VII. Gelassenheit
Es gibt Menschen, die inmitten größter Aufregung ruhig bleiben. Während andere bereits sämtliche denkbaren Katastrophen durchspielen, betrachten sie die Lage, überlegen und handeln. Sie erheben nicht unnötig die Stimme. Sie lassen sich nicht von jedem Ärger fortreißen. Und sie besitzen jene eigentümliche Fähigkeit, auch dann noch vernünftig zu denken, wenn ihre Umgebung diese Tätigkeit vorübergehend eingestellt hat. James Allen hält solche Menschen für besonders weit entwickelt.
Nicht, weil sie niemals Schwierigkeiten begegnen. Sondern weil sie gelernt haben, ihren Gedanken nicht blind zu folgen. Gelassenheit ist für ihn eine der schönsten Früchte der Weisheit. Sie entsteht nicht zufällig. Sie wächst aus langer, geduldiger Selbstbeherrschung.
Die ruhige Seele
Ein Mensch, der seine Gedanken zu verstehen beginnt, erkennt allmählich, dass andere Menschen ebenso wie er selbst aus ihren Gedanken und Erfahrungen heraus handeln. Er entdeckt, dass sein eigenes Verhalten Folgen besitzt. Dass seine Worte etwas bewirken. Und dass die Welt nicht jedes Mal aus den Fugen gerät, wenn sie seinen Erwartungen widerspricht. Mit diesem Verständnis verändert sich seine Haltung. Er wird ruhiger. Geduldiger.
Und weniger geneigt, jede Schwierigkeit als persönlichen Angriff des Universums zu betrachten. Allen beschreibt Gelassenheit als Ergebnis einer langen Entwicklung. Sie ist keine angeborene Eigenschaft, die einige glückliche Menschen besitzen und andere nicht. Sie muss erworben werden. Durch Erfahrung. Durch die Überwindung von Schwächen. Und durch die fortgesetzte Übung, die eigenen Gedanken zu beherrschen.
Je besser ein Mensch sich selbst versteht, desto besser kann er auch andere verstehen. Und je mehr er die Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung erkennt, desto weniger lässt er sich von den wechselnden Ereignissen des Lebens erschüttern. Seine Ruhe wächst mit seiner Erkenntnis.
Die Kraft der Stille
Ein ruhiger Mensch besitzt nach Allen eine besondere Stärke. Andere Menschen vertrauen ihm. Sie suchen seine Nähe.
Allen macht diesen Zusammenhang sogar am gewöhnlichen Geschäftsleben fest. Ein Kaufmann, der lernt, sich selbst zu beherrschen und auch unter schwierigen Umständen ausgeglichen zu bleiben, wird nach seiner Überzeugung erfolgreicher sein. Denn Menschen ziehen es vor, mit jemandem Geschäfte zu machen, dessen Verhalten verlässlich und ruhig ist.
Gelassenheit ist für Allen deshalb nicht nur eine geistige Errungenschaft. Sie besitzt einen ganz praktischen Wert. Wer sich selbst führen kann, gewinnt auch das Vertrauen anderer.
Sie wenden sich an ihn, wenn Schwierigkeiten entstehen. Denn sie spüren, dass er nicht bei jedem unerwarteten Ereignis die Beherrschung verliert.
Allen vergleicht einen starken, gelassenen Menschen mit einem Baum, der in einem durstigen Land Schatten spendet. Oder mit einem Felsen, der während eines Sturms Schutz bietet.
Ein solcher Mensch muss nicht fortwährend beweisen, wie stark er ist. Seine Stärke zeigt sich darin, dass andere bei ihm Ruhe finden. Ob die Sonne scheint oder Regen fällt, ob sich die Verhältnisse verbessern oder verschlechtern – seine innere Haltung bleibt beständig.
Allen hält diese Ausgeglichenheit für eine der kostbarsten Errungenschaften des Menschen. Wertvoller als Gold. Denn was nützt der größte Besitz, wenn sein Eigentümer in ständiger Unruhe lebt?
Ein Mensch kann über große Fähigkeiten verfügen und dennoch wenig erreichen, wenn er sich ständig von Ärger und Aufregung überwältigen lässt.
Ein anderer mag weniger begabt sein, aber durch seine Ruhe und Zuverlässigkeit größere Wirkung entfalten. Allen betrachtet Selbstbeherrschung deshalb als eine Quelle wirklicher Macht. Die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, macht den Menschen nicht untätig. Sie erlaubt ihm vielmehr, seine Kräfte dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden.
Wer nicht fortwährend mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt ist, hat gelegentlich sogar Zeit, sich mit dem eigentlichen Problem zu befassen. Ein Vorteil, der in menschlichen Auseinandersetzungen bemerkenswert selten vollständig ausgeschöpft wird.
Der Mensch, der sich beherrscht
Allen fordert den Menschen auf, sich selbst zu beherrschen. Nicht andere. Nicht die ganze Welt. Nicht die Ereignisse, die sich seinem Einfluss entziehen. Sondern zunächst das eigene Denken. Er betrachtet einen Menschen, der seine Gedanken kontrollieren kann, als stärker als jemanden, der große äußere Macht besitzt, aber von seinen Leidenschaften beherrscht wird. Reichtum kann verloren gehen. Einfluss kann schwinden. Äußere Sicherheit kann sich verändern.
Doch die Fähigkeit zur inneren Ruhe bleibt eine Kraft, die der Mensch in sich selbst entwickeln kann. Allen beschreibt einen solchen Menschen als festen Mittelpunkt inmitten der Bewegungen des Lebens. Andere werden von ihren Gefühlen hin und her geworfen. Er bleibt standhaft. Nicht weil er nichts empfindet. Sondern weil seine Empfindungen nicht mehr ungehindert über sein Handeln bestimmen. Er hat gelernt, dass nicht jeder Gedanke einen Befehl darstellt.
Eine Erkenntnis, die angesichts der Anzahl menschlicher Gedanken durchaus befreiend sein kann.
Allen betrachtet nun die andere Seite. Er erinnert an Menschen, die durch heftige Wutausbrüche das Schöne in ihrem Leben zerstören. Die ihre Beziehungen vergiften, ihre eigene Ausgeglichenheit verlieren und sich durch mangelnde Selbstbeherrschung immer wieder ins Unglück stürzen.
Er fragt sich sogar, ob nicht die große Mehrheit der Menschen einen erheblichen Teil ihres Glücks auf diese Weise selbst beschädigt.
Wie selten, bemerkt er, begegnet man einem Menschen, dessen Charakter wirklich ausgeglichen ist. Einem Menschen, der weder von seinen Leidenschaften fortgerissen noch von Sorgen und Zweifeln beherrscht wird.
Für Allen ist diese innere Ordnung das Ergebnis einer langen Entwicklung. Nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten zeichnet einen solchen Menschen aus, sondern seine Fähigkeit, ihnen ohne den Verlust seiner selbst zu begegnen.
Der Ozean des Lebens
Zum Schluss kehrt Allen zu einem Bild zurück, das bereits im vierten Kapitel eine wichtige Rolle spielte. Dem Meer. Die Menschheit gleicht einer großen Gemeinschaft von Reisenden, die über den Ozean des Lebens fahren. Die meisten Schiffe werden von den Wellen hin und her geworfen. Manche geraten in Stürme. Andere treiben ohne Richtung.
Und viele Menschen hoffen verzweifelt, endlich einen Ort zu finden, an dem sie vor den Unruhen des Lebens sicher sind. Allen beschreibt diesen Ort als eine Insel der Gelassenheit. Sie liegt nicht außerhalb des Menschen. Sie liegt in ihm selbst. Wer gelernt hat, seine Gedanken zu beherrschen, kann sie erreichen.
Und wer dort angekommen ist, besitzt eine Ruhe, die nicht mehr von jedem äußeren Ereignis zerstört wird. Allen richtet sich deshalb an die Menschen, die unter den Stürmen ihres Lebens leiden.
An jene, deren Hoffnungen enttäuscht wurden. Die von Sorgen gequält werden. Die von Kummer und Angst überwältigt sind. Er verspricht ihnen, dass es einen Weg zur Ruhe gibt. Wie heftig die Wellen auch schlagen mögen. Wie dunkel die Nacht auch erscheint. Die Insel der Gelassenheit wartet. Und der Mensch kann lernen, sie zu erreichen.
Und dann verändert Allen das Bild noch einmal. Er fordert den Menschen auf, seine Hand fest am Steuer seiner Gedanken zu halten.
Denn im Schiff seiner Seele ruht bereits derjenige, der das Kommando übernehmen könnte. Der Herr über dieses Schiff ist nicht verschwunden. Er schläft nur.
Wecken Sie ihn.
Allen meint damit jene Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, die der Mensch entwickeln kann, wenn er aufhört, sich von jedem inneren Sturm treiben zu lassen.
Er fasst seine Lehre schließlich in drei Sätzen zusammen:
Selbstbeherrschung ist Stärke.
Richtiges Denken ist Meisterschaft.
Gelassenheit ist Macht.
Und an das eigene Herz richtet er die letzte Aufforderung:
Friede. Sei still.
Der letzte Gedanke
Allen beendet sein Buch mit drei Leitsätzen. Sie fassen zusammen, was er auf den vorangegangenen Seiten entwickelt hat: Selbstbeherrschung, richtiges Denken und Gelassenheit.
Seine letzten Worte richten sich jedoch nicht an die Welt, sondern an das eigene Herz:
Friede. Sei still.
Nach all den Gedanken über Charakter, Lebensumstände, Gesundheit, Ziele und Erfolg endet dieses Buch mit einer Aufforderung zur inneren Ruhe. Nicht die Welt soll für einen Augenblick stillstehen. Der Mensch soll lernen, in sich selbst still zu werden.
