JAMES ALLEN

WIE DER MENSCH DENKT

BORDFASSUNG · BAND V · IV. GEDANKEN UND ZIEL

IV. Gedanken und Ziel

Ein Gedanke kann eine erstaunliche Reise unternehmen. Er kann im menschlichen Kopf entstehen, dort einige Sekunden verweilen und anschließend verschwinden, ohne jemals etwas bewirkt zu haben. Er kann aber auch wiederkehren. Dann wird er vielleicht zu einem Wunsch, später zu einer Absicht und schließlich zu einer Handlung. Vorausgesetzt, der Mensch hat inzwischen nicht vergessen, was er eigentlich vorhatte.

James Allen ist überzeugt, dass Gedanken erst dann ihre volle Kraft entfalten, wenn sie mit einem Ziel verbunden werden. Ohne Ziel treiben sie umher. Allen vergleicht den menschlichen Geist mit einem kleinen Schiff auf dem Ozean des Lebens. Ein Schiff ohne Kurs ist den Strömungen und Winden ausgeliefert. Es bewegt sich durchaus. Gelegentlich sogar mit beträchtlicher Geschwindigkeit. Nur weiß niemand, wohin. Eine Eigenschaft, die es mit erstaunlich vielen menschlichen Unternehmungen teilt.

Wer keinen festen Mittelpunkt in seinem Leben besitzt, wird nach Allen leicht zum Opfer kleiner Sorgen, Ängste, Schwierigkeiten und Selbstmitleids. Diese Regungen mögen zunächst unbedeutend erscheinen. Doch sie zerstreuen die Kräfte des Menschen, schwächen seine Entschlossenheit und können ihn schließlich ebenso sicher ins Unglück führen wie absichtlich begangene Fehler. Ziellosigkeit ist für Allen deshalb kein harmloser Zustand. Sie ist eine Schwäche, die überwunden werden muss.

Allen ist überzeugt, dass Schwäche kein unveränderlicher Zustand sein muss. Mehr noch: In einem Universum, das sich nach seiner Vorstellung beständig zu größerer Kraft entwickelt, könne Schwäche auf Dauer gar nicht bestehen bleiben. Wer seine Gedanken auf ein bestimmtes Ziel richtet und beharrlich daran arbeitet, nimmt für Allen an dieser Entwicklung teil.

Ein Ziel vor Augen

Der Mensch soll sich ein Ziel setzen. Nicht irgendeines, das ihm zufällig gerade einfällt, sondern eines, das er für richtig und erstrebenswert hält. Dieses Ziel kann geistiger Natur sein. Vielleicht möchte er Weisheit erlangen, seinen Charakter entwickeln oder ein höheres Ideal verwirklichen. Es kann aber auch ein ganz weltliches Vorhaben sein. Eine Arbeit vollenden. Eine Fähigkeit erwerben. Etwas erschaffen. Entscheidend ist nicht, wie eindrucksvoll das Ziel auf andere wirkt.

Entscheidend ist, dass es die Gedanken seines Besitzers sammelt und ihnen eine Richtung gibt. Allen verlangt, dass der Mensch sein Ziel zum Mittelpunkt seines Denkens macht. Er soll seine Kräfte darauf richten und sich nicht fortwährend von flüchtigen Einfällen, Sehnsüchten und Fantasien ablenken lassen. Das klingt vernünftig.

Allerdings besitzt der menschliche Geist eine bemerkenswerte Begabung, gerade dann auf völlig neue Gedanken zu kommen, wenn er sich auf eine einzige Sache konzentrieren soll. Ein Mensch kann sich vornehmen, eine wichtige Aufgabe zu erledigen, und wenige Minuten später feststellen, dass er dringend wissen muss, wie lange eine Schildkröte ohne Nahrung überleben kann. Die Frage mag durchaus interessant sein. Sie war nur nicht das ursprüngliche Ziel.

Allen fordert deshalb Konzentration. Nicht als gelegentliche Anstrengung, sondern als Fähigkeit, die durch Übung entsteht. Wer seine Gedanken immer wieder auf ein Ziel richtet, lernt allmählich, sie zu beherrschen. Und damit verändert sich nicht nur seine Arbeit. Er verändert sich selbst.

Der Wert des Scheiterns

Ein Mensch kann sich ein Ziel setzen und dennoch scheitern. Sogar mehrmals. Allen hält das nicht nur für möglich, sondern für unvermeidlich, solange der Mensch seine Schwächen noch nicht überwunden hat. Doch das Scheitern bedeutet nicht, dass seine Anstrengung wertlos gewesen wäre. Denn während er versucht, sein Ziel zu erreichen, entwickelt er Eigenschaften, die er zuvor möglicherweise nicht besaß. Ausdauer. Entschlossenheit. Geduld. Selbstbeherrschung. Und die Fähigkeit, nach einer Niederlage erneut anzufangen.

Allen betrachtet die Stärke des Charakters, die aus solchen Erfahrungen erwächst, als Maßstab des eigentlichen Erfolgs. Das nicht erreichte Ziel kann damit zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung werden. Ein ungewöhnlicher Gedanke. Menschen neigen dazu, eine Unternehmung nach ihrem sichtbaren Ergebnis zu beurteilen. Ist das Haus fertig? Wurde der Gipfel erreicht? Hat die Erfindung funktioniert?

Allen interessiert zusätzlich, was währenddessen mit dem Menschen geschehen ist, der es versucht hat. Vielleicht steht das Haus noch nicht. Aber sein Erbauer weiß inzwischen, wie man ein Fundament legt. Und möglicherweise auch, weshalb man damit besser beginnt, bevor man das Dach bestellt.

Die kleinen Aufgaben

Nicht jeder Mensch besitzt ein großes Ziel. Manche wissen noch nicht, wohin sie ihr Leben führen möchten. Andere haben zwar zahlreiche Vorstellungen, können sich aber für keine entscheiden. Allen empfiehlt diesen Menschen, zunächst bei den Aufgaben zu beginnen, die unmittelbar vor ihnen liegen. Sie sollen ihre Pflichten so gut wie möglich erfüllen. Selbst dann, wenn diese unbedeutend erscheinen. Denn die Größe einer Aufgabe ist für die Entwicklung des Geistes nicht entscheidend.

Entscheidend ist die Aufmerksamkeit, mit der sie ausgeführt wird. Wer lernt, eine kleine Arbeit sorgfältig zu erledigen, übt damit dieselben geistigen Kräfte, die er später für größere Vorhaben benötigt. Gedanken werden gesammelt. Entschlossenheit entsteht. Energie entwickelt sich. Und aus wiederholter Anstrengung wächst Stärke. Allen vergleicht diesen Vorgang mit körperlichem Training. Ein schwacher Mensch kann seine Muskeln durch geduldige Übung kräftigen.

Niemand erwartet vernünftigerweise, dass er beim ersten Versuch ein Gewicht hebt, für das er noch nicht stark genug ist. Beim Denken scheint diese Einsicht weniger verbreitet zu sein. Dort verlangen Menschen gelegentlich von sich, innerhalb eines einzigen Nachmittags jene geistige Disziplin zu entwickeln, die sie zuvor jahrelang erfolgreich vermieden haben. Allen empfiehlt auch hier den langsamen Weg. Anstrengung folgt auf Anstrengung. Geduld auf Geduld.

Stärke auf Stärke. So kann selbst ein schwacher Geist allmählich außerordentliche Kraft entwickeln.

Zweifel und Furcht

Hat der Mensch sein Ziel gefunden, soll er den Weg dorthin festlegen. Und dann voranschreiten. Nicht ständig nach rechts und links schauen. Nicht jede Entscheidung von Neuem infrage stellen. Nicht bei der ersten Schwierigkeit annehmen, dass das gesamte Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist. Allen betrachtet Zweifel und Furcht als die großen Gegner eines zielgerichteten Denkens. Sie unterbrechen die Bewegung. Sie zerstreuen die Kräfte.

Sie verwandeln einen geraden Weg in eine Folge von Umwegen, die schließlich nirgendwohin führen. Ein Zweifel kann durchaus klein beginnen. Vielleicht mit der Frage, ob eine Aufgabe überhaupt zu bewältigen ist. Dann folgt die Überlegung, ob man selbst dafür geeignet sei. Anschließend die Befürchtung, andere könnten es besser machen.

Und irgendwann sitzt der Mensch vor einer Aufgabe, die er noch nicht begonnen hat, und verfügt bereits über eine bemerkenswert ausführliche Vorstellung sämtlicher Möglichkeiten ihres Scheiterns. Eine Leistung, die allerdings nicht zu den ursprünglich vorgesehenen Ergebnissen gehört. Allen verlangt deshalb, Zweifel und Furcht entschieden zurückzuweisen. Für ihn entspringt der Wille zum Handeln der Erkenntnis, dass man handeln kann. Wer diese Überzeugung verliert, schwächt seine eigene Kraft.

Wer sie bewahrt, kann Schwierigkeiten mutig begegnen und mit Verstand überwinden. Seine Ziele sind dann wie Samen, die zur richtigen Zeit in die Erde gelegt wurden. Sie wachsen. Sie blühen. Und ihre Früchte fallen nicht vorzeitig zu Boden.

Die schöpferische Kraft

Damit erreicht Allen den entscheidenden Gedanken dieses Kapitels. Ein Gedanke, der sich ohne Furcht mit einem Ziel verbindet, wird zu einer schöpferischen Kraft. Der Mensch ist dann nicht länger bloß eine Ansammlung wechselnder Empfindungen, Wünsche und Vorstellungen. Er wird zum bewussten Gestalter seiner geistigen Möglichkeiten. Seine Gedanken treiben nicht mehr ziellos über den Ozean. Sie besitzen eine Richtung. Und er selbst hält das Steuer.

Das Meer wird dadurch nicht unbedingt ruhiger. Aber zum ersten Mal weiß der Mensch, welchen Hafen er erreichen möchte.

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