I. Gedanken und Charakter
Wie ein Mensch in seinem Herzen denkt, so ist er.
Ein alter Satz. Und einer, der dem Menschen eine ziemlich große Verantwortung überträgt. Denn wenn er stimmt, ist der Charakter eines Menschen nicht einfach etwas, das ihm bei seiner Geburt zugeteilt wurde. Er entsteht. Gedanke für Gedanke. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Der Mensch ist demnach buchstäblich das, was er denkt. Sein Charakter ist die Summe seiner Gedanken. Das lässt sich mit einer Pflanze vergleichen.
Keine Pflanze wächst ohne Samen. Und keine menschliche Handlung entsteht, ohne dass ihr ein Gedanke vorausgegangen wäre. Das gilt für sorgfältig geplante Entscheidungen ebenso wie für jene Taten, die Menschen gern als spontan bezeichnen. Spontaneität ist schließlich nicht dasselbe wie Ursachenlosigkeit. Der Gedanke ist der Same. Die Handlung ist seine Blüte. Freude und Leid sind seine Früchte. Und so erntet der Mensch, was er in seinem Inneren gesät hat.
Ein alter Vers beschreibt diesen Zusammenhang mit einer gewissen Unerbittlichkeit:
Gedanken haben uns zu dem gemacht, was wir sind.
Durch Gedanken wurden wir geformt und aufgebaut.
Ist der Geist eines Menschen von bösen Gedanken erfüllt,
folgt ihm das Leid,
wie das Rad dem Ochsen folgt.
Wer aber in Reinheit des Denkens verharrt,
dem folgt die Freude
so gewiss wie sein eigener Schatten.
Das klingt zunächst nach einer erfreulich übersichtlichen Gesetzmäßigkeit. Gute Gedanken führen zu guten Ergebnissen. Schlechte Gedanken zu schlechten. Der Mensch hat allerdings eine beachtliche Begabung entwickelt, selbst übersichtliche Angelegenheiten kompliziert zu gestalten. Allen lässt sich davon nicht beeindrucken. Für ihn gelten Ursache und Wirkung im menschlichen Geist ebenso wie in der sichtbaren Welt.
Ein edler Charakter entsteht nicht durch Zufall. Er wächst aus Gedanken, die über lange Zeit gepflegt wurden. Ebenso wenig entsteht ein niedriger Charakter aus dem Nichts. Beides entwickelt sich. Und beides kann sich verändern. Der Mensch ist dabei nicht nur das Material, an dem gearbeitet wird. Er ist zugleich der Handwerker. Sein Geist gleicht einer Werkstatt. Dort schmiedet er Waffen, mit denen er sich selbst zerstören kann.
Doch in derselben Werkstatt entstehen auch die Werkzeuge, mit denen er ein Leben voller Stärke, Freude und Frieden aufbauen kann. Eine bemerkenswerte Konstruktion. Offenbar hat die Natur beschlossen, die Möglichkeiten zur Selbstzerstörung und zur Selbstgestaltung in ein und demselben Organ unterzubringen. Aus Gründen der Platzersparnis vermutlich. Entscheidend ist, welche Gedanken der Mensch auswählt und wie er sie verwendet.
Durch ihre richtige Anwendung kann er sich zu einem Wesen von außergewöhnlicher Güte entwickeln. Durch ihren Missbrauch kann er, in Allens drastischem Bild, unter das Niveau eines Tieres sinken. Zwischen diesen Extremen liegt die gesamte Vielfalt menschlicher Charaktere. Und der Mensch selbst wirkt an ihrer Entstehung mit.
Unter allen Wahrheiten, die der Mensch über seine Seele entdecken kann, erscheint Allen eine besonders verheißungsvoll: Der Mensch ist Herr seiner Gedanken. Er formt seinen Charakter und gestaltet damit auch seine Lebensumstände und sein Schicksal.
Allen beschreibt ihn als ein Wesen, das Macht, Erkenntnis und Liebe in sich trägt. Damit besitzt er den Schlüssel zu seiner eigenen Entwicklung. Die Kraft, die ihn verändern und erneuern kann, muss er nicht erst irgendwo außerhalb seiner selbst finden. Sie ist bereits vorhanden.
Das ist eine bemerkenswerte Ausstattung für ein Wesen, das gelegentlich erhebliche Schwierigkeiten hat, seine eigenen Absichten bis zum nächsten Morgen in Erinnerung zu behalten. Das bedeutet allerdings nicht, dass er seine Gedanken bereits beherrscht. Ganz im Gegenteil.
Ein Mensch kann Herr seines eigenen Geistes sein und dennoch erstaunlich wenig darüber wissen, was dort vor sich geht. Er besitzt gewissermaßen ein Haus, dessen Räume er kaum kennt. Manche Türen stehen offen. Andere bleiben verschlossen. Und in einigen Zimmern haben sich längst Gewohnheiten eingerichtet, die offenbar nicht beabsichtigen, freiwillig wieder auszuziehen. Wer daran etwas ändern möchte, muss zunächst verstehen, was in diesem Haus geschieht.
Er muss seine Gedanken beobachten. Ihre Ursachen untersuchen. Ihre Wirkungen erkennen. Und allmählich lernen, sie bewusst zu lenken. Das geschieht nicht von selbst. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und Übung. Doch mit jeder Erkenntnis gewinnt der Mensch ein Stück jener Herrschaft zurück, die er über sein eigenes Denken besitzen könnte. Er wird vom ungeschickten Verwalter zum verständigen Gestalter.
Und damit beginnt eine Arbeit, die sich mit einer anderen menschlichen Beschäftigung vergleichen lässt: der Suche nach verborgenen Schätzen. Gold und Diamanten liegen gewöhnlich nicht offen auf der Erdoberfläche. Wer sie finden will, muss graben. Mit der Selbsterkenntnis verhält es sich ähnlich. Die wertvollsten Entdeckungen liegen nicht immer dort, wo der Blick zuerst hinfällt. Manchmal muss der Mensch tief in die Mine seiner eigenen Seele hinabsteigen.
Dort untersucht er die Gedanken, aus denen seine Handlungen entstehen, und die Folgen, die diese Handlungen nach sich ziehen.
Dabei soll er nicht nur untersuchen, was seine Gedanken in ihm selbst bewirken. Er soll auch beobachten, wie sie sein Verhalten gegenüber anderen Menschen verändern und welche Folgen daraus für sein Leben entstehen.
Jede Erfahrung kann ihm dabei helfen, Ursache und Wirkung besser zu verstehen. Er beobachtet sich selbst. Nicht nur in den großen Entscheidungen seines Lebens, sondern auch in den kleinen Ereignissen des Alltags. In seiner Ungeduld. Seiner Freude. Seinem Ärger. Seinen Hoffnungen.
Und in jenen Augenblicken, in denen er etwas tut und sich anschließend fragt, weshalb er es eigentlich getan hat. Für eine wissenschaftliche Untersuchung ist das eine ungewöhnliche Anordnung. Der Beobachter ist zugleich der Untersuchungsgegenstand. Und das Experiment läuft bereits seit seiner Geburt. Es existiert weder eine Kontrollgruppe noch die Möglichkeit, den Versuch unter identischen Bedingungen zu wiederholen. Für die Wissenschaft ist das bedauerlich. Für den Menschen ist es sein Leben.
Doch gerade darin liegt die Möglichkeit zur Erkenntnis. Wer seine Gedanken geduldig untersucht, entdeckt allmählich die Zusammenhänge zwischen seinem Inneren und seinem Handeln. Aus dieser Erkenntnis erwachsen Verständnis, Weisheit und Kraft. Am Ende steht ein altes Versprechen:
Wer sucht, wird finden.
Wer anklopft, dem wird geöffnet.
Allerdings öffnet sich die Tür zur Erkenntnis nicht allein deshalb, weil jemand davorsteht. Man muss schon anklopfen. Und manchmal mehr als einmal.
