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SIGNAL #015: Vorübergehend außer Betrieb

Vorübergehend außer Betrieb

Ein Mensch lernt einen anderen Menschen kennen. Zunächst geschieht nichts, was eine besondere Untersuchung rechtfertigen würde. Zwei Personen sprechen miteinander. Sie lachen. Vielleicht berühren sich ihre Hände. Irgendwann verabschieden sie sich.

Wenig später beginnt eine der beiden Personen, ihr Telefon in Abständen zu kontrollieren, die bei einem technischen Gerät normalerweise auf einen Defekt hinweisen würden. Sie schläft schlechter, isst möglicherweise weniger und beschäftigt sich mit Fragen, die sie vor wenigen Tagen noch für vollkommen belanglos gehalten hätte. Ob jemand ein bestimmtes Wort absichtlich verwendet hat. Was drei Punkte am Ende einer Nachricht bedeuten. Und weshalb seit 14 Minuten keine Antwort eingetroffen ist, obwohl das Telefon nachweislich funktioniert.

Die übrigen Lebensbereiche bleiben zunächst erhalten. Arbeit, Freundschaften, Haushalt und gesellschaftliche Verpflichtungen existieren weiterhin. Sie haben lediglich eine unerwartete Herabstufung erfahren. Der Mensch ist verliebt.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht, dass er einen anderen Menschen besonders gern mag.

Das Bemerkenswerte ist, dass sich plötzlich seine gesamte Welt verändert.

Eine außerordentliche Beförderung

Die Neurowissenschaftlerin Helen Fisher und ihre Kollegen untersuchten 2005 mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie Menschen, die sich in einer frühen Phase intensiver romantischer Liebe befanden. Die Versuchspersonen betrachteten unter anderem Fotografien der Menschen, in die sie verliebt waren. Dabei zeigten sich besondere Aktivierungen in Hirnregionen, die mit Belohnung und Motivation zusammenhängen, darunter das ventrale tegmentale Areal und der Nucleus caudatus.

Diese Regionen sind Teil dopaminreicher neuronaler Systeme. Dopamin wird gern als Glückshormon bezeichnet, was ungefähr so präzise ist, als würde man einen gesamten Flughafen als Gepäckausgabe beschreiben.

Dopamin spielt unter anderem eine wichtige Rolle bei Motivation, Lernen und der Bedeutung, die wir möglichen Belohnungen zuschreiben. Es sorgt nicht einfach dafür, dass wir glücklich sind. Es ist daran beteiligt, dass wir etwas wollen, darauf hinarbeiten und ihm besondere Aufmerksamkeit schenken.

In der frühen Verliebtheit erhält ein bestimmter Mensch offenbar eine außergewöhnliche Priorität. Sein Gesicht, seine Stimme, seine Nachrichten werden zu Reizen von enormer persönlicher Bedeutung.

Das erklärt einen Teil der merkwürdigen Konzentration, die Verliebte entwickeln. Menschen, die sonst Schwierigkeiten haben, sich zehn Minuten mit einer Steuererklärung zu beschäftigen, können mehrere Stunden über die Bedeutung eines einzigen Satzes nachdenken.

Die Forschung beschreibt romantische Liebe deshalb nicht einfach als sexuelles Verlangen. Sie besitzt eine eigene, stark motivierende Komponente. Und diese Motivation kann so intensiv werden, dass sie den gesamten Alltag neu ordnet.

Der Rausch mit eingebauter Ungewissheit

Verliebtheit kann Euphorie auslösen, aber auch Unruhe, Schlafprobleme, Appetitveränderungen und aufdringliche Gedanken. Verschiedene Botenstoffe und hormonelle Systeme sind daran beteiligt. Die häufig erzählte Geschichte, Verliebte hätten einfach besonders viel Dopamin und besonders wenig Serotonin, ist allerdings wissenschaftlich zu grob.

Das menschliche Gehirn verfügt nicht über einen einzelnen Liebesschalter. Es arbeitet mit mehreren ineinandergreifenden Systemen, deren Zusammenspiel noch nicht vollständig verstanden ist.

Besonders interessant ist dabei die Ungewissheit.

2011 führten Erin Whitchurch, Timothy Wilson und Daniel Gilbert ein Experiment durch. Studentinnen betrachteten Facebook-Profile von Männern und erhielten unterschiedliche Informationen darüber, wie sehr diese Männer sie angeblich mochten.

Einige erfuhren, dass die Männer sie besonders attraktiv fanden. Andere, dass sie nur durchschnittlich interessant wirkten. Eine dritte Gruppe wusste nicht genau, wie die Männer über sie dachten.

Ausgerechnet diese dritte Gruppe berichtete die stärkste Anziehung. Sie dachte auch besonders häufig an die betreffenden Männer.

Das war ein begrenztes Experiment, kein Naturgesetz der Partnerwahl. Aber es zeigt einen möglichen Mechanismus: Ungewissheit kann unsere gedankliche Beschäftigung mit einem Menschen verstärken.

Die Verliebtheit enthält damit eine bemerkenswerte Konstruktion. Ein Mensch wird außerordentlich wichtig, während gleichzeitig unklar ist, ob wir für ihn dieselbe Bedeutung besitzen.

Die Menschheit hat für diesen Zustand Gedichte, Lieder und ganze Bibliotheken geschaffen.

Ein zuverlässiges Benachrichtigungssystem hätte möglicherweise genügt.

Der schönste Spiegel der Welt

Allerdings wäre es zu einfach, die Verliebtheit auf einen neurochemischen Mechanismus zu reduzieren. Denn ein erheblicher Teil ihres Glücks entsteht offenbar aus einer Begegnung, die unser Selbstbild berührt.

Stellen wir uns vor, wir lernen einen Menschen kennen, den wir außergewöhnlich finden. Wir bewundern seine Klugheit, seine Schönheit, seinen Humor oder seine Art, die Welt zu betrachten.

Und dann geschieht etwas Erstaunliches.

Dieser Mensch findet ausgerechnet uns außergewöhnlich.

Wir sind nicht länger nur Beobachter einer bewunderten Person. Wir werden selbst zum Gegenstand ihrer Bewunderung. Das ist eine besonders wirkungsvolle Form sozialer Bestätigung. Wir sehen uns plötzlich durch die Augen eines Menschen, dessen Urteil uns sehr viel bedeutet.

Natürlich zeigen wir beim Kennenlernen bevorzugt unsere anziehenden Seiten. Wir sind aufmerksam, großzügig, neugierig und ungewöhnlich bereit, uns für Dinge zu interessieren, die uns bislang vollkommen gleichgültig waren.

Das muss keine Täuschung sein. Diese Eigenschaften gehören möglicherweise tatsächlich zu uns. Sie treten nur besonders deutlich hervor. Und wenn unser Gegenüber genau diese Seiten begeistert wahrnimmt, geschieht etwas Interessantes: Seine Reaktion kann uns darin bestärken, sie weiterzuentwickeln.

Aus einer Begegnung wird eine Rückkopplung.

Wir zeigen, wer wir im besten Fall sein können. Und jemand anderes beginnt, uns genau so zu sehen.

Aber verlieben wir uns dann in diesen Menschen? Oder in das Bild, das er von uns hat?

Zwei Menschen, zwei Vorstellungen

Die Psychologin Sandra Murray und ihre Kollegen untersuchten in den 1990er-Jahren, wie Menschen ihre romantischen Partner wahrnehmen. Dabei zeigte sich etwas, das dem verbreiteten Rat, man müsse seinen Partner unbedingt vollkommen objektiv sehen, eine interessante Wendung gibt.

Menschen, die ihre Partner in einem besonders positiven Licht sahen, berichteten im Verlauf der untersuchten Beziehungen häufig mehr Zufriedenheit. Ihre Beziehungen erwiesen sich auch als stabiler.

Die Forscher sprachen von positiven Illusionen.

Das bedeutet nicht, dass jede Idealisierung hilfreich wäre. Wer offensichtliche Probleme übersieht oder sich einen Menschen vollständig zurechtfantasiert, kann sich erheblich täuschen.

Aber eine wohlwollende Sicht auf den anderen ist nicht zwangsläufig ein Fehler. Sie kann beeinflussen, wie wir miteinander umgehen, und dadurch sogar dazu beitragen, dass sich positive Erwartungen erfüllen.

Vielleicht liegt darin eine der erstaunlichsten Eigenschaften romantischer Beziehungen: Menschen sehen einander nicht nur, wie sie sind. Sie sehen auch, was aus ihnen werden könnte. Und manchmal beginnt der andere tatsächlich, sich in diese Richtung zu entwickeln.

Damit verlassen wir allmählich das Gebiet der bloßen Selbstbestätigung. Wir betreten einen Bereich, in dem Liebe etwas verändern kann.

Das Michelangelo-Phänomen

Michelangelo soll in einem Marmorblock bereits die Figur erkannt haben, die er daraus befreien wollte. Die Bildhauerei bestand dann darin, das überflüssige Material zu entfernen.

Psychologen haben dieses Bild für einen erstaunlichen Vorgang in Partnerschaften übernommen.

Das sogenannte Michelangelo-Phänomen beschreibt, wie Menschen einander dabei unterstützen können, ihrem eigenen Ideal-Selbst näherzukommen.

In einer Forschungsarbeit von 1999 untersuchten Caryl Rusbult und ihre Kollegen diesen Zusammenhang in vier Studien. Dabei zeigte sich: Wenn Partner die persönlichen Ideale des anderen erkennen und durch ihr Verhalten bestätigen, hängt dies mit einer Entwicklung in Richtung dieses Ideal-Selbst zusammen. Auch die Beziehungsqualität war damit verbunden.

Das ist etwas anderes, als jemanden nach den eigenen Vorstellungen umformen zu wollen.

Ein guter Bildhauer versucht nicht, aus jedem Marmorblock einen Briefkasten zu machen.

Entscheidend ist, dass der Partner etwas fördert, das der andere selbst werden möchte.

Vielleicht besitzt jemand eine lange vernachlässigte kreative Begabung. Vielleicht fehlt ihm der Mut zu einer Veränderung. Vielleicht hat er sich daran gewöhnt, bestimmte Eigenschaften an sich kleinzuhalten.

Dann begegnet er einem Menschen, der diese Möglichkeiten erkennt, ernst nimmt und unterstützt. Und plötzlich wird etwas möglich, das vorher nur als undeutliche Ahnung existierte.

Die Verliebtheit wäre damit nicht nur ein Zustand, in dem wir uns größer fühlen. Sie könnte der Beginn eines Prozesses sein, in dem wir tatsächlich wachsen.

Wenn aus einem Ich mehr wird

Arthur Aron und Elaine Aron entwickelten bereits in den 1980er-Jahren die Self-Expansion-Theorie.

Ihr Ausgangspunkt ist ein grundlegendes menschliches Motiv: Wir möchten unsere Fähigkeiten, Erfahrungen, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten erweitern.

Enge Beziehungen bieten dafür eine besondere Gelegenheit. Wir lernen nicht nur einen anderen Menschen kennen. Wir begegnen seinen Interessen, seinen Fähigkeiten, seiner Geschichte und seiner Sicht auf die Welt. Ein Teil davon kann allmählich in unser eigenes Selbstverständnis eingehen.

Wer sich verliebt, entdeckt möglicherweise Musik, die er nie gehört hätte, Orte, die er nie besucht hätte, oder Gedanken, die ihm zuvor nicht zugänglich waren. Und manchmal entdeckt er Fähigkeiten an sich selbst, von denen er nichts wusste.

Die Forschung beschreibt dies als eine teilweise Einbeziehung des anderen in das eigene Selbst. Die Grenzen zwischen dem, was zu mir gehört, und dem, was durch unsere Beziehung Teil meines Lebens wird, verändern sich.

Das ist ein erstaunlicher Gedanke.

Zwei Menschen können zusammen mehr Möglichkeiten besitzen, als jeder für sich zuvor erkennen konnte.

Dabei müssen sie keineswegs zu einer einzigen Persönlichkeit verschmelzen. Gerade ihre Unterschiede können die Erweiterung ermöglichen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Verliebtheit ein so überwältigendes Lebensgefühl erzeugen kann.

Wir gewinnen nicht nur einen Menschen.

Wir gewinnen vorübergehend den Eindruck, dass unser eigenes Leben viel größer geworden ist.

Die Liebe ohne Körper

Allerdings wirft die ganze Angelegenheit eine Frage auf.

Wenn Verliebtheit biologisch so mächtig ist, weshalb kann sie sich dann zwischen Menschen entwickeln, die einander noch nie persönlich begegnet sind?

Zwei Menschen schreiben sich Nachrichten. Sie telefonieren, erzählen sich ihre Geschichten, teilen Gedanken und entwickeln eine immer größere Vertrautheit. Manchmal über Tausende Kilometer hinweg.

Das Fortpflanzungsprogramm hat in diesem Fall gewisse logistische Schwierigkeiten.

Der Kommunikationswissenschaftler Joseph Walther entwickelte 1996 das Modell der hyperpersonalen Kommunikation. Es beschreibt, weshalb Beziehungen über digitale Medien unter bestimmten Bedingungen sogar besonders intensiv erlebt werden können.

Wer schreibt, kann seine Worte sorgfältig wählen. Der Empfänger erhält nur einen Ausschnitt der Persönlichkeit und ergänzt fehlende Informationen möglicherweise durch eigene Vorstellungen.

Wenn beide einander idealisieren und entsprechend reagieren, entsteht eine Rückkopplung: Die positive Vorstellung des einen beeinflusst die Selbstdarstellung des anderen, die wiederum die ursprüngliche Vorstellung bestätigt.

Digitale Nähe kann deshalb sehr intensiv sein. Nicht obwohl Informationen fehlen, sondern teilweise gerade deshalb.

Das macht die Gefühle nicht unecht. Aber es bedeutet, dass die Beziehung zunächst zu einem erheblichen Teil zwischen zwei Vorstellungen stattfindet.

Der wirkliche Mensch ist selbstverständlich ebenfalls beteiligt. Er hat nur noch nicht sämtliche Unterlagen eingereicht.

Irgendwann begegnen sich die beiden möglicherweise im Alltag. Dann erhält das bisherige Bild zusätzliche Informationen: Müdigkeit, Ungeduld, Gewohnheiten, widersprüchliche Wünsche und die bemerkenswerte Vielfalt menschlicher Eigenarten.

Jetzt zeigt sich, ob die entstandene Nähe auch mit einem vollständigeren Menschen bestehen kann.

Die verlorene Hälfte

Die Philosophie beschäftigt sich schon sehr lange mit der Vorstellung, dass Menschen in der Liebe etwas finden, das ihnen zuvor gefehlt hat.

In Platons Symposion erzählt Aristophanes einen berühmten Mythos: Ursprünglich seien Menschen kugelförmige Doppelwesen gewesen. Zeus habe sie geteilt. Seitdem suche jeder seine verlorene Hälfte.

Die Liebe erscheint darin als Sehnsucht nach einer ursprünglichen Ganzheit.

Es ist ein schönes Bild. Allerdings enthält es eine Schwierigkeit. Wer glaubt, nur ein halber Mensch zu sein, überträgt dem anderen eine beträchtliche Verantwortung für die eigene Existenz.

Vielleicht liegt die größere Möglichkeit gerade nicht darin, dass zwei unvollständige Menschen endlich einen vollständigen ergeben.

Vielleicht können zwei bereits eigenständige Menschen einander auf eine Weise begegnen, die beide über ihre bisherigen Grenzen hinausführt.

Im Thomas-Evangelium findet sich dazu ein bemerkenswertes Bild. In Logion 48 heißt es sinngemäß:

Wenn zwei miteinander Frieden schließen in einem einzigen Haus, werden sie zum Berg sagen: „Bewege dich von hier fort.“ Und er wird sich bewegen.

Der ursprüngliche Text spricht nicht ausdrücklich von romantischer Liebe. Aber sein Bild von der Kraft zweier Menschen, die miteinander im Einklang sind, berührt unseren Gedanken auf eigentümliche Weise.

Zwei Menschen müssen nicht miteinander verschmelzen, um gemeinsam etwas zu ermöglichen, das zuvor undenkbar schien.

Vielleicht genügt es, dass sie einander nicht kleiner machen.

Die entscheidende Verwechslung

Damit stehen wir vor einem Problem.

In der frühen Verliebtheit können sich zwei sehr unterschiedliche Vorgänge nahezu gleich anfühlen.

Im ersten Fall begegnen wir einem Menschen, dessen Bewunderung unser Selbstwertgefühl trägt. Wir fühlen uns großartig, solange wir in seinen Augen großartig erscheinen.

Im zweiten Fall begegnen wir einem Menschen, der tatsächlich etwas in uns wachsen lässt. Seine Anerkennung gibt uns Mut, aber die dadurch entstehenden Fähigkeiten, Erfahrungen und Einsichten gehören zunehmend uns selbst.

Beides kann mit derselben Euphorie beginnen. Beides kann dieselben schlaflosen Nächte erzeugen.

Und beides kann dazu führen, dass jemand plötzlich beschließt, nach Portugal auszuwandern, obwohl er dort weder Arbeit noch eine Wohnung hat und Portugiesisch bislang für eine Variante des Spanischen hielt.

Der Unterschied zeigt sich nicht zuverlässig an der Intensität des Gefühls.

Er zeigt sich eher daran, was zwischen den beiden Menschen geschieht.

Darf ich widersprechen, ohne an Bedeutung zu verlieren? Darf ich schwach sein, ohne dass das Bild von mir zusammenbricht? Unterstützt der andere meine Entwicklung auch dann, wenn sie nicht seinen unmittelbaren Wünschen entspricht?

Und vielleicht am wichtigsten: Werde ich durch diese Beziehung freier, ich selbst zu sein?

Das sind keine diagnostischen Tests. Aber es sind Fragen, die über die anfängliche Begeisterung hinausreichen.

Denn echte gegenseitige Entfaltung braucht mehr als Bewunderung. Sie braucht die Fähigkeit, den anderen als eigenständigen Menschen wahrzunehmen. Auch dort, wo er nicht unseren Vorstellungen entspricht.

Wenn der Rausch nachlässt

Irgendwann verändert sich die Verliebtheit. Nicht bei allen Menschen gleich, nicht nach einem festen Zeitplan und nicht zwangsläufig in derselben Richtung.

Aber die außergewöhnliche Neuheit verliert häufig an Intensität. Der andere wird vertrauter. Aus der überwältigenden Möglichkeit wird ein wirklicher Mensch mit einer Geschichte, einem Alltag und eigenen Grenzen.

Das muss kein Verlust sein.

Vielleicht ist es der Moment, in dem sich herausstellt, was die Begegnung tatsächlich hervorgebracht hat.

War der andere vor allem ein Spiegel, in dem wir uns für eine Weile außergewöhnlich fühlen durften?

Oder haben wir einander geholfen, etwas zu entdecken und zu entwickeln, das Bestand haben kann?

Die erste Verliebtheit beantwortet diese Frage noch nicht. Sie stellt sie lediglich mit einer Begeisterung, die gewöhnlich jede vernünftige Untersuchung erschwert.

Der Bordcomputer empfiehlt deshalb, die anfängliche Euphorie durchaus zu genießen. Sie gehört zu den eindrucksvolleren Leistungen eines menschlichen Nervensystems.

Nur sollte man sie nicht mit dem abschließenden Gutachten über einen anderen Menschen verwechseln.

Vielleicht besteht die schönste Möglichkeit der Liebe darin, dass zwei Menschen einander zunächst in einem außergewöhnlichen Licht sehen.

Und dann, wenn dieses Licht allmählich gewöhnlicher wird, etwas Erstaunliches entdecken:

Der andere ist nicht der Mensch, den sie sich vorgestellt haben.

Aber vielleicht ist er jemand, mit dem sie tatsächlich Berge versetzen können.

QUELLEN

1. Aron, Arthur et al. (2005). Reward, motivation, and emotion systems associated with early-stage intense romantic love. Journal of Neurophysiology 94(1), 327–337. DOI 10.1152/jn.00838.2004. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15928068/
Kommentar: Warum eine einzige Person plötzlich wichtiger werden kann als beinahe alles andere: Hirnscans zeigen, wie frühe romantische Liebe Belohnungs- und Motivationssysteme einbezieht.

2. Fisher, Helen; Aron, Arthur; Brown, Lucy L. (2005). Romantic love: an fMRI study of a neural mechanism for mate choice. The Journal of Comparative Neurology 493(1), 58–62. DOI 10.1002/cne.20772. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16255001/
Kommentar: Romantische Anziehung ist mehr als sexuelles Verlangen. Die Studie untersucht die neuronale Konzentration auf einen bevorzugten Menschen.

3. Whitchurch, Erin R.; Wilson, Timothy D.; Gilbert, Daniel T. (2011). He Loves Me, He Loves Me Not: Uncertainty Can Increase Romantic Attraction. Psychological Science 22(2), 172–175. DOI 10.1177/0956797610393745. https://dtg.sites.fas.harvard.edu/Whitchurch%20et%20al%20%282011%29.pdf
Kommentar: Ein Experiment mit einer überraschenden Beobachtung: Ungewissheit darüber, ob man gemocht wird, kann Anziehung und gedankliche Beschäftigung verstärken.

4. Murray, Sandra L.; Holmes, John G.; Griffin, Dale W. (1996). The self-fulfilling nature of positive illusions in romantic relationships: Love is not blind, but prescient. Journal of Personality and Social Psychology 71(6), 1155–1180. DOI 10.1037/0022-3514.71.6.1155. https://faculty.washington.edu/jdb/345/345%20Articles/Chapter%2011%20Murray%20et%20al.%20%281996%29.pdf
Kommentar: Warum ein liebevoll idealisierender Blick nicht bloß Täuschung sein muss, sondern beeinflussen kann, wie sich eine Beziehung entwickelt.

5. Drigotas, Stephen M.; Rusbult, Caryl E.; Wieselquist, Jennifer; Whitton, Sarah W. (1999). Close partner as sculptor of the ideal self: Behavioral affirmation and the Michelangelo phenomenon. Journal of Personality and Social Psychology 77(2), 293–323. DOI 10.1037/0022-3514.77.2.293. https://faculty.wcas.northwestern.edu/eli-finkel/documents/69_DrigotasRusbultWieselquistWhitton1999_JournalOfPersonalityAndSocialPsychology.pdf
Kommentar: Das Michelangelo-Phänomen: Wie Partner einander dabei helfen können, nicht irgendeinem fremden Ideal, sondern dem eigenen näherzukommen.

6. Aron, Arthur; Aron, Elaine N. (1986). Love and the Expansion of Self: Understanding Attraction and Satisfaction. Hemisphere Publishing. https://search.worldcat.org/title/Love-and-the-expansion-of-self-%3A-understanding-attraction-and-satisfaction/oclc/919538240
Kommentar: Die grundlegende Idee der Selbstexpansion: Nähe kann unsere Erfahrungen, Fähigkeiten und unser Selbstverständnis erweitern.

7. Aron, Arthur; Aron, Elaine N. (2013). The Self-Expansion Model of Motivation and Cognition in Close Relationships. In: The Oxford Handbook of Close Relationships. Oxford University Press. DOI 10.1093/oxfordhb/9780195398694.013.0005. https://academic.oup.com/edited-volume/38162/chapter-abstract/332980404
Kommentar: Wie Beziehungen neue Möglichkeiten erschließen und der andere Teil unseres Selbstbildes werden kann.

8. Walther, Joseph B. (1996). Computer-Mediated Communication: Impersonal, Interpersonal, and Hyperpersonal Interaction. Communication Research 23(1), 3–43. DOI 10.1177/009365096023001001. https://doi.org/10.1177/009365096023001001
Kommentar: Weshalb digitale Begegnungen besonders intensiv werden können: Selbstdarstellung, Idealisierung und gegenseitige Rückkopplung.

9. Platon. Symposion, Rede des Aristophanes, 189c–193d. https://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0174%3Atext%3DSym.%3Apage%3D189
Kommentar: Der berühmte Mythos von den geteilten Menschen und der Sehnsucht nach der verlorenen Hälfte.

10. Thomas-Evangelium, Logion 48. Übersetzung Stephen J. Patterson und James M. Robinson. https://www.gnosis.org/naghamm/gth_pat_rob.htm
Kommentar: Zwei Menschen schließen Frieden und können einen Berg bewegen: ein eindrucksvolles Bild gemeinsamer Kraft, ohne dass der Text ausdrücklich romantische Liebe behandelt.
Hinweis: Das deutsche Zitat im Manuskript ist eine sinngemäße Wiedergabe, keine wörtliche Übernahme der verlinkten englischen Übersetzung.