ARTHUR CONAN DOYLE

STUDIE IN SCHARLACHROT

BORDFASSUNG · TEIL II – DAS LAND DER HEILIGEN

ARTHUR CONAN DOYLE – STUDIE IN SCHARLACHROT

TEIL II – DAS LAND DER HEILIGEN

I. AUF DER GROSSEN ALKALIEBENE

Also gut. Wir müssen kurz über Arthur Conan Doyle sprechen. Vor wenigen Augenblicken lagen vier Männer keuchend auf dem Boden eines Londoner Wohnzimmers. Sherlock Holmes hatte einen Mörder namens Jefferson Hope in Handschellen gelegt. Watson wartete auf die Erklärung. Wir warteten ebenfalls auf die Erklärung. Das wäre der naheliegende Moment gewesen, sie zu bekommen. Stattdessen befinden wir uns jetzt in Nordamerika. Es ist der 4. Mai 1847.

Sherlock Holmes ist noch nicht geboren. Watson ebenfalls nicht. London liegt mehrere tausend Kilometer entfernt, und soweit ich feststellen kann, gibt es hier nicht einmal einen vernünftigen Stuhl. Willkommen in Teil II. Vor uns liegt eine gewaltige, lebensfeindliche Landschaft. Von der Sierra Nevada bis nach Nebraska, vom Yellowstone im Norden bis zum Colorado im Süden erstreckt sich ein Gebiet aus Bergen, Schluchten, Salzebenen und Staub. Im Winter liegt Schnee darauf. Im Sommer grauer alkalischer Staub. Die Erscheinungsformen wechseln. Die grundlegende Botschaft der Landschaft bleibt dieselbe:

Menschen sind hier nicht vorgesehen. Manchmal ziehen Pawnee oder Blackfeet auf dem Weg zu anderen Jagdgründen hindurch. Kojoten streifen zwischen den niedrigen Büschen umher, Bussarde ziehen über den Himmel, Grizzlys suchen in den Schluchten nach Nahrung. Viel mehr lebt hier nicht. Besonders trostlos ist der Blick vom nördlichen Hang der Sierra Blanco. Unter einem stahlblauen Himmel liegt eine endlose graue Ebene. Niedriges Gestrüpp. Salz. In weiter Ferne schneebedeckte Bergspitzen. Kein Vogel. Keine Bewegung.

Vor allem kein Geräusch. Doyle nimmt sich Zeit für diese Stille. Das ist wichtig. Denn wenn wir gleich einen Menschen sehen, sollen wir verstehen, was es bedeutet, hier allein zu sein. Ganz leer ist die Ebene nämlich nicht. Eine Spur zieht sich durch sie. Wagenräder haben tiefe Furchen hinterlassen. Unzählige Füße sind denselben Weg gegangen. Und entlang dieser Route liegen weiße Gegenstände in der Sonne. Knochen.

Die größeren stammen von Ochsen. Die kleineren von Menschen. Über ungefähr fünfzehnhundert Meilen lässt sich der Weg der Auswanderer an den Überresten derjenigen verfolgen, die ihn nicht geschafft haben. Und an diesem 4. Mai 1847 steht auf einer Anhöhe ein einzelner Mann. Sein Alter ist kaum zu bestimmen. Er könnte vierzig sein oder sechzig. Das Gesicht ist eingefallen, die braune Haut spannt sich über den Knochen. In Haar und Bart liegt bereits viel Grau. Seine Augen sitzen tief in den Höhlen und glänzen fiebrig. Die Hand um das Gewehr sieht beinahe aus wie die eines Skeletts.

Eigentlich ist er ein großer, kräftig gebauter Mann. Davon ist im Augenblick nicht viel übrig. Er verhungert. Und er verdurstet. Der Mann hat sich mühsam aus einer Schlucht auf diese Anhöhe geschleppt, weil er hoffte, von hier oben Wasser zu sehen. Er sieht keines. Im Norden nichts. Im Osten nichts. Im Westen nichts. Keine Bäume. Keine Pflanzen. Kein Glitzern eines Flusses. Nur Salz, Felsen und die entfernten Berge. Damit begreift er, dass seine Reise hier enden wird.

Er nimmt es erstaunlich ruhig. Warum nicht hier sterben, murmelt er, statt in zwanzig Jahren in einem Federbett? Dann setzt er sich in den Schatten eines Felsblocks. Sein Gewehr legt er neben sich. Außerdem trägt er ein großes Bündel, das in ein graues Tuch gewickelt ist. Vorsichtig versucht er, es von seiner Schulter auf den Boden zu legen. Ganz so vorsichtig gelingt es nicht. Aus dem Bündel kommt ein empörter kleiner Laut. Ein Gesicht erscheint. Große braune Augen. Zwei kleine Hände. „Du hast mir wehgetan!“

Der sterbende Mann entschuldigt sich sofort. Dann wickelt er das Tuch auseinander. Darin sitzt ein Mädchen von ungefähr fünf Jahren. Goldene Locken. Ein rosa Kleid. Kleine Schuhe. Eine Leinenschürze. Die Kleidung zeigt noch die Fürsorge einer Mutter, die inzwischen nicht mehr da ist. Das Kind ist blass und erschöpft, aber wesentlich kräftiger als der Mann. Es reibt sich den Hinterkopf. Er fragt besorgt, ob es noch weh tut. Das Mädchen hält ihm die Stelle hin. Er soll sie küssen.

Dann werde es wieder gut. So habe Mama das immer gemacht. Der Mann küsst ihren Kopf. Und dann kommt die Frage. Wo ist Mama? Er sagt, Mama sei fort. Das Mädchen wundert sich. Normalerweise verabschiede sie sich doch immer, sogar wenn sie nur zu einer Tante zum Tee gehe. Jetzt sei sie schon drei Tage weg. Dann stellt das Kind die Frage, die in dieser Landschaft dringender ist. Gibt es wirklich kein Wasser? Und nichts zu essen? Nein. Nichts. Der Mann zieht das Mädchen zu sich. Sie soll ihren Kopf an ihn legen. Dann versucht er ihr zu erklären, was passiert ist.

Die Gruppe hatte einen Fluss verlassen, weil sie glaubte, bald den nächsten zu erreichen. Irgendetwas stimmte nicht. Vielleicht die Karte. Vielleicht der Kompass. Der nächste Fluss kam nicht. Das Wasser ging aus. Nur für das Kind hatte der Mann noch ein wenig zurückgehalten. Das Mädchen betrachtet sein schmutziges Gesicht und versteht sofort.

Deshalb konnte er sich nicht waschen. Nicht ganz das Problem, das er meinte. Nein, sagt er. Trinken konnte er auch nicht. Dann zählt er die Toten auf. Mr. Bender. Indian Pete. Mrs. McGregor. Johnny Hones. Und schließlich die Mutter des Mädchens. Jetzt versteht sie. Mama ist auch tot. Das Kind vergräbt das Gesicht in seiner Schürze und weint. Der Mann erzählt weiter. Von einundzwanzig Menschen sind nur sie beide übrig. Er glaubte, in dieser Richtung Wasser zu finden, nahm das Mädchen auf die Schulter und ging los.

Sie haben keines gefunden. Ihre Chancen, sagt er, sind jetzt sehr klein. Das Mädchen hört auf zu weinen. „Heißt das, wir sterben auch?“ Er sieht keinen Grund mehr zu lügen. Ja. Ungefähr das heißt es. Und plötzlich lacht das Mädchen. Warum hat er das denn nicht gleich gesagt? Wenn sie sterben, werden sie Mama wiedersehen. Diese Rechnung ist für ein fünfjähriges Kind vollkommen überzeugend. Der Mann bestätigt sie. Natürlich. Auch er werde mitkommen, entscheidet das Mädchen. Und dann werde sie ihrer Mutter erzählen, wie gut er zu ihr gewesen sei.

Mama werde bestimmt an der Himmelstür warten. Mit einem großen Krug Wasser. Und heißen Buchweizenpfannkuchen. Auf beiden Seiten geröstet. So wie sie und ihr Bruder Bob sie mögen. Wie lange dauert es noch? Der Mann weiß es nicht. Nicht lange, vermutlich. Während er spricht, erscheinen am Himmel drei dunkle Punkte. Sie kommen näher. Drei große braune Vögel kreisen über den beiden und setzen sich auf die Felsen. Bussarde. Sie wissen nicht viel über Menschen. Aber sie erkennen eine Gelegenheit. Das Mädchen klatscht begeistert in die Hände. Hühner!

Dann schaut es sich um und stellt eine weitere Frage. Hat Gott dieses Land gemacht? Der Mann ist kurz überfordert. Natürlich habe Gott das Land gemacht. Das Mädchen denkt darüber nach. Gott habe schließlich auch Illinois gemacht. Und Missouri. Die seien erheblich besser gelungen. Hier habe offenbar jemand das Wasser und die Bäume vergessen. Der Mann schlägt vor, dass sie beten könnten. Das Mädchen ist überrascht. Es ist doch noch gar nicht Abend. Vielleicht, sagt er, könne man heute eine Ausnahme machen.

Sie soll die Gebete sprechen, die sie früher jeden Abend im Wagen gesprochen hat. Warum betet er nicht selbst? Er erinnert sich nicht mehr daran. Seit er ungefähr halb so groß war wie sein Gewehr, hat er es nicht mehr getan. Aber vielleicht ist es nie zu spät. Also breitet das Mädchen das graue Tuch auf dem Boden aus. Sie erklärt ihm, wie man kniet. Und was man mit den Händen macht. Dann knien sie nebeneinander. Ein kleines Kind und ein ausgemergelter, hart gewordener Mann. Über ihnen ein wolkenloser Himmel. Neben ihnen ein nutzloses Gewehr.

Auf den Felsen warten drei Bussarde. Gemeinsam bitten sie um Gnade. Danach setzen sie sich wieder in den Schatten. Das Mädchen schläft zuerst ein. Es schmiegt sich an die Brust des Mannes. Er hält sie fest und wacht noch eine Weile über sie. Drei Tage und drei Nächte hat er kaum geschlafen. Irgendwann gewinnt der Körper. Sein Kopf sinkt nach vorn. Der graue Bart vermischt sich mit den goldenen Haaren des Kindes.

Dann schlafen beide. Eine halbe Stunde später verändert sich der Horizont. Zunächst ist dort nur ein kleiner Staubstreifen. Dann wird er breiter. Höher. Größer. Etwas bewegt sich über die Ebene. Sehr viel sogar. Wäre dies fruchtbares Land, könnte man an eine riesige Bisonherde denken. Aber hier gibt es keine solche Herde. Bald tauchen im Staub Planwagen auf.

Dann Reiter. Menschen zu Fuß. Noch mehr Wagen. Frauen tragen Gepäck. Kinder laufen neben den Wagen her oder schauen unter den weißen Planen hervor. Pferde wiehern. Räder knarren. Peitschen knallen. Die Karawane ist so lang, dass ihre Spitze bereits die Berge erreicht, während ihr Ende am Horizont noch nicht zu sehen ist. Das ist keine gewöhnliche Gruppe von Auswanderern. Hier zieht beinahe ein ganzes Volk. An der Spitze reiten ernst aussehende Männer in dunkler, einfacher Kleidung. Sie tragen Gewehre und beraten über den weiteren Weg.

Die Brunnen liegen rechts der Sierra Blanco. Von dort können sie den Rio Grande erreichen. Wegen des Wassers, sagt einer, sollen sie keine Angst haben. Der Gott, der Wasser aus Felsen hervorbringen könne, werde sein auserwähltes Volk nicht verlassen. Amen, antworten die anderen. Dann entdeckt einer der jüngeren Männer etwas auf der Anhöhe. Ein kleines Stück Rosa. Sofort werden Gewehre bereitgemacht. Man vermutet Indianer. Mehrere Männer steigen von ihren Pferden und klettern den Hang hinauf. Oben finden sie keinen Angriffstrupp. Sie finden einen schlafenden Mann, der beinahe verhungert ist.

Und ein kleines Mädchen, dessen Arme um seinen Hals liegen. Über ihnen sitzen noch immer die drei Bussarde. Die Vögel sind von der Entwicklung der Ereignisse nicht begeistert. Ihre Schreie wecken die beiden Schlafenden. Der Mann richtet sich taumelnd auf. Als er hinunter auf die Ebene blickt, glaubt er zunächst, er halluziniere. Wo vor einer halben Stunde nichts gewesen war, befinden sich jetzt Tausende Menschen, Tiere und Wagen. Die Männer überzeugen ihn schließlich davon, dass sie wirklich existieren.

Einer hebt das Mädchen auf seine Schulter. Andere stützen den Fremden und führen ihn den Hang hinunter. Jetzt erfahren wir seinen Namen.

John Ferrier.

Er und das Mädchen seien die letzten Überlebenden einer Gruppe von einundzwanzig Menschen. Die anderen seien weiter südlich an Hunger und Durst gestorben. Ist das Mädchen seine Tochter? Ferrier sieht den Fragenden an. Jetzt schon. Er habe sie gerettet. Niemand werde sie ihm wegnehmen. Von diesem Tag an heißt sie:

Lucy Ferrier.

Dann möchte John Ferrier wissen, wer seine Retter eigentlich sind. Es sind fast zehntausend Menschen. Sie bezeichnen sich als verfolgte Kinder Gottes und als das auserwählte Volk. Sie erzählen von heiligen Schriften auf goldenen Platten, von Joseph Smith und von Nauvoo in Illinois. Dort hatten sie ihren Tempel errichtet. Nun ziehen sie nach Westen, fort von ihren Verfolgern, auf der Suche nach einem neuen Land. Ferrier kennt den Namen. Mormonen. Ja. Das sind sie. Wohin ziehen sie? Das wissen sie selbst noch nicht. Gott führe sie durch ihren Propheten. Ferrier und das Mädchen sollen zu ihm gebracht werden.

Die Männer führen sie durch die Menge zu einem besonders großen Wagen. Sechs Pferde ziehen ihn. Neben dem Fahrer sitzt ein Mann, kaum älter als dreißig, mit großem Kopf und entschlossenem Gesicht. Er hört sich den Bericht an. Dann betrachtet er John und Lucy Ferrier. Wenn sie mitkommen wollen, sagt er, gibt es eine Bedingung. Sie müssen ihren Glauben annehmen. Keine Wölfe in der Herde. Lieber sollen ihre Knochen in der Wüste bleichen, als dass sie später die Gemeinschaft von innen verderben.

John Ferrier steht seit Tagen ohne Wasser in einer Wüste. Man kann seine theologischen Verhandlungspositionen zu diesem Zeitpunkt als eingeschränkt bezeichnen. Er nimmt das Angebot an. Zu praktisch jeder Bedingung. Einige der ernsten Männer müssen lächeln. Der Anführer nicht. Er befiehlt einem Bruder Stangerson, den beiden Nahrung und Wasser zu geben und Ferrier im Glauben zu unterweisen. Dann soll es weitergehen.

Nach Zion. Der Ruf läuft durch die Karawane.

Nach Zion.

Peitschen knallen. Räder setzen sich in Bewegung. Pferde ziehen an. Die lange Kolonne beginnt wieder über die Ebene zu wandern. John Ferrier und das kleine Mädchen bekommen zu essen und zu trinken. Sie leben. Aber die Rettung hat einen Preis. Bruder Stangerson sagt Ferrier sehr deutlich, was von nun an gilt. Er und das Mädchen gehören jetzt zu ihrer Religion. Brigham Young hat gesprochen. Und für die Menschen dieser Karawane spricht durch ihn Joseph Smith. Und durch Joseph Smith spricht Gott.

John Ferrier hat die Wüste überlebt. Was das für ihn und Lucy bedeutet, wissen wir noch nicht. Aber wir wissen etwas anderes. Doyle hat uns nicht ohne Grund hierhergebracht. Und wir haben gerade einen Namen gehört, den wir bereits kennen.

Stangerson.


II. DIE BLUME VON UTAH

Die Wüste liegt zwölf Jahre hinter ihnen. Das ging schnell. Für John und Lucy Ferrier allerdings nicht. Die Menschen, die sie damals vor dem Verdursten gerettet hatten, erreichen schließlich das Tal von Utah. Nach Hunger, Krankheit, Erschöpfung und einer Reise über einen halben Kontinent stehen sie auf einer Anhöhe und sehen unter sich das Land, in dem sie bleiben wollen. Viele knien nieder und beten. Sie haben ihr Zion gefunden. Dann geschieht etwas, das Menschen erstaunlich zuverlässig tun, sobald sie eine lebensfeindliche Landschaft erfolgreich durchquert haben: Sie beginnen zu bauen.

Brigham Young erweist sich dabei nicht nur als religiöser Führer, sondern als äußerst fähiger Organisator. Straßen werden geplant, Grundstücke verteilt, Handwerker bekommen Arbeit, Felder werden entwässert, eingezäunt und bestellt. Wo vorher kaum etwas war, wächst eine Stadt. Im folgenden Sommer stehen die Felder voller Weizen. Im Zentrum erhebt sich ein großer Tempel. Vom frühen Morgen bis zum Abend hört man Hämmer und Sägen. John Ferrier und Lucy sind mitgekommen. Lucy hat einen Großteil der Reise im Wagen von Elder Stangerson verbracht, zusammen mit dessen drei Frauen und seinem zwölfjährigen Sohn.

John Ferrier wiederum hat etwas entdeckt, das ihm wesentlich besser liegt als Theologie: Arbeit. Er kennt das Land, kann jagen, führen, bauen und mit seinen Händen Dinge herstellen, die anschließend tatsächlich funktionieren. Seine neuen Gefährten schätzen ihn bald so sehr, dass er bei der Landverteilung eines der größten und fruchtbarsten Grundstücke erhält. Nur Brigham Young und die vier bedeutendsten Ältesten stehen über ihm. Stangerson. Kemball. Johnston. Und Drebber. Da ist der zweite Name. Wir werden ihn nicht kommentieren. Noch nicht.

Ferrier baut ein Blockhaus. Dann baut er daran weiter. Und noch ein wenig weiter. Aus dem Blockhaus wird mit den Jahren ein großes Haus. Seine Felder gedeihen. Seine Geschäfte ebenfalls. Nach drei Jahren geht es ihm besser als seinen Nachbarn. Nach sechs Jahren ist er wohlhabend. Nach neun reich. Nach zwölf Jahren gehört John Ferrier zu den reichsten Männern von Salt Lake City. Es gibt nur einen Punkt, an dem er sich den Gepflogenheiten seiner Glaubensgemeinschaft hartnäckig verweigert. John Ferrier heiratet nicht. Vor allem heiratet er nicht mehrere Frauen. Warum, erklärt er niemandem.

Manche vermuten Geiz. Andere eine alte Liebe. Wieder andere halten seinen Glauben für weniger fest, als er nach außen erscheint. Ferrier lässt sie reden. In allen anderen Dingen lebt er so, wie man es von ihm erwartet. Und Lucy wächst heran. Das kleine Mädchen mit dem rosa Kleid, das in der Wüste von Buchweizenpfannkuchen gesprochen hatte, wird zu einer jungen Frau. Sie hilft ihrem Vater auf der Farm. Sie reitet. Sie arbeitet. Sie kennt das Land. Die klare Bergluft und die Wälder sind ihre Kinderstube gewesen.

Und sie ist schön geworden. Sehr schön, wenn wir Doyle glauben dürfen. Was wir in dieser Angelegenheit müssen, weil er ungefähr einen Absatz darauf verwendet. Vorbeireisende Männer drehen sich nach ihr um. Selbst Menschen, die eigentlich andere Dinge zu erledigen haben, entdecken beim Anblick Lucy Ferriers plötzlich wieder Gefühle, die sie längst vergessen glaubten. John Ferrier bemerkt davon wenig. Väter sind für bestimmte Entwicklungen ihrer Töchter offenbar nicht die zuverlässigste Messstation. An einem warmen Junimorgen reitet Lucy in die Stadt.

Salt Lake City ist inzwischen voller Bewegung. Der Goldrausch hat begonnen. Reisende ziehen Richtung Kalifornien. Maultiere, Schafe und Rinder füllen die Straßen. Wagen und erschöpfte Auswanderer passieren die Stadt. Lucy bewegt sich auf ihrem Mustang sicher durch das Gedränge. Bis eine große Rinderherde die Straße blockiert. Sie sieht eine Lücke. Das genügt ihr. Sie reitet hinein. Die Lücke schließt sich hinter ihr. Plötzlich befindet sie sich mitten zwischen schweren, langhörnigen Rindern. Lucy ist eine erfahrene Reiterin und bleibt zunächst ruhig. Dann trifft eines der Hörner ihren Mustang an der Flanke.

Das Pferd gerät in Panik. Es steigt. Springt. Wird erneut von den Hörnern getroffen. Lucy hält sich im Sattel, aber um sie herum drängen Hufe, Hörner und mehrere hundert Kilogramm schwere Tiere gegeneinander. Wenn sie fällt, wird sie niedergetrampelt. Der Staub nimmt ihr die Sicht. Das Pferd lässt sich kaum noch kontrollieren. Ihre Kraft beginnt nachzulassen.

Dann hört sie neben sich eine Stimme. Gleichzeitig greift eine kräftige braune Hand nach dem Zaumzeug ihres Mustangs. Ein Reiter drängt sein eigenes Pferd zwischen die Rinder, packt Lucys Pferd und zwingt einen Weg durch die Herde. Wenig später sind sie draußen. Der Fremde fragt, ob sie verletzt sei. Lucy schaut ihn an. Er ist jung. Groß. Dunkles Gesicht. Kräftig gebaut. Die Kleidung eines Jägers. Über der Schulter ein langes Gewehr. Lucy lacht. Natürlich sei sie furchtbar erschrocken gewesen. Wer hätte schließlich erwarten können, dass ihr Pferd Poncho sich vor ein paar Kühen fürchtet?

Der Mann ist weniger amüsiert. Er ist vor allem erleichtert, dass sie im Sattel geblieben ist. Dann fragt er, ob sie John Ferriers Tochter sei. Ja. Er habe sie vom Haus herunterreiten sehen. Dann soll sie ihrem Vater etwas ausrichten. Er soll ihn fragen, ob er sich an die Jefferson Hopes aus St. Louis erinnert. Sein Vater und John Ferrier seien früher gut miteinander bekannt gewesen. Lucy betrachtet ihn. Warum kommt er nicht selbst vorbei und fragt? Der junge Mann findet diesen Vorschlag ausgezeichnet. Allerdings, sagt er, seien er und seine Begleiter seit zwei Monaten in den Bergen unterwegs.

Ihr gegenwärtiger Zustand sei nicht unbedingt für gesellschaftliche Besuche vorgesehen. Lucy erklärt ihm, dass ihr Vater darüber hinwegsehen werde. Schließlich habe er ihm einiges zu verdanken. Sie ebenfalls. Wenn die Rinder sie niedergetrampelt hätten, wäre ihr Vater darüber niemals hinweggekommen. Der Fremde sieht sie an. Er auch nicht. Lucy stutzt. Er? Sie kennen sich doch überhaupt nicht. Das Gesicht des jungen Mannes wird so finster, dass Lucy lachen muss. Schon gut.

Jetzt seien sie schließlich Freunde. Er solle sie besuchen. Dann verabschiedet sie sich, wendet Poncho und reitet davon. Der junge Mann sieht ihr nach. Sein Name ist Jefferson Hope. Da sind wir also. Vor einigen Kapiteln hat Sherlock Holmes diesen Mann in der Baker Street verhaftet. Hier steht Jefferson Hope am Anfang seines Erwachsenenlebens. Er hat noch niemanden ermordet. Er hat noch keine Kutsche durch London gefahren. Er hat gerade eine junge Frau aus einer Rinderherde gezogen. Und er hat sich verliebt. Sehr gründlich sogar.

Hope war mit anderen Männern in den Bergen Nevadas unterwegs. Sie haben nach Silber gesucht und Lagerstätten entdeckt. Nun wollen sie in Salt Lake City Kapital auftreiben, um sie auszubeuten. Bis vor wenigen Minuten war das für Jefferson Hope ausgesprochen wichtig. Jetzt nicht mehr. Er besucht die Ferriers noch am selben Abend. Dann wieder. Und wieder. Bald gehört er auf der Farm beinahe zum Inventar. John Ferrier mag ihn. Hope kennt die Welt außerhalb des Tals, von der Ferrier in den vergangenen zwölf Jahren wenig erfahren hat. Er war Pionier in Kalifornien, Kundschafter, Trapper, Silbersucher und Rancher.

Wo etwas geschah, war Jefferson Hope offenbar nicht weit entfernt. Er erzählt von Abenteuern, von Männern, die Vermögen machten, und anderen, die sie wieder verloren. John hört gern zu. Lucy ebenfalls. Aus unterschiedlichen Gründen. Ferrier spricht bald begeistert von Hopes Charakter. Lucy sagt bei solchen Gelegenheiten nicht viel. Sie wird rot. Jefferson Hope benötigt keine Ausbildung in Deduktion, um daraus einen Schluss zu ziehen. Einige Zeit später kommt er an einem Sommerabend zur Farm geritten. Lucy steht vor dem Haus. Hope wirft die Zügel über den Zaun und geht zu ihr. Er muss fort. Nicht lange.

Höchstens zwei Monate. Die Silberminen warten, und er muss seine Angelegenheiten dort regeln. Dann nimmt er ihre Hände. Wenn er zurückkommt, fragt er, wird sie mit ihm gehen? Lucy wird rot und lacht. Was ist mit ihrem Vater? Das sei bereits geklärt, sagt Hope. John Ferrier hat zugestimmt. Vorausgesetzt, aus der Sache mit den Minen wird etwas. Lucy lehnt den Kopf an seine Brust. Wenn ihr Vater und Jefferson Hope ohnehin schon alles beschlossen haben, sagt sie, gebe es offenbar nicht mehr viel zu besprechen. Hope küsst sie.

Je länger er bleibt, desto schwerer wird ihm der Abschied. Also steigt er wieder auf sein Pferd. Er verspricht, spätestens in zwei Monaten zurückzukommen. Dann reitet er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Lucy bleibt am Tor stehen und sieht ihm nach, bis er verschwunden ist. Danach geht sie zurück ins Haus. Doyle nennt sie in diesem Augenblick das glücklichste Mädchen in ganz Utah. Wir wissen bereits etwas, das Lucy nicht weiß.

Jefferson Hope wird tatsächlich zurückkommen. Nur wird zwischen diesem Abschied und jenem Zimmer in der Baker Street eine Geschichte liegen, die einen Mann vollständig verändern kann.


III. JOHN FERRIER SPRICHT MIT DEM PROPHETEN

Drei Wochen sind vergangen, seit Jefferson Hope Salt Lake City verlassen hat. John Ferrier denkt oft an seine Rückkehr. Mit gemischten Gefühlen. Er mag den jungen Mann. Er vertraut ihm. Und er weiß, dass Lucy ihn liebt. Trotzdem gibt es einen kleinen Haken. Wenn Jefferson Hope zurückkommt, wird John Ferrier seine Tochter verlieren. So funktionieren Töchter nicht wirklich, aber Väter haben diese Vorstellung über erstaunlich lange Zeiträume gepflegt. Lucys Glück macht ihm den Gedanken leichter. Und noch etwas. John Ferrier hat für sich längst eine Entscheidung getroffen:

Lucy wird keinen Mormonen heiraten. Unter keinen Umständen. Über vieles, was in Utah geschieht, hat Ferrier gelernt zu schweigen. Über diesen Punkt nicht einmal mit sich selbst. Nach außen allerdings schon. Denn Salt Lake City ist inzwischen ein Ort geworden, an dem man seine Meinung sorgfältig behandelt. Sehr sorgfältig. Doyle beschreibt eine Gemeinschaft, in der Zweifel nur noch geflüstert werden. Menschen, die sich gegen die Kirche stellen, verschwinden. Familien warten auf Männer, die nicht zurückkommen. Niemand weiß genau, wer die Befehle ausführt.

Gerade das macht die Sache wirksam. Eine sichtbare Geheimpolizei ist immerhin sichtbar. Diese hier nicht. Gerüchte erzählen von bewaffneten Männern, die nachts durch die Berge ziehen. Von überfallenen Reisenden. Von Frauen, die verschwinden und später in den Häusern der Ältesten auftauchen. Irgendwann bekommen die Gerüchte einen Namen.

Die Daniten.

Oder:

Die Racheengel.

Niemand weiß, wer zu ihnen gehört. Vielleicht der Nachbar. Vielleicht der Freund, dem man gestern beim Abendessen erzählt hat, was man wirklich über den Propheten denkt. Das Ergebnis ist einfach. Man erzählt es niemandem. John Ferrier hat das verstanden. An einem Morgen will er gerade zu seinen Weizenfeldern aufbrechen, als draußen das Gartentor klickt. Er schaut aus dem Fenster. Ein kräftiger Mann mittleren Alters kommt den Weg zum Haus hinauf. Sandfarbenes Haar. Helles Gesicht. Schwerer Schritt. Ferrier erkennt ihn sofort. Brigham Young. Der Prophet besucht ihn persönlich.

Ferrier freut sich darüber ungefähr so sehr, wie Menschen sich gewöhnlich über unangekündigte Besuche einer Person freuen, die über ihr weiteres Schicksal entscheiden kann. Er geht zur Tür. Young erwidert seine Begrüßung kühl und folgt ihm ins Wohnzimmer. Dann setzt er sich. „Bruder Ferrier.“ Er erinnert ihn an die Wüste. Daran, wie die Gemeinschaft ihn und Lucy gefunden hat. Wie sie ihnen Wasser gegeben hat. Nahrung. Schutz. Land. Wie John Ferrier unter diesem Schutz reich geworden ist. Stimmt das? Ferrier sagt: Ja. Es stimmt. Und was verlangte man dafür? Nur eines.

Er sollte den wahren Glauben annehmen und nach seinen Regeln leben. Das habe er versprochen. Young betrachtet ihn. Und offenbar, sagt er, habe John Ferrier sein Versprechen nicht vollständig gehalten. Ferrier versteht nicht. Er zahlt in die Gemeinschaftskasse. Er besucht den Tempel. Er erfüllt seine Pflichten. Was fehlt? Brigham Young sieht sich im Zimmer um. „Wo sind deine Frauen?“ Ferrier schweigt.

Dann erklärt er, dass Frauen knapp gewesen seien. Andere Männer hätten sie nötiger gebraucht. Außerdem sei er nie allein gewesen. Er habe Lucy. Young nickt. Genau wegen Lucy ist er gekommen. Sie sei inzwischen die Blume von Utah. Viele bedeutende Männer hätten ihre Schönheit bemerkt. Ferrier gefällt die Richtung dieses Gesprächs nicht. Zu Recht. Young habe Gerüchte gehört. Man behaupte, Lucy sei einem Gentile, einem Mann außerhalb des mormonischen Glaubens, versprochen.

Das könne natürlich nicht stimmen. Denn die Regeln seien eindeutig. Eine Frau des wahren Glaubens müsse einen Mann des wahren Glaubens heiraten. Eine Verbindung mit einem Außenstehenden sei eine schwere Sünde. Ferriers Hand spielt mit seiner Reitpeitsche. Er sagt nichts. Brigham Young fährt fort. Der Heilige Rat der Vier habe beschlossen, dass sich an dieser Frage Ferriers Glauben zeigen werde. Lucy müsse heiraten. Man wolle ihr sogar eine Wahl lassen. Das ist großzügiger, als es zunächst klingt. Und weniger großzügig, sobald Young die Auswahl nennt. Stangerson hat einen Sohn. Drebber hat einen Sohn.

Beide sind jung. Beide sind reich. Beide gehören zum wahren Glauben. Lucy darf sich einen aussuchen. Da sind sie wieder.

Stangerson.

Drebber.

In London lagen beide tot. Hier bewerben sich ihre Söhne um dieselbe Frau. Der Kreis wird kleiner. Ferrier sitzt eine Weile schweigend da. Dann sagt er, Lucy sei noch sehr jung. Sie brauche Zeit. Brigham Young steht auf. Gut. Sie bekommt einen Monat. Am Ende dieses Monats wird sie ihre Entscheidung mitteilen. Er geht bereits zur Tür.

Dann dreht er sich noch einmal um. Sein Gesicht ist gerötet. Seine Augen funkeln. Es wäre besser für John und Lucy Ferrier, sagt er, sie lägen noch immer als gebleichte Skelette in der Sierra Blanco, als dass sie ihren Willen gegen den Befehl der Heiligen Vier stellen. Dann geht er. Seine Schritte knirschen draußen über den Kies. John Ferrier bleibt sitzen. Die Ellenbogen auf den Knien. Er muss Lucy davon erzählen. Nur wie? Eine Hand legt sich auf seine. Lucy steht neben ihm. Sie ist blass. Sie hat alles gehört. Youngs Stimme war im ganzen Haus zu hören. „Vater, was sollen wir tun?“

Ferrier zieht sie zu sich. Er streicht ihr über das Haar. Zuerst möchte er etwas wissen. Ihre Gefühle für Jefferson Hope haben sich nicht zufällig in den vergangenen drei Wochen geändert? Lucy antwortet nicht. Sie drückt nur seine Hand und beginnt zu weinen. Ferrier nickt. Das genügt ihm. Eigentlich hätte ihn eine andere Antwort enttäuscht. Hope sei ein guter Mann, sagt er. Und er sei Christ. Was Ferrier inzwischen von den Leuten hier hält, behält er diesmal nicht vollständig für sich. Am nächsten Tag zieht eine Gruppe nach Nevada.

Ferrier wird ihnen eine Nachricht für Jefferson Hope mitgeben. Wenn er den jungen Mann richtig einschätzt, wird der schneller zurückkommen, als ein elektrischer Telegraph die Nachricht weitertragen könnte. Lucy muss trotz ihrer Tränen lachen. Dann wird sie wieder ernst. Nicht um sich selbst hat sie am meisten Angst. Um ihren Vater. Sie hat die Geschichten gehört. Menschen, die sich dem Propheten widersetzen, verschwinden. Ferrier versucht sie zu beruhigen. Noch haben sie sich niemandem widersetzt. Sie haben einen ganzen Monat. Und wenn der Monat abläuft, dann werden sie Utah eben verlassen. Lucy sieht ihn an.

Utah verlassen? Ja. Die Farm? Ferrier zuckt innerlich vermutlich stärker als äußerlich. Zwölf Jahre Arbeit. Felder. Haus. Vieh. Vermögen. Fast alles, was er besitzt. Sie werden zu Geld machen, was sich schnell verkaufen lässt. Den Rest lassen sie zurück. Denn John Ferrier hat etwas entdeckt, das ihm wichtiger ist als seine Farm. Er ist ein freier Amerikaner. Und er hat nicht vor, sich im Alter noch daran zu gewöhnen, vor irgendeinem Mann niederzuknien.

Sollte der Prophet persönlich auf seiner Farm auftauchen und die Sache weiter vertiefen wollen, könne es außerdem passieren, dass er einer Ladung Schrot begegnet, die sich in entgegengesetzter Richtung bewegt. Lucy weist auf das offensichtliche Problem hin. Sie werden sie nicht gehen lassen. Ferrier weiß das. Aber Jefferson Hope wird kommen. Und dann werden sie einen Weg finden. Bis dahin soll Lucy sich keine Sorgen machen. Sie soll vor allem nicht so viel weinen, dass ihre Augen anschwellen. Sonst werde Hope bei seiner Rückkehr noch glauben, John Ferrier habe etwas damit zu tun, und ihn womöglich verprügeln.

Es besteht überhaupt kein Grund zur Angst. Keiner. John Ferrier sagt das sehr überzeugend. Am selben Abend kontrolliert er die Schlösser an allen Türen ungewöhnlich sorgfältig. Dann geht er in sein Schlafzimmer. An der Wand hängt eine alte Flinte. Ferrier nimmt sie herunter. Er reinigt sie. Und lädt sie.


IV. FLUCHT UM LEBEN UND TOD

Am Morgen nach Brigham Youngs Besuch reitet John Ferrier nach Salt Lake City. Er findet den Mann, der am nächsten Tag in Richtung Nevada aufbrechen will, und gibt ihm eine Nachricht für Jefferson Hope mit.

Komm zurück. Sofort.

Die Gefahr ist jetzt unmittelbar. Nachdem Ferrier die Nachricht losgeschickt hat, fühlt er sich zum ersten Mal seit Youngs Besuch etwas leichter. Jefferson Hope weiß bald Bescheid. Und wenn Hope etwas verspricht, hat Ferrier inzwischen gelernt, dann sollte man mit seiner Ankunft rechnen. Als er zu seiner Farm zurückkehrt, stehen zwei Pferde am Tor. Ferrier bleibt kurz stehen. Besuch. Er geht ins Haus. Im Wohnzimmer haben es sich zwei junge Männer bequem gemacht. Der eine sitzt im Schaukelstuhl und hat die Füße auf den Ofen gelegt. Ein langes, blasses Gesicht.

Der andere steht am Fenster, die Hände in den Taschen, kräftiger Hals, aufgedunsene Gesichtszüge. Er pfeift ein Kirchenlied. Beide nicken Ferrier zu, als gehöre ihnen das Haus. Der Mann im Schaukelstuhl stellt sich vor. Joseph Stangerson. Er erinnert Ferrier daran, dass sie gemeinsam durch die Wüste gezogen sind, damals, als der Herr ihn und Lucy in die wahre Herde aufgenommen habe. Der andere ergänzt mit näselnder Stimme etwas über Gottes Mühlen. Ferrier kennt ihn bereits dem Namen nach. Drebber. Die beiden Söhne sind gekommen, um die Angelegenheit mit Lucy zu klären. Stangerson beginnt.

Ihre Väter hätten ihnen geraten, um Lucys Hand anzuhalten. Ferrier und Lucy dürften entscheiden, welcher von beiden der geeignetere Mann sei. Er selbst habe bislang nur vier Frauen. Drebber dagegen bereits sieben. Deshalb, findet Stangerson, sei sein Anspruch eindeutig größer. Drebber widerspricht. Entscheidend sei doch nicht, wie viele Frauen ein Mann bereits habe. Entscheidend sei, wie viele er ernähren könne.

Sein Vater habe ihm die Mühlen übertragen. Er sei also der reichere Mann. Stangerson hält dagegen. Seine Aussichten seien besser. Wenn der Herr irgendwann seinen Vater zu sich nehme, bekomme er dessen Gerberei und Lederfabrik. Außerdem sei er älter. Und in der Kirche höhergestellt. Drebber betrachtet sich im Spiegel. Lucy solle entscheiden. John Ferrier steht während dieses Gesprächs in der Tür. In seiner Hand befindet sich eine Reitpeitsche. Dass sie dort bleibt, ist eine beachtliche Leistung der Selbstbeherrschung.

Schließlich geht er auf die beiden zu. Wenn seine Tochter nach ihnen verlange, sagt er, dürften sie wiederkommen. Bis dahin möchte er ihre Gesichter in diesem Haus nicht mehr sehen. Stangerson und Drebber starren ihn an. Sie sind tatsächlich überrascht. Aus ihrer Sicht erweisen sie Lucy gerade eine außergewöhnliche Ehre. Ferrier zeigt auf den Raum. Es gebe zwei Wege hinaus. Die Tür. Und das Fenster. Sie dürfen wählen. Offenbar überzeugt etwas in seinem Gesicht die beiden davon, dass dies keine rhetorische Figur ist. Sie stehen auf.

Ferrier begleitet sie hinaus. Sie sollen ihm Bescheid geben, ruft er ihnen hinterher, sobald sie sich entschieden hätten. Stangerson wird weiß vor Wut. Ferrier habe den Propheten und den Rat der Vier herausgefordert. Das werde er bereuen. Bis ans Ende seiner Tage. Drebber kündigt die schwere Hand des Herrn an. Gott werde sich erheben und ihn schlagen. Ferrier dreht sich um.

Dann, sagt er, könne er ja mit dem Schlagen anfangen. Er will nach oben zu seiner Flinte. Lucy hält ihn am Arm fest. Bis er sich von ihr befreit hat, hört man draußen bereits Pferdehufe. Die beiden sind fort. Ferrier wischt sich den Schweiß von der Stirn. Lieber würde er Lucy im Grab sehen, sagt er, als mit einem von diesen beiden verheiratet. Lucy sieht das genauso. Aber Jefferson werde bald hier sein. Ja. Hoffentlich. Denn Ferrier weiß nicht, was als Nächstes kommt. Er muss nicht lange warten. Am folgenden Morgen wacht er auf.

Über seiner Brust steckt etwas in der Bettdecke. Ein kleines Stück Papier. Ferrier zieht es heraus. Darauf stehen in großen, ungelenken Buchstaben einige Worte:

Noch neunundzwanzig Tage zur Umkehr. Dann …

Mehr nicht. Nur dieser letzte Strich. Ferrier betrachtet die Türen. Die Fenster. Alles war verschlossen. Die Bediensteten schlafen in einem Nebengebäude. Jemand war nachts in seinem Schlafzimmer. Jemand hatte sich über sein Bett gebeugt. Jemand hatte einen Zettel wenige Zentimeter über seinem Herzen befestigt. Ferrier zerknüllt das Papier. Lucy erzählt er nichts davon. Am nächsten Morgen sitzen sie beim Frühstück. Lucy schaut plötzlich zur Decke. Dort steht eine große Zahl. Mit einem verkohlten Stück Holz geschrieben.

28

Lucy versteht nicht, was das bedeutet. Ferrier schon. In dieser Nacht schläft er nicht. Er sitzt mit seiner Flinte im Haus und wartet. Er hört nichts. Er sieht nichts. Am Morgen steht außen auf seiner Tür:

27

Danach braucht niemand mehr etwas zu erklären. Jeden Morgen erscheint eine neue Zahl. An einer Wand. Auf dem Boden. Am Gartentor. An einem Zaun. Ferrier bewacht das Haus. Er kontrolliert Türen und Fenster. Er lauscht nachts auf jedes Geräusch. Es spielt keine Rolle. Die Zahlen erscheinen trotzdem.

20

Dann:

15

Dann:

10

Jefferson Hope kommt nicht. Jedes Mal, wenn auf der Straße ein Pferd zu hören ist, läuft Ferrier zum Tor. Jedes Mal ist es jemand anderes.

5

4

3

John Ferrier beginnt die Hoffnung zu verlieren. Die Straßen aus dem Tal werden bewacht. Ohne Genehmigung des Rates kommt niemand hinaus. Die Berge kennt er nicht gut genug, um Lucy allein hindurchzuführen. Er hat Geld. Land. Ansehen. Nichts davon hilft ihm. Eines allerdings hat sich nicht verändert. Lucy wird keinen dieser Männer heiraten. Lieber stirbt er.

Am Abend, an dem draußen an der Hauswand die Zahl 2 steht, sitzt John Ferrier allein am Tisch. Morgen ist der letzte Tag. Er denkt über Fluchtwege nach. Es gibt keinen. Er denkt darüber nach, was mit Lucy geschehen wird, wenn man ihn tötet. Zum ersten Mal bricht etwas in ihm. Ferrier legt den Kopf auf den Tisch. Und weint. Dann hört er ein Geräusch. Ganz leise. Ein Kratzen. Ferrier hebt den Kopf. Wieder. Es kommt von der Haustür. Er steht auf, nimmt seine Waffe und geht in den Flur. Stille.

Dann noch einmal. Jemand berührt von außen ganz vorsichtig die Tür. Ferrier denkt an die Zahlen. Vielleicht ist es der Mann, der die letzte Warnung bringt. Vielleicht ist es jemand, der gar keine Warnung mehr bringen soll. Das Warten ist inzwischen schlimmer als die Gefahr. Ferrier zieht den Riegel zurück und reißt die Tür auf. Nichts. Der Garten liegt still unter den Sternen. Niemand am Tor. Niemand auf der Straße. Ferrier schaut nach links.

Nach rechts. Dann nach unten. Direkt vor seinen Füßen liegt ein Mann bäuchlings auf dem Boden. Arme und Beine ausgestreckt. Ferrier weicht zurück. Die Gestalt bewegt sich. Sie kriecht lautlos über den Boden. Durch die offene Tür. In den Flur. Dann springt der Mann auf, schließt die Tür hinter sich und dreht sich zu Ferrier um.

Jefferson Hope.

Ferrier starrt ihn an. Hope hat ihm beinahe einen Herzstillstand beschert. Hope interessiert sich im Augenblick für etwas anderes. Essen. Er habe seit achtundvierzig Stunden weder gegessen noch getrunken. Auf dem Tisch liegen noch kaltes Fleisch und Brot. Hope fällt darüber her. Erst danach fragt er nach Lucy. Ihr gehe es gut, sagt Ferrier. Sie kenne nicht die ganze Gefahr. Gut. Hope erklärt, dass das Haus von allen Seiten beobachtet wird. Deshalb ist er auf dem Bauch bis zur Tür gekrochen. Die Wächter seien ziemlich gut.

Aber nicht gut genug für einen Jäger aus Washoe. Ferrier packt seine Hand. Mit Hope im Haus fühlt sich die Welt plötzlich wieder anders an. Nicht sicher. Aber lösbar. Er sagt dem jungen Mann, dass nicht viele freiwillig in eine solche Gefahr zurückkehren würden. Hope ist da ganz nüchtern. Wäre Ferrier allein, hätte er es sich vielleicht zweimal überlegt.

Aber Lucy ist hier. Und bevor ihr etwas geschieht, wird es in Utah notfalls einen Hope weniger geben. Ferrier fragt: Was tun wir? Hope kennt die Antwort bereits. Morgen ist der letzte Tag. Wenn sie heute Nacht nicht verschwinden, sind sie verloren. Im Eagle Ravine warten zwei Pferde und ein Maultier. Wie viel Geld besitzt Ferrier? Zweitausend Dollar in Gold. Fünftausend in Banknoten. Das reicht. Hope hat selbst noch einmal ungefähr dieselbe Summe. Sie werden durch die Berge nach Carson City fliehen. Ferrier soll Lucy wecken.

Währenddessen sammelt Hope alles Essbare ein, was er finden kann. Brot. Fleisch. Was immer transportierbar ist. Dann füllt er einen Steinkrug mit Wasser. Er kennt die Berge. Dort oben ist Wasser keine Selbstverständlichkeit. Lucy kommt vollständig angezogen herunter. Sie sieht Jefferson. Für einen kurzen Augenblick existieren weder Brigham Young noch Drebber noch Stangerson noch irgendein Countdown. Dann ist der Augenblick vorbei. Sie müssen los. Hope erklärt den Weg. Vorder- und Hintereingang werden überwacht. Sie nehmen ein Seitenfenster und gehen über die Felder. Bis zur Schlucht sind es etwa zwei Meilen.

Wenn alles funktioniert, befinden sie sich bei Tagesanbruch mitten in den Bergen. Ferrier stellt die offensichtliche Frage. Was geschieht, wenn sie aufgehalten werden? Hope legt die Hand auf den Revolver an seinem Gürtel. Wenn es zu viele sind, sagt er, nehmen sie eben zwei oder drei mit. Niemand fragt, wohin. Die Lampen werden gelöscht. Ferrier steht am dunklen Fenster und blickt hinaus. Auf seine Felder. Sein Haus. Zwölf Jahre Arbeit. Alles, was er aufgebaut hat. In wenigen Minuten wird es nicht mehr ihm gehören. Er zögert nicht. Lucy ist wichtiger.

Sie warten, bis eine Wolke vor den Mond zieht. Dann steigen sie nacheinander aus dem Fenster. Ferrier trägt das Geld. Hope trägt Proviant und Wasser. Lucy hat nur ein kleines Bündel mit den Dingen, von denen sie sich nicht trennen wollte. Geduckt laufen sie durch den Garten. Dann an einer Hecke entlang. Vor ihnen liegt eine Lücke zum Kornfeld. Jefferson Hope bleibt abrupt stehen. Er packt Lucy und Ferrier und zieht beide zu Boden. Still. Ein Ruf ertönt in der Dunkelheit. Eine Eule.

Kurz darauf antwortet eine zweite. Eine Gestalt erscheint an der Lücke. Dann eine weitere. Die drei Flüchtenden liegen nur wenige Meter entfernt im Schatten. „Morgen um Mitternacht“, sagt einer der Männer. Wenn der Ziegenmelker dreimal ruft. Der andere bestätigt. Soll Drebber informiert werden? Ja. Er soll es weitergeben. Dann sagt der erste: „Neun zu sieben.“ Der zweite antwortet: „Sieben zu fünf.“ Die Männer verschwinden. Hope wartet, bis ihre Schritte verklungen sind.

Dann springt er auf. Los. Sie sind durch den inneren Wachring. Jetzt zählt Geschwindigkeit. Sie rennen über die Felder. Als Lucys Kräfte nachlassen, stützt Hope sie und trägt sie beinahe. Auf der Straße kommen sie schneller voran. Einmal begegnet ihnen jemand, doch sie können rechtzeitig in ein Feld ausweichen. Noch vor der Stadt biegt Hope auf einen schmalen, felsigen Pfad ab. Vor ihnen ragen zwei dunkle Bergspitzen in den Himmel. Dazwischen liegt die Schlucht. Eagle Ravine.

Dort warten die Tiere. Lucy kommt auf das Maultier. Ferrier auf eines der Pferde. Hope führt das zweite. Dann beginnt der Aufstieg. Der Weg wird schmaler. Auf einer Seite erhebt sich eine schwarze Felswand fast senkrecht in den Himmel. Auf der anderen liegen Felsbrocken und Geröll. Teilweise können die drei nur hintereinander weiter.

Doch mit jedem Meter wächst die Entfernung zwischen ihnen und Salt Lake City. Zum ersten Mal seit Wochen liegt vor ihnen etwas, das beinahe wie Freiheit aussieht. Dann schreit Lucy leise auf. Über ihnen steht auf einem Felsen ein Mann. Allein. Eine Wache. Seine Stimme hallt durch die Schlucht. „Wer da?“ Jefferson Hopes Hand wandert zum Gewehr. „Reisende nach Nevada.“ Der Wachposten beugt sich vor. „Mit wessen Erlaubnis?“ Ferrier antwortet. „Der Heiligen Vier.“ Der Mann schweigt einen Augenblick.

Dann ruft er: „Neun zu sieben!“ John Ferrier kennt die Antwort nicht. Jefferson Hope schon. Er hat sie vor wenigen Minuten im Kornfeld gehört. „Sieben zu fünf!“ Eine Pause. Dann kommt die Stimme von oben. Sie dürfen passieren. Der Herr möge mit ihnen sein. Hope treibt die Tiere weiter. Der Weg wird breiter. Die Pferde fallen in Trab.

Nach einer Weile blickt Ferrier zurück. Hoch oben steht noch immer der einzelne Wachposten mit seinem Gewehr. Dann verschwindet er hinter den Felsen. Sie haben die äußerste Wache passiert. Hinter ihnen liegt Utah. Vor ihnen liegen die Berge. Und irgendwo dahinter: Freiheit.


V. DIE RACHEENGEL

Die ganze Nacht ziehen sie durch die Berge. Jefferson Hope kennt die Schluchten, aber selbst er verliert mehrmals den Weg. Zwischen Felswänden, Geröll und dunklen Abzweigungen sucht er die Spuren wieder, bis sie weiterreiten können. Als die Sonne aufgeht, verändert sich die Landschaft. Überall stehen schneebedeckte Gipfel. Die ersten Sonnenstrahlen treffen einen nach dem anderen, bis die Berge rot und golden über den Tälern leuchten. Lucy und ihr Vater möchten an einem Gebirgsbach länger rasten. Hope lässt es nicht zu. Sie werden inzwischen verfolgt.

Alles hängt davon ab, schneller zu sein. Wenn sie Carson City erreichen, sagt er, können sie sich für den Rest ihres Lebens ausruhen. Also weiter. Am Abend sind sie mehr als dreißig Meilen von Salt Lake City entfernt. Sie schlafen einige Stunden unter einem überhängenden Felsen, eng zusammengedrängt gegen die Kälte. Noch vor Sonnenaufgang brechen sie wieder auf. Keine Verfolger. Keine Reiter. Keine Spur der Männer aus dem Tal. Jefferson Hope beginnt zu glauben, dass sie es geschafft haben. Das ist der Augenblick, in dem Geschichten gewöhnlich misstrauisch machen.

Am zweiten Tag werden ihre Vorräte knapp. Hope beunruhigt das nicht besonders. In diesen Bergen gibt es Wild, und er hat lange genug als Jäger gelebt, um Nahrung nicht ausschließlich dort zu suchen, wo Menschen sie verpackt haben. Sie finden eine geschützte Stelle. Hope macht Feuer. Lucy und Ferrier bleiben zurück. Die Pferde werden angebunden. Dann nimmt Hope sein Gewehr und zieht los. Er findet zunächst nichts. Eine Schlucht. Noch eine. Spuren von Bären. Noch mehr Schluchten.

Zwei, vielleicht drei Stunden vergehen. Dann entdeckt er hoch über sich auf einem Felsvorsprung ein Dickhornschaf. Hope legt sich flach auf den Boden. Er stützt das Gewehr auf einen Stein. Zielt lange. Schießt. Das Tier springt auf, schwankt am Rand des Abgrunds und stürzt hinunter. Hope schneidet so viel Fleisch heraus, wie er tragen kann.

Damit haben sie genug Nahrung für den restlichen Weg. Zum ersten Mal an diesem Tag läuft etwas wirklich gut. Dann findet Jefferson Hope den Rückweg nicht mehr. Die Schluchten sehen einander ähnlich. Eine Abzweigung führt zu einem Bach, den er noch nie gesehen hat. Die nächste ebenfalls in die falsche Richtung. Es wird dunkel. Hope sucht weiter.

Als er endlich eine Schlucht erkennt, ist er seit fast fünf Stunden fort. Er ist erschöpft. Das Fleisch wiegt schwer auf seiner Schulter. Aber Lucy wartet auf ihn. Dieser Gedanke genügt. Er erreicht den Eingang zu der Schlucht, in der er sie zurückgelassen hat. Hope legt die Hände an den Mund. Er ruft. Seine Stimme läuft zwischen den Felswänden entlang und kommt mehrfach zu ihm zurück. Sonst nichts. Er ruft noch einmal. Lauter. Keine Antwort. Hope lässt das Fleisch fallen und beginnt zu rennen. Dann sieht er das Feuer. Oder was davon übrig ist. Ein Haufen glimmender Asche. Niemand hat Holz nachgelegt.

Die Pferde sind fort. John Ferrier ist fort. Lucy ist fort. Hope steht einen Moment vollkommen still. Dann zwingt er sich, hinzusehen. Der Boden ist von Pferdehufen zertrampelt. Viele Reiter waren hier. Ihre Spuren führen zurück in Richtung Salt Lake City. Hope klammert sich an einen Gedanken. Sie haben beide mitgenommen. Lucy und Ferrier leben. Dann sieht er etwas neben dem Lagerplatz. Einen niedrigen Hügel aus rötlicher Erde. Frisch aufgeworfen. Hope geht darauf zu. Im Boden steckt ein Stock. Daran ein Stück Papier. Er liest:

JOHN FERRIER
Ehemals aus Salt Lake City
Gestorben am 4. August 1860

Mehr bekommt John Ferrier nicht. Kein Haus. Keine Felder. Keine zwölf Jahre Arbeit. Nur einen Erdhügel in den Bergen und drei Zeilen auf einem Stück Papier. Hope sucht nach einem zweiten Grab. Es gibt keines. Lucy lebt. Und genau deshalb weiß er, was geschehen ist. Sie haben sie zurückgebracht. Jefferson Hope steht vor dem Grab ihres Vaters und begreift, dass er zu spät gekommen ist. Etwas verändert sich in ihm. Nicht plötzlich im Sinne eines einzigen Augenblicks.

Aber endgültig. Bis hierher wollte Jefferson Hope mit Lucy leben. Von jetzt an will er für John Ferrier und Lucy etwas anderes. Rache. Er geht zurück zu dem Fleisch, das er fallen gelassen hat. Er macht Feuer, bereitet genügend Nahrung für mehrere Tage vor und packt sie zusammen. Dann dreht er um. Zurück durch die Berge. Zurück nach Salt Lake City. Allein. Fünf Tage läuft er durch die Schluchten, die sie zuvor zu Pferd durchquert hatten. Nachts schläft er zwischen Felsen. Vor Tagesanbruch ist er wieder unterwegs.

Am sechsten Tag erreicht er Eagle Canyon. Unter ihm liegt die Stadt. Auf einigen Straßen hängen Fahnen. Es wird gefeiert. Hope weiß noch nicht warum. Dann hört er ein Pferd. Der Reiter ist ein Mormone namens Cowper. Hope kennt ihn und hat ihm früher geholfen. Cowper erkennt ihn kaum wieder. Vor ihm steht kein junger Jäger mehr, der Lucy Ferrier lachend aus einer Rinderherde geführt hat. Die Kleidung ist zerrissen. Das Gesicht ausgezehrt. Die Augen wild.

Als Cowper begreift, wer vor ihm steht, bekommt er Angst. Hope sei wahnsinnig, hierher zurückzukommen. Der Rat der Vier habe einen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Hope interessiert das nicht. Er möchte nur eines wissen. Was ist mit Lucy Ferrier geschehen? Cowper schaut sich um. Die Felsen hätten Ohren. Die Bäume Augen. Hope fragt noch einmal. Lucy. Cowper antwortet. Sie hat gestern geheiratet.

Drebber.

Hope lehnt sich gegen einen Felsen. Für einen Moment hält ihn sein Körper nicht mehr. Geheiratet? Ja. Deshalb die Fahnen. Drebber und Stangerson hatten sich gestritten, wem Lucy zustehe. Beide waren unter den Männern gewesen, die die Flüchtenden verfolgt hatten. Stangerson hatte John Ferrier erschossen. Er glaubte deshalb, den besseren Anspruch auf Lucy zu haben. Drebbers Partei war im Rat jedoch stärker. Also bekam Drebber sie. Cowper sagt noch etwas. Er glaube nicht, dass Drebber lange etwas von seiner Frau haben werde. Lucy sehe aus wie ein Geist. Wie eine Tote, die noch nicht aufgehört hat zu atmen.

Hope richtet sich auf. Sein Gesicht ist vollkommen ruhig geworden. Cowper fragt, wohin er will. Hope antwortet nicht. Er nimmt sein Gewehr und geht zurück in die Berge. Doyle schreibt, dass unter all den wilden Tieren dort keines gefährlicher gewesen sei als Jefferson Hope. Einen Monat später ist Lucy Ferrier tot. Ob ihr Vatermord das Leben genommen hat oder die erzwungene Ehe, lässt Doyle offen. Vielleicht lässt sich das auch nicht trennen. Drebber zeigt wenig Trauer. Er hatte Lucy vor allem wegen John Ferriers Besitz geheiratet.

Seine anderen Frauen wachen in der Nacht vor der Beerdigung bei der Toten. In den frühen Morgenstunden fliegt plötzlich die Tür auf. Ein Mann steht im Raum. Verwittertes Gesicht. Zerrissene Kleidung. Niemand wagt sich zu bewegen. Jefferson Hope geht direkt zum Totenbett. Er sagt nichts. Er beugt sich über Lucy. Küsst ihre kalte Stirn. Dann nimmt er ihre Hand. An einem Finger steckt der Ehering. Hope zieht ihn ab. „Damit wird sie nicht begraben.“

Dann ist er wieder fort. Die Frauen bleiben zurück. Später könnte man die Geschichte für ein Gerücht halten. Für eine dieser Erzählungen, die entstehen, wenn Menschen lange genug Angst haben. Aber der Ring ist verschwunden. Und damit haben wir endlich verstanden, warum Jefferson Hope ihn Jahre später in einem verlassenen Haus in London bei sich trägt. Monatelang lebt Hope in den Bergen. Er wird zu einer Gestalt, über die man sich in Salt Lake City Geschichten erzählt. Man sieht ihn am Rand der Stadt. In Schluchten. Zwischen Felsen.

Einmal fliegt eine Kugel durch Stangersons Fenster und schlägt weniger als einen Fuß neben ihm in die Wand. Ein anderes Mal stürzt ein Felsblock auf Drebber herab. Er rettet sich nur, weil er sich zu Boden wirft. Drebber und Stangerson verstehen die Botschaft. Sie gehen nicht mehr allein aus. Nicht mehr nachts. Ihre Häuser werden bewacht. Hope versucht es weiter. Aber Menschen können nicht unbegrenzt in Bergen leben, kaum schlafen, schlecht essen und gleichzeitig eine persönliche Rachekampagne betreiben.

Selbst Hass benötigt einen funktionierenden Körper. Hope merkt, dass er sich selbst umbringen wird, bevor er seine beiden Gegner erreicht. Also geht er zurück nach Nevada. Er will sich erholen. Geld verdienen. Spätestens nach einem Jahr zurückkommen. Es werden fast fünf. Als Jefferson Hope schließlich wieder nach Salt Lake City kommt, trägt er einen falschen Namen und eine Verkleidung. Drebber und Stangerson sind verschwunden. In der Kirche hatte es einen Bruch gegeben. Einige jüngere Mitglieder hatten sich gegen die Ältesten gestellt und Utah verlassen.

Unter ihnen: Drebber. Stangerson. Drebber hatte einen großen Teil seines Besitzes zu Geld gemacht. Stangerson war vergleichsweise arm. Niemand weiß, wohin sie gegangen sind. Für die meisten Menschen wäre das das Ende einer Rachegeschichte. Ein riesiges Land. Keine Adresse. Keine Spur. Jahre vergangen. Jefferson Hope beginnt zu suchen. Stadt für Stadt. Jahr für Jahr. Er nimmt Arbeit an, wo er welche findet, verdient gerade genug zum Weiterreisen und sucht weiter. Sein schwarzes Haar wird grau.

Aus dem jungen Jäger wird ein Mann, dessen Leben nur noch aus einer Richtung besteht. Irgendwann sieht er in Cleveland, Ohio, ein Gesicht an einem Fenster. Drebber. Nach all den Jahren. Hope kehrt in sein Zimmer zurück und beginnt sofort zu planen. Aber Drebber hat ihn ebenfalls gesehen. Und erkannt. Er geht gemeinsam mit Stangerson zur Polizei und behauptet, ein alter Rivale bedrohe sie aus Eifersucht und Hass. Jefferson Hope wird festgenommen. Er kann keine Bürgschaft stellen. Also sitzt er mehrere Wochen im Gefängnis. Als er wieder herauskommt, sind Drebber und Stangerson fort. Diesmal nach Europa.

Hope arbeitet wieder. Spart. Und folgt ihnen. Von Stadt zu Stadt. Er kommt nach St. Petersburg. Sie sind bereits in Paris. Er kommt nach Paris. Sie sind auf dem Weg nach Kopenhagen. Er erreicht Kopenhagen. Sie sind weitergereist. Nach London. Jefferson Hope folgt ihnen. Und dort, nach all den Jahren, holt er sie endlich ein. Damit sind wir wieder da. London. Drebber. Stangerson. Jefferson Hope. Der Ring. Das Wort an der Wand. Sherlock Holmes. Fast alles, was in Teil I wie ein rätselhafter Tatort aussah, hat inzwischen eine Vergangenheit. Nur eine Stimme fehlt noch.

Jefferson Hopes eigene. Und genau die lässt Doyle als Nächstes sprechen.


VI. FORTSETZUNG DER ERINNERUNGEN VON JOHN WATSON, M.D.

Wir sind wieder in London. 221B Baker Street. Jefferson Hope liegt gefesselt auf dem Boden. Sherlock Holmes hat soeben erklärt, dass der Kutscher vor ihm Enoch Drebber und Joseph Stangerson ermordet hat. Und Dr. John Watson hat, während wir ungefähr zwanzig Jahre amerikanischer Geschichte nachgeholt haben, keinen einzigen Schritt gemacht. Das ist Literatur. Hope hatte sich heftig gegen seine Festnahme gewehrt. Sobald er jedoch merkt, dass Widerstand zwecklos ist, verändert sich sein Verhalten. Er lächelt.

Dann fragt er höflich, ob er bei der kleinen Auseinandersetzung jemanden verletzt habe. Vermutlich werde man ihn jetzt zur Polizeistation bringen. Seine Droschke stehe draußen. Wenn man ihm die Beine losbinde, könne er selbst hinuntergehen. Er sei nicht mehr so leicht zu tragen wie früher. Gregson und Lestrade sehen einander an. Holmes bindet ihn los. Hope steht auf, streckt die Beine und macht keinerlei Versuch zu fliehen. Watson betrachtet ihn jetzt genauer. Der Mann ist kräftig gebaut. Dunkles, sonnenverbranntes Gesicht. In seiner Haltung liegen Energie und Entschlossenheit.

Hope betrachtet seinerseits Sherlock Holmes. Wenn irgendwo eine Stelle als Polizeichef frei werde, sagt er, sei Holmes der richtige Mann dafür. Wie er ihm auf die Spur gekommen sei, habe ihn beeindruckt. Holmes nimmt das Kompliment entgegen. Dann fahren sie gemeinsam zur Polizeistation. Lestrade sitzt auf dem Kutschbock. Gregson, Holmes, Watson und Jefferson Hope fahren im Inneren. Mit Hopes eigener Droschke. Es gibt vermutlich würdevollere Möglichkeiten, einen Mörder abzuführen. Aber nur wenige praktischere. Auf der Wache nimmt ein Beamter die Personalien auf. Name: Jefferson Hope. Anklage:

Mord an Enoch Drebber und Joseph Stangerson. Der Beamte erklärt ihm, dass er im Laufe der Woche einem Richter vorgeführt werde. Bis dahin könne er eine Aussage machen, wenn er wolle. Alles werde protokolliert. Und könne gegen ihn verwendet werden. Hope nickt. Er möchte reden. Der Beamte rät ihm, vielleicht besser bis zur Verhandlung zu warten. Hope sieht ihn an. Möglicherweise werde es keine Verhandlung geben. Jetzt schaut Watson auf. Hope meint keinen Selbstmord. Er wendet sich an ihn. Ist er Arzt? Ja. Hope deutet mit seinen gefesselten Händen auf seine Brust. Watson soll dort seine Hand auflegen. Er tut es.

Unter seiner Hand arbeitet etwas. Nicht wie ein gewöhnlicher Herzschlag. Watson spürt ein heftiges Pochen und Zittern im Brustkorb, als liefe darin eine Maschine, für die der menschliche Körper nicht gebaut wurde. Selbst ohne Stethoskop hört er ein dumpfes Summen. Watson erkennt es sofort. Ein Aortenaneurysma. Hope lächelt. So habe der Arzt es auch genannt. Er war erst vor einer Woche bei einem. Die Erweiterung werde wahrscheinlich bald reißen. Vielleicht in wenigen Tagen. Hope trägt sie schon seit Jahren mit sich. Hunger, Kälte und Entbehrungen in den Bergen von Utah hätten seinen Körper zerstört.

Es stört ihn nicht mehr. Seine Arbeit ist getan. Er möchte nur nicht sterben, bevor jemand weiß, warum. Er will nicht als gewöhnlicher Halsabschneider in Erinnerung bleiben. Watson bestätigt, dass sein Zustand lebensgefährlich ist. Also darf Jefferson Hope seine Geschichte erzählen. Er setzt sich. Die Auseinandersetzung in der Baker Street hat ihn erschöpft.

Dann beginnt er. Ruhig. Fast sachlich. Watson wird später Lestrades Mitschrift einsehen und Hopes Aussage daraus rekonstruieren. Warum er Drebber und Stangerson gehasst hat, sagt Hope, spiele für die Männer im Raum keine große Rolle. Wir kennen den Grund inzwischen. Sie nicht. Hope erzählt nur das Nötigste. Die beiden Männer seien für den Tod eines Vaters und seiner Tochter verantwortlich gewesen.

Vor Gericht hätte er ihnen das nach zwanzig Jahren niemals mehr nachweisen können. Also beschloss er, selbst Richter, Geschworener und Henker zu sein. Die junge Frau hätte ihn heiraten sollen. Stattdessen zwang man sie, Drebber zu heiraten. Sie starb daran. Hope nahm den Ring von ihrem toten Finger. Und schwor, dass Enoch Drebber diesen Ring noch einmal sehen würde. Im letzten Augenblick seines Lebens. Zwanzig Jahre lang trug Hope ihn bei sich. Über zwei Kontinente hinweg. Und er folgte den beiden Männern. Bis nach London.

Dort hatte er kaum noch Geld. Also brauchte er Arbeit. Hope kann reiten und fahren, seit er denken kann. Er wird Droschkenkutscher. Das Einkommen ist gering. Aber die Arbeit hat einen entscheidenden Vorteil. Ein Droschkenkutscher kann stundenlang durch London fahren, ohne dass irgendjemand wissen möchte, warum. Zunächst muss Hope allerdings London lernen. Und London widersetzt sich. Er hält die Stadt für eines der verwirrendsten Labyrinthe, das Menschen jemals gebaut haben.

Damit ist er vermutlich nicht allein. Mit einer Karte neben sich prägt er sich Bahnhöfe, Hotels und wichtige Straßen ein. Dann sucht er. Schließlich findet er Drebber und Stangerson. Sie wohnen in einer Pension in Camberwell. Hope hat inzwischen einen Bart wachsen lassen. Sie erkennen ihn nicht. Von diesem Moment an verfolgt er sie täglich. Zu Fuß. Mit der Droschke. Von morgens bis abends. Das Geschäft leidet darunter. Hope verdient kaum noch genug, um seinem Arbeitgeber dessen Anteil zu zahlen. Es ist ihm gleichgültig. Drebber und Stangerson sind vorsichtig. Sie gehen niemals allein aus.

Nach Einbruch der Dunkelheit überhaupt nicht mehr. Zwei Wochen lang wartet Hope. Seine einzige Sorge ist nicht die Polizei. Nicht Drebber. Nicht Stangerson. Es ist das Aneurysma in seiner Brust. Er hat zwanzig Jahre auf diesen Augenblick gewartet. Sein Herz sollte jetzt bitte noch ein wenig Geduld haben. Dann kommt der Abend. Hope fährt durch die Torquay Terrace, wo die beiden wohnen. Eine Droschke hält vor ihrem Haus. Gepäck wird herausgebracht. Drebber und Stangerson steigen ein. Hope folgt ihnen. Euston Station.

Sie wollen nach Liverpool. Der Zug ist gerade abgefahren. Der nächste geht erst einige Stunden später. Stangerson ist verärgert. Drebber dagegen scheint plötzlich einen eigenen Plan zu haben. Hope schiebt sich im Gedränge nahe genug heran, um ihr Gespräch zu hören. Drebber müsse noch etwas erledigen. Allein. Stangerson erinnert ihn daran, dass sie beschlossen hatten, zusammenzubleiben. Drebber wird wütend. Stangerson sei schließlich nur sein bezahlter Sekretär. Er solle sich nicht einmischen. Am Ende vereinbaren sie:

Wenn Drebber den letzten Zug verpasst, treffen sie sich in Halliday’s Private Hotel. Drebber verlässt den Bahnhof. Jefferson Hope bleibt zurück. Zwanzig Jahre. Und plötzlich ist einer der beiden Männer allein. Hope folgt ihm. Drebber zieht von einer Schankwirtschaft zur nächsten. Als er die letzte verlässt, ist er deutlich betrunken. Er steigt in eine Droschke. Hope folgt.

Über die Waterloo Bridge. Durch halb London. Und schließlich, zu Hopes Überraschung, zurück zur Pension in der Torquay Terrace. Drebber geht hinein. Hope wartet draußen. Eine Viertelstunde später hört er Lärm. Die Haustür fliegt auf. Drebber erscheint. Ein junger Mann hält ihn am Kragen. Er schleudert ihn die Stufen hinunter und tritt ihn auf die Straße. Der junge Mann schreit ihm hinterher, er werde ihm zeigen, was geschieht, wenn man ein anständiges Mädchen beleidigt. Drebber flieht.

Dann sieht er eine Droschke. Jefferson Hopes Droschke. Er hebt die Hand. Hope hält an. Drebber steigt ein. Er möchte zum Halliday’s Private Hotel. Jefferson Hope fährt los. Sein Herz schlägt so heftig, dass er fürchtet, es könne genau jetzt reißen. Er überlegt, Drebber irgendwo außerhalb der Stadt hinzubringen. Eine einsame Straße. Ein letzter Ort. Drebber löst das Problem selbst. Er will noch mehr trinken. Hope hält vor einer Schankwirtschaft. Drebber verschwindet darin. Hope wartet. Bis zur Sperrstunde.

Als Drebber wieder herauskommt, kann er kaum noch stehen. Jetzt gehört er Hope. Aber Jefferson Hope hat nicht vor, ihn einfach zu erschießen. Vor langer Zeit hatte er beschlossen, Drebber eine Chance zu geben. Eine wirkliche Chance. Während seiner Wanderjahre in Amerika hatte Hope einmal als Hausmeister in einem College-Labor gearbeitet. Dort hörte er einen Professor über Gifte sprechen.

Eines davon war ein Alkaloid aus einem südamerikanischen Pfeilgift. Eine winzige Menge genügte. Hope nahm etwas davon mit. Später fertigte er kleine lösliche Pillen an. Eine mit Gift. Eine ohne. Beide vollkommen gleich. Seitdem trägt er zwei kleine Schachteln mit diesen Pillen bei sich. Sein Plan ist einfach. Drebber darf eine Pille wählen. Hope nimmt die andere. Eine enthält Gift. Die andere nicht. Wer welche bekommt, entscheidet der Zufall. Wenn Drebber die ungiftige Pille zieht, darf er leben. Wenn Hope das Gift erwischt, stirbt Hope. Nicht Hope soll entscheiden. Das Los soll es tun.

Es ist inzwischen fast ein Uhr nachts. Draußen stürmt es. Regen peitscht durch die Straßen. Hope dagegen ist beinahe euphorisch. Zwanzig Jahre lang hat er auf diesen Augenblick gewartet. Während er fährt, glaubt er John Ferrier und Lucy vor sich zu sehen. Links und rechts vom Pferd. Sie begleiten ihn durch die Nacht. Schließlich hält die Droschke vor dem leeren Haus in der Brixton Road. Hope besitzt einen Schlüssel. Einige Tage zuvor hatte ein Fahrgast einen Hausschlüssel in seiner Droschke verloren. Der Mann besichtigte leerstehende Häuser in dieser Gegend.

Bevor Hope den Schlüssel zurückgab, hatte er einen Abdruck davon genommen und eine Kopie anfertigen lassen. Er wusste noch nicht, wann er diesen Ort brauchen würde. Jetzt weiß er es. Drebber schläft betrunken in der Droschke. Hope weckt ihn. Sie seien da. Drebber steigt aus. Er glaubt offenbar, vor seinem Hotel zu stehen. Hope führt ihn durch den Garten. Schließt die Haustür auf. Bringt ihn in das leere Zimmer. Drebber beschwert sich über die Dunkelheit. Hope zündet eine Kerze an.

Dann hält er sie vor sein eigenes Gesicht. „Enoch Drebber.“ Drebber sieht ihn an. „Wer bin ich?“ Es dauert nur einen Augenblick. Dann erkennt er ihn. Der Alkohol verschwindet nicht aus seinem Blut. Aber aus seinem Gesicht. Jefferson Hope sieht die Angst. Und lacht. Lange. Er hat sich diesen Augenblick zwanzig Jahre vorgestellt. Jetzt steht Drebber vor ihm. Hope verschließt die Tür. Er nennt Lucys Namen. Fragt Drebber, was er jetzt von Lucy Ferrier hält. Die Strafe habe lange gebraucht.

Aber sie sei gekommen. Drebber beginnt zu zittern. Er fragt, ob Hope ihn ermorden will. Hope sieht das anders. Was hatte Drebber Lucy angeboten? Welche Wahl hatte sie? Dann nimmt er die Pillenschachtel heraus. Er öffnet sie. Zwei Pillen. Eine bedeutet Leben. Eine Tod. Drebber soll wählen. Hope nimmt die andere. Dann, sagt Hope, werden sie sehen, ob es auf dieser Erde Gerechtigkeit gibt. Oder nur Zufall. Drebber weigert sich. Hope zieht sein Messer.

Jetzt wählt Drebber. Er schluckt eine Pille. Hope nimmt die andere. Die beiden Männer stehen einander gegenüber. Und warten. Eine Minute. Vielleicht länger. Dann verändert sich Drebbers Gesicht. Er weiß es vor Hope. Das Gift beginnt zu wirken. Hope zieht Lucys Ehering hervor. Er hält ihn Drebber vor die Augen. Drebber sieht ihn.

Dann verkrampft sich sein Körper. Er taumelt. Fällt. Hope kniet neben ihm und legt eine Hand auf seine Brust. Nichts. Enoch Drebber ist tot. Hope hatte während der Erregung Nasenbluten bekommen. Blut läuft ihm noch immer über das Gesicht. Und dann hat er eine Idee. Keine besonders notwendige. Aber Menschen, die gerade zwanzig Jahre Rache vollendet haben, befinden sich nicht zwingend in ihrer analytisch nüchternsten Phase. Hope erinnert sich an einen Mordfall in New York. Dort hatte man über einer Leiche das deutsche Wort RACHE gefunden.

Die Zeitungen hatten über Geheimgesellschaften spekuliert. Wenn es die Polizei in New York verwirrt hat, denkt Hope, könnte es auch in London funktionieren. Er taucht einen Finger in sein eigenes Blut. Und schreibt an die Wand:

RACHE

Dann verlässt er das Haus. Er fährt davon. Erst einige Straßen später greift er in seine Tasche. Der Ring. Lucys Ring ist fort. Hope hält an. Sucht noch einmal. Nichts. Er muss ihn neben Drebbers Leiche verloren haben. Also kehrt er zurück. Für diesen Ring würde er inzwischen wahrscheinlich auch Scotland Yard persönlich betreten. Am Haus in der Brixton Road läuft er direkt einem Polizisten in die Arme. John Rance. Wir kennen ihn. Hope reagiert schnell. Er stellt sich vollkommen betrunken. Rance lässt ihn gehen.

Sherlock Holmes wird später ziemlich genaue Vorstellungen davon haben, was der Polizist in diesem Augenblick hätte tun sollen. Damit ist Enoch Drebber tot. Bleibt Joseph Stangerson. Hope weiß, dass er im Halliday’s Private Hotel wartet. Er beobachtet das Gebäude den ganzen Tag. Stangerson kommt nicht heraus. Vermutlich hat er längst verstanden, dass etwas geschehen ist. Hope findet heraus, welches Zimmer ihm gehört. Hinter dem Hotel liegen Leitern. Im ersten grauen Morgenlicht steigt Jefferson Hope hinauf. Er klettert durch das Fenster. Stangerson schläft. Hope weckt ihn.

Er sagt ihm, dass seine Stunde gekommen ist. Er erzählt ihm, wie Drebber gestorben ist. Dann zeigt er ihm die beiden Pillen. Auch Stangerson bekommt die Wahl. Doch Stangerson wählt nicht. Er springt aus dem Bett. Und stürzt sich auf Hope. Hope zieht sein Messer. Ein Stoß. Direkt ins Herz. Stangerson fällt. Diesmal gibt es kein Los. Hope sitzt in der Polizeistation und wird schwächer. Viel mehr gebe es nicht zu erzählen.

Nach Stangersons Tod fährt er noch ein oder zwei Tage Droschke. Er möchte genug Geld verdienen, um nach Amerika zurückzukehren. Dann steht er auf einem Droschkenhof. Ein zerlumpter Junge kommt herein. Er sucht einen Kutscher namens Jefferson Hope. Ein Herr in der Baker Street brauche seine Droschke.

221B.

Hope denkt sich nichts dabei. Er fährt hin. Und wenige Minuten später liegen Sherlock Holmes’ Handschellen um seine Handgelenke. Jefferson Hope beendet seine Geschichte. Die Männer im Raum schweigen. Sogar Gregson und Lestrade haben aufmerksam zugehört. Nur Lestrades Bleistift kratzt noch über das Papier. Dann stellt Sherlock Holmes eine Frage. Eine einzige Sache möchte er noch wissen. Wer war die alte Frau, die wegen des Rings in die Baker Street gekommen war? Hope lächelt.

Seine eigenen Geheimnisse könne er erzählen. Andere Menschen werde er nicht hineinziehen. Er hatte Holmes’ Anzeige gelesen und vermutet, dass sie eine Falle sein könnte. Oder tatsächlich zu Lucys Ring führen würde. Ein Freund habe sich freiwillig angeboten, hinzugehen. Holmes müsse zugeben: Er habe seine Sache ziemlich gut gemacht. Holmes stimmt zu. Ohne Zögern.

Dann ist die Geschichte beendet. Zumindest Jefferson Hopes Teil davon. Der Beamte ruft die Wärter. Am Donnerstag soll Hope dem Richter vorgeführt werden. Zwei Männer führen ihn fort. Holmes und Watson verlassen die Polizeistation. Sie steigen in eine Droschke. Und fahren zurück in die Baker Street. Vor wenigen Stunden wusste Watson nicht einmal, warum Enoch Drebber gestorben war.

Jetzt kennt er eine Geschichte, die zwanzig Jahre zuvor in einer Wüste begonnen hat. Sherlock Holmes dagegen hat noch etwas zu erledigen. Er muss Watson erklären, wie er das alles herausgefunden hat.


VII. DER SCHLUSS

Am Donnerstag sollen sie vor dem Richter erscheinen. Dazu kommt es nicht. Jefferson Hope stirbt in der Nacht nach seiner Verhaftung. Das Aneurysma in seiner Brust reißt. Am Morgen findet man ihn auf dem Boden seiner Zelle. Tot. Auf seinem Gesicht liegt ein ruhiges Lächeln. Doyle beschreibt es, als hätte Hope im letzten Augenblick auf sein Leben zurückgeblickt und beschlossen, dass die Arbeit erledigt sei.

Damit wird es keinen Prozess geben. Keine Verhandlung. Kein Urteil darüber, was Jefferson Hope getan hat. Nach zwanzig Jahren Verfolgung, zwei Toten und einer Geschichte, die von Utah bis London reicht, beendet ein Blutgefäß die Angelegenheit. Am folgenden Abend sitzen Holmes und Watson in der Baker Street und sprechen darüber. Holmes denkt zunächst an Gregson und Lestrade. Die beiden werden über Hopes Tod außer sich sein. Was soll nun aus ihrem großen Triumph werden? Watson findet, dass Gregson und Lestrade mit der Festnahme ohnehin nicht besonders viel zu tun hatten. Holmes antwortet bitter:

Was man tatsächlich getan habe, spiele in dieser Welt keine große Rolle. Entscheidend sei, was man die Menschen glauben lassen könne, dass man getan habe. Dann hellt sich seine Stimmung wieder auf. Der Fall habe sich trotzdem gelohnt. Er sei einer der interessantesten gewesen, die Holmes bisher erlebt habe. Und dabei eigentlich ganz einfach. Watson sieht ihn an.

Einfach?

Holmes lächelt. Natürlich. Schließlich habe er den Täter mit einigen gewöhnlichen Schlussfolgerungen innerhalb von drei Tagen gefunden. Watson muss zugeben: Das stimmt. Holmes erklärt ihm nun, worin der entscheidende Unterschied liegt. Die meisten Menschen denken vorwärts. Man gibt ihnen eine Reihe von Ereignissen, und sie können sich vorstellen, wohin diese Ereignisse führen werden. Das ist synthetisches Denken. Aber dieser Fall verlangte das Gegenteil. Das Ergebnis lag bereits vor ihnen. Ein toter Mann in einem leeren Haus. Blut auf dem Boden. Ein Ring. Ein Wort an der Wand. Spuren im Garten.

Aus diesem fertigen Ergebnis musste Holmes rückwärts rekonstruieren, welche Ereignisse dorthin geführt hatten. Analytisches Denken. Rückwärtsdenken. Für fünfzig Menschen, die aus Ursachen eine Wirkung ableiten können, sagt Holmes, gebe es vielleicht einen, der aus einer Wirkung die Ursachen rekonstruieren könne. Watson versteht.

Jetzt möchte er den ganzen Weg sehen. Holmes beginnt dort, wo sie selbst begonnen haben. Vor dem Haus in der Brixton Road. Er war absichtlich zu Fuß gekommen. Ohne Vorannahmen. Auf der Straße sah er die Spuren einer Droschke. Keine private Kutsche. Der Abstand der Räder war schmaler. Dann der Gartenweg. Für Watson war er eine schlammige Fläche gewesen, auf der viele Menschen herumgetrampelt hatten. Für Holmes war er ein Protokoll. Die schweren Stiefel der Polizisten. Und darunter zwei ältere Spuren. Zwei Männer waren vor ihnen durch den Garten gegangen. Der eine groß.

Das verriet seine Schrittlänge. Der andere elegant gekleidet. Das verrieten seine kleinen, feinen Stiefelabdrücke. Im Haus lag der elegant gekleidete Mann tot auf dem Boden. Also war der große Mann noch am Leben. Und wenn ein Mord geschehen war, musste er der Täter sein. Am Körper Drebbers gab es keine Verletzung. Aber sein Gesicht zeigte Angst. Er hatte gewusst, dass etwas mit ihm geschehen würde. Holmes hatte an seinen Lippen einen leicht säuerlichen Geruch bemerkt. Gift.

Damit wusste er bereits: Drebber war vergiftet worden. Die Angst in seinem Gesicht und das Fehlen einer anderen Erklärung ließen Holmes außerdem vermuten, dass er das Gift nicht freiwillig genommen hatte. Dann die nächste Frage. Warum? Raub konnte ausgeschlossen werden. Nichts fehlte. Also Politik? Oder eine Frau? Holmes entschied sich früh für eine persönliche Angelegenheit. Ein politischer Mörder erledigt seine Arbeit und verschwindet. Dieser Täter war geblieben. Er hatte Zeit im Zimmer verbracht. Er hatte Spuren hinterlassen. Das Ganze war persönlich. Dann fand man das Wort an der Wand.

RACHE.

Für Holmes war es keine Erklärung. Es war eine Ablenkung. Zu offensichtlich. Der Ring dagegen war wichtig. Ein Ehering. Damit war die Frau keine Vermutung mehr. Sie gehörte zum Fall. Also fragte Holmes Gregson, ob Scotland Yard bei seiner Anfrage in Cleveland auch Drebbers persönliche Vergangenheit untersucht habe. Nein. Holmes tat es.

Doch zunächst untersuchte er das Zimmer weiter. Die Spuren bestätigten die Größe des Täters. Die Asche verriet eine Trichinopoly-Zigarre. Andere Spuren verrieten lange Fingernägel. Und dann war da das Blut. Drebber hatte keine Wunde. Also musste es vom Täter stammen. Und die Blutspur folgte genau der Fußspur des Täters. Sie gehörten zusammen. Der Täter hatte während der Tat Nasenbluten bekommen. Starkes Nasenbluten infolge heftiger Erregung, folgert Holmes, sei bei einem kräftigen, vollblütigen Mann wahrscheinlicher. Also ergänzte er sein Bild: Groß. Kräftig. Rötlicher Teint. Lange Fingernägel.

Raucht Trichinopoly-Zigarren. Und er kannte Enoch Drebber. Jetzt kam Cleveland. Holmes telegrafierte selbst zur dortigen Polizei. Diesmal stellte er die richtige Frage. Was war über Drebbers Ehe und seine Vergangenheit bekannt? Die Antwort lieferte einen Namen.

Jefferson Hope.

Drebber hatte früher bereits Polizeischutz vor ihm verlangt. Ein alter Rivale in Liebesangelegenheiten. Und Hope befand sich inzwischen in Europa. Damit hatte Holmes seinen Mann. Nur finden musste er ihn noch. Hier half wieder die Straße vor dem Haus. Die Droschke hatte dort gewartet. Das Pferd hatte sich währenddessen frei bewegt. Also war der Kutscher nicht auf dem Bock gewesen. Wo war er? Im Haus. Holmes hält es für absurd, dass Jefferson Hope einen fremden Kutscher zu einem geplanten Mord mitgenommen hätte. Der Kutscher und der Mörder mussten dieselbe Person sein.

Und wenn ein Mann jemanden unauffällig durch ganz London verfolgen will, gibt es kaum einen besseren Beruf. Jefferson Hope war Droschkenkutscher. Holmes musste also nicht ganz London durchsuchen. Nur die Droschkenbetriebe. Und dafür hatte er seine Straßenjungen. Die Baker-Street-Truppe wurde systematisch zu den Londoner Fuhrunternehmen geschickt. Sie suchten nach einem Kutscher namens Jefferson Hope. Holmes ging davon aus, dass Hope seinen wirklichen Namen benutzte. Warum sollte er ihn ändern? In London kannte ihn niemand.

Und ein plötzlicher Berufswechsel nach dem Mord wäre auffälliger gewesen, als einfach weiterzuarbeiten. Die Jungen fanden ihn. Holmes ließ ihn in die Baker Street bestellen. Der Rest liegt noch nicht besonders weit hinter uns. Stangersons Tod war das Einzige, was Holmes nicht erwartet hatte. Durch ihn bekam er jedoch die Pillen. Und bestätigte damit eine Vermutung, die er bereits vorher gehabt hatte. Holmes beendet seine Erklärung. Für ihn bildet alles eine einzige Kette. Glied für Glied. Ohne Unterbrechung.

Watson sieht seinen Mitbewohner an. Jetzt sagt er etwas, das für die nächsten Jahrzehnte gewisse Folgen haben wird. Holmes’ Leistung müsse öffentlich bekannt werden. Jemand müsse diesen Fall aufschreiben. Wenn Holmes es nicht tue, werde Watson es tun. Holmes überlässt ihm die Entscheidung. Dann reicht er ihm eine Zeitung. Den Echo.

Dort steht bereits ein Bericht über den Fall. Die Zeitung bedauert zunächst, dass der Öffentlichkeit durch Jefferson Hopes plötzlichen Tod ein sensationeller Prozess entgangen sei. Die Einzelheiten würden vermutlich niemals vollständig bekannt werden. Man wisse lediglich von einer alten romantischen Fehde, bei der Liebe und die Mormonen eine Rolle gespielt hätten.

Dann kommt der entscheidende Teil. Der Fall zeige vor allem die hervorragende Arbeit der Londoner Polizei. Die Festnahme sei vollständig den bekannten Scotland-Yard-Beamten Lestrade und Gregson zu verdanken. Ein gewisser Sherlock Holmes, ein Amateurdetektiv, habe ebenfalls ein wenig Talent gezeigt. Unter der Anleitung so erfahrener Männer wie Gregson und Lestrade könne aus ihm mit der Zeit vielleicht noch etwas werden. Watson liest. Holmes liest Watsons Gesicht.

Dann lacht er. Hatte er es nicht gesagt? Das ist also das Ergebnis ihrer ganzen Studie in Scharlachrot: Gregson und Lestrade bekommen den Ruhm. Watson sieht das anders. Er hat die Tatsachen in seinem Tagebuch. Und die Öffentlichkeit soll erfahren, was wirklich geschehen ist. Holmes muss sich bis dahin eben mit dem Wissen begnügen, dass er recht hatte.

Damit endet der Fall. Aber etwas anderes beginnt. John Watson wird schreiben. Über das Haus in der Brixton Road. Über Jefferson Hope. Über Lucy Ferrier. Über den Ring. Über zwei Pillen. Über Fußspuren im Schlamm. Und über einen ungewöhnlichen jungen Mann, mit dem er vor nicht allzu langer Zeit eine Wohnung in der Baker Street bezogen hat. Sherlock Holmes wollte einen interessanten Fall. John Watson bekam eine Geschichte. Und wir bekamen Sherlock Holmes.

TEIL II – DAS LAND DER HEILIGEN
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