SIGNAL #009: Vorsicht vor Vehikeln

Menschen erzählen Geschichten.
Das tun sie seit sehr langer Zeit. Sie erzählen von Göttern, Monstern, Königen, Kindern, Vätern, Müttern, Kriegen, Reisen und gelegentlich von sprechenden Fröschen. Die Figuren wechseln. Einige Vorgänge bleiben erstaunlich ähnlich.
Ein junger Mensch verlässt die vertraute Welt. Er begegnet Lehrern und Gefahren, entdeckt Fähigkeiten, macht Fehler, muss Entscheidungen treffen und irgendwann ohne seine Lehrer auskommen. Am Ende ist er nicht mehr derselbe Mensch.
Denn eine gute Geschichte erzählt nicht nur, was jemand erlebt. Sie erzählt auch, was aus jemandem werden kann.
Ein Junge möchte zu den Sternen
1977 sitzt ein junger Mann auf einem Wüstenplaneten und blickt in den Himmel.
Luke Skywalker möchte fort. Er besitzt große Vorstellungen von seinem zukünftigen Leben und bemerkenswert wenig Ahnung davon, was ihn dort erwartet. Zunächst wird er zurückgehalten. Dann zerstören äußere Umstände die Möglichkeit, einfach zu Hause zu bleiben.
Er muss hinaus.
Dort findet er Lehrer. Er lernt, scheitert, überschätzt sich, verliert und erfährt Dinge über sich selbst, die er lieber nicht erfahren hätte. Vor allem aber wächst seine Macht nicht unabhängig von seiner Persönlichkeit. Luke muss lernen, mit ihr umzugehen.
Am Ende geschieht etwas Bemerkenswertes. Seine Lehrer sagen ihm, was er tun muss. Sein Gegner sagt ihm, was er tun muss. Der Imperator sagt ihm ebenfalls, was er tun muss.
Luke tut etwas anderes.
Der Schüler fällt sein eigenes Urteil. Aus einem Jungen ist ein Mensch geworden, der Verantwortung für seine Entscheidung übernimmt.
Das nennt man Meisterschaft.
Sie ist ausgesprochen unpraktisch für Autoritäten.
Noch einmal
Einige Jahrzehnte später erzählte Star Wars fast dieselbe Geschichte noch einmal. Diesmal beginnt sie mit Anakin Skywalker.
Auch er ist ein Junge mit großen Träumen. Auch er verlässt seine kleine Welt, besitzt außergewöhnliche Fähigkeiten und bekommt Lehrer.
Nur stimmt diesmal etwas mit der Welt nicht, in die der Junge hineinwächst.
Die Republik ist bereits krank. Die Jedi sind mächtig, aber zunehmend blind für das System, dessen Teil sie geworden sind. Seine Lehrer vermitteln Anakin Regeln, können ihm aber bei seinen wichtigsten inneren Konflikten kaum helfen. Und mitten in diesem System wartet ein Mann, der den Jungen sehr gut versteht.
Anakin wächst. Aber seine Fähigkeiten wachsen schneller als seine Persönlichkeit. Er möchte den Rang, bevor er die Reife besitzt. Er möchte Verlust verhindern, bevor er gelernt hat, ihn auszuhalten. Er möchte Macht benutzen, um die Wirklichkeit seinem Willen zu unterwerfen.
Schließlich verspricht ihm eine Autorität genau das.
Der Schüler wird kein Meister. Er wird ein Werkzeug.
Das ist möglicherweise eine der unangenehmsten Eigenschaften des Erwachsenwerdens:
Nicht jeder Mensch, der größer wird, wächst.
Eine alte Karosserie
Viele Jahre später wurde Star Wars ein drittes Mal erzählt.
Wieder gibt es Wüsten, Sturmtruppen und eine planetenvernichtende Superwaffe. Wieder den Millennium Falcon, Lichtschwerter, X-Wings, TIE-Fighter und John Williams. Han Solo kommt zurück. Leia kommt zurück. Luke kommt zurück.
Sogar Darth Vaders verkohlter Helm kommt zurück.
Menschen mögen vertraute Dinge.
Das wissen auch Menschen, die Dinge verkaufen.
Forschung über das moderne Star-Wars-Franchise beschreibt genau diese Kraft der Wiedererkennung: Formen, Gegenstände, Figuren und Motive kehren wieder und stellen beim Zuschauer Verbindungen zu bereits vorhandenen Erinnerungen her. Andere Untersuchungen beschäftigen sich ausdrücklich mit der wirtschaftlichen Nutzung von Nostalgie beim Neustart des Franchise durch Disney.
Die neue Trilogie entstand allerdings ohne einen vergleichbaren durchgehenden erzählerischen Entwurf. Rian Johnson beschrieb die Arbeit an Episode VIII später selbst als Übergabe eines Staffelstabs: Er erhielt das Drehbuch des vorherigen Films und sollte herausfinden, was als Nächstes geschieht. Einen großen vorgegebenen Handlungsplan habe es nicht gegeben. Noch bei Reys Herkunft wurden im Verlauf der Trilogie sehr unterschiedliche Möglichkeiten erwogen.
Das wäre für sich genommen nur ein Problem der Filmproduktion.
Interessanter ist, was dabei mit der alten Geschichte geschieht.
Die Meister sind zurück
Han Solo hatte einmal gelernt, nicht davonzulaufen. Nun läuft er wieder davon. Seine Ehe ist gescheitert, sein Sohn verloren, aus dem General der Rebellion wieder ein Schmuggler geworden.
Luke hatte einmal gelernt, selbst dort noch an einen Menschen zu glauben, wo seine eigenen Lehrer keine Hoffnung mehr sahen. Nun hat er bei seinem Neffen einen Augenblick lang erwogen, das Problem mit einem Lichtschwert zu lösen. Danach verschwindet er.
Der alte Meister sitzt auf einer Insel und möchte mit allem nichts mehr zu tun haben.
Auch Darth Vader ist wieder da.
Zumindest sein Helm.
Kylo Ren verehrt ihn, trägt eine ähnliche Maske und versucht, die äußeren Zeichen seines Vorbilds zu übernehmen. Wenn ihm etwas nicht gelingt, reagiert er gelegentlich, indem er Einrichtungsgegenstände mit einem Lichtschwert zerstört.
Das Universum hatte einen neuen Darth Vader bekommen.
Er war allerdings noch nicht ganz fertig mit der Pubertät.
Eine Frau ist bereits da
Dann gibt es Rey.
Auch sie stammt von einem Wüstenplaneten. Doch etwas ist anders.
Rey muss vergleichsweise wenig von dem erwerben, was bei früheren Figuren Teil ihrer Entwicklung gewesen war. Sie kämpft, repariert, fliegt den Millennium Falcon, benutzt die Macht und behauptet sich gegen ausgebildete Gegner erstaunlich schnell.
Natürlich erlebt auch sie Zweifel, Verlust und Konflikte. Aber die grundsätzliche Bewegung ihrer Geschichte ist eine andere.
Luke musste werden. Anakin wollte werden und scheiterte daran. Rey muss vor allem herausfinden, wer sie bereits ist.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied.
Es ist möglicherweise ein gewaltiger.
Du bist bereits
Kinder brauchen eine merkwürdige Kombination von Botschaften.
Die erste lautet: Du bist wertvoll.
Dafür müssen sie nichts leisten.
Die zweite lautet: Du kannst noch fast nichts.
Das ist ebenfalls keine Beleidigung. Menschen kommen bemerkenswert unfertig zur Welt. Sie müssen sprechen, lesen, rechnen, verlieren, warten, arbeiten, streiten, nachgeben, üben, zweifeln und urteilen lernen.
Dabei entdecken sie regelmäßig, dass sie etwas noch nicht können. Das fühlt sich nicht besonders gut an.
Leider hat Wachstum auf die menschlichen Gefühle bei der Konstruktion wenig Rücksicht genommen.
Psychologische Forschung zeigt tatsächlich, dass Lob nicht einfach umso hilfreicher wird, je größer es ausfällt. Entscheidend sind unter anderem erreichbare Anforderungen, Autonomie, Kompetenz und die Zuschreibung von Erfolg auf beeinflussbare Ursachen. Langzeituntersuchungen fanden zudem Zusammenhänge zwischen Lob für Anstrengung und Strategien, einem stärker entwicklungsorientierten Selbstbild und späterer Leistung.
Anstrengung ist deshalb nicht bloß ein bedauerliches Hindernis auf dem Weg zur Entwicklung.
Sie ist ein Teil davon.
Eine Kultur, die aus der wichtigen Botschaft „Du bist wertvoll“ irgendwann „Du bist bereits großartig“ macht, verändert möglicherweise mehr als ihren Erziehungsstil.
Sie verändert ihre Vorstellung vom Menschen.
Sich selbst wählen
Im letzten Film erfährt Rey, dass sie von Palpatine abstammt. Sie besiegt ihn und entscheidet sich schließlich für den Namen Skywalker.
Man kann darin eine schöne Botschaft erkennen: Herkunft bestimmt einen Menschen nicht. Familie kann gewählt werden. Niemand muss das Erbe seiner Vorfahren fortsetzen.
Man kann aber noch etwas anderes darin sehen.
Die abschließende Namensgebung erfolgt nicht durch einen lebenden Meister oder eine Institution. Rey erklärt selbst, wer sie sein will. Die beiden Skywalker, die in diesem Moment symbolisch erscheinen, sind bereits tot.
Die Legitimation kommt damit in dieser Lesart letztlich von ihr selbst.
Ich bin, was ich entscheide zu sein.
Das ist ein außerordentlich modernes Menschenbild.
Und ein ausgesprochen interessantes für eine Konsumgesellschaft.
Der passende Mensch
Moderne Werbung verkauft Menschen längst nicht mehr nur Dinge.
Markenforschung beschreibt ausdrücklich, dass Produkte dazu dienen können, Identität auszudrücken, und dass Unternehmen ihre Marken entsprechend als Mittel der Selbstdarstellung positionieren.
Das Auto, die Schuhe, das Telefon, die Musik, die Reise und die Kaffeemaschine können ausdrücken, wer ein Mensch ist. Dafür muss dieser Mensch nicht jahrelang bei einem Kaffeemaschinenmeister trainieren.
Er muss sich entscheiden.
Die moderne Konsumwelt hat deshalb wenig Schwierigkeiten mit einem Menschenbild, das Selbstverwirklichung, Selbstdefinition und Auswahl ins Zentrum stellt.
Sei du selbst. Die erforderlichen Produkte finden sich anschließend im Warenkorb.
Das bedeutet nicht, dass eine Firma heimlich beschlossen haben muss, Kindern ein bestimmtes Menschenbild beizubringen. Kulturelle Systeme funktionieren komplizierter.
Menschen schreiben Geschichten innerhalb ihrer Zeit. Unternehmen wählen Geschichten aus. Märkte belohnen manche davon. Institutionen entwickeln Vorstellungen davon, welche Figuren zeitgemäß erscheinen. Zuschauer bringen Erwartungen mit.
Niemand benötigt dafür einen geheimen Plan.
Das Vehikel
Star Wars ist inzwischen größer als diese drei Geschichten.
Es gibt Serien über einen schweigsamen Ersatzvater und sein kleines grünes Pflegekind. Über Revolutionäre, Jedi, Kinder, Außenseiter, Soldaten und Kopfgeldjäger. Die Geschichten vertreten teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen von Familie, Autorität, Gesellschaft und Menschsein.
Das gemeinsame Element ist etwas anderes.
Star Wars.
Das Lichtschwert funktioniert noch. Die Musik funktioniert. Die Raumschiffe funktionieren.
Der Mythos ist zum Vehikel geworden.
Was hineingeladen wird, kann wechseln.
Das ist wirtschaftlich ausgesprochen praktisch. Ein neues kulturelles Universum müsste zunächst Vertrauen, Aufmerksamkeit und emotionale Bindung erzeugen. Ein altes besitzt all das bereits.
Vorsicht vor Vehikeln
Das macht Star Wars nicht gefährlich.
Es macht Star Wars interessant.
Denn daran lässt sich etwas beobachten, das weit über einen Weltraumfilm hinausgeht.
Menschen übernehmen Geschichten von ihren Eltern, Symbole von ihren Großeltern, Figuren aus ihrer Kindheit, Wörter, Marken, Institutionen und Rituale aus Welten, die lange vor ihnen existierten.
Dabei bleibt die äußere Form manchmal erstaunlich stabil.
Der Inhalt nicht.
Ein Mythos kann von Menschwerdung erzählen. Später vom Scheitern der Menschwerdung. Dann von der Auflösung seiner eigenen Voraussetzungen.
Und irgendwann kann nur noch das Vehikel übrig sein.
Menschen haben das Trojanische Pferd inzwischen erheblich verbessert.
Es muss nicht mehr vor den Toren einer Stadt abgestellt werden.
Meist genügt es, wenn man das Logo wiedererkennt.