V. Gedanken und Erfolg
Erfolg ist eine merkwürdige Angelegenheit. Menschen bewundern ihn, beneiden ihn, fürchten seinen Verlust und verbringen beträchtliche Teile ihres Lebens damit, ihn zu erreichen. Dabei besteht keineswegs Einigkeit darüber, worin er eigentlich besteht. Für den einen bedeutet Erfolg ein großes Vermögen. Für einen anderen die Vollendung eines Kunstwerks. Ein Dritter möchte die Geheimnisse der Natur verstehen.
Und ein Vierter wäre bereits zufrieden, wenn er eines Tages mit seinem eigenen Leben im Reinen wäre. James Allen betrachtet diese unterschiedlichen Ziele und entdeckt dahinter ein gemeinsames Prinzip.
Was ein Mensch erreicht oder nicht erreicht, ist nach seiner Überzeugung das Ergebnis seines Denkens.
Damit setzt er seine bisherige Argumentation fort. Der Mensch formt seinen Charakter durch Gedanken. Seine Gedanken beeinflussen seine Handlungen und Lebensumstände. Und nun bestimmen sie auch, was er zu leisten vermag. Für Allen herrscht im Universum eine gerechte Ordnung. In ihr trägt jeder Mensch die Verantwortung für seine eigene Entwicklung. Seine Stärke gehört ihm. Seine Schwäche ebenfalls. Niemand anders kann sie ihm endgültig abnehmen.
Die eigene Stärke
Ein stärkerer Mensch kann einem schwächeren helfen, erklärt Allen. Doch diese Hilfe kann nur wirksam werden, wenn der andere bereit ist, sie anzunehmen. Niemand könne die innere Entwicklung eines anderen stellvertretend übernehmen. Unterstützung sei möglich, aber die Bereitschaft zur Veränderung müsse von dem Menschen selbst ausgehen.
Niemand kann für einen anderen Mut besitzen. Niemand kann ihm seine Entschlossenheit abnehmen und sie später gebrauchsfertig zurückgeben.
Eine entsprechende Einrichtung würde sich vermutlich großer Beliebtheit erfreuen. Sie hätte allerdings wenig mit persönlicher Entwicklung zu tun. Allen besteht darauf, dass der Mensch seine innere Verfassung nur durch eigene Anstrengung verändern kann. Wie er denkt, so ist er. Und solange er auf dieselbe Weise denkt, bleibt er, was er ist.
Herr und Knecht
Allen wendet sich nun einem Verhältnis zu, das die menschliche Geschichte über lange Zeit geprägt hat. Dem zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Gewöhnlich, so beobachtet er, betrachten Menschen die Unterdrückung als Werk eines mächtigen Einzelnen. Viele sind unfrei, weil einer sie beherrscht. Daraus entsteht die Forderung, den Unterdrücker zu hassen. Andere kehren das Verhältnis um. Sie behaupten, einer könne nur deshalb unterdrücken, weil viele sich unterdrücken lassen.
Daraus entsteht die Verachtung der Unterdrückten. Allen weist beide Haltungen zurück. Er betrachtet Unterdrücker und Unterdrückte als Menschen, die auf unterschiedliche Weise in Unwissenheit gefangen sind. Der eine missbraucht seine Macht. Der andere besitzt noch nicht die Kraft, sich aus seiner Schwäche zu erheben. Beide leiden nach Allens Vorstellung unter den Folgen ihres Zustands.
Vollkommene Erkenntnis sieht deshalb nicht nur die Schuld des einen oder die Schwäche des anderen. Sie erkennt die Gesetzmäßigkeit, die beide miteinander verbindet. Vollkommene Liebe verurteilt keinen von ihnen. Und vollkommenes Mitgefühl umfasst beide. Das ist eine ungewöhnliche Betrachtung menschlicher Machtverhältnisse. Menschen sind im Allgemeinen recht geschickt darin, ihre Mitmenschen in Täter und Opfer, Gewinner und Verlierer, Freunde und Feinde einzuteilen. Allen sucht nach einem Zustand, in dem diese Gegensätze überwunden werden.
Wer seine Schwächen besiegt und selbstsüchtige Gedanken abgelegt hat, gehört für ihn weder zu den Unterdrückern noch zu den Unterdrückten. Er ist frei.
Der Preis des Aufstiegs
Ein Mensch kann nur aufsteigen, indem er seine Gedanken erhebt. Er kann nur etwas erreichen, indem er lernt, seine Kräfte zu beherrschen. Allen verlangt dafür Opfer. Selbst wer ausschließlich weltlichen Erfolg sucht, muss wenigstens einen Teil seiner niederen Begierden überwinden. Ein Mensch, dessen Denken vollständig von unmittelbaren Vergnügungen beherrscht wird, kann sich nur schwer auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren. Er wird kaum sorgfältig planen.
Er wird seine verborgenen Fähigkeiten nicht entdecken. Und er wird Schwierigkeiten eher ausweichen, als sie zu überwinden. Allen sieht darin keine unabänderliche Grenze. Der Mensch wird nur durch jene Gedanken beschränkt, denen er Macht über sich einräumt. Er kann lernen, selbstständig zu handeln. Verantwortung zu übernehmen.
Und auch dann an einem Vorhaben festzuhalten, wenn die Aussicht auf ein bequemeres Vergnügen unmittelbar vor ihm liegt. Die menschliche Geschichte enthält zahlreiche Beispiele dafür, dass Menschen bereit sind, jahrelang an einem Ziel zu arbeiten. Sie enthält allerdings auch zahlreiche Beispiele dafür, dass ein einziges gemütliches Sofa solche Pläne erheblich verzögern kann. Allen verlangt keine Verachtung des Vergnügens. Er verlangt, dass der Mensch entscheidet, welchem Ziel seine Kräfte dienen sollen.
Je höher ein Mensch seine Gedanken erhebt, desto aufrechter und rechtschaffener wird er nach Allens Überzeugung handeln. Und desto größer, segensreicher und dauerhafter könne sein Erfolg sein. Entscheidend ist für Allen nicht allein, was ein Mensch erreichen möchte, sondern welche innere Haltung ihn dabei leitet.
Die Ordnung des Erfolgs
Allen glaubt nicht, dass das Universum Gier, Unehrlichkeit und Bosheit begünstigt. Auch wenn es oberflächlich gelegentlich so aussehen mag. Er ist überzeugt, dass die tiefere Ordnung der Welt den ehrlichen, großzügigen und tugendhaften Menschen unterstützt. Die großen Lehrer der Menschheit, so schreibt er, hätten diese Wahrheit in unterschiedlichen Formen verkündet.
Wer sie selbst erkennen möchte, soll seine Gedanken immer weiter erheben und seinen Charakter vervollkommnen. Erfolg ist damit nicht bloß eine Frage von Geschicklichkeit oder günstigen Umständen. Er ist für Allen Ausdruck einer inneren Entwicklung. Doch nicht jeder Erfolg besitzt dieselbe Gestalt.
Die Leistungen des Geistes
Manche Menschen widmen ihr Leben der Erkenntnis. Sie untersuchen die Natur, erforschen Zusammenhänge oder suchen nach dem Wahren und Schönen. Ihre Leistungen entstehen aus Gedanken, die über lange Zeit auf dieses Ziel gerichtet wurden. Solche Menschen können durchaus ehrgeizig oder eitel sein. Allen bestreitet das nicht.
Allen unterscheidet dabei zwischen dem Ehrgeiz, der eine Leistung begleiten kann, und jener inneren Haltung, aus der sie tatsächlich erwächst. Eine wissenschaftliche Entdeckung oder ein großes Kunstwerk mag seinem Urheber Ruhm verschaffen. Doch für Allen entsteht die eigentliche Leistung aus langjähriger, mühevoller Arbeit und aus Gedanken, die sich auf Erkenntnis, Schönheit und Wahrheit richten. Er führt sie ausdrücklich auf reine und uneigennützige Gedanken zurück.
Sie entsteht aus ausdauernder Arbeit, Hingabe und der Bereitschaft, die eigenen Kräfte einer Aufgabe zu widmen. Ein wissenschaftlicher Gedanke kann Jahre benötigen, bis er zu einer Entdeckung wird. Ein Kunstwerk kann aus unzähligen Versuchen hervorgehen. Und manche Erkenntnisse erscheinen ihren Urhebern erst nach einer langen Reihe von Irrtümern. Die Öffentlichkeit sieht gewöhnlich das Ergebnis. Den fertigen Gedanken. Die Entdeckung. Das Werk.
Die unzähligen Stunden davor besitzen dagegen die unangenehme Eigenschaft, sich nicht besonders gut ausstellen zu lassen. Allen sieht gerade in ihnen den Ursprung des Erfolgs.
Die Leistungen der Seele
Neben den geistigen Leistungen stehen für Allen die spirituellen. Sie entstehen aus hohen und edlen Bestrebungen. Wer sich beständig mit reinen, selbstlosen und großen Gedanken beschäftigt, wird nach seiner Überzeugung schließlich selbst weise und edel. So gewiss, wie die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und der Mond voll wird. Ein solcher Mensch gewinnt Einfluss. Nicht unbedingt durch Reichtum oder äußere Macht. Sondern durch die Kraft seines Charakters.
Seine Gegenwart kann anderen helfen. Seine Gedanken können Orientierung geben. Sein Leben kann zu einem Beispiel werden. Allen betrachtet diese Entwicklung als eine besonders hohe Form menschlichen Erfolgs. Denn sie reicht über den eigenen Vorteil hinaus. Sie wirkt auf andere Menschen.
Die Krone der Anstrengung
Jede Leistung ist für Allen die Krone einer Anstrengung. Der sichtbare Abschluss eines zuvor unsichtbaren Vorgangs. Gedanken wurden gesammelt. Ein Ziel wurde gewählt. Schwierigkeiten wurden überwunden. Opfer wurden gebracht. Und irgendwann entstand daraus etwas, das vorher nicht existierte. Ob in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Kunst oder im geistigen Leben – Allen erkennt überall dieselbe Gesetzmäßigkeit. Der Gegenstand des Erfolgs mag sich unterscheiden.
Sein Ursprung bleibt derselbe. Zielgerichtetes Denken. Selbstbeherrschung. Entschlossenheit. Und die Bereitschaft, auf etwas zu verzichten, um etwas anderes zu erreichen. Doch selbst ein großer Erfolg ist nicht endgültig gesichert. Ein Mensch kann hohe Leistungen vollbringen und anschließend wieder in Schwäche und Elend zurückfallen. Es genügt, dass Hochmut, Selbstsucht und verderbliche Gedanken erneut die Herrschaft übernehmen. Der Sieg über die eigenen Schwächen muss deshalb bewahrt werden.
Allen fordert Wachsamkeit. Denn manche Menschen verlieren ihre Entschlossenheit ausgerechnet dann, wenn der Erfolg bereits sicher erscheint. Sie haben den Gipfel erreicht. Und beschließen, dass die Schwerkraft nun vermutlich keine Rolle mehr spielt. Eine Annahme, die sich gewöhnlich recht schnell überprüfen lässt. Erfolg ist für Allen deshalb kein Besitz, den man ein für alle Mal erwerben kann. Er bleibt an jene Eigenschaften gebunden, die ihn hervorgebracht haben.
Und so endet das Kapitel mit einer einfachen, unerbittlichen Abstufung: Wer wenig erreichen will, muss wenig opfern. Wer viel erreichen will, muss viel opfern. Wer sehr hoch hinauswill, muss bereit sein, große Opfer zu bringen. Nicht das Verlangen nach Erfolg entscheidet. Sondern das, was ein Mensch dafür einzusetzen bereit ist.
