JAMES ALLEN

WIE DER MENSCH DENKT

BORDFASSUNG · BAND V · III. GEDANKEN UND KÖRPER

III. Gedanken und Körper

Der menschliche Körper ist eine erstaunliche Konstruktion. Er besteht aus Billionen Zellen, besitzt ein hochkomplexes Nervensystem und erledigt ununterbrochen eine Vielzahl lebenswichtiger Aufgaben. Die meisten davon funktionieren glücklicherweise ohne bewusste Beteiligung seines Besitzers. Man stelle sich vor, der Mensch müsste jede Nacht daran denken, sein Herz weiterschlagen zu lassen. Die durchschnittliche Lebenserwartung dürfte erheblich sinken. James Allen betrachtet den Körper jedoch vor allem als Diener des Geistes.

Der Körper folgt seiner Überzeugung nach den Gedanken. Ganz gleich, ob diese bewusst gewählt werden oder unbemerkt entstehen. Gute und freudige Gedanken sollen den Körper stärken. Schlechte Gedanken ihn schwächen. Allen geht dabei bemerkenswert weit. Er glaubt, dass Krankheit und Gesundheit ebenso wie die äußeren Lebensumstände ihren Ursprung im Denken haben. Angst, Sorge und unreine Gedanken können seiner Auffassung nach den Körper krank machen.

Allen beschreibt die Macht der Gedanken über den Körper in drastischen Worten. Angst könne einen Menschen ebenso schnell töten wie eine Kugel. Tausende Menschen gingen nach seiner Überzeugung durch ihre Ängste zugrunde. Auch unreine Gedanken könnten das Nervensystem erschüttern, selbst wenn sie niemals in Handlungen umgesetzt würden.

Damit geht Allen weit über die Beobachtung hinaus, dass seelische Zustände körperliche Auswirkungen haben können. Er schreibt den Gedanken eine unmittelbare Macht über Gesundheit und Krankheit zu.

Freude, Reinheit und innere Stärke dagegen sollen Gesundheit und Schönheit fördern. Der menschliche Körper reagiert auf das, was in seinem Kopf geschieht. Gelegentlich sogar auf Gefahren, die ausschließlich dort existieren. Ein Mensch kann beispielsweise vollkommen sicher in seinem Wohnzimmer sitzen und dennoch körperlich auf eine Katastrophe reagieren, die er sich gerade erst vorgestellt hat. Das Gehirn besitzt offenbar eine bemerkenswerte Fähigkeit, seine eigenen Simulationen ernst zu nehmen.

Allen schreibt, dass Menschen, die Krankheiten fürchten, gerade deshalb krank würden. Dass unreine Gedanken das Blut vergifteten. Und dass ein Mensch, der seine Gedanken vollständig gereinigt habe, sich nicht mehr vor schädlichen Mikroben sorgen müsse. Seine Überzeugung bleibt deutlich: Wer seinen Körper schützen möchte, soll auf seinen Geist achten. Wer seinen Körper erneuern möchte, soll seine Gedanken verschönern.

Ein sauberer Geist

Allen verbindet geistige Reinheit mit körperlicher Gesundheit. Wer seine Gedanken reinigt, so glaubt er, verliert auch das Verlangen nach schädlicher Nahrung.

Allen geht noch einen Schritt weiter. Für ihn zeigt sich die Reinheit des Denkens nicht allein in der Ernährung, sondern auch in den alltäglichen Gewohnheiten. Ein Mensch, der als Heiliger gilt, seinen Körper aber nicht wäscht, ist für Allen kein Heiliger. Geistige Reinheit und körperliche Sauberkeit gehören in seiner Vorstellung zusammen. Wer seine Gedanken tatsächlich geordnet und gereinigt hat, soll dies auch in seiner Lebensführung erkennen lassen.

Das ist eine bemerkenswert praktische Anforderung an die Heiligkeit. Erleuchtung allein genügt nicht. Gelegentlich muss auch Wasser hinzukommen. Eine Ernährungsumstellung allein könne dagegen wenig bewirken, solange die Gedanken unverändert bleiben. Das ist eine ungewöhnliche Reihenfolge. Die meisten Menschen beginnen bei einer Ernährungsumstellung gewöhnlich mit dem Inhalt ihres Kühlschranks. Allen empfiehlt, zunächst dessen Besitzer zu untersuchen. Dabei ist seine Vorstellung durchaus konsequent.

Wenn Gedanken Gewohnheiten hervorbringen, dann beeinflussen sie auch die Art, wie ein Mensch mit seinem Körper umgeht. Wer seine Bedürfnisse besser versteht, kann bewusstere Entscheidungen treffen. Wer ständig von Ärger, Neid oder Enttäuschung beherrscht wird, lebt möglicherweise unter einer dauerhaften inneren Anspannung. Allen glaubt, dass sich solche Gedanken schließlich sogar im Gesicht abzeichnen. Ein verbitterter Gesichtsausdruck entsteht für ihn nicht zufällig. Er ist das sichtbare Ergebnis bitterer Gedanken.

Falten können von Zorn, Stolz und Leidenschaft erzählen. Aber auch von Mitgefühl, Güte und einem erfüllten Leben. Der Mensch trägt nach dieser Vorstellung seine innere Geschichte irgendwann im Gesicht. Was die menschliche Angewohnheit, andere nach ihrem Äußeren zu beurteilen, allerdings nicht wesentlich zuverlässiger macht.

Zwei Gesichter

Allen erinnert sich an eine sechsundneunzigjährige Frau. Ihr Gesicht besitzt für ihn noch immer etwas Helles und Unschuldiges. Dann beschreibt er einen Mann, der wesentlich jünger ist, dessen Gesicht aber bereits von Unzufriedenheit und innerer Unruhe gezeichnet erscheint. Für Allen liegt der Unterschied in ihrer geistigen Haltung. Die eine hat Freundlichkeit und Heiterkeit gepflegt. Der andere Leidenschaft und Unzufriedenheit. Allen betrachtet diese beiden Menschen als Beispiele dafür, wie Gedanken den Körper formen.

Ein Leben voller Freundlichkeit kann anders erlebt werden als ein Leben, das hauptsächlich aus Misstrauen und Verbitterung besteht. Und diese Unterschiede können auch im Verhalten sichtbar werden. Allen vergleicht den menschlichen Geist deshalb mit einem Haus. Ein Haus braucht frische Luft und Sonnenlicht. Bleiben sämtliche Fenster geschlossen, wird es darin irgendwann unangenehm. Mit dem Geist, so glaubt er, verhält es sich ähnlich. Freude, Wohlwollen und Gelassenheit sollen Licht und Luft hineinlassen.

Eine Vorstellung, die besonders für jene Menschen interessant sein dürfte, die seit Jahren jeden Morgen sämtliche Fenster öffnen, aber noch nie darüber nachgedacht haben, ob sich mit ihren Gedanken etwas Ähnliches anfangen ließe.

Das Alter und die Gelassenheit

Allen betrachtet schließlich das Alter. Manche Menschen werden seiner Beobachtung nach mit den Jahren friedlicher. Andere werden bitterer. Er sieht in den Gesichtern älterer Menschen die Spuren ihres Denkens. Mitgefühl kann dort ebenso sichtbar werden wie Zorn. Ein gutes Leben führt für ihn zu einem ruhigen Alter. Er erinnert sich an einen Philosophen, den er auf dem Sterbebett gesehen hat. Dieser Mann war nur seinen Lebensjahren nach alt.

Er starb so friedlich, wie er gelebt hatte. Für Allen ist das ein Bild jener Gelassenheit, die aus einem wohlgeordneten Geist erwächst. Er glaubt, dass fröhliche Gedanken eine heilende Kraft besitzen. Und dass Wohlwollen ein besonders wirksames Mittel gegen Kummer ist. Wer dagegen dauerhaft in Feindseligkeit, Zynismus, Misstrauen und Neid lebt, errichtet sich nach und nach ein Gefängnis. Die Mauern bestehen aus Gedanken. Und der Gefangene besitzt selbst den Schlüssel.

Das ist möglicherweise eine der merkwürdigsten Eigenschaften des Menschen. Er kann sich in seinem eigenen Kopf einsperren und anschließend jahrelang darüber klagen, dass niemand die Tür öffnet. Allen empfiehlt einen anderen Weg. Gut über andere denken. Freundlich sein. Geduldig nach dem Guten suchen. Nicht nur bei jenen Menschen, die einem ohnehin sympathisch sind. Sondern möglichst bei allen. Wer solche Gedanken pflegt, öffnet nach Allen die Tore zu einem friedlicheren Leben.

Er nennt sie sogar die Tore des Himmels. Und wer Tag für Tag Gedanken des Friedens gegenüber allen Lebewesen entwickelt, wird schließlich selbst von Frieden erfüllt. Damit endet das dritte Kapitel. Der menschliche Geist ist für Allen nicht bloß ein Ort, an dem Gedanken entstehen. Er ist eine Kraft, die den Menschen von innen heraus gestaltet. Und vielleicht liegt darin die wichtigste Beobachtung dieser ersten Kapitel:

Der Mensch kann nicht verhindern, dass ihm Gedanken kommen. Aber er kann lernen, ihnen nicht jeden verfügbaren Raum zu überlassen.

III. GEDANKEN UND KÖRPER
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