JAMES ALLEN

WIE DER MENSCH DENKT

BORDFASSUNG · BAND V · VI. VISIONEN UND IDEALE

VI. Visionen und Ideale

Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit. Er kann Dinge sehen, die nicht existieren. Das allein wäre noch keine besonders außergewöhnliche Leistung. Menschen sehen gelegentlich auch Dinge, die unmittelbar vor ihnen liegen, und sind trotzdem nicht in der Lage, sie wiederzufinden. Doch die Fähigkeit, etwas vor dem inneren Auge zu sehen, das in der äußeren Welt noch nicht vorhanden ist, hat eine andere Bedeutung. Aus ihr entstehen Erfindungen.

Kunstwerke. Neue Erkenntnisse. Und mitunter ganze Zivilisationen. James Allen betrachtet diese Fähigkeit als eine der größten Kräfte des menschlichen Geistes. Er fordert den Menschen auf, seine Visionen zu bewahren. Seine Ideale. Seine inneren Bilder dessen, was schön, gut und möglich sein könnte. Denn was ein Mensch in seinem Herzen als schön empfindet, was er liebt und wonach er sich im Stillen sehnt, daraus wird er eines Tages seine Welt gestalten.

Nicht jeder Traum erfüllt sich sofort. Manche benötigen Jahre. Andere ein ganzes Leben. Aber für Allen besitzen die Bilder des Geistes eine schöpferische Kraft, die weit über den Augenblick hinausreicht, in dem sie entstehen.

Die Träumer

Die Menschheit verdankt ihre Welt den Träumern. Nicht jenen, die lediglich schlafen, obwohl auch das eine durchaus wichtige Beschäftigung ist. Sondern jenen, die wach genug sind, sich eine andere Wirklichkeit vorzustellen. Allen nennt Komponisten, Bildhauer, Maler, Dichter, Propheten und Weise. Sie alle haben etwas geschaffen, das zuvor nur in ihrer Vorstellung existierte. Ihre Werke sind die sichtbaren Ergebnisse unsichtbarer Gedanken. Die Welt ist schön, weil Menschen Schönheit erdacht haben.

Sie ist reich an Möglichkeiten, weil Menschen Möglichkeiten erkannten, bevor sie Wirklichkeit wurden. Und sie entwickelt sich weiter, weil immer wieder jemand die ausgesprochen unpraktische Frage stellt, weshalb die Dinge eigentlich so bleiben müssten, wie sie sind. Allen sieht in den Träumern die Retter der Welt. Die Menschheit mag sie übersehen, missverstehen oder verachten. Sie mag ihre Ideen für unmöglich halten. Doch sie lebt von dem, was diese Menschen hervorbringen.

Sie verehrt ihre Werke, obwohl sie deren Urheber zu Lebzeiten vielleicht kaum beachtet hat. Eine menschliche Tradition, die sich über Jahrtausende als erstaunlich beständig erwiesen hat. Allen vergleicht die Träumer mit Menschen, die himmlische Bilder wahrnehmen und sie in die irdische Welt tragen. Sie sehen, was noch nicht sichtbar ist. Und geben ihm Gestalt.

Die Welt von morgen

Allen nennt drei Menschen, an denen er die Macht solcher inneren Bilder verdeutlicht.

Christoph Kolumbus trug die Vorstellung einer anderen Welt in sich. Er hielt an ihr fest und entdeckte schließlich eine Welt, die den Menschen seiner Herkunft unbekannt gewesen war.

Nikolaus Kopernikus stellte sich nach Allens Darstellung eine Vielzahl von Welten und ein größeres Universum vor, als seine Zeitgenossen es kannten. Aus dieser Vorstellung entwickelte sich ein neues Bild des Kosmos. Was zunächst nur im Denken existierte, wurde schließlich zu einer veränderten Sicht auf die Wirklichkeit.

Und Buddha sah vor seinem inneren Auge eine geistige Welt vollkommener Reinheit und tiefsten Friedens. Er suchte sie nicht auf einer Landkarte. Er verwirklichte sie, nach Allens Darstellung, in seinem eigenen Dasein.

Drei sehr verschiedene Wege. Entdeckung, Erkenntnis und Erleuchtung. Für Allen entspringen sie derselben Kraft: Ein Mensch erkennt zunächst in seinem Inneren eine Möglichkeit, bevor sie für ihn Wirklichkeit wird.

Für Allen ist die gegenwärtige Welt aus den Gedanken vergangener Menschen entstanden. Und die Welt von morgen entsteht aus den Gedanken der Gegenwart. Die Menschheit kann ihre Träumer deshalb nicht vergessen. Ihre Ideale bilden die Möglichkeiten, aus denen die Zukunft erwächst. Ein Mensch soll seine Visionen nicht preisgeben, nur weil seine gegenwärtigen Lebensumstände ihnen widersprechen. Im Gegenteil.

Gerade die Entfernung zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, gibt seinem Streben eine Richtung. Wer ein schönes Ideal im Herzen trägt, soll es bewahren. Wer sich eine edlere Form des Lebens vorstellen kann, soll an ihr festhalten. Wer von etwas Großem träumt, soll den Traum nicht verachten.

Denn aus solchen Vorstellungen wachsen nach Allen die Verhältnisse, in denen Menschen später leben. Ein Traum ist damit kein bloßer Zeitvertreib. Er ist der erste Entwurf einer möglichen Wirklichkeit. Die Ausführung kann sich allerdings als erheblich aufwendiger erweisen als der Entwurf. Das ist eine Erfahrung, die Menschen beim Bau von Häusern ebenso machen wie beim Versuch, ein besseres Leben zu führen.

Der Weg nach oben

Allen erzählt von einem jungen Mann, der unter schwierigen Bedingungen lebt. Er ist arm. Er arbeitet lange Stunden in einer ungesunden Werkstatt. Seine Bildung ist gering. Und sein Alltag bietet wenig Anlass zu der Vermutung, dass ihn eine große Zukunft erwartet. Doch dieser junge Mann besitzt etwas, das seine Umgebung nicht erkennen kann. Eine Vision. Er stellt sich ein anderes Leben vor. Er sieht sich als gebildeten, geachteten und einflussreichen Menschen.

Er träumt davon, Wissen zu erwerben, seine Fähigkeiten zu entwickeln und eines Tages selbst über sein Leben bestimmen zu können. Und er bleibt diesem Bild treu. Nach und nach beginnt er, seine freie Zeit zum Lernen zu nutzen. Er erweitert seine Kenntnisse. Er entwickelt seine Fähigkeiten. Und schließlich verändert sich sein Leben. Die alte Werkstatt kann ihn nicht mehr halten. Neue Möglichkeiten entstehen. Er gelangt in eine Umgebung, in der seine wachsenden Fähigkeiten gebraucht werden.

Allen beschreibt, wie aus dem armen Arbeiter schließlich ein Mensch mit großem Einfluss wird.

Allen zeichnet diesen Einfluss in besonders großen Bildern. Der einstige Arbeiter trägt nun gewaltige Verantwortung. Wenn er spricht, verändern Menschen ihr Leben. Männer und Frauen hören ihm zu und gestalten ihren Charakter nach seinen Worten neu. Er wird zu einem festen, leuchtenden Mittelpunkt, um den sich zahlreiche andere Lebenswege bewegen – wie Planeten um eine Sonne.

Damit ist aus dem einstigen Träumer nicht bloß ein erfolgreicher Mann geworden. Er ist mit dem Ideal seiner Jugend zusammengewachsen. Was früher nur in seiner Vorstellung existierte, bestimmt nun sein Leben und das anderer Menschen.

Der junge Mann hat nicht einfach auf bessere Umstände gewartet. Er hat sich auf sie vorbereitet. Und seine innere Entwicklung hat ihn zu einem Menschen gemacht, der sie nutzen kann.

Was andere sehen

Allen beschreibt drei Menschen, die von anderen bewundert werden. Der eine hat Wohlstand erreicht, der zweite eine außergewöhnliche geistige Entwicklung, der dritte einen edlen Charakter und großen Einfluss auf seine Mitmenschen.

Die Zuschauer sehen die Ergebnisse und sprechen von Glück, besonderen Gaben oder günstigen Umständen. Doch sie sehen nicht die Mühen, die Entbehrungen und die beharrliche Arbeit, die diesen Ergebnissen vorausgegangen sind. Sie kennen den Erfolg, aber nicht seinen Entstehungsprozess.

Für Allen liegt darin ein grundlegender Irrtum: Was wie ein glücklicher Zufall erscheint, ist seiner Überzeugung nach das Ergebnis einer langen inneren Entwicklung.

Sie sehen das fertige Gebäude. Aber nicht die Arbeit am Fundament. Und wenn sie schließlich vor dem Gebäude stehen, erklären sie mitunter, sein Besitzer müsse ausgesprochen viel Glück gehabt haben. Allen betrachtet das mit wenig Geduld.

Der Traum als Versprechen

Allen verbindet Visionen und Ideale mit einem umfassenden Vertrauen in die schöpferische Ordnung des Lebens. Der Mensch soll sich eine große Vision schaffen. Und er soll an ihr festhalten. Denn er wird, so Allen, zu dem werden, was er in seinem Inneren liebt und bewundert. Seine Ideale sind die Versprechen dessen, was er eines Tages sein kann. Seine Träume sind die Vorzeichen dessen, was er verwirklichen wird.

Allen führt seine Überzeugung noch weiter. Wenn selbst die niedrigsten Wünsche eines Menschen Erfüllung finden können, fragt er, weshalb dann ausgerechnet seine reinsten und höchsten Bestrebungen ohne Nahrung bleiben sollten. Für ihn steht fest, dass auch sie ihre Erfüllung finden können.

Zur Bekräftigung greift er auf die biblische Verheißung zurück: „Bittet, so wird euch gegeben.“ Allen versteht diesen Satz als Ausdruck eines allgemeinen Gesetzes, nach dem sich das menschliche Streben schließlich in der Wirklichkeit niederschlagen kann.

Allen lässt an dieser Stelle Stanton Kirkham Davis zu Wort kommen, der die Verwandlung eines Menschen durch seine Ideale in drei kleinen Lebensbildern beschreibt:

Vielleicht führen Sie heute noch Bücher und schreiben Zahlen in Spalten. Doch eines Tages verlassen Sie das Büro, dessen Tür Ihnen so lange wie eine Grenze Ihrer Möglichkeiten erschien. Plötzlich stehen Sie vor einem Publikum. Hinter Ihrem Ohr steckt noch die Schreibfeder, an Ihren Fingern haftet die Tinte. Und schon strömt aus Ihnen hervor, was so lange auf seinen Augenblick gewartet hat: Ihre eigene schöpferische Kraft.

Vielleicht hüten Sie heute Schafe. Eines Tages gelangen Sie in die Stadt, unbeholfen und staunend, aber geführt von einem Geist, der sich nicht einschüchtern lässt. Sie betreten die Werkstatt eines Meisters und lernen. Bis dieser schließlich sagt: „Ich habe Ihnen nichts mehr beizubringen.“ Nun sind Sie selbst der Meister – derselbe Mensch, der einst beim Hüten seiner Schafe von großen Dingen träumte.

Vielleicht legen Sie eines Tages Säge und Hobel aus der Hand, weil eine Aufgabe auf Sie wartet, die weit über Ihre bisherige Arbeit hinausreicht: an der Erneuerung der Welt mitzuwirken.

Allen führt diese Bilder an, um zu zeigen, dass die gegenwärtige Stellung eines Menschen für ihn noch keine endgültige Aussage über dessen Möglichkeiten ist. Der Buchhalter, der Schäfer und der Handwerker sind nicht auf ihre gegenwärtige Tätigkeit festgelegt. Entscheidend ist, welches Ideal sie in sich tragen und welchem sie folgen.

Die Eiche schläft bereits in der Eichel. Der Vogel wartet im Ei. Und in der höchsten Vorstellung eines Menschen regt sich nach Allen die Möglichkeit seiner zukünftigen Wirklichkeit. Diese Bilder sind für ihn keine bloßen Vergleiche. Sie beschreiben ein Gesetz des Werdens. Alles Große beginnt im Kleinen. Alles Sichtbare war einmal unsichtbar. Und jede verwirklichte Möglichkeit existierte zunächst nur als Möglichkeit.

Allen erinnert daran, dass Menschen sich nicht allein nach ihren gegenwärtigen Lebensumständen beurteilen sollten. Ein Mensch mag heute in bescheidenen Verhältnissen leben. Er mag sich in einer Arbeit befinden, die wenig von seinen Fähigkeiten verlangt. Er mag von Menschen umgeben sein, die seine Hoffnungen nicht verstehen.

Doch wenn er ein hohes Ideal bewahrt und sein Leben darauf ausrichtet, kann aus diesem Inneren eine andere Zukunft entstehen. Allen schließt mit einem Gedanken, der zugleich Ermutigung und Verpflichtung ist. Die Menschen erhalten, was sie sich in ihrem tiefsten Inneren wünschen. Ihre Wünsche können sie erniedrigen. Oder erheben. Ihre Gedanken können sie klein halten. Oder groß werden lassen. Und ihre Träume bestimmen, welche Richtung sie einschlagen.

Sie werden so klein sein wie die Begierden, die Sie beherrschen, und so groß wie Ihre vorherrschenden Bestrebungen.

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