
Menschen schlafen.
Das tun sie regelmäßig und verbringen damit ungefähr ein Drittel ihres Lebens. Angesichts ihrer begrenzten Lebensdauer ist das zunächst eine überraschende Entscheidung. Sie ist allerdings biologisch notwendig und daher nur eingeschränkt verhandelbar.
Gelegentlich wacht ein Mensch mitten in der Nacht auf.
Sagen wir um 3:17 Uhr.
Er liegt in einem Bett. Das Haus steht noch. Die Erde bewegt sich mit der üblichen Geschwindigkeit durch das Sonnensystem. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist kein Meteorit unmittelbar unterwegs zu seinem Schlafzimmer.
Trotzdem stimmt etwas nicht.
Vielleicht die Arbeit. Das Geld. Die Kinder. Eine Entscheidung. Eine Bemerkung vom Vortag, die um 15:17 Uhr noch vollkommen handhabbar erschien und zwölf Stunden später erhebliche Teile der menschlichen Existenz infrage stellt.
Der Mensch beginnt nachzudenken. Um 3:34 Uhr hat er gewöhnlich mehrere Probleme identifiziert.
Das Interessante daran ist nicht, worüber er nachdenkt. Interessanter ist die Frage, ob das Denken überhaupt am Anfang stand.
Vielleicht war zuerst das Gefühl da und der Kopf versucht gerade herauszufinden, warum.
Menschen gehen häufig davon aus, dass Gefühle eine verständliche Reihenfolge besitzen: Zuerst passiert etwas. Dann denkt man darüber nach. Anschließend fühlt man etwas.
Das ist praktisch, weil Ursache und Wirkung ordentlich hintereinanderliegen.
Der menschliche Organismus hält sich allerdings nur begrenzt an solche Ordnungssysteme.
Das Gehirn verarbeitet fortwährend Informationen aus dem Körper: Herzschlag, Atmung, Verdauung, Temperatur, Muskelspannung und zahlreiche weitere Signale. Die Wahrnehmung und Verarbeitung solcher inneren Körperinformationen nennt man Interozeption. Sie trägt wesentlich dazu bei, wie ein Mensch seinen Körper und seine Gefühle erlebt.
Hinzu kommen Erinnerungen, Erwartungen und Informationen aus der Umgebung. Emotionen entstehen aus dem Zusammenspiel solcher Prozesse und nicht an einem einzelnen Ort im Gehirn.
Deshalb ist auch eine andere Reihenfolge möglich: Der Mensch ist unruhig. Er weiß noch nicht warum. Dann beginnt er nachzudenken.
Das Gehirn findet fast immer etwas.
Ein paar Beteiligte sollte man kennen.
DIE AMYGDALA
Sie wartet nicht, bis Sie alles verstanden haben.
Sie ist an der Verarbeitung emotional bedeutsamer Reize und am Lernen von Gefahren beteiligt. Das verbreitete Bild eines einfachen „Angstzentrums“ ist zu klein für ihre tatsächlichen Aufgaben.
DER HIPPOCAMPUS
Er hat die alten Akten noch.
Er spielt eine wichtige Rolle für Gedächtnis und Kontext. Gegenwärtiges kann dadurch mit bereits Erlebtem in Beziehung gesetzt werden.
DIE INSULA
Sie hört, was drinnen los ist.
Sie ist wesentlich an der Verarbeitung innerer Körpersignale beteiligt und damit auch daran, wie sich der eigene körperliche Zustand anfühlt.
DER PRÄFRONTALE KORTEX
Er möchte die Sache erst einmal prüfen.
Teile davon sind an Bewertung, Planung und Regulation beteiligt.
DAS AUTONOME NERVENSYSTEM
Es diskutiert nicht. Es macht.
Es reguliert unter anderem Herzschlag, Verdauung und Schweißreaktionen. Auch die Atmung läuft normalerweise automatisch, besitzt allerdings die praktische Besonderheit, dass Menschen sie zugleich willentlich beeinflussen können.
Natürlich sitzen diese Abteilungen nicht tatsächlich getrennt im menschlichen Kopf.
Das wäre organisatorisch vermutlich einfacher.
In Wirklichkeit arbeiten sie in miteinander verbundenen Netzwerken.
Um 3:17 Uhr ist also nicht bloß ein Gedanke wach geworden.
Der gesamte Betrieb ist wieder hochgefahren.
Weil das Gefühl real ist.
Angst oder Unruhe sind keine Einbildung. Körperliche Aktivierung, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung können sich tatsächlich verändern.
Daraus folgt nur nicht automatisch, dass die Erklärung für dieses Gefühl ebenfalls stimmt.
Das Gehirn versucht fortwährend, innere und äußere Signale einzuordnen. Dazu stehen Erfahrungen, Erwartungen und gegenwärtige Probleme zur Verfügung.
Arbeit. Geld. Gesundheit. Familie. Zukunft.
Der durchschnittliche Erdenbewohner verfügt über einen bemerkenswert großen Vorrat an Dingen, über die man sich Sorgen machen kann.
Ist bereits Unruhe vorhanden, lässt sich deshalb leicht ein passendes Problem finden. Dieses Problem kann durchaus real sein. Unsicher ist zunächst nur, ob es tatsächlich so groß ist, wie es um 3:17 Uhr erscheint.
Nächtliches Grübeln kann außerdem Teil einer Rückkopplung werden. Wachheit schafft Gelegenheit zum Nachdenken. Sorgen und Grübeln erhöhen die geistige und emotionale Erregung und können das Einschlafen erschweren. Dadurch entsteht noch mehr Zeit zum Nachdenken.
Das Problem bekommt mehr Sendezeit.
Nicht automatisch mehr Wahrheit.
Falls der Mensch wieder einschläft, wird die Sache nicht unbedingt vernünftiger.
Er befindet sich möglicherweise plötzlich in seiner ehemaligen Schule. Das Gebäude steht jetzt am Meer. Ein längst verstorbener Verwandter wartet im Lehrerzimmer. Der Mensch muss dringend einen Zug erreichen, besitzt aber keine Schuhe.
Niemand im Traum hält das für erklärungsbedürftig.
Bemerkenswert ist etwas anderes: Die Geschichte kann vollkommen unsinnig sein, während das Gefühl darin ausgesprochen überzeugend bleibt.
Schlaf ist an der Verarbeitung und Festigung von Erinnerungen beteiligt, auch von emotionalen. Besonders für den REM-Schlaf gibt es Hinweise auf eine Beteiligung an emotionaler Gedächtnisverarbeitung. Amygdala, Hippocampus und weitere emotions- und gedächtnisbezogene Regionen zeigen dabei charakteristische Aktivitätsmuster. Wie groß die besondere Rolle des REM-Schlafs gegenüber anderen Schlafphasen tatsächlich ist und welche Funktion das Träumen selbst erfüllt, wird weiterhin erforscht.
Eine geheime Botschaft lässt sich aus einem Traum deshalb nicht zuverlässig herauslesen.
Aber er führt etwas sehr schön vor:
Eine Geschichte kann Unsinn sein und das Gefühl darin trotzdem echt.
Vielleicht lohnt es sich, diesen Gedanken mit zurück ins Wachsein zu nehmen.
Idealerweise löst er nicht sein Leben.
Das ist um 3:17 Uhr ohnehin ein recht ehrgeiziges Vorhaben.
Eine Unterscheidung genügt zunächst:
Das Gefühl ist real. Seine Erklärung ist noch offen.
Statt weiter nach der Ursache zu suchen, kann der Mensch den Zustand verändern, in dem sein Gehirn gerade über die Ursache nachdenkt.
Ruhig und etwas langsamer atmen. Kiefer, Schultern und Hände entspannen. Wahrnehmen, wo der Körper auf der Matratze liegt. Langsames Atmen kann das autonome Nervensystem beeinflussen und wird mit geringerer körperlicher Erregung in Verbindung gebracht. Es löst kein tatsächliches Problem. Es kann aber den Organismus etwas aus seinem Alarmzustand holen.
Drängt sich ein konkreter Gedanke immer wieder auf, kann man ihn kurz notieren:
Morgen prüfen: Gespräch mit X.
Mehr muss daraus nicht werden. Eine kleine Laborstudie zum Einschlafen fand sogar Hinweise darauf, dass das konkrete Aufschreiben bevorstehender Aufgaben helfen kann, gedanklich Unerledigtes auszulagern.
Bleibt man länger hellwach, empfiehlt die Verhaltenstherapie bei Schlafstörungen, nicht endlos im Bett um Schlaf zu kämpfen. Kurz aufstehen, bei wenig Licht etwas Ruhiges tun und erst bei erneuter Schläfrigkeit zurückkehren. Diese sogenannte Stimulus-Kontrolle ist Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie.
Mehr ist um 3:17 Uhr nicht zu erledigen.
Vielleicht ist das Gefühl noch da. Man muss es weder wegdenken noch erklären.
Liegen, atmen, nichts entscheiden.
Das Problem kann bis morgen warten.
Falls es dann noch eines ist.
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