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EINGEHENDES SIGNAL

SIGNAL #002: Eine Welt vor dem Smartphone: Rassismus, Action und die Moral der 90er

Skizze einer New Yorker Straßenszene im Jahr 1995

Stirb langsam: Jetzt erst recht von 1995 ist zunächst ein ziemlich perfekter Actionfilm seiner Zeit. Bruce Willis rennt als John McClane durch einen heißen New Yorker Sommertag, Samuel L. Jackson streitet als Zeus Carver mit ihm über fast alles, Jeremy Irons lässt Bomben explodieren und stellt Rätsel.

Dreißig Jahre später lässt sich der Film noch auf eine andere Weise ansehen: als Zeitdokument.

Nicht, weil die Welt der 1990er moralisch schlechter oder rückständiger gewesen wäre. Sie erscheint eher eigentümlich nah und gleichzeitig erstaunlich fern. Menschen telefonieren anders, bewegen sich anders durch die Stadt und reden anders miteinander. Auch die moralischen Koordinaten haben sich verschoben.

Der Film selbst ist derselbe geblieben. Wir sind es nicht.

Eine Stadt vor der Vernetzung

Das vielleicht Auffälligste ist zunächst etwas vollkommen Alltägliches: Niemand hat ein Smartphone.

McClane kann nicht schnell nachsehen, wo er hinmuss. Zeus kann nicht seinen Standort teilen. Informationen müssen über Funkgeräte, Festnetztelefone, Menschen und Karten weitergegeben werden. Wer etwas nicht weiß, weiß es tatsächlich nicht.

Das verändert die Dramaturgie, aber auch das Bild der Stadt. New York besteht aus Millionen Menschen, die dicht nebeneinander leben und trotzdem informationell weit voneinander entfernt sein können. Ein Ereignis findet wenige Straßen weiter statt, ohne dass jeder innerhalb von Sekunden davon erfährt.

Heute tragen wir das Informationsnetz mit uns herum. Navigation, Nachrichten, Kameras, Datenbanken und andere Menschen befinden sich jederzeit in der Hosentasche.

1995 war eine Millionenstadt voller Menschen. Heute ist sie zusätzlich ein Netzwerk voller Endgeräte.

Als Action noch Gewicht hatte

Auch die Action besitzt eine eigentümliche Körperlichkeit.

Autos haben Masse. Explosionen nehmen Raum ein. Menschen rennen durch Straßen, steigen Treppen hinauf, schwitzen und kommen außer Atem. New York ist nicht bloß Hintergrund, sondern Material des Films.

Natürlich war auch das Actionkino der 1990er voller Tricks und Illusionen. Trotzdem entstand ein großer Teil dieser Illusion vor einer Kamera in einer physischen Welt.

Vielleicht altern solche Filme deshalb so gut. Ein echtes Auto aus dem Jahr 1995 sieht heute alt aus. Aber es sieht immer noch echt aus.

Wenn die Wirklichkeit Hollywood einholt

Unbehaglicher ist ein anderer Abstand zu 1995.

Bombenanschläge auf öffentliche Gebäude, Verkehrssysteme und eine Millionenstadt dienen als Grundlage eines großen Unterhaltungsspektakels. Das gehörte zur Logik des Genres: Terroristen bedrohen die Stadt, Helden verhindern das Schlimmste, der Abspann läuft.

Terrorismus war selbstverständlich auch 1995 Realität. Spätere Ereignisse haben solche Bilder jedoch mit zusätzlichen Erinnerungen aufgeladen. Was einmal relativ unbelastet als Hollywood-Spektakel funktionieren konnte, besitzt heute Assoziationen, die der Film bei seiner Entstehung noch nicht kennen konnte.

Die Wirklichkeit hat ihm nachträglich neue Bedeutungen eingeschrieben.

Zeus Carver und die Hautfarbe

Besonders interessant ist der Umgang des Films mit Rassismus.

Zeus nimmt Hautfarbe sehr bewusst wahr. Sie ist für ihn keine nebensächliche Eigenschaft, sondern Teil seiner Wahrnehmung der Gesellschaft und teilweise auch anderer Menschen.

Das kommt nicht aus dem Nichts. Ein schwarzer Amerikaner bewegt sich 1995 vor einem konkreten historischen und gesellschaftlichen Hintergrund. Erfahrungen mit Rassismus verschwinden nicht dadurch, dass man beschließt, Hautfarbe für bedeutungslos zu erklären.

Der Film macht Zeus deshalb aber nicht zur unangreifbaren moralischen Instanz. Er lässt ihn selbst pauschalisieren. Zeus denkt ebenfalls in Kategorien von Schwarz und Weiß.

Gerade das macht die Figur interessant. Er ist nicht lediglich Opfer von Rassismus. Er ist ein Mensch, dessen Verhältnis zu Hautfarbe durch eine Gesellschaft geprägt wurde, in der Hautfarbe Bedeutung besitzt. Diese Kategorien trägt er selbst mit sich herum.

Der Film lässt diesen Widerspruch einfach stehen.

McClane und die Idee, dass Hautfarbe egal sein sollte

McClane bildet dazu einen bemerkenswerten Gegenpol.

Seine eigene Hautfarbe spielt für seine Identität im Film kaum eine erkennbare Rolle. Auch Zeus’ Hautfarbe scheint ihn vergleichsweise wenig zu interessieren.

McClane sortiert Menschen ohnehin nach einem einfacheren System. Man kann sich auf jemanden verlassen oder nicht. Jemand hilft ihm oder steht ihm im Weg. Jemand ist ein Polizist, ein Terrorist oder ein Idiot.

Zeus ist für ihn deshalb bald nicht mehr in erster Linie ein schwarzer Mann.

Er ist Zeus.

Darin steckt eine Vorstellung, die in den 1990er Jahren ziemlich selbstverständlich erscheinen konnte: In einer gerechten Gesellschaft sollte die Hautfarbe eines Menschen für seine Beurteilung irgendwann keine Rolle mehr spielen.

Nicht, weil unterschiedliche Geschichten bedeutungslos wären. Sondern weil der einzelne Mensch nicht auf sie reduziert werden soll.

Zwei Vorstellungen von Antirassismus

Heute ist diese Vorstellung umstrittener.

Wer Hautfarbe nicht beachtet, so ein Einwand, kann auch unterschiedliche Erfahrungen und bestehende Benachteiligungen übersehen.

Dem steht ein anderes Unbehagen gegenüber. Wenn Menschen wieder verstärkt anhand von Hautfarbe, Herkunft und Gruppenzugehörigkeit betrachtet werden, diesmal mit dem Ziel, Ungleichheiten sichtbar zu machen, wann beginnt daraus erneut eine Einteilung nach Gruppen zu werden?

Vielleicht ist es tatsächlich eine Pendelbewegung.

Die eine Position sagt: Hautfarbe darf keine Rolle spielen.

Die andere sagt: Sie spielt aber eine Rolle, ob wir das wollen oder nicht.

Beides kann gleichzeitig wahr sein. Das eine ist ein Ideal, das andere eine Erfahrung.

Der Film macht daraus keine Theorie. Er lässt zwei Männer aufeinanderprallen und zwingt sie, miteinander auszukommen.

Das reicht ihm.

Die Freiheit, politisch unkorrekt zu sein

Auffällig ist auch, wie wenig der Film seine Figuren moralisch beaufsichtigt.

Sie fluchen, beleidigen sich, äußern Vorurteile und sagen Dinge, die heute schnell Gegenstand einer Debatte darüber würden, was ein Film zeigen oder sagen darf.

Das muss keine moralische Rückständigkeit sein. Vielleicht herrschte teilweise nur eine andere Vorstellung davon, was eine fiktionale Figur sein darf.

Eine Figur durfte rassistisch, vulgär, ungerecht, dumm oder unsympathisch sein, ohne dass daraus automatisch die Haltung des Films abgeleitet wurde.

Natürlich hatten auch die 1990er ihre Tabus und blinden Flecken. Die Vergangenheit war kein goldenes Zeitalter künstlerischer Freiheit. Trotzdem wirkt manches rückblickend unbefangener. Vielleicht auch naiver.

Naivität ist nicht dasselbe wie moralische Minderwertigkeit.

Vom Farbenblindsein zum „alten weißen Mann“

Gerade McClane ist dafür ein interessantes Beispiel.

1995 konnte seine Gleichgültigkeit gegenüber Hautfarbe ohne große Erklärung als sympathische Eigenschaft funktionieren: Entscheidend ist nicht, welcher Gruppe jemand angehört, sondern was für ein Mensch er ist.

Heute werden Begriffe wie „weiß“, „männlich“ oder „alter weißer Mann“ selbst als gesellschaftliche Kategorien verwendet, um Privilegien oder historische Machtverhältnisse zu beschreiben.

Das hat einen nachvollziehbaren Ursprung. Gesellschaftliche Strukturen lassen sich schwer untersuchen, wenn man Gruppen nicht benennen darf.

Schwierig wird es, wenn eine Kategorie nicht mehr nur gesellschaftliche Verhältnisse beschreibt, sondern den einzelnen Menschen. Wenn aus Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft bereits Vermutungen darüber entstehen, welche Erfahrungen jemand gemacht hat, welche Privilegien er besitzt oder aus welcher Position er sprechen darf.

Vielleicht steckt in McClane deshalb eine Idee der 1990er, die gar nicht so überholt ist: Herkunft und Hautfarbe können wichtig sein, ohne einen Menschen darauf festzulegen.

Samuel L. Jackson und der schwarze Mainstream-Star

Auch Samuel L. Jacksons Besetzung erzählt etwas über diese Zeit.

Er war 1995 bereits lange Schauspieler, hatte seinen großen internationalen Durchbruch aber gerade erst mit Pulp Fiction erlebt. Danach führte seine Karriere mitten durch die amerikanische Popkultur: Die Hard, Shaft, Star Wars und später das Marvel-Universum.

Jackson wurde nicht lediglich ein erfolgreicher schwarzer Schauspieler, sondern einer der bekanntesten Schauspieler seiner Generation.

Auch das ist eine Form von Normalität.

In Stirb langsam: Jetzt erst recht ist Zeus’ Schwarzsein inhaltlich relevant. Samuel L. Jackson musste seine Anwesenheit in einem großen Hollywood-Blockbuster dagegen nicht rechtfertigen. Er konnte schlicht der Mann sein, den man neben Bruce Willis sehen wollte.

Und ursprünglich war es gar kein Stirb langsam

Zur ungewöhnlichen Konstruktion des Films passt, dass seine Geschichte ursprünglich gar nicht als Stirb langsam entstand.

Jonathan Hensleigh entwickelte das Drehbuch unter dem Titel Simon Says zunächst als eigenständige Geschichte. Zeitweise wurde der Stoff mit Brandon Lee in Verbindung gebracht. Später wurde erwogen, ihn für einen weiteren Lethal Weapon-Film umzubauen. Schließlich landete die Grundidee bei John McClane.

Das erklärt einiges.

Ganz New York wird zum Spielfeld, und McClane bekommt mit Zeus einen Partner, der ihm nicht untergeordnet ist. Die Chemie zwischen Bruce Willis und Samuel L. Jackson trägt einen Film, der ursprünglich gar nicht für diese beiden Figuren geschrieben worden war.

Zwei Figuren, die eigentlich nicht zusammengehören, stecken in einer Geschichte, die ursprünglich ebenfalls nicht zu ihnen gehörte.

Und irgendwie funktioniert es.

Ein Zeitdokument

Vielleicht ist Stirb langsam: Jetzt erst recht deshalb heute interessanter als ein makellos gealterter Film.

Er trägt seine Zeit sichtbar mit sich herum. Seine Technik ist analoger, seine Action körperlicher, seine Sprache unbekümmerter. Seine Figuren dürfen widersprüchlich sein. Seine Auseinandersetzung mit Hautfarbe wirkt gleichzeitig erstaunlich direkt und heute manchmal fremd.

Daraus folgt nicht, dass 1995 moralisch hinter 2026 zurückliegt.

Gesellschaften bewegen sich nicht auf einer einfachen Linie vom Irrtum zur Erkenntnis. Sie erkennen Dinge, die vorher übersehen wurden, und verlieren möglicherweise andere Gedanken aus dem Blick. Ein Pendel bleibt selten genau in der Mitte stehen.

Deshalb lohnt es sich, einen alten Actionfilm nicht nur danach zu beurteilen, ob er unseren heutigen Maßstäben entspricht.

Man kann ihn auch umgekehrt benutzen: als Spiegel für unsere Gegenwart.

Dann lautet die interessante Frage nicht, ob John McClane oder Zeus Carver 1995 die richtige Haltung zu Rassismus hatten.

Sondern warum wir ihre Haltungen heute anders lesen.

Der Film hat sich nicht verändert.

Aber die Welt, in der wir ihn betrachten, schon.

Vielleicht ist genau das ein guter Grund, alte Filme wieder anzusehen.

QUELLEN

Stirb langsam: Jetzt erst recht
Originaltitel: Die Hard with a Vengeance
Regie: John McTiernan
Drehbuch: Jonathan Hensleigh
USA, 1995
20th Century Fox / Cinergi Pictures Entertainment

American Film Institute: Die Hard with a Vengeance. Filmdaten, Besetzung und Produktionsangaben.

Smithsonian Institution, National Museum of American History: IBM Simon Personal Communicator. Zum frühen Smartphone von 1994 und seinen Funktionen.

Mekawi, Yara et al.: A Meta-Analysis of the Relationship Between Racial Colorblindness and Racial Prejudice. Journal of Counseling Psychology, 2022. Zur Unterscheidung verschiedener Formen von „Colorblindness“ und ihrem Verhältnis zu rassistischen Vorurteilen.

Jackson, Samuel L.: Interview mit The A.V. Club, 2018. Zu seiner Besetzung als Zeus Carver nach Pulp Fiction.

Zur Entstehungsgeschichte des Drehbuchs Simon Says: Produktions- und Entwicklungsgeschichte von Die Hard with a Vengeance, einschließlich der zeitweisen Verbindung des Stoffes mit Brandon Lee und einem möglichen vierten Lethal Weapon-Film.

SIGNAL EMPFANGEN
13.08.2026