SIGNAL #012: Bedienungsanleitung für einen menschlichen Körper

Wer einen Toaster kauft, bekommt eine Bedienungsanleitung.
Darin steht, wie das Gerät funktioniert, was es benötigt und welche Handlungen der Hersteller für keine besonders gute Idee hält. Bei einem menschlichen Körper wäre ein solches Dokument etwas umfangreicher. Er besteht aus mehreren Billionen Zellen, besitzt Pumpen, Filter, Leitungen, Sensoren, chemische Nachrichtensysteme, eine eigene Abwehr, automatische Temperaturregelung und ein Gehirn, das irgendwann sogar über seine eigene Existenz nachdenken kann.
Eine Bedienungsanleitung befindet sich nicht im Lieferumfang.
Das ist merkwürdig.
Menschen lernen schließlich sehr viel. Sie lernen Lesen, Schreiben, Verkehrsregeln, Prozentrechnung und irgendwann möglicherweise, wie man eine Steuererklärung abgibt. Viele erreichen das Erwachsenenalter trotzdem mit eher ungefähren Vorstellungen davon, was ihre Nieren gerade tun.
Die Nieren scheint das nicht zu stören. Sie arbeiten weiter.
Der Besitzer wird nur gelegentlich benötigt
Vielleicht beginnt die Verwirrung schon mit dem Wort Bedienungsanleitung.
Denn ein menschlicher Körper wird gar nicht im üblichen Sinne bedient.
Niemand wacht morgens auf und aktiviert den Kreislauf. Niemand erhöht beim Treppensteigen manuell die Herzfrequenz, erweitert die Blutgefäße der arbeitenden Muskulatur, beschleunigt die Atmung und weist die Leber an, etwas zusätzliche Energie bereitzustellen.
Das wäre lästig. Der Körper erledigt es selbst.
Physiologen beschreiben einen wichtigen Teil dieser Fähigkeit mit dem Begriff Homöostase. Der Organismus hält lebenswichtige Größen wie Temperatur, Wasserhaushalt, Blutdruck, Blutzucker oder Säuregrad nicht starr konstant. Er reguliert sie fortwährend und reagiert dabei auf das, was gerade geschieht.
Das ist ein bemerkenswerter Unterschied zu vielen Geräten. Ein Toaster bemerkt nicht, dass ihm etwas fehlt. Ein Mensch schon.
Ein Körper voller Post
Nehmen wir Wasser.
Steigt die Konzentration gelöster Stoffe im Blut, können spezialisierte Strukturen im Gehirn diese Veränderung registrieren. Hormone helfen den Nieren, Wasser zurückzuhalten. Reicht das nicht, entsteht ein äußerst wirkungsvolles Motivationsprogramm.
Es heißt Durst.
Der Mensch unterbricht daraufhin möglicherweise die Lektüre eines Artikels und holt sich etwas zu trinken. Falls das gerade passiert ist: Willkommen im Experiment.
Die Nieren filtrieren währenddessen weiter. Aus der glomerulären Filtration entstehen beim typischen gesunden Erwachsenen in der Größenordnung von etwa 180 Litern Filtrat pro Tag. Fast alles Brauchbare wird anschließend wieder zurückgeholt, sodass nur ein kleiner Bruchteil als Urin ausgeschieden wird.
Das ist günstig. Andernfalls wäre dieser Artikel hauptsächlich eine Trinkaufforderung.
Aber Durst ist nur eine Nachricht. Hunger verändert Verhalten, bevor ein Mensch verhungert. Wärme und Kälte lösen Reaktionen aus. Ein voller Darm meldet sich. Die Blase entwickelt mit zunehmender Füllung eine bemerkenswerte Fähigkeit, andere Gedanken aus dem Bewusstsein zu verdrängen.
Der Körper besitzt eine eigene Hauspost.
Und die meisten Nachrichten werden ohne Wörter verschickt.
Das große Gespräch
Auch im Inneren wird ununterbrochen kommuniziert.
Hormone gehören zu diesem Nachrichtensystem. Insulin beteiligt sich an der Regulation des Energiestoffwechsels. Schilddrüsenhormone beeinflussen zahlreiche Stoffwechselprozesse. Cortisol übernimmt Aufgaben in Tagesrhythmus, Stoffwechsel und Stressreaktion. Melatonin trägt Informationen über die biologische Nacht.
Hormone sind keine simplen Gut-und-Böse-Schalter. Sie wirken in Regelkreisen und verändern ihre Ausschüttung abhängig von Tageszeit, Nahrung, Belastung, Schlaf, Krankheit und anderen Signalen.
Deshalb ist die Behauptung „Cortisol ist schlecht“ ungefähr so präzise wie die Feststellung, die Feuerwehr sei problematisch, weil sie häufig dort auftaucht, wo es brennt.
Auch Muskeln mischen sich in die Unterhaltung ein. Bei Aktivität setzen sie Botenstoffe frei, sogenannte Myokine. Muskelgewebe kommuniziert dadurch unter anderem mit Stoffwechselorganen, Gefäßen, Knochen und Gehirn. Mehrere hundert solcher von Muskeln produzierten oder freigesetzten Signalstoffe sind beschrieben, auch wenn bei vielen ihre genaue Funktion noch nicht geklärt ist.
Bewegung bedeutet deshalb nicht einfach, dass ein Mensch Kalorien verbrennt. Wenn Sie aufstehen und gehen, verändern Sie ein biologisches Kommunikationsnetzwerk.
Falls Sie jetzt tatsächlich aufgestanden sind, wird dieser Artikel langsam ungewöhnlich interaktiv.
Das Gerät baut sich während der Benutzung um
Knochen sehen in Vitrinen ausgesprochen tot aus.
Im lebenden Menschen sind sie das nicht. Knochengewebe wird fortwährend ab- und aufgebaut und reagiert auf mechanische Belastung. Muskeln verändern sich ebenfalls abhängig davon, was von ihnen verlangt wird.
Der Körper wartet also nicht einfach darauf, benutzt zu werden.
Er passt sich seiner Benutzung an.
Belastung ist Information. Nichtbelastung ebenfalls.
Das erklärt einen Teil der erstaunlichen Wirkung gewöhnlicher Bewegung. Ein Mensch muss dafür nicht zwingend Sport treiben. Gehen, tragen, steigen, ziehen, drücken und körperliche Arbeit stellen ebenfalls Anforderungen an das System.
Frühere Generationen nannten vieles davon nicht Training.
Sie hatten etwas zu erledigen.
Ein Planet dreht sich
Es gibt noch eine Nachricht, die von sehr weit außerhalb des Körpers kommt.
Licht.
Das menschliche circadiane System entstand auf einem Planeten, der sich ungefähr alle 24 Stunden einmal um seine Achse dreht. Licht am Auge beeinflusst deshalb biologische Zeitgebung, Wachheit und neuroendokrine Prozesse. Forschung zur circadianen Physiologie kommt entsprechend zu einem ziemlich archaischen Ergebnis: viel Licht am Tag, deutlich weniger am Abend und möglichst Dunkelheit beim Schlafen unterstützen die zeitliche Organisation des Systems.
Der Körper erwartet weiterhin einen Planeten, auf dem es regelmäßig dunkel wird.
Der Mensch hat inzwischen andere Pläne.
Er kann um Mitternacht ein helles Zimmer beleuchten, auf einen leuchtenden Bildschirm schauen, etwas essen und anschließend feststellen, dass er noch gar nicht müde sei.
Die Evolution hatte für elektrisches Licht keine Bedienungsanleitung beigelegt.
Das elektrische Licht allerdings auch nicht für die Evolution.
Die Nachricht namens Müdigkeit
Schlaf zeigt besonders schön, wie der Körper mit seinem Besitzer verhandelt.
Je länger ein Mensch wach ist, desto stärker baut sich ein homöostatischer Schlafdruck auf. Gleichzeitig beeinflusst das circadiane System, wann Wachheit und Schlaf biologisch begünstigt werden. Beide Prozesse wirken zusammen.
Das subjektive Ergebnis kennt fast jeder: Müdigkeit.
Menschen können darauf unterschiedlich reagieren. Sie können schlafen. Sie können aber auch Kaffee trinken, Licht einschalten, arbeiten, spielen, scrollen oder eine weitere Folge ansehen.
Das ist eine bedeutende kulturelle Errungenschaft.
Ein moderner Mensch kann seinem Körper mitteilen, dass dessen Vorschlag zur Kenntnis genommen wurde und derzeit nicht in die Terminplanung passt.
Der Körper besitzt allerdings keine Kenntnis der Terminplanung.
Er erhöht lediglich den Schlafdruck.
Die Warnleuchte, die keine Warnleuchte ist
An dieser Stelle müssen wir vorsichtig werden.
Denn nicht jedes Körpersignal ist eine einfache Meldung mit eindeutiger Bedeutung.
Schmerz ist das beste Beispiel.
Es wäre verführerisch, Schmerz als Warnleuchte zu beschreiben: Gewebe beschädigt, Lampe an.
So funktioniert er nicht.
Schmerz und sogenannte Nozizeption sind unterschiedliche Phänomene. Schmerz ist eine persönliche sensorische und emotionale Erfahrung, die von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird. Starke Schmerzen können ohne entsprechende Gewebeschädigung bestehen, und erhebliche Verletzungen können unter bestimmten Umständen erstaunlich wenig Schmerzen verursachen.
Der Körper spricht also nicht in Messwerten.
Er übersetzt.
Aus inneren und äußeren Informationen entstehen Empfindungen, Dränge und Gefühle, die Verhalten beeinflussen sollen. Die moderne Interozeptionsforschung untersucht genau diese Verarbeitung innerer Körperzustände und ihre Verbindung zu Regulation, Emotion, Motivation, Gedächtnis, Entscheidungen und dem Erleben des eigenen Selbst.
Das verändert unsere Bedienungsanleitung erheblich.
Wir haben es nicht mit einem Armaturenbrett zu tun.
Wir haben es mit einem Übersetzer zu tun.
Und jetzt wird es etwas unangenehm
Bis hierher könnte dieser Artikel eine nette Geschichte über Physiologie sein.
Herz. Darm. Nieren. Hormone. Schlaf. Ein paar erstaunliche Zahlen.
Nur sitzt auf der anderen Seite des Textes gerade ein menschlicher Körper.
Ihrer.
Während Sie diese Zeilen lesen, bewegt Ihr Herz Blut durch Ihren Körper. Ihre Nieren regulieren dessen Zusammensetzung. Ihre Lunge tauscht Gase mit der Umgebung. Muskeln halten Ihren Kopf in einer Position, in der Ihre Augen diese Buchstaben erkennen können. Ihr Gehirn verwandelt kleine dunkle Formen auf einer hellen Fläche in Sprache.
Und irgendwo darunter läuft noch ein zweites Gespräch.
Vielleicht sind Sie durstig. Vielleicht sitzen Sie schon zu lange. Vielleicht ist Ihnen warm. Vielleicht zieht etwas im Rücken. Vielleicht sind Sie ausgeschlafen. Vielleicht nicht.
Sie mussten bis eben nichts davon beachten, um diesen Text lesen zu können.
Das ist der eigentliche Trick.
Die verschwundene Bedienungsanleitung
Der Mensch hat im Laufe seiner Geschichte eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt.
Er kann viele Anforderungen seines Körpers verändern, verschieben oder zeitweise überstimmen.
Wenn es kalt ist, heizt er. Wenn es dunkel wird, macht er Licht. Wenn eine Strecke weit ist, fährt er. Wenn Nahrung knapp wäre, lagert und transportiert er sie. Wenn er müde ist, kann er stimulierende Substanzen konsumieren. Wenn etwas schmerzt, besitzt die Medizin Möglichkeiten, Schmerzen zu lindern.
Das ist keine Anklage gegen Zivilisation. Es ist größtenteils der Sinn von Zivilisation.
Niemand muss Erfrierungen als authentische Form der Körperwahrnehmung betrachten.
Aber mit dieser Fähigkeit geschieht etwas Interessantes: Zwischen Signal und Reaktion entsteht Raum.
Müdigkeit bedeutet nicht mehr zwingend Schlaf. Hunger bedeutet nicht zwingend, dass Nahrung fehlt. Licht bedeutet nicht mehr Tag. Körperliche Ruhe bedeutet nicht mehr Erholung. Schmerz bedeutet nicht automatisch Verletzung.
Der Mensch kann ein Signal wahrnehmen, interpretieren und entscheiden, was er damit macht.
Und manchmal kann er es so oft übergehen, dass er kaum noch bemerkt, dass es vorhanden ist.
Hier wird aus Physiologie plötzlich etwas anderes.
Wer bedient hier eigentlich wen?
Wir hatten am Anfang nach einer Bedienungsanleitung für den Körper gesucht.
Die Frage war falsch gestellt.
Der Körper ist nicht das passive Gerät und das Bewusstsein sein Bediener.
Der Körper reguliert sich selbst. Er überwacht Zustände, passt Prozesse an, erzeugt Bedürfnisse und verändert Verhalten. Das, was ein Mensch als Hunger, Durst, Müdigkeit, Anspannung, Wohlbefinden oder Erschöpfung erlebt, entsteht bereits innerhalb dieses Systems.
Und sogar das Bewusstsein, das all diese Meldungen betrachtet, befindet sich nicht außerhalb davon.
Es sitzt nicht irgendwo hinter den Augen und bedient den Menschen.
Es ist Teil des Menschen.
Damit wird die Sache philosophisch etwas unpraktisch.
Der Besitzer steckt im Gerät.
Die zweite Anleitung
Vielleicht braucht der Mensch deshalb tatsächlich zwei Bedienungsanleitungen.
Die erste ist allgemein.
Menschen brauchen Luft und Wasser. Sie brauchen brauchbare Nahrung. Muskeln und Knochen brauchen Belastung. Der biologische Tag braucht Licht, die biologische Nacht Dunkelheit. Schlaf lässt sich verschieben, aber nicht abschaffen. Zähne sollte man putzen. Einige Körpersysteme benötigen Ruhe, andere Belastung, und meistens ist der Wechsel wichtiger als die Maximierung von einem von beiden.
Diese Anleitung gilt ungefähr für Homo sapiens.
Die zweite kann niemand fertig gedruckt beilegen.
Sie entsteht erst während des Betriebs.
Wie viel Schlaf braucht dieser Mensch? Woran bemerkt er Überlastung? Welche Nahrung bekommt ihm? Wie fühlt sich Erholung tatsächlich an? Was geschieht nach mehreren Tagen ohne Bewegung? Welche Schmerzen verschwinden, welche kehren zurück, welche müssen untersucht werden? Wann ist Hunger Hunger und wann Gewohnheit? Was verändert Licht, Stress, Bewegung oder Ruhe?
Das ist keine Aufforderung, sich den ganzen Tag selbst zu überwachen.
Ein Mensch kann auch zu viel auf sein Armaturenbrett starren.
Es geht um etwas Einfacheres.
Bemerken.
Erkenne dich selbst
Am Heiligtum des Apollon in Delphi gehörte gnōthi seautón, „Erkenne dich selbst“, zu den berühmten delphischen Maximen.
Der Satz bedeutete ursprünglich nicht das, was moderne Selbstfindungsindustrie gern daraus machen würde. Er erinnerte auch an die eigenen Grenzen, an das menschliche Maß und daran, sich über die eigene Stellung keine allzu fantastischen Vorstellungen zu machen.
Zweieinhalb Jahrtausende später bekommt er eine merkwürdig körperliche Bedeutung.
Erkenne, wann du müde bist. Erkenne, wann du angespannt bist. Erkenne, was dir bekommt. Erkenne, was du immer wieder übergehst.
Und erkenne auch, dass nicht jede Empfindung die Wahrheit über ihren eigenen Ursprung kennt.
Vielleicht wurde die Bedienungsanleitung für einen menschlichen Körper also doch mitgeliefert.
Nicht als Buch.
Sie läuft seit der Geburt.
Sie misst, reguliert, drängt, warnt, belohnt, stört, beruhigt und meldet sich gelegentlich mitten in etwas Wichtigerem.
Auch jetzt.
Denn während Sie nach einer Bedienungsanleitung für Ihren Körper gesucht haben, hat Ihr Körper die ganze Zeit diesen Artikel gelesen.
Die Frage ist nur, wer von Ihnen beiden gerade zugehört hat.