Gehen gehört zu den einfachsten Formen körperlicher Aktivität. Die Weltgesundheitsorganisation zählt ausdrücklich auch Bewegung in der Freizeit und zur Fortbewegung dazu und nennt Gehen als eine verbreitete Möglichkeit, körperlich aktiv zu sein. Regelmäßige körperliche Aktivität ist unter anderem mit Vorteilen für Herz und Kreislauf, Stoffwechsel, psychisches Wohlbefinden, Schlaf und kognitive Gesundheit verbunden.
Auch die Umgebung kann eine Rolle spielen. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Naturkontakt untersuchte zwölf Studien. In allen sieben Studien mit physiologischen Stressmaßen zeigte sich ein Zusammenhang zwischen stärkerem Naturkontakt und geringerem physiologischem Stress; fünf von sechs Studien mit subjektiven Stressmaßen berichteten ebenfalls geringere Werte. Unterschiedliche Untersuchungsmethoden und Umgebungen mahnen allerdings zur Vorsicht. Ein Wald ist keine Ladestation mit garantierter Ausgangsspannung.
Interessant ist außerdem die Forschung zur Aufmerksamkeit. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analysen fand nach dem Kontakt mit natürlichen Umgebungen kleine bis moderate Verbesserungen insbesondere beim Arbeitsgedächtnis und bei der kognitiven Flexibilität. Die Ergebnisse waren nicht für alle untersuchten Aufmerksamkeitsfunktionen gleichermaßen eindeutig. Die verbreitete Vorstellung, Natur lade unsere Aufmerksamkeit einfach wieder vollständig auf, wäre deshalb zu bequem.
Eine weitere Untersuchung betrachtete nicht nur das Gehen, sondern die Art der Aufmerksamkeit währenddessen. Sechzig ältere Erwachsene unternahmen über acht Wochen wöchentlich 15-minütige Spaziergänge. Eine zufällig zugewiesene Gruppe wurde zusätzlich dazu angeleitet, unterwegs bewusst Gelegenheiten für Staunen wahrzunehmen. Diese Gruppe berichtete während der Spaziergänge unter anderem mehr Freude und andere prosoziale positive Emotionen sowie im Verlauf weniger alltäglichen Distress. Angst, Depression und Lebenszufriedenheit veränderten sich dagegen nicht signifikant. Das beweist nicht die Wirkung unserer Expeditionsaufträge. Es zeigt aber, dass es wissenschaftlich durchaus interessant ist, wie ein Mensch durch seine Umgebung geht.
Auch das Smartphone kann dabei einen Teil der verfügbaren Aufmerksamkeit beanspruchen. In einem experimentellen Laufbandversuch bearbeiteten Teilnehmende unterschiedliche Smartphone-Aufgaben und mussten gleichzeitig auf äußere visuelle Reize reagieren. Mit Smartphone-Nutzung sank die Genauigkeit und äußere Reize wurden häufiger übersehen. Daraus folgt nicht, dass ein Smartphone jeden Spaziergang ruiniert. Es liefert lediglich einen vernünftigen Grund, es für eine Weile nicht zum interessantesten Gegenstand der Umgebung zu erklären.
An dieser Stelle endet die Forschung und beginnt die Entscheidung dieses Instruments.
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass ein Spaziergang dadurch gesünder wird, dass keine Schritte, Kilometer oder Pulswerte aufgezeichnet werden. Das behauptet die Astronautenbar auch nicht.
Sie interessiert sich für eine andere Möglichkeit:
Nicht alles, was erlebt werden kann, muss von außen vermessen werden.
Der Mensch besitzt Augen, Ohren, Haut, Nase, Gleichgewicht, Körpergefühl, Erinnerungen und eine Aufmerksamkeit, die gelegentlich sogar dort auftaucht, wo er sich gerade befindet.
Manchmal kann man diese Instrumente benutzen.
Und selbst nachsehen.
QUELLEN
1. World Health Organization (2024):
„Physical activity“. Fact Sheet, 26. Juni 2024.
Weiterlesespur: Der große Zusammenhang hinter dem kleinen Spaziergang: Die WHO zählt Gehen ausdrücklich zu den verbreiteten Möglichkeiten körperlicher Aktivität und fasst deren körperliche und psychische Bedeutung zusammen.
2. Shuda, Quincy; Bougoulias, Michael E.; Kass, Rebecca (2020):
„Effect of nature exposure on perceived and physiologic stress: A systematic review“. Complementary Therapies in Medicine, 53, 102514. DOI: 10.1016/j.ctim.2020.102514.
Weiterlesespur: Zwölf untersuchte Studien zeigen, warum die Verbindung zwischen Naturkontakt und Stresserleben wissenschaftlich interessant ist – und warum man dabei zwischen verschiedenen Messverfahren unterscheiden sollte.
https://doi.org/10.1016/j.ctim.2020.102514
3. Stevenson, Matt P.; Schilhab, Theresa; Bentsen, Peter (2018):
„Attention Restoration Theory II: a systematic review to clarify attention processes affected by exposure to natural environments“. Journal of Toxicology and Environmental Health, Part B, 21(4), 227–268. DOI: 10.1080/10937404.2018.1505571.
Weiterlesespur: Eine differenzierte Prüfung der beliebten Vorstellung, natürliche Umgebungen könnten erschöpfte Aufmerksamkeit wiederherstellen.
https://doi.org/10.1080/10937404.2018.1505571
4. Sturm, Virginia E. et al. (2022):
„Big smile, small self: Awe walks promote prosocial positive emotions in older adults“. Emotion, 22(5), 1044–1058. DOI: 10.1037/emo0000876.
Weiterlesespur: Für die Expeditionen besonders interessant: Die Studie untersucht, was geschieht, wenn Menschen beim Spaziergang nicht nur gehen, sondern ihre Aufmerksamkeit bewusst anders auf die Welt richten.
https://doi.org/10.1037/emo0000876
5. Mourra, Gabrielle Naïmé et al. (2020):
„Using a smartphone while walking: The cost of smartphone-addiction proneness“. Addictive Behaviors, 106, 106346. DOI: 10.1016/j.addbeh.2020.106346.
Weiterlesespur: Ein experimenteller Blick darauf, was geschieht, wenn ein gehender Mensch gleichzeitig seine Aufmerksamkeit mit Smartphone-Aufgaben beschäftigt.
https://doi.org/10.1016/j.addbeh.2020.106346