EINGEHENDES SIGNAL
SIGNAL EMPFANGEN AM 07.11.2026

SIGNAL #017: Die geheime Sprache der Dinge

Frauenprofil aus leuchtenden Neonlinien, aus dem Musik, Literatur und Kunst hervorgehen.

Eine Frage mit Nebenwirkungen

Menschen haben erstaunlich viele Methoden entwickelt, um herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben. Sie fragen nach Berufen, Familienverhältnissen, politischen Überzeugungen und Sternzeichen. Letzteres besitzt den unschätzbaren Vorteil, dass sich bereits anhand eines Geburtsdatums erklären lässt, weshalb eine Beziehung irgendwann scheitern wird.

Eine andere Methode besteht darin, nach dem Musikgeschmack zu fragen.

Das klingt zunächst harmlos. Man könnte gemeinsame Konzertbesuche planen oder eine Musikauswahl für längere Autofahrten zusammenstellen. Bei erheblichen geschmacklichen Differenzen bleibt immerhin das Geräusch des Motors.

Doch manche Menschen stellen diese Frage aus einem anderen Grund. Sie möchten wissen, wer ihnen gegenübersitzt.

Das ist bemerkenswert. Schließlich könnten sie den anderen einfach fragen. Menschen beantworten solche Fragen allerdings bevorzugt mit einer Beschreibung jener Person, die sie gerne wären. Bei ersten Begegnungen erreicht die Selbstdarstellung gelegentlich ein Niveau, das selbst professionelle Werbeagenturen als ambitioniert bezeichnen würden.

Der Musikgeschmack scheint dagegen etwas Unwillkürlicheres preiszugeben. Welche Klänge sucht dieser Mensch freiwillig auf? Welche Gefühle möchte er erleben? Welche Schönheit erkennt er? Und weshalb verbringt er mitunter beträchtliche Teile seines Lebens damit, einem anderen Menschen zuzuhören, der seine persönlichen Schwierigkeiten in ein Mikrofon singt?

Die Musikpsychologie hat tatsächlich Zusammenhänge zwischen musikalischen Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmalen gefunden. Allerdings sind sie weder eindeutig noch zuverlässig genug, um daraus vollständige Charakterbilder abzuleiten.

Wer Beethoven liebt, muss kein tiefgründiger Mensch sein. Wer Heavy Metal hört, hegt nicht zwangsläufig feindliche Absichten gegenüber der Zivilisation. Und wer überhaupt keine Musik hört, verfügt möglicherweise über ein reiches Innenleben, das sich lediglich weigert, mit einer Begleitmelodie aufzutreten.

Vielleicht verrät der Musikgeschmack deshalb weniger, wer ein Mensch ist, als vielmehr, welche Seiten seiner selbst er besonders gerne aufsucht.

Eine Grammatik, die niemand unterrichtet

Wer sich lange und bewusst mit Musik beschäftigt, entwickelt eine eigentümliche Fähigkeit. Er erkennt in Klängen etwas, das sich nur schwer beschreiben lässt. Eine bestimmte Stimme erscheint ihm aufrichtig, eine andere unerträglich künstlich. Eine Melodie kann ihn trösten, obwohl andere Menschen sie für traurig halten. Ein einzelner Akkord kann eine Erinnerung hervorrufen, die jahrzehntelang zuverlässig unter Verschluss geblieben war.

Musik wird zu einer persönlichen Grammatik. Und wer diese Grammatik beherrscht, glaubt manchmal, auch andere Menschen darin lesen zu können.

Das funktioniert allerdings nicht wie eine Fremdsprache. Derselbe Klang kann bei zwei Menschen vollkommen unterschiedliche Bedeutungen besitzen.

Der eine hört in einem Musikstück handwerkliche Meisterschaft. Die andere hört ihre Kindheit. Ein Dritter hört die Möglichkeit eines Lebens, das er nie geführt hat.

Das Werk ist identisch. Die inneren Welten sind es nicht.

Vielleicht ist deshalb die interessanteste Frage nicht, welche Musik jemand hört. Sondern: Was hört er darin?

Der Mann, der die Wandfarbe bewunderte

In einem Museum hängt eine große, einfarbig blaue Leinwand.

Ein Besucher steht lange davor. Er betrachtet das Blau, das Licht, die Wirkung des Raumes. Irgendetwas an diesem Bild berührt ihn.

Neben ihm steht ein anderer Besucher. Er hat gerade ein Gemälde bewundert, dessen Künstler jahrelang gelernt haben muss, Hände, Gesichter und Stoffe mit unglaublicher Präzision darzustellen.

Nun betrachtet er die blaue Fläche. Dann betrachtet er sie noch einmal. Schließlich erkundigt er sich vorsichtig, ob die Farbe auch in kleineren Gebinden erhältlich sei.

Wer von beiden versteht Kunst?

Vielleicht beide. Der eine sucht eine unmittelbare Erfahrung. Der andere bewundert Können, Disziplin und technische Meisterschaft.

Beide finden in Kunst etwas, das ihren eigenen Vorstellungen von Wert entspricht. Das ist eine erstaunliche Eigenschaft kultureller Vorlieben: Sie erzählen nicht nur von den Werken, die wir betrachten, sondern auch von den Maßstäben, mit denen wir ihnen begegnen.

Selbst Ablehnung kann aufschlussreich sein. Besonders dann, wenn sie nicht lange anhält.

Die Kunst, die nicht gehen wollte

Manche Kunstwerke benehmen sich bei ihrer ersten Begegnung ausgesprochen schlecht.

Ein Film verstört. Ein Roman erscheint unverständlich. Eine Musik klingt, als hätte jemand mehrere Instrumente gleichzeitig eine Treppe hinuntergeworfen und anschließend beschlossen, das Ergebnis als experimentelles Meisterwerk zu veröffentlichen.

Man wendet sich ab. Nur leider verschwindet das Werk nicht.

Eine Szene bleibt im Gedächtnis. Eine Melodie taucht wieder auf. Ein Gedanke lässt sich nicht abschütteln. Und irgendwann kehrt man zurück.

Es kommt sogar vor, dass gerade solche Werke zu den wichtigsten eines ganzen Lebens werden.

Was ist geschehen?

Offenbar hat das Werk etwas berührt, für das der Betrachter zunächst keinen Platz hatte. Seine bisherigen Vorstellungen reichten nicht aus. Er musste sie erweitern.

Kunst ist also nicht bloß ein Spiegel dessen, was wir bereits sind. Sie kann uns mit etwas bekannt machen, das wir noch werden könnten.

Das macht sie zu einem bemerkenswerten Instrument der Selbsterkenntnis. Und zu einem gelegentlich recht unhöflichen.

Warum Menschen Dinge erschaffen, die niemand bestellt hat

Ein Mensch kann essen, schlafen, arbeiten, Kinder großziehen und seine Steuererklärung abgeben.

Weshalb sollte er zusätzlich Gedichte schreiben?

Warum eine Melodie erfinden? Einen Roman verfassen? Einen Stein bearbeiten, bis daraus eine Figur entsteht, die sich weder als Werkzeug noch als Küchengerät besonders gut eignet?

Vielleicht weil der Mensch nicht damit zufrieden ist, die Welt nur vorzufinden. Er möchte etwas hinzufügen.

Aus Erinnerungen werden Geschichten. Aus Empfindungen Melodien. Aus Vorstellungen Bilder, die es vorher nicht gab.

Natürlich entsteht dabei nichts buchstäblich aus dem Nichts. Wörter, Töne und Farben sind bereits vorhanden. Aber ihre Verbindung kann etwas hervorbringen, das zuvor nicht existierte.

Und dann geschieht etwas noch Merkwürdigeres.

Ein Mensch gibt einer inneren Erfahrung eine äußere Gestalt. Ein anderer begegnet dieser Gestalt und entdeckt darin etwas von sich selbst.

Ein Komponist stirbt. Zweihundert Jahre später hört jemand seine Musik und beginnt zu weinen.

Die beiden haben einander nie kennengelernt. Trotzdem hat zwischen ihnen etwas stattgefunden, das gewöhnliche Begegnungen manchmal nicht zustande bringen.

Kunst ist vielleicht die einzige Form menschlicher Verständigung, bei der der Absender längst verschwunden sein kann und die Nachricht trotzdem noch ankommt.

Der australische Kunstbetrieb

Es wäre angenehm, diese bemerkenswerte Fähigkeit nun ausschließlich dem Menschen zuzuschreiben.

Allerdings lebt in Australien ein Vogel, der offenbar andere Vorstellungen von der Zuständigkeitsverteilung hat.

Der Laubenvogel errichtet aufwendig gestaltete Balzplätze. Er sammelt Gegenstände, ordnet Farben und arrangiert seine Umgebung. Manche Arten erzeugen durch die Anordnung unterschiedlich großer Objekte sogar perspektivische Täuschungen.

Das Publikum besteht überwiegend aus Weibchen. Die Ausstellung dient der Partnerwahl.

Der Vogel betreibt somit eine Kunstgalerie, deren wirtschaftlicher Erfolg unmittelbar von der Begeisterung seiner Besucherinnen abhängt. Eine Organisationsform, die manchen menschlichen Galeristen beneidenswert erscheinen dürfte.

Der Evolutionsbiologe John Endler hat solche Gestaltungen ausdrücklich unter ästhetischen Gesichtspunkten untersucht.

Doch ob der Vogel selbst Schönheit empfindet, bleibt unbekannt. Noch weniger wissen wir, ob er sich fragt, weshalb ihm bestimmte Farben gefallen.

Und genau dort könnte ein entscheidender Unterschied liegen.

Ein Wesen, das sich selbst betrachtet

Viele Lebewesen nehmen ihre Umwelt wahr. Sie reagieren auf Farben, Formen, Geräusche und Bewegungen. Einige zeigen sogar Hinweise darauf, dass sie ihren eigenen Wissensstand einschätzen können.

Der Mensch besitzt darüber hinaus eine besonders ausgeprägte Fähigkeit, seine Wahrnehmung selbst zum Gegenstand seiner Aufmerksamkeit zu machen.

Er hört ein Lied und empfindet Traurigkeit. Dann fragt er sich, weshalb ihn dieses Lied traurig macht.

Er entdeckt eine Erinnerung. Vielleicht eine Sehnsucht. Vielleicht etwas, das er bisher nicht einmal für einen Teil seiner Persönlichkeit gehalten hatte.

Er betrachtet nicht nur die Welt. Er betrachtet sich selbst beim Betrachten der Welt.

Und anschließend schreibt er möglicherweise ein Lied darüber.

Das ist eine bemerkenswerte Schleife. Das Bewusstsein erlebt etwas, untersucht sein eigenes Erleben und verwandelt das Ergebnis in etwas, das wiederum ein anderes Bewusstsein erleben kann.

Das Universum hört zu

Vor Milliarden Jahren gab es keine Konzerte. Keine Romane. Keine Gemälde.

Es gab Materie, Energie und Naturgesetze, die offenbar vollkommen ausreichend waren, um ein Universum hervorzubringen, aber noch keinen besonderen Wert auf dessen kulturelles Begleitprogramm legten.

Dann entstand Leben. Lebewesen begannen, ihre Umgebung wahrzunehmen. Manche entwickelten Erinnerungen, Erwartungen und Empfindungen.

Und irgendwann gab es Wesen, die sich fragten, weshalb bestimmte Dinge sie berührten.

Sie begannen, aus diesen Empfindungen etwas Neues zu erschaffen. Eine Melodie. Eine Geschichte. Ein Bild.

Und andere Wesen begegneten diesen Schöpfungen und entdeckten darin etwas über sich selbst.

Vielleicht liegt darin die tiefste Bedeutung der Kunst.

Sie ist nicht nur ein Mittel, mit dem Menschen ihre Innenwelt ausdrücken. Sie ist ein Raum, in dem Menschen einander begegnen, sich selbst entdecken und neue Möglichkeiten ihres Daseins hervorbringen.

Darum kann die Frage nach dem Musikgeschmack eines Fremden so viel mehr sein als eine Frage nach seinen Lieblingsplatten.

Sie fragt danach, was die Welt in diesem Menschen zum Klingen bringt.

Und vielleicht steckt darin eine noch größere Vorstellung.

Dass das Universum mit dem Menschen nicht nur ein Wesen hervorgebracht hat, das die Welt betrachten kann. Sondern eines, das sich beim Betrachten selbst entdeckt.

Und aus dieser Entdeckung etwas erschafft, das vorher nicht existierte.

Vielleicht ist Kunst der Augenblick, in dem das Universum beginnt, sich über seine eigene Existenz zu wundern.

Quellen

1. Rentfrow, P. J. & Gosling, S. D. (2003): The Do Re Mi’s of Everyday Life: The Structure and Personality Correlates of Music Preferences. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.6.1236

2. Greenberg, D. M. et al. (2016): The Song Is You: Preferences for Musical Attribute Dimensions Reflect Personality. https://doi.org/10.1177/1948550616641473

3. Greenberg, D. M. et al. (2022): Universals and Variations in Musical Preferences: A Study of Preferential Reactions to Western Music in 53 Countries. https://doi.org/10.1037/pspp0000397

4. Belfi, A. M., Karlan, B. & Tranel, D. (2016): Music Evokes Vivid Autobiographical Memories. https://doi.org/10.1080/09658211.2015.1061012

5. Endler, J. A. (2012): Bowerbirds, Art and Aesthetics. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3419115/