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EINGEHENDES SIGNAL

SIGNAL #003: Worauf es ankommt

Herr und Knecht im Schneesturm

Am Ende liegen zwei Männer im Schnee. Einer von ihnen wird die Nacht nicht überleben.

Wasilij Brechunow ist reich, angesehen und erfolgreich. Nikita, sein Knecht, besitzt kaum etwas. Beide haben ein Leben geführt, in dem einiges schiefgelaufen ist. Allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Nikita ist Alkoholiker. Mehrmals im Jahr verfällt er dem Trinken, vertrinkt sein Geld und verliert die Kontrolle über sich. Im Rausch wird er aggressiv. Seine Frau lebt seit vielen Jahren mit einem anderen Mann zusammen. Nüchtern ist Nikita dagegen gutmütig, fleißig und freundlich. Er kennt seine Schwäche und versucht immer wieder, nicht zu trinken.

Brechunows Verfehlungen sind weniger offensichtlich. Er trinkt nicht. Er arbeitet, handelt, besitzt einen Laden, verleiht Geld und ist stolz auf das, was er sich aufgebaut hat. Sein Leben funktioniert.

Nur funktioniert es auf Kosten anderer.

Für Nikitas Arbeit, die ungefähr achtzig Rubel im Jahr wert wäre, zahlt Brechunow etwa vierzig. Einen Teil davon erhält Nikita als Waren aus dem Laden seines Herrn, zu überhöhten Preisen. Brechunow hält sich trotzdem für einen guten Arbeitgeber.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Männern. Nikita weiß um sein Scheitern. Brechunow hält seines für Erfolg.

Zwei Arten, sein Leben zu verfehlen

Auch die Reise, die beide in den Schneesturm führt, beginnt mit einem Geschäft.

Brechunow möchte einen Wald kaufen. Der Besitzer verlangt zehntausend Rubel. Brechunow will siebentausend bezahlen, obwohl der Wald etwa dreimal so viel wert ist. Andere Käufer könnten ihm zuvorkommen, also fährt er trotz des Wetters los.

Nikita begleitet ihn.

Mehrmals verirren sie sich. Nikita erkennt die Gefahr durchaus, widersetzt sich seinem Herrn aber nicht ernsthaft. Warum er ihm so selbstverständlich folgt, lässt Tolstoi offen.

Vielleicht ist es die Gewohnheit eines Menschen, der sein Leben lang abhängig war. Vielleicht fehlt ihm das Vertrauen in das eigene Urteil. Vielleicht hat auch sein beschädigtes Leben dazu geführt, dass er weniger an seiner eigenen Selbsterhaltung hängt.

Als Nikita schließlich glaubt zu sterben, nimmt er den Tod jedenfalls erstaunlich ruhig an. Er bittet Brechunow noch darum, ausstehenden Lohn seiner Familie zu geben. Danach fügt er sich in das, was kommt.

Sein Glaube spielt dabei eine Rolle. Nikita erwartet nach diesem Leben ein anderes.

Brechunow ist von solcher Gelassenheit weit entfernt.

Wenn Besitz seinen Wert verliert

Zunächst versucht Brechunow, sich allein zu retten.

Er lässt den bereits stark ausgekühlten Nikita im Schlitten zurück, steigt auf das Pferd und reitet davon. Es ist eine folgerichtige Entscheidung für einen Mann, dessen Leben von der Sicherung des eigenen Vorteils bestimmt war.

Diesmal scheitert das Prinzip.

Brechunow verirrt sich erneut und kehrt schließlich zum Schlitten zurück.

Im Schnee wird sein bisheriges Wertesystem nutzlos. Der Besitz, der seinem Leben Richtung gegeben hat, kann ihm nun nicht helfen. Das Geschäft mit dem Wald ist bedeutungslos geworden. Geld, Laden und gesellschaftliches Ansehen ändern nichts daran, dass er friert und sterben kann.

Zum ersten Mal funktioniert die Welt nicht mehr nach Brechunows Regeln.

Und genau dort verändert sich etwas.

Wasilij Brechunow betrachtet Wasilij Brechunow

Kurz vor seinem Tod betrachtet Brechunow sein bisheriges Leben plötzlich mit merkwürdiger Distanz:

„Nun, er hat es eben nicht gewußt, worauf es ankommt“, denkt er von diesem Wasilij Brechunow. „Ich habe es nicht gewußt, aber jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich es ganz sicher, jetzt weiß ich es.“

Bemerkenswert ist der Wechsel der Perspektive.

Für einen Moment ist Wasilij Brechunow nicht mehr das Ich. Er ist „dieser Wasilij Brechunow“, ein Mensch, den der Denkende von außen betrachtet. Sein bisheriges Leben erscheint ihm plötzlich wie das Leben eines anderen.

Dann kehrt das Ich zurück.

„Ich habe es nicht gewußt, aber jetzt weiß ich es.“

Darin lässt sich eine Art Wiedergeburt erkennen. Der bisherige Brechunow ist noch nicht körperlich gestorben, aber seine Vorstellung davon, wer er ist und was seinem Leben Wert gibt, ist zusammengebrochen.

Tolstoi erklärt nicht ausdrücklich, was Brechunow nun „ganz sicher“ weiß.

Er zeigt es.

Brechunow legt sich auf den halb erfrorenen Nikita und bedeckt ihn mit seinem Körper und seinem Pelz. Er wärmt den Mann, von dessen Arbeit er zuvor profitiert hat.

Der Herr gibt seinem Knecht schließlich das, was in diesem Augenblick tatsächlich einen Wert besitzt.

Seine Wärme und damit sein Leben.

Nikita überlebt. Brechunow erfriert.

Das Rutenbündel

Die Erkenntnis kommt nicht völlig überraschend.

Schon die Fabel vom Rutenbündel aus Signal 001 handelt davon, dass einzelne Menschen zerbrechlich sind und Zusammenhalt Stärke schafft. Petruschka erzählt sie in Herr und Knecht, als eine Familie auseinanderzubrechen droht.

Brechunow hört die Geschichte. Seine Reaktion zeigt allerdings, dass er ihren Gedanken nicht auf sich selbst bezieht. Statt über Zusammenhalt nachzudenken, empfiehlt er dem Familienvater, seine Stellung und seinen Besitz durchzusetzen.

Am Ende der Erzählung begegnet Brechunow demselben Gedanken wieder.

Diesmal nicht als Fabel.

Er liegt selbst im Schnee.

Vielleicht reicht es nicht, eine Wahrheit gehört zu haben. Man muss sie auch verstehen.

Warum ausgerechnet Fürsorge?

Die Vorstellung findet sich immer wieder in Geschichten über das Sterben. Angesichts des Todes verlieren Besitz, Karriere und Status ihre Bedeutung. Wichtig werden plötzlich Beziehungen, Liebe, Versöhnung oder Fürsorge.

Menschen reagieren auf die Vorstellung des eigenen Todes allerdings keineswegs immer so. Psychologische Forschung zeigt auch gegenteilige Reaktionen. Todesbewusstsein kann Angst und Abwehr auslösen und Menschen sogar stärker an bestehenden Überzeugungen und äußeren Sicherheiten festhalten lassen.

Eine konkrete Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann aber auch die Bewertung dessen verändern, was im Leben wichtig erscheint.

Bei Tolstoi hat diese Erkenntnis zusätzlich einen deutlichen religiösen Hintergrund. In seinem späteren Denken steht ein Christentum im Mittelpunkt, dessen entscheidender Wert in der tätigen Liebe zum anderen Menschen liegt.

Brechunows Handeln lässt sich deshalb christlich lesen. Der Herr rettet den Knecht, indem er sein eigenes Leben für ihn hingibt.

Die Idee der Fürsorge ist allerdings älter und umfassender als das Christentum.

Menschen sind soziale Wesen. Kooperation, gegenseitige Hilfe und Fürsorge waren für menschliche Gemeinschaften schon immer überlebenswichtig. Biologische Verwandtschaft spielt dabei ebenso eine Rolle wie Gegenseitigkeit, soziale Regeln, Kultur und die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen.

Vielleicht berühren sich an dieser Stelle Religion und Biologie stärker, als es zunächst scheint.

Die religiöse Forderung, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen, trifft auf eine sehr alte menschliche Erfahrung: Allein kommen wir nicht besonders weit.

Die Herren von heute

„Herr und Knecht“ beschreibt eine Gesellschaft, die vergangen ist. Das darin enthaltene Machtverhältnis ist es nicht.

Auch heute entscheiden Menschen über die Lebensbedingungen anderer. Arbeitgeber verfügen über Arbeitsbedingungen und Einkommen. Vorgesetzte bestimmen über Belastungen. Politik und Institutionen treffen Entscheidungen, deren Folgen andere Menschen tragen müssen.

Gerade darin liegt eine Gefahr, die Tolstoi an Brechunow erstaunlich modern beschreibt.

Brechunow hält sich für einen guten Herrn.

Er beschäftigt Nikita, gibt ihm Waren und nimmt ihn nach seinen Trinkphasen wieder auf. Gleichzeitig profitiert er von dessen Abhängigkeit.

Macht kann offenbar den Blick darauf verstellen, wie das eigene Handeln für denjenigen aussieht, der weniger davon besitzt.

Deshalb gehört zur Macht die Fürsorgepflicht.

Nicht als Großzügigkeit des Stärkeren, sondern als Verantwortung gegenüber demjenigen, dessen Leben von den eigenen Entscheidungen berührt wird.

Worauf es ankommt

Am Ende reduziert Tolstoi die komplizierte Beziehung zwischen Herr und Knecht auf etwas erstaunlich Einfaches.

Zwei Menschen liegen im Schnee.

Geld, Besitz und gesellschaftliche Stellung haben ihre Bedeutung verloren. Was noch einen Unterschied macht, ist die Wärme eines menschlichen Körpers.

Brechunow erkennt das zu spät, um sein eigenes Leben zu retten.

Aber früh genug, um Nikitas Leben zu retten.

Das Rutenbündel hatte denselben Gedanken schon ausgesprochen.

Zusammenhalt macht den einzelnen Menschen stärker.

Tolstoi geht am Ende noch einen Schritt weiter.

Manchmal bedeutet Zusammenhalt, einen anderen Menschen zu wärmen, obwohl man selbst friert.

QUELLEN

Leo Tolstoi
Herr und Knecht

aus: Die schönsten Erzählungen
Insel Taschenbuch 2790
8. Auflage, 2023
Insel Verlag Berlin
© Insel Verlag Frankfurt am Main 1999

Burke, Brian L.; Martens, Andy; Faucher, Erik H.: Two decades of terror management theory: a meta-analysis of mortality salience research. Personality and Social Psychology Review 14 (2), 2010, S. 155–195.

Cozzolino, Philip J.; Staples, Angela D.; Meyers, Lawrence S.; Samboceti, Jamie: Greed, death, and values: from terror management to transcendence management theory. Personality and Social Psychology Bulletin 30 (3), 2004, S. 278–292.

Henrich, Joseph; Muthukrishna, Michael: The Origins and Psychology of Human Cooperation. Annual Review of Psychology 72, 2021, S. 207–240.

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16.08.2026