen Augenblick versteht man, weshalb Doyle nicht einfach einen Mordfall erzählt.
Holmes sieht etwas, wo andere nur Unordnung sehen. Eine Spur in einem scheinbar farblosen Geflecht. Er zieht daran. Und irgendwo am anderen Ende sitzt ein Mensch, der noch nicht weiß, dass Sherlock Holmes inzwischen den Faden in der Hand hält. Holmes lehnt sich in der Droschke zurück.
Damit wäre das geklärt. Jetzt Mittagessen. Danach Norman Neruda. Er beginnt eine Melodie zu summen und versucht sich zu erinnern, welches Stück von Chopin die Geigerin so hervorragend spielt. Watson sitzt neben ihm und denkt über die erstaunliche Vielseitigkeit des menschlichen Geistes nach.
Vor wenigen Minuten hat Sherlock Holmes einen Mord rekonstruiert. Jetzt singt er. Der Fall ist für diesen Tag allerdings noch nicht vorbei. Holmes besitzt schließlich einen Ehering. Und irgendwo in London gibt es einen Mann, der ihn zurückhaben möchte.
V. UNSERE ANZEIGE BEKOMMT BESUCH
Watson schläft nicht. Er versucht es. Nachdem Holmes zum Konzert gegangen ist, legt er sich aufs Sofa und hofft auf ein paar Stunden Ruhe. Sein Körper könnte sie gebrauchen. Sein Kopf hat andere Pläne. Sobald Watson die Augen schließt, sieht er wieder das Gesicht des Toten.
Enoch Drebber. Verzerrt. Hasserfüllt. Fast tierisch. Watson hat in Afghanistan Schlimmeres gesehen. Männer wurden vor seinen Augen getötet, Kameraden verstümmelt. Und trotzdem lässt ihn dieser Tote nicht los. Holmes wird später erklären, warum. Wo die Vorstellungskraft beginnt, beginnt auch das Grauen.
Watson denkt über den Fall nach. Gift.
Holmes ist davon überzeugt. Aber welches Gift tötet einen Mann, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen? Und wem gehörte dann das Blut auf dem Boden? Warum gab es keinen Kampf? Warum der Ring? Warum RACHE? Je länger Watson darüber nachdenkt, desto weniger versteht er.
Holmes dagegen scheint eine Theorie zu besitzen, die all diese Dinge miteinander verbindet. Watson hat keine Ahnung, welche. Als Holmes endlich zurückkommt, steht das Abendessen bereits auf dem Tisch. Er setzt sich. Das Konzert war großartig. Watson wartet vermutlich auf Mord.
Holmes spricht über Darwin. Darwin habe vermutet, dass die Fähigkeit des Menschen, Musik hervorzubringen und zu empfinden, älter sei als die Sprache. Vielleicht, meint Holmes, berühre Musik uns deshalb so tief. Vielleicht trügen wir noch verschwommene Erinnerungen an jene frühen Zeiten in uns, als die Welt jung gewesen sei.
Watson findet das einen ziemlich großen Gedanken. Holmes sieht darin kein Problem. Gedanken müssten so groß sein wie die Natur, wenn sie die Natur erklären sollen. Dann sieht er Watson genauer an. Der Fall hat ihn mitgenommen. Watson gibt es zu. Das ärgert ihn sogar ein wenig. Nach Afghanistan sollte ihn eigentlich nichts mehr so leicht erschüttern.
Holmes versteht das. Es sei das Rätselhafte daran. Ohne Vorstellungskraft kein Entsetzen. Dann fragt er nach der Abendzeitung. Watson hat sie noch nicht gelesen. Der Mord steht darin. Die Zeitung berichtet ausführlich über den unbekannten Toten in Lauriston Gardens.
Eine Einzelheit fehlt allerdings. Der Ehering. Sehr gut, sagt Holmes. Denn genau darauf hat er gehofft. Er reicht Watson die Zeitung und zeigt auf die Rubrik mit den Fundsachen. Dort steht eine kleine Anzeige:
Gefunden.
Heute Morgen wurde auf der Brixton Road zwischen dem White Hart und Holland Grove ein schlichter goldener Ehering gefunden. Der Eigentümer möge sich zwischen acht und neun Uhr abends bei Dr. Watson, 221B Baker Street melden. Watson liest seinen eigenen Namen.
Holmes entschuldigt sich beiläufig dafür. Seinen eigenen habe er nicht verwenden wollen. Irgendeiner von diesen Dummköpfen hätte ihn womöglich erkannt und sich eingemischt. Watson hat eine praktischere Frage. Was geschieht, wenn tatsächlich jemand kommt? Sie besitzen den Ring schließlich nicht mehr.
Holmes greift in die Tasche. Doch. Er legt einen goldenen Ehering auf den Tisch. Fast identisch mit dem Original. Watson beginnt zu verstehen. Holmes erwartet den Mann im braunen Mantel. Den großen Mann mit dem roten Gesicht und den eckigen Schuhen. Den Mörder.
Oder wenigstens einen Komplizen. Watson hält das für gefährlich. Holmes nicht. Wenn seine Theorie stimmt, bedeutet dieser Ring dem Täter außerordentlich viel. Er hat ihn verloren, als er sich über Drebbers Leiche beugte. Erst später bemerkte er den Verlust und kehrte deshalb zum Haus zurück.
Dort war inzwischen die Polizei. Also spielte er den Betrunkenen. Später musste ihm ein anderer Gedanke gekommen sein. Vielleicht hatte er den Ring gar nicht im Haus verloren. Vielleicht irgendwo auf der Straße. Und dann findet er in der Zeitung genau diese Anzeige.
Ein Ring. Genau dort gefunden, wo er unterwegs gewesen war. Warum sollte er eine Falle vermuten? Niemand außer dem Täter weiß, dass der Ring etwas mit dem Mord zu tun hat. Er wird kommen. Holmes ist sicher. Innerhalb einer Stunde. Watson fragt, was dann geschehen soll.
Das könne er Holmes überlassen. Ob Watson eine Waffe besitze? Watson besitzt noch seinen alten Dienstrevolver und einige Patronen. Holmes empfiehlt ihm, ihn zu reinigen und zu laden. Der Mann, den sie erwarten, ist vermutlich verzweifelt und gefährlich. Es sei besser, vorbereitet zu sein.
Watson geht in sein Schlafzimmer. Reinigt den Revolver. Lädt ihn. Steckt ihn ein. Damit hat sich die Atmosphäre in 221B Baker Street ein wenig verändert. Vor wenigen Tagen suchten hier zwei Männer lediglich jemanden, mit dem sie die Miete teilen konnten. Jetzt sitzt einer von ihnen mit einem geladenen Armeerevolver im Wohnzimmer und wartet darauf, dass ein mutmaßlicher Mörder auf eine Zeitungsanzeige antwortet.
Wohngemeinschaften entwickeln sich unterschiedlich. Als Watson zurückkommt, ist der Tisch abgeräumt. Holmes spielt Geige. Dann erwähnt er, fast nebenbei, dass inzwischen eine Antwort auf sein Telegramm aus Amerika eingetroffen sei. Seine Theorie sei richtig. Watson wird sofort hellhörig.
Welche Theorie? Holmes betrachtet seine Geige. Sie brauche neue Saiten. Watson kennt dieses Spiel inzwischen. Holmes wird nichts sagen. Noch nicht. Er soll den Revolver einstecken und sich ganz normal verhalten, sobald der Besucher kommt. Nicht zu auffällig schauen.
Es ist acht Uhr. Holmes lässt die Tür einen Spalt öffnen und den Schlüssel innen stecken. Dann wartet er. Auf seine Art. Er nimmt ein altes Buch zur Hand, das er am Vortag an einem Stand gekauft hat. De Jure inter Gentes. Latein. Gedruckt 1642 in Lüttich. Holmes betrachtet den Eintrag eines früheren Besitzers und überlegt, was für ein Mensch dieser William Whyte wohl gewesen sein könnte.
Watson sitzt mit einem geladenen Revolver in der Tasche. Irgendwo in London befindet sich möglicherweise ein Mörder auf dem Weg zu ihnen. Sherlock Holmes untersucht die Handschrift eines Juristen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Dann klingelt es. Holmes steht lautlos auf.
Er verschiebt seinen Stuhl ein wenig in Richtung Tür. Unten öffnet das Dienstmädchen. Eine Stimme fragt: Wohnt Dr. Watson hier? Schritte auf der Treppe. Langsam. Unsicher. Schlurfend. Holmes hört zu. Über sein Gesicht geht Überraschung. Es klopft schwach. Watson ruft: Herein.
Die Tür öffnet sich. Kein großer Mann. Kein rotes Gesicht. Kein brauner Mantel. Eine alte Frau kommt herein. Sehr alt. Runzlig. Gebückt. Ihre Augen sind gerötet und wässrig. Im hellen Licht blinzelt sie, macht einen kleinen Knicks und beginnt mit zitternden Fingern in ihrer Tasche zu suchen.
Watson schaut zu Holmes. Holmes sieht aus, als hätte ihm gerade jemand persönlich den Mordfall verdorben. Watson muss sich beherrschen, nicht zu lachen. Die Frau zieht eine Abendzeitung hervor. Die Anzeige. Deshalb sei sie gekommen. Der goldene Ehering. Er gehöre ihrer Tochter Sally.
Sally habe erst vor einem Jahr geheiratet. Ihr Mann Tom arbeite als Steward auf einem Schiff. Wenn er nach Hause komme und feststelle, dass seine Frau ihren Ehering verloren habe, werde es Ärger geben. Besonders wenn Tom getrunken habe. Sally sei gestern Abend im Zirkus gewesen und …
Watson zeigt ihr den Ring. Ist das der richtige? Die alte Frau ist überwältigt. Gott sei Dank. Ja.
Sally werde heute Abend noch eine glückliche Frau sein. Watson nimmt einen Bleistift. Adresse? 13 Duncan Street, Houndsditch. Ein weiter Weg. Holmes meldet sich. Die Brixton Road liegt nicht gerade auf dem Weg zwischen einem Zirkus und Houndsditch. Die alte Frau dreht sich zu ihm.
Für einen Augenblick verändert sich ihr Blick. Scharf. Prüfend. Dann erklärt sie, der Herr habe schließlich nach ihrer Adresse gefragt. Ihre Tochter wohne in 3 Mayfield Place, Peckham. Name? Sawyer. Ihre Tochter heiße Dennis, seit sie Tom Dennis geheiratet habe.
Ein sauberer, tüchtiger Junge, solange er auf See sei. An Land allerdings gebe es Frauen und Schnapsläden und … Watson unterbricht sie. Hier ist der Ring. Er gehört offenbar ihrer Tochter. Die Frau bedankt sich überschwänglich, steckt ihn ein und schlurft davon.
Die Tür fällt zu. Sherlock Holmes springt auf. Innerhalb weniger Sekunden ist er in seinem Zimmer und wieder zurück. Mantel. Schal. Er wird ihr folgen. Sie muss eine Komplizin sein. Und sie wird ihn zu dem Mann führen, den sie suchen. Watson soll wach bleiben.
Dann ist Holmes fort. Watson tritt ans Fenster. Auf der anderen Straßenseite sieht er die alte Frau langsam davongehen. In einiger Entfernung folgt ihr Sherlock Holmes. Entweder, denkt Watson, ist Holmes’ gesamte Theorie falsch. Oder er wird jetzt direkt ins Zentrum des Rätsels geführt.
Es ist kurz vor neun. Watson wartet. Er liest. Oder versucht es. Henri Murgers Vie de Bohème liegt vor ihm, aber seine Aufmerksamkeit bleibt nicht lange auf den Seiten. Zehn Uhr. Nichts. Das Dienstmädchen geht zu Bett. Elf Uhr. Die Vermieterin folgt. Watson wartet weiter.
Kurz vor Mitternacht hört er endlich Holmes’ Schlüssel. Die Tür öffnet sich. Watson sieht sofort: Es hat nicht funktioniert. Holmes kommt herein, und in seinem Gesicht kämpfen Ärger und Belustigung miteinander. Die Belustigung gewinnt. Er lässt sich in einen Sessel fallen und beginnt herzhaft zu lachen.
Scotland Yard dürfe davon niemals erfahren. Nachdem Holmes Gregson und Lestrade so ausgiebig verspottet hat, würden sie ihm diese Geschichte bis ans Ende seines Lebens vorhalten. Watson möchte die Geschichte jetzt selbstverständlich ebenfalls hören. Holmes erzählt.
Die alte Frau ging zunächst weiter, langsam und mühsam. Bald begann sie sogar zu hinken und wirkte, als schmerzten ihre Füße. Dann hielt sie eine vorbeifahrende Droschke an. Holmes kam nahe genug heran, um die Adresse zu hören. 13 Duncan Street, Houndsditch. Laut und deutlich.
Holmes dachte bereits, die Geschichte könne tatsächlich stimmen. Die Frau stieg ein. Holmes kletterte unbemerkt hinten auf die Droschke. Auch das, erklärt er, gehöre zu den Fähigkeiten eines guten Detektivs. Sie fuhren quer durch London. Kurz vor Duncan Street sprang Holmes ab und ging scheinbar beiläufig hinterher.
Die Droschke hielt. Der Kutscher stieg herunter. Öffnete die Tür. Wartete. Niemand kam heraus. Er sah hinein. Die Droschke war leer. Vollkommen leer. Der Kutscher suchte fluchend nach seinem Fahrgast. Holmes ebenfalls. Keine Spur. Niemand hatte gesehen, wie die alte Frau ausgestiegen war.
Und unter der angegebenen Adresse wohnte ein angesehener Tapezierer namens Keswick. Eine Sawyer kannte dort niemand. Eine Dennis ebenfalls nicht. Watson versteht nicht. Diese gebrechliche alte Frau soll während der Fahrt aus einer Droschke gesprungen sein, ohne dass Holmes oder der Kutscher es bemerkten?
Holmes’ Antwort fällt knapp aus. Alte Frau? Keineswegs. Die alten Frauen waren heute Abend Holmes und Watson. Der Besucher war wahrscheinlich ein junger Mann. Kräftig. Beweglich. Und ein außergewöhnlich guter Schauspieler. Die Verkleidung war hervorragend. Er bemerkte offenbar, dass Holmes ihm folgte, und verschwand deshalb während der Fahrt.
Das verändert den Fall. Holmes hatte angenommen, der Täter handle allein. Offenbar stimmt das nicht. Es gibt mindestens einen Menschen, der bereit ist, für ihn ein beträchtliches Risiko einzugehen. Watson ist erschöpft. Holmes schickt ihn ins Bett. Er selbst bleibt am Kamin sitzen.
Später, als Watson längst in seinem Zimmer liegt, hört er noch immer die Geige. Leise. Melancholisch. Sherlock Holmes spielt in die Nacht hinein und denkt. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Falls hat jemand ihn getäuscht. Nicht Gregson. Nicht Lestrade. Nicht ein unaufmerksamer Polizist.
Jemand, der wusste, dass Sherlock Holmes hinter ihm war. Und der trotzdem entkam. Das dürfte Holmes gefallen. Morgen.
VI. TOBIAS GREGSON ZEIGT, WAS ER KANN
Am nächsten Morgen ist London informiert. Die Zeitungen nennen den Fall bereits das „Brixton Mystery“ und widmen ihm beträchtlichen Raum. Watson schneidet die Berichte aus und bewahrt sie auf. Das ist praktisch für uns. Denn auf diese Weise können wir beobachten, was geschieht, wenn Menschen sehr wenig wissen und trotzdem eine ganze Zeitung füllen müssen.
Der Daily Telegraph ist überzeugt, dass es sich um einen politischen Mord handelt. Ein amerikanischer Toter. Das deutsche Wort RACHE. Keine erkennbare persönliche Motivation. Also vermutlich Revolutionäre. Sozialisten. Politische Flüchtlinge. Der Artikel schafft es außerdem, Geheimgesellschaften, historische Giftmörder, Darwin, Malthus und einige andere Dinge in denselben Gedankengang einzubauen und kommt schließlich zu dem Ergebnis, die britische Regierung müsse Ausländer besser überwachen.
Eine beachtliche Strecke für einen Mann, über dessen Tod man praktisch nichts weiß. Der Standard findet eine andere Ursache. Die liberale Regierung. Solche Verbrechen seien eine Folge der allgemeinen Aufweichung von Autorität. Immerhin enthält der Bericht einige neue Tatsachen.
Drebber hatte mehrere Wochen in einer Pension von Madame Charpentier in Torquay Terrace, Camberwell, gewohnt. Gemeinsam mit seinem Privatsekretär Joseph Stangerson. Am Dienstag, dem vierten März, verließen beide die Pension und fuhren zum Bahnhof Euston. Sie wollten den Zug nach Liverpool nehmen.
Auf dem Bahnsteig wurden sie noch gemeinsam gesehen. Danach verschwindet ihre Spur. Bis Drebber viele Meilen entfernt tot in Lauriston Gardens auftaucht. Stangerson ist weiterhin verschwunden. Die Daily News hält ebenfalls politische Hintergründe für wahrscheinlich und lobt vor allem einen Mann: Tobias Gregson.
Durch dessen Scharfsinn und Energie habe man schließlich Drebbers Londoner Unterkunft ermittelt. Holmes liest das beim Frühstück. Er amüsiert sich prächtig. Was auch geschieht, erklärt er Watson, Gregson und Lestrade werden gewinnen. Wird der Täter gefasst, geschieht es dank ihrer Anstrengungen.
Entkommt er, geschieht es trotz ihrer Anstrengungen. Kopf: Ich gewinne. Zahl: Sie verlieren. Die Menschheit hat einige Systeme entwickelt, die bemerkenswert zuverlässig funktionieren. In diesem Moment hört Watson Schritte auf der Treppe. Viele Schritte. Sehr viele.
Die Vermieterin protestiert hörbar. Dann stürmen sechs der schmutzigsten und zerlumptesten Straßenjungen Londons ins Wohnzimmer. Watson sieht sie an. Holmes nicht. „Achtung!“ Die sechs stellen sich sofort nebeneinander. Ungefähr wie eine militärische Einheit, wenn man die Armee sehr plötzlich aus einem Abwasserkanal rekrutiert hätte.
Das ist Holmes’ eigene Polizei. Die Baker-Street-Abteilung. Holmes bestimmt einen der Jungen als Sprecher. Wiggins. Ob sie gefunden haben, wonach sie suchen? Nein.
Holmes hatte damit gerechnet. Sie sollen weitersuchen. Er bezahlt jedem einen Schilling und weist sie an, künftig draußen zu warten. Nur Wiggins darf zum Bericht nach oben kommen. Die Jungen verschwinden wieder. Sekunden später hört man ihre Stimmen auf der Straße.
Watson möchte wissen, ob sie für den Brixton-Fall arbeiten. Natürlich.
Holmes sucht eine ganz bestimmte Information. Die Jungen kommen überall hin. Niemand achtet auf sie. Ein offiziell aussehender Mann genügt oft, damit Menschen vorsichtig werden und schweigen. Einen Straßenjungen bemerkt kaum jemand. Und die Jungen sind scharf.
Sie brauchen lediglich Organisation. Es ist eine ziemlich typische Holmes-Lösung. Andere Menschen sehen sechs schmutzige Kinder. Holmes sieht ein Informationsnetz. Watson will gerade weiterfragen, als Holmes zum Fenster schaut. Jetzt gibt es Neuigkeiten. Tobias Gregson kommt die Straße herunter.
Und schon aus dieser Entfernung ist erkennbar, dass er außerordentlich zufrieden mit Tobias Gregson ist. Er bleibt vor dem Haus stehen. Die Glocke läutet heftig. Wenig später nimmt Gregson die Treppe jeweils drei Stufen auf einmal und stürmt ins Wohnzimmer. Holmes soll ihm gratulieren.
Der Fall ist gelöst. Vollständig. Klar wie der Tag. Für einen kurzen Moment verändert sich Holmes’ Gesicht. Watson sieht Sorge. Hat Gregson tatsächlich die richtige Spur gefunden? Die richtige Spur? Gregson strahlt. Der Täter sitzt bereits hinter Schloss und Riegel.
Holmes fragt nach seinem Namen.
Arthur Charpentier.
Unterleutnant in der Royal Navy. Holmes entspannt sich. Deutlich. Das allein sagt Watson vermutlich mehr als Gregson bemerkt. Holmes bietet seinem Besucher einen Sessel, eine Zigarre und Whisky mit Wasser an. Sie möchten unbedingt erfahren, wie Gregson dieses bemerkenswerte Ergebnis erzielt hat.
Gregson nimmt das Kompliment gern an. Die vergangenen Tage seien ausgesprochen anstrengend gewesen. Nicht körperlich. Geistig. Holmes werde das verstehen. Schließlich seien sie beide Männer des Verstandes. Holmes nimmt diese Gleichstellung mit bewundernswerter Ruhe hin.
Gregson beginnt zu erzählen. Das eigentlich Lustige sei Lestrade. Dieser Narr verfolge noch immer Stangerson, obwohl der Sekretär mit dem Mord ungefähr so viel zu tun habe wie ein ungeborenes Kind. Vermutlich habe Lestrade ihn inzwischen sogar gefunden. Gregson lacht über diesen Gedanken so sehr, dass er beinahe an seiner Zigarre erstickt.
Holmes wartet. Wie kam Gregson auf Charpentier? Der Hut. Neben Drebbers Leiche lag ein Hut. Gregson erkannte darin eine Spur, die andere vielleicht übersehen hätten. Holmes erinnert sich selbstverständlich an den Hersteller. John Underwood and Sons. 129 Camberwell Road.
Gregsons Gesicht fällt ein wenig zusammen. Er hatte gehofft, wenigstens diesen Teil allein entdeckt zu haben. Ob Holmes dort gewesen sei? Nein.
Gregson ist erleichtert. Man dürfe eben niemals eine Spur vernachlässigen, erklärt er. Wie klein sie auch erscheine. Holmes nickt ernst. Für einen großen Geist sei nichts klein. Gregson fährt fort. Beim Hutmacher ließ sich anhand der Geschäftsbücher feststellen, wem der Hut verkauft worden war.
Enoch Drebber. Adresse: Charpentier’s Boarding Establishment, Torquay Terrace. Damit hatte Gregson die Pension. Dort traf er Madame Charpentier und ihre Tochter Alice. Beide wirkten erschüttert. Madame Charpentier war bleich. Alice hatte rote Augen und zitternde Lippen.
Gregson wusste sofort: Diese Menschen wissen etwas. Er fragte, wann Drebber das Haus verlassen habe. Acht Uhr abends. Stangerson hatte erklärt, es gebe zwei Züge. Einen um Viertel nach neun und einen um elf. Sie wollten den früheren nehmen. War das das letzte Mal, dass Madame Charpentier Drebber gesehen hatte?
Die Frau wurde leichenblass. Ja. Nur dieses eine Wort. Und es klang falsch. Dann mischte Alice sich ein. Nein.
Lügen würden nichts verbessern. Sie hatten Drebber noch einmal gesehen. Madame Charpentier war entsetzt. Ihre Tochter habe damit ihren eigenen Bruder ins Verderben gestürzt. Alice blieb ruhig. Arthur würde wollen, dass sie die Wahrheit sagt. Gregson verlangte die ganze Geschichte.
Und Madame Charpentier erzählte. Drebber und Stangerson hatten fast drei Wochen bei ihr gewohnt. Zuvor waren sie auf dem europäischen Kontinent unterwegs gewesen. Auf ihren Koffern klebten Gepäckzettel aus Kopenhagen. Stangerson war ruhig und zurückhaltend. Drebber nicht.
Er trank. Viel. Nach dem Mittag war er häufig kaum noch nüchtern. Gegenüber den weiblichen Angestellten benahm er sich aufdringlich und grob. Und schließlich gegenüber Alice. Drebber machte ihr Bemerkungen, die sie nach Aussage ihrer Mutter glücklicherweise nicht einmal verstand.
Einmal packte er sie und küsste sie gegen ihren Willen. Sogar Stangerson tadelte seinen Arbeitgeber dafür. Gregson stellte eine naheliegende Frage. Warum hatte Madame Charpentier diesen Mann nicht längst hinausgeworfen? Sie schämte sich. Wegen des Geldes. Drebber und Stangerson zahlten jeweils ein Pfund am Tag.
Vierzehn Pfund pro Woche. Es war eine schlechte Saison. Madame Charpentier war Witwe. Ihr Sohn bei der Marine kostete Geld. Also ertrug sie Drebber länger, als sie es eigentlich verantworten konnte. Bis es nicht mehr ging. Sie kündigte ihm. Deshalb wollten Drebber und Stangerson abreisen.
Als ihre Droschke endlich davonfuhr, war Madame Charpentier erleichtert. Sie hatte ihrem Sohn Arthur nichts von Drebbers Verhalten gegenüber Alice erzählt. Arthur hatte ein heftiges Temperament. Und er liebte seine Schwester. Weniger als eine Stunde später klingelte es erneut.
Drebber war zurück. Betrunken. Er hatte offenbar seinen Zug verpasst. Er drängte sich ins Haus. Dann wandte er sich an Alice. Sie solle mit ihm fortgehen. Sofort. Sie sei volljährig. Niemand könne sie daran hindern. Er habe genug Geld. Sie werde bei ihm wie eine Prinzessin leben.
Alice wich zurück. Drebber packte sie am Handgelenk und wollte sie zur Tür ziehen. Madame Charpentier schrie. Und in diesem Moment kam Arthur herein. Was genau dann geschah, konnte seine Mutter nicht sagen. Flüche. Lärm. Ein Kampf. Als sie wieder hinsah, stand Arthur in der Tür.
In der Hand hielt er einen schweren Stock. Drebber war fort. Arthur lachte. Dieser feine Herr werde sie wohl nicht mehr belästigen. Dann setzte er seinen Hut auf. Er werde Drebber noch ein Stück folgen und sehen, wohin er gehe. Am nächsten Morgen war Drebber tot.
Gregson hatte jedes Wort stenografiert. Holmes gähnt. Spannend.
Wie ging es weiter? Gregson erkannte sofort den entscheidenden Punkt. Wann kam Arthur nach Hause? Madame Charpentier wusste es nicht. Arthur besaß einen eigenen Schlüssel. Sie selbst ging gegen elf Uhr schlafen. Da war er noch nicht zurück. Arthur war also mindestens zwei Stunden unterwegs gewesen.
Vielleicht vier. Vielleicht fünf. Wo? Madame Charpentier wusste es nicht. Damit war für Gregson die Sache praktisch entschieden. Er fand Arthur Charpentier und verhaftete ihn. Und dabei geschah etwas, das seinen Verdacht noch verstärkte. Die Polizisten hatten Drebbers Namen nicht erwähnt.
Trotzdem sagte Arthur sofort: Er nehme an, man verhafte ihn wegen des Todes dieses Schurken Drebber. Sehr verdächtig, findet Gregson. Sehr, sagt Holmes. Arthur trug außerdem noch denselben schweren Eichenstock bei sich, mit dem er Drebber verfolgt hatte. Watson kann nachvollziehen, weshalb Gregson zufrieden ist.
Zum ersten Mal liegt eine Geschichte auf dem Tisch, die tatsächlich menschlich verständlich wirkt. Ein widerwärtiger Mann belästigt eine junge Frau. Ihr Bruder greift ein. Er folgt ihm. Später liegt der Mann tot in einem verlassenen Haus. Das ist ein Motiv. Das ist Gelegenheit.
Und möglicherweise eine Waffe. Gregson erklärt seine Theorie. Arthur folgte Drebber bis zur Brixton Road. Dort kam es erneut zum Streit. Arthur schlug ihn mit dem Stock, vielleicht in die Magengrube. Der Schlag tötete ihn, ohne eine sichtbare Verletzung zu hinterlassen.
Weil die Nacht regnerisch und die Straße leer war, schleppte Arthur den Körper in das verlassene Haus. Watson denkt an die übrigen Dinge. Das Blut. Die Kerze. Das Wort an der Wand. Der Ehering. Gregson hat auch dafür eine Erklärung. Ablenkung. Arthur arrangierte diese Dinge, um die Polizei auf eine falsche Spur zu führen.
Holmes gratuliert. Wirklich, Gregson mache Fortschritte. Aus ihm könne noch etwas werden. Gregson nimmt das ungefähr so auf, wie Holmes es beabsichtigt hat. Nämlich als Lob. Er ist ausgesprochen stolz auf sich. Arthur selbst behauptet, Drebber tatsächlich verfolgt zu haben.
Irgendwann bemerkte Drebber ihn jedoch und sprang in eine Droschke. Arthur verlor ihn. Auf dem Heimweg traf er angeblich einen alten Kameraden und ging lange mit ihm spazieren. Nur kann er nicht zufriedenstellend erklären, wo dieser Kamerad wohnt. Für Gregson passt alles hervorragend zusammen.
Und am schönsten findet er noch immer, dass Lestrade währenddessen einer vollkommen falschen Spur hinterherläuft. Stangerson. Gregson beginnt erneut über seinen Kollegen zu lachen. Dann hört man Schritte auf der Treppe. Holmes blickt zur Tür. Gregson ebenfalls.
Tatsächlich. Lestrade. Aber etwas stimmt nicht. Der kleine Detektiv sieht nicht aus wie sonst. Keine selbstsichere Haltung. Keine geschäftige Wichtigkeit. Seine Kleidung sitzt unordentlich. Sein Gesicht ist angespannt. Er war offenbar auf dem Weg zu Holmes. Als er Gregson im Zimmer entdeckt, wäre er vermutlich lieber wieder gegangen.
Jetzt ist es zu spät. Lestrade bleibt mitten im Raum stehen und dreht nervös seinen Hut in den Händen. Ein außergewöhnlicher Fall, sagt er schließlich. Vollkommen unbegreiflich. Gregson genießt diesen Augenblick. Also habe Lestrade endlich eingesehen, dass er auf der falschen Spur war.
Und? Habe er den Sekretär gefunden? Joseph Stangerson? Lestrade sieht ihn an. Ja. Er hat Stangerson gefunden. Heute Morgen. Gegen sechs Uhr. Im Halliday’s Private Hotel. Gregsons Lächeln verschwindet. Lestrade spricht weiter.
Joseph Stangerson wurde ermordet.
Und plötzlich besitzt Scotland Yard zwei Lösungen. Aber auch zwei Leichen. Das ist gewöhnlich kein Fortschritt.
VII. LICHT IN DER DUNKELHEIT
Für einige Sekunden sagt niemand etwas. Gregson steht so abrupt auf, dass er sein Whiskyglas umstößt. Watson schaut zu Holmes. Holmes presst die Lippen zusammen und zieht die Brauen tief über die Augen. Auch Stangerson. Jetzt wird die Sache kompliziert. Lestrade lässt sich in einen Sessel fallen.
Seiner Ansicht nach war sie bereits kompliziert genug. Er ist direkt aus dem Zimmer des Toten gekommen. Holmes bittet ihn zu erzählen. Diesmal gibt es keine Späße. Lestrade gibt offen zu, dass er sich geirrt hat. Er war überzeugt gewesen, Joseph Stangerson habe etwas mit Drebbers Tod zu tun.
Also hatte er versucht, ihn zu finden. Drebber und Stangerson waren am Abend des dritten März gegen halb neun gemeinsam am Bahnhof Euston gesehen worden. Drebber wurde gegen zwei Uhr morgens tot an der Brixton Road gefunden. Für Lestrade gab es deshalb zwei Fragen.
Was hatte Stangerson in diesen Stunden getan? Und wohin war er danach verschwunden? Lestrade schickte ein Telegramm nach Liverpool. Man sollte dort die Schiffe nach Amerika beobachten. Dann begann er, Hotels und Pensionen rund um Euston abzuklappern. Seine Überlegung war vernünftig.
Wenn Drebber und Stangerson sich getrennt hatten, würde Stangerson vermutlich in der Nähe des Bahnhofs übernachten und am nächsten Morgen dorthin zurückkehren. Holmes vermutet, dass die beiden vorher einen Treffpunkt vereinbart hatten. Genau so war es. Den gesamten gestrigen Abend suchte Lestrade ohne Erfolg.
Heute Morgen begann er erneut. Gegen acht Uhr erreichte er Halliday’s Private Hotel in Little George Street. Ob dort ein Mr. Stangerson wohne? Ja.
Man erwartete Lestrade offenbar bereits. Stangerson hatte seit zwei Tagen auf einen Herrn gewartet. Er lag noch im Bett und wollte um neun Uhr geweckt werden. Lestrade beschloss, sofort hinaufzugehen. Ein unerwarteter Besucher, dachte er, könnte einen Verdächtigen nervös machen.
Vielleicht würde Stangerson etwas sagen, das er besser nicht gesagt hätte. Ein Hotelangestellter führte Lestrade in den zweiten Stock. Ein schmaler Korridor. Eine Tür. Der Angestellte wollte gerade wieder gehen. Dann sah Lestrade das Blut. Es kam unter der Tür hervor.
Ein schmaler roter Streifen, der sich über den Boden gezogen hatte und an der gegenüberliegenden Wand eine kleine Lache bildete. Lestrade arbeitet seit zwanzig Jahren bei der Polizei. Trotzdem wurde ihm übel. Der Angestellte kam zurück und wäre beim Anblick des Blutes beinahe ohnmächtig geworden.
Die Tür war von innen verschlossen. Gemeinsam brachen sie sie auf. Das Fenster stand offen. Daneben lag ein Mann im Nachthemd zusammengesunken auf dem Boden. Tot.
Schon seit Stunden. Der Körper war kalt und steif. Der Hotelangestellte erkannte ihn sofort. Joseph Stangerson. In seiner linken Seite befand sich eine tiefe Stichwunde. Direkt ins Herz. Lestrade hält kurz inne. Dann kommt der Teil, den er selbst kaum zu glauben scheint.
Über dem Toten stand ein Wort. Holmes sagt es, bevor Lestrade es aussprechen kann.
RACHE.
Mit Blut an die Wand geschrieben. Niemand kommentiert das. Watson spürt wieder jenes Unbehagen, das ihn bereits in Lauriston Gardens erfasst hatte. Nicht nur wegen der Gewalt. Sondern wegen der Ordnung darin. Jemand tötet. Und jemand möchte anschließend offenbar unbedingt, dass die Polizei etwas Bestimmtes sieht.
Das ist ein Unterschied. Der Täter wurde diesmal beobachtet. Ein Milchjunge ging früh am Morgen durch die Gasse hinter dem Hotel. Dort stand eine Leiter an einem geöffneten Fenster im zweiten Stock. Als der Junge sich noch einmal umdrehte, sah er einen Mann heruntersteigen.
Der Mann bewegte sich so ruhig, dass der Junge ihn für einen Handwerker hielt. Groß. Rötliches Gesicht. Langer bräunlicher Mantel. Watson sieht Holmes an. Es ist dieselbe Beschreibung. Der Mann, den Holmes seit Lauriston Gardens vor Augen hat. Holmes zeigt keine Genugtuung.
Er fragt weiter. Im Zimmer hatte der Täter sich offenbar Zeit gelassen. Im Waschbecken befand sich blutiges Wasser. Er hatte seine Hände gewaschen. Auf dem Bett waren Spuren, wo er sein Messer abgewischt hatte. Raub war ausgeschlossen. Stangerson trug Drebbers Geldbörse bei sich. Über achtzig Pfund.
Nichts fehlte. Papiere fand Lestrade kaum. Nur ein Telegramm aus Cleveland, etwa einen Monat alt. Darin stand:
J. H. ist in Europa.
Kein Absender. Holmes fragt, ob es sonst etwas gab. Nichts Wichtiges, sagt Lestrade. Ein Buch auf dem Bett. Eine Pfeife auf einem Stuhl. Ein Glas Wasser auf dem Tisch. Und auf dem Fensterbrett eine kleine Schachtel. Darin zwei Pillen. Holmes springt auf. Nicht erschrocken.
Nicht überrascht. Er ist begeistert. Der letzte Baustein. Jetzt sei der Fall vollständig. Gregson und Lestrade starren ihn an. Watson vermutlich ebenfalls. Holmes erklärt, dass er nun alle wesentlichen Fäden in der Hand habe. Einzelheiten fehlen noch. Aber was zwischen Drebbers Trennung von Stangerson am Bahnhof und Stangersons Tod geschehen ist, glaubt Holmes inzwischen beinahe so genau zu kennen, als wäre er selbst dabei gewesen.
Und er könne es beweisen. Lestrade hat die Pillen tatsächlich eingesteckt. Mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung. Er gibt Holmes die kleine Schachtel. Holmes reicht sie Watson. Was meint der Arzt? Gewöhnliche Pillen?
Nein.
Sie sind klein, rund, perlgrau und beinahe durchsichtig. Watson vermutet, dass sie sich leicht in Wasser lösen. Genau. Holmes braucht jetzt noch etwas. Den alten Terrier der Vermieterin. Der Hund ist seit langer Zeit krank. Schon gestern hatte die Vermieterin Watson gebeten, ihn von seinem Leiden zu erlösen.
Watson holt das Tier. Es ist sehr alt. Sein Fang ist weiß, die Atmung schwer, die Augen trüb. Watson legt den Hund auf ein Kissen vor dem Kamin. Holmes nimmt eine der beiden Pillen. Er halbiert sie. Eine Hälfte kommt zurück in die Schachtel. Die andere löst er in einem Glas mit etwas Wasser auf.
Dann gibt er Milch hinzu und stellt die Mischung dem Terrier hin. Der Hund trinkt. Alle warten. Nichts geschieht. Eine Minute. Noch eine. Der Hund liegt weiter auf seinem Kissen. Atmet schwer. Lebt. Holmes schaut auf die Uhr. Sein Gesicht verändert sich. Er beginnt mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.
Beißt sich auf die Lippe. Geht im Zimmer auf und ab. Gregson und Lestrade beobachten ihn. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sie unter seinem Misserfolg leiden. Holmes dagegen leidet beträchtlich. Das könne kein Zufall sein. Die Pillen, die er im Fall Drebber vermutet hatte, liegen jetzt tatsächlich vor ihm.
Und sie sind wirkungslos. Das würde bedeuten, dass seine gesamte Kette von Schlussfolgerungen falsch sein könnte. Watson sieht etwas, das selten vorkommt. Sherlock Holmes zweifelt. Nicht an seiner Intelligenz. An seiner Interpretation der Tatsachen. Das ist wichtiger.
Denn ein schlechter Denker verteidigt seine Theorie gegen die Wirklichkeit. Ein guter Denker wird nervös. Holmes bleibt plötzlich stehen. Dann dreht er sich zur Schachtel um. Natürlich.
Die andere Pille. Er schneidet sie ebenfalls entzwei. Löst eine Hälfte in Wasser. Milch dazu. Der Terrier leckt die Flüssigkeit auf. Fast sofort fährt ein Krampf durch seinen Körper. Dann liegt er still.
Tot.
Im Zimmer ist es sehr ruhig. Holmes atmet tief aus und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er hätte mehr Vertrauen haben müssen. Wenn eine Tatsache einer langen Kette sauberer Schlussfolgerungen widerspricht, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Schlussfolgerungen falsch sind.
Vielleicht wurde nur die Tatsache falsch verstanden. Die beiden Pillen waren nicht gleich. Eine war harmlos. Die andere tödlich. Und Holmes hätte das, sagt er, eigentlich wissen müssen, bevor er die Schachtel überhaupt gesehen hatte. Watson beginnt etwas zu erkennen.
Noch nicht die ganze Geschichte. Aber ihre Form. Holmes erklärt, weshalb der Fall für Gregson und Lestrade so verwirrend wirkt. Sie haben den ersten wirklichen Hinweis übersehen. Danach erschien ihnen jede neue Seltsamkeit als zusätzliches Rätsel. Für Holmes war es umgekehrt.
Jede neue Seltsamkeit bestätigte die ursprüngliche Spur. Man dürfe Merkwürdigkeit nicht mit Geheimnis verwechseln. Ein vollkommen gewöhnlicher Mord könne viel schwerer aufzuklären sein als ein spektakulärer. Gerade ungewöhnliche Einzelheiten verraten etwas. Sie unterscheiden eine Tat von tausend anderen.
Das Blut. Die Schrift. Der Ring. Die Spuren. Die Pillen. Für Gregson und Lestrade war das ein Haufen widersprüchlicher Dinge. Für Holmes sind es inzwischen Teile derselben Maschine. Gregson hat genug. Holmes sei zweifellos klug. Das bestreite niemand. Aber jetzt brauche man keine Vorträge mehr.
Man brauche den Täter. Gregsons eigener Fall gegen Arthur Charpentier ist zusammengebrochen. Charpentier kann kaum gleichzeitig Stangerson im Hotel ermordet haben. Lestrades Theorie über Stangerson ist ebenfalls erledigt. Stangerson ist tot. Holmes dagegen habe die ganze Zeit Andeutungen gemacht.
Er behaupte nun sogar, alle Beweise zu besitzen. Also: Kennt er den Namen des Mörders? Lestrade stimmt Gregson zu. Watson ebenfalls. Wenn sie noch länger warten, könnte der Mann erneut töten. Holmes geht schweigend im Zimmer auf und ab. Dann bleibt er stehen.
Nein.
Es wird keinen weiteren Mord geben. Und ja. Er kennt den Namen des Täters. Das Problem besteht nicht darin, seinen Namen zu kennen. Das Problem besteht darin, ihn festzunehmen. Der Mann ist gefährlich. Klug. Verzweifelt. Und er hat mindestens einen ebenso fähigen Helfer.
Solange er nicht weiß, dass jemand seine Spur gefunden hat, können sie ihn bekommen. Sobald er Verdacht schöpft, wird er seinen Namen wechseln und zwischen vier Millionen Londonern verschwinden. Holmes sagt Gregson und Lestrade offen, dass er den Täter für gefährlicher hält als die offizielle Polizei.
Deshalb hat er sie nicht eingeweiht. Das kommt nicht besonders gut an. Gregson wird rot. Lestrades Augen werden schmal. Bevor einer von beiden antworten kann, klopft es. Wiggins steckt den Kopf herein. Der Wagen ist da. Holmes lächelt. Sehr gut. Dann zieht er aus einer Schublade Handschellen.
Er zeigt sie Gregson und Lestrade. Ein neues Modell. Der Mechanismus sei ausgezeichnet. Sie schließen augenblicklich. Lestrade findet das alte Modell vollkommen ausreichend. Vorausgesetzt, man finde jemanden, dem man es anlegen könne. Holmes lächelt weiter. Der Kutscher könne ihm beim Gepäck helfen.
Wiggins soll ihn heraufschicken. Watson ist irritiert. Holmes hat nichts von einer Reise gesagt. Trotzdem steht ein kleiner Koffer im Zimmer. Holmes zieht die Riemen fest. Dann kommt der Kutscher herein. Ein großer Mann. Kräftig. Etwas finster. Holmes kniet vor dem Koffer und dreht sich nicht zu ihm um.
Der Kutscher solle ihm kurz mit der Schnalle helfen. Der Mann tritt näher. Beugt sich herunter. Ein metallisches Klicken. Holmes springt auf. Die Handschellen sitzen. Und Sherlock Holmes strahlt. Meine Herren. Darf er vorstellen:
Mr. Jefferson Hope.
Der Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson. Für einen Augenblick bewegt sich niemand. Watson wird sich später sehr genau an dieses Bild erinnern. Holmes’ Triumph. Gregsons und Lestrades Erstarrung. Das Metall um den Handgelenken des Kutschers. Und Jefferson Hopes Gesicht.
Überrascht. Dann wild. Es dauert nur Sekunden. Hope stößt ein wütendes Geräusch aus, reißt sich von Holmes los und wirft sich gegen das Fenster. Holz splittert. Glas zerbricht. Hope ist beinahe hindurch, als Holmes, Gregson und Lestrade sich auf ihn stürzen. Watson hilft.
Der Kampf ist heftig. Jefferson Hope ist außergewöhnlich stark. Vier Männer haben Mühe, ihn zu Boden zu bringen. Sein Gesicht und seine Hände sind vom Glas zerschnitten. Blut läuft über seine Haut. Es scheint ihn nicht zu interessieren. Immer wieder wirft er seine Gegner ab.
Er kämpft mit der Kraft eines Menschen, für den Aufgeben offenbar keine sinnvolle Möglichkeit mehr darstellt. Erst als Lestrade ihn am Halstuch packt und beinahe würgt, lässt der Widerstand nach. Sie fesseln auch seine Füße. Dann stehen vier Männer keuchend im verwüsteten Wohnzimmer.
Der Gefangene liegt vor ihnen. Holmes richtet sich auf. Sie haben schließlich sogar Jefferson Hopes eigene Droschke vor der Tür. Sehr praktisch. Damit können sie ihn nach Scotland Yard bringen. Dann sieht Holmes Gregson und Lestrade an. Und Watson. Jetzt dürfen sie fragen.
Alles.
Er wird antworten. Der kleine Fall sei beendet. Das stimmt. Und stimmt überhaupt nicht. Der Täter liegt gefesselt vor ihnen. Aber wir wissen noch nicht, warum Enoch Drebber sterben musste. Wir wissen nicht, warum Jefferson Hope ihn durch London jagte. Wir wissen nicht, weshalb ein Ehering wichtiger war als die Gefahr, von der Polizei gefasst zu werden.
Wir wissen nicht, wer J. H. wirklich ist. Und wir wissen nicht, warum ein Mann zwei Pillen bei sich trägt, von denen eine harmlos ist und die andere tötet. Sherlock Holmes hat den Fall gelöst. Der Leser noch nicht. Arthur Conan Doyle hat an dieser Stelle eine interessante Entscheidung getroffen.
Er könnte Holmes jetzt erklären lassen, was geschehen ist. Das wäre vernünftig. Doyle tut etwas anderes. Er nimmt uns London weg. Er nimmt uns Watson weg. Für eine Weile nimmt er uns sogar Sherlock Holmes weg. Und dann schickt er uns mehrere tausend Kilometer nach Westen.
In eine andere Zeit. In eine andere Welt. Dorthin, wo diese Geschichte tatsächlich begonnen hat.
