EINGEHENDES SIGNAL
SIGNAL EMPFANGEN AM 30.08.2026

SIGNAL #008: Was kostet ein Schaf?

Was kostet ein Schaf?

Menschen lebten sehr lange ohne Geld.

Das hinderte sie nicht daran, Dinge zu besitzen, zu teilen, zu verschenken, zu tauschen, zu schulden und sich darüber zu streiten, wem etwas gehörte. Kleine Gemeinschaften konnten vieles über Verwandtschaft, Gegenseitigkeit und Erinnerung regeln. Wer einem Freund beim Umzug hilft, verlangt schließlich auch heute normalerweise keine 3,7 Abendessen und ein Achtel Wintermantel.

Direkter Tausch kam ebenfalls vor. Die bekannte Geschichte, nach der Menschen ursprünglich in einer reinen Tauschwirtschaft lebten und irgendwann Geld erfanden, weil der Tausch zu umständlich wurde, ist historisch jedoch nicht überzeugend belegt.

Für die Geschichte des Geldes ist deshalb etwas anderes interessanter.

Menschen bauten Gesellschaften, in denen man sich irgendwann nicht mehr alles persönlich merken konnte.

Menschen bleiben da

Der Übergang zu Sesshaftigkeit und Landwirtschaft dauerte Jahrtausende. Bereits vor vollständig entwickeltem Ackerbau gab es dauerhaftere Siedlungen. Landwirtschaft, Viehhaltung und Vorratsspeicherung veränderten ihre Möglichkeiten jedoch erheblich.

Ein Feld konnte mehr Nahrung hervorbringen, als unmittelbar gegessen wurde. Getreide ließ sich lagern. Überschüsse halfen durch schlechte Zeiten und ermöglichten größeren Gemeinschaften, Menschen zu ernähren, die nicht selbst ständig Nahrung produzierten.

Das war praktisch.

Ein Vorrat besitzt allerdings eine Eigenschaft, die in frühen Wirtschaftstheorien gelegentlich unterschätzt wird:

Andere Menschen können ihn ebenfalls gebrauchen.

Eine sesshafte Gemeinschaft konnte ihre Häuser, Felder und Speicher bei Gefahr nicht einfach zusammenpacken. Eigentum wurde sichtbarer, Grenzen wichtiger. Wasser musste verteilt, Felder abgegrenzt, Vorräte verwaltet und Konflikte entschieden werden.

Größere Gemeinschaften entwickelten dafür Formen von Führung, Regeln, religiösen Institutionen und politischer Herrschaft. Dazu gehörte organisierte Gewalt. Sie konnte Siedlungen und Vorräte schützen und Regeln durchsetzen.

Praktischerweise konnte dieselbe Gewalt auch dafür sorgen, dass Abgaben tatsächlich abgegeben wurden.

Schutz und Abgaben erwiesen sich früh als organisatorisch erstaunlich gut miteinander vereinbar.

Hat das jemand aufgeschrieben?

Mit wachsender Größe entstand ein weiteres Problem.

Bewässerungsanlagen mussten gepflegt, Speicher gefüllt, Tempel gebaut und Menschen versorgt werden. Handwerker, Soldaten, Priester und andere Spezialisten benötigten Nahrung, obwohl sie während ihrer jeweiligen Tätigkeit gerade keine Gerste anbauten.

Eine größere Organisation musste deshalb wissen: Wer hat etwas geliefert? Wer hat gearbeitet? Wer schuldet etwas? Wer bekommt etwas? Und wie viel davon liegt eigentlich noch im Speicher?

Um etwa 3300 bis 3000 v. Chr. finden wir im südlichen Mesopotamien frühe Schriftformen, die eng mit Verwaltung und Buchhaltung verbunden waren. Zu den ältesten erhaltenen Tontafeln gehören Aufzeichnungen über Getreide, Tiere, Arbeitsleistungen und andere Güter.

Menschen hatten begonnen, Schrift zu entwickeln.

Und verwendeten sie unter anderem für Bestandslisten.

Bevor jemand Gilgamesch aufschreiben konnte, musste offenbar erst jemand ordentlich die Gerste zählen.

Ein Schaf wird zu einer Zahl

Damit entstand das nächste Problem.

Eine Verwaltung besitzt Getreide, Öl, Wolle und Vieh. Menschen leisten Arbeit. Andere haben Anspruch auf Rationen. All diese Dinge sind verschieden und müssen trotzdem miteinander verrechnet werden.

Dafür braucht man zunächst keine Münze.

Man braucht einen Maßstab.

In Mesopotamien übernahmen vor allem Gerste und Silber solche Funktionen. Ungefähr zwischen 2200 und 2000 v. Chr. sind ausgeprägte Systeme belegt, in denen der Wert unterschiedlicher Güter in standardisierten Mengen von Gerste oder Gewichten von Silber ausgedrückt werden konnte.

Damit geschah etwas Entscheidendes.

Ein Schaf blieb ein Schaf. Es fraß, benötigte Pflege, erzeugte Wolle und zeigte nach gegenwärtigem Kenntnisstand keinerlei Interesse an Wirtschaftstheorie.

Aber zusätzlich besaß es nun einen ausdrückbaren Wert.

Gerste, Wolle, Öl, Vieh und menschliche Arbeit konnten plötzlich auf derselben Skala erscheinen. Das ist für heutige Menschen so selbstverständlich, dass die Merkwürdigkeit kaum noch auffällt. Ein Brot kostet vielleicht 3,80 Euro, eine Arbeitsstunde 28 Euro und ein Haus 340.000 Euro.

Niemand schließt daraus, dass ein Haus aus ungefähr 89.474 Broten besteht.

Der gemeinsame Maßstab macht beide trotzdem vergleichbar.

Geld, das man essen konnte

Gerste hatte dafür einige überzeugende Eigenschaften. Fast jeder benötigte sie, Mengen ließen sich einigermaßen standardisieren, sie war lagerfähig und besaß unabhängig vom Rechnungssystem einen unmittelbaren Nutzen.

Immerhin konnte man sein Geld damals noch essen.

Gerste hatte allerdings Nachteile. Größere Vermögen benötigten entsprechend große Speicher. Transport war mühsam, und unter ungünstigen Bedingungen interessierten sich Feuchtigkeit, Schädlinge und andere Menschen ebenfalls für das Vermögen.

Silber löste einige dieser Probleme. Es war knapp, begehrt, haltbar und teilbar. Vor der Einführung geprägter Münzen wurde Silber häufig gewogen. Der Schekel beispielsweise bezeichnete ursprünglich eine Gewichtseinheit.

Die ersten bekannten geprägten Münzen erschienen erst viel später, ungefähr im 7. Jahrhundert v. Chr. in Kleinasien.

Menschen konnten also bereits Preise berechnen, Schulden festhalten und Silber als Wertmaßstab benutzen, Jahrhunderte bevor Münzen verbreitet wurden.

Geld begann nicht als Münze.

Es begann viel eher als Beziehung zwischen Dingen, Mengen und Ansprüchen.

Warum akzeptiert jemand Silber?

Gerste kann man essen. Ein Schaf besitzt zahlreiche praktische Verwendungsmöglichkeiten. Silber kann zunächst vor allem herumliegen und ziemlich überzeugend glänzen.

Warum sollte jemand dafür Nahrung oder Arbeit hergeben?

Silber war knapp, begehrt und etwa für Schmuck geeignet. Für seine Geldfunktion kam jedoch etwas Entscheidendes hinzu: Andere Menschen mussten denselben Wertmaßstab ebenfalls anerkennen.

Wenn Händler Preise in Silber berechnen, Verwaltungen Verpflichtungen damit erfassen und Gläubiger Forderungen darin festhalten, entsteht ein Netz gegenseitiger Erwartungen. Ein Mensch kann Silber annehmen, weil er davon ausgeht, dass der nächste Mensch ebenfalls etwas dafür hergeben wird.

Geld war damit nicht mehr nur ein nützliches Ding.

Es war auch eine Erwartung über das Verhalten anderer Menschen.

Und dann kommt der Dritte

Diese Erwartung war nicht nur für Käufer und Verkäufer interessant.

Auch Institutionen hatten Verwendung dafür.

Tempel und Paläste verwalteten Land und Vorräte, verteilten Rationen, organisierten Arbeit und erhoben Abgaben. Ein gemeinsamer Maßstab half festzuhalten, wer etwas geliefert hatte, wer etwas schuldete und welchen Wert unterschiedliche Leistungen hatten.

Damit verändert sich die Struktur.

Es gibt nicht mehr nur einen Menschen, der etwas besitzt, und einen anderen, der etwas benötigt. Es gibt jemanden, der den Wert misst, jemanden, der die Verpflichtung aufschreibt, eine Institution, die Maße festlegt, und möglicherweise eine politische Ordnung, die dafür sorgt, dass die Verpflichtung erfüllt wird.

Geld erleichterte dadurch Handel, Zusammenarbeit und Arbeitsteilung. Es erleichterte auch Abgaben, Schulden und die Konzentration von Vermögen.

Geld diente nicht nur demjenigen, der tauschte.

Es diente auch demjenigen, der zählte.

Eine vage Verpflichtung ist schwer zu verwalten.

Fünf Einheiten Silber passen ausgezeichnet auf eine Tontafel.

Geld wurde nicht erfunden

Zumindest nicht an einem bestimmten Tag.

Es gab offenbar keinen einzelnen Augenblick, in dem jemand Geld erfand und die übrige Menschheit nach kurzer Prüfung der Geschäftsbedingungen zustimmte. Über lange Zeit entstanden unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Probleme.

Gerste erfüllte einige dieser Aufgaben, Silber andere. Andere Gesellschaften verwendeten unter anderem Vieh, Muscheln, Perlen und besondere Gegenstände. Menschen mussten Verpflichtungen erinnern, Werte vergleichen, Forderungen sichern und Vermögen aufbewahren oder transportieren.

Was wir heute Geld nennen, entstand daraus, dass mehrere dieser Funktionen zusammenfanden.

Dahinter steckt jedoch eine noch ältere und folgenreichere Idee:

Etwas kann für etwas anderes stehen.

Ein Gewicht Silber kann für ein Schaf stehen. Eine Menge Gerste für Arbeit. Eine Markierung auf einer Tontafel für eine Verpflichtung, die erst Monate später erfüllt wird.

Damit wurde es möglich, nicht nur Dinge zu besitzen.

Man konnte Ansprüche auf Dinge besitzen.

Die Zahl

Rund fünftausend Jahre später sind Gerste, Schafe und Silber aus den meisten Geldbörsen verschwunden.

Auch die Geldbörse verschwindet zunehmend.

Geblieben ist die Abstraktion.

Ein Mensch arbeitet einen Monat. Danach verändert eine Institution eine Zahl. Andere Institutionen betrachten diese Zahl und übergeben ihm dafür Lebensmittel, Strom, Benzin, Wohnraum oder einen Teil der Arbeitszeit anderer Menschen.

Die Zahl selbst kann nichts davon.

Man kann sie nicht essen. Sie hält nicht warm. Sie erzeugt keinen Strom. Und selbst eine ausgesprochen große Zahl lässt sich nur schwer zu einem brauchbaren Dach zusammenbauen.

Trotzdem entscheidet sie mit darüber, wer essen kann, wer eine Wohnung bekommt, wer arbeiten muss und wer die Arbeitszeit anderer Menschen kaufen kann.

Vor ungefähr fünftausend Jahren begann ein Mensch damit, auf einer Tontafel festzuhalten, wie viel Gerste ein anderer Mensch bekommen sollte.

Heute steht die Tontafel in einem Museum.

Die Zahl arbeitet weiter.

QUELLEN

  1. Bar-Yosef, Ofer (2014): „The Origins of Sedentism and Agriculture in Western Asia.“ In: The Cambridge World Prehistory. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/CHO9781139017831.089. Verwendung: Übergang zu Sesshaftigkeit, dauerhaftere Siedlungen und Entwicklung von Landwirtschaft in Westasien.

  2. The Metropolitan Museum of Art: Heilbrunn Timeline of Art History. Beiträge zu Uruk / Origins of Writing und frühen proto-keilschriftlichen Verwaltungstafeln. Verwendung: Frühe Schrift um das späte 4. Jahrtausend v. Chr.; Zusammenhang mit Getreide, Tieren, Gütern und administrativer Buchführung.

  3. Cripps, Eric L. (2019): „The Structure of Prices in the Neo-Sumerian Economy (II): The Wool:Silver Price Ratio.“ Revue d’Assyriologie et d’archéologie orientale, 113, S. 13–38. Verwendung: Preisrelationen und Silber als Rechnungseinheit im neusumerischen Wirtschaftssystem.

  4. Garfinkle, Steven J.: „Silver and Gold: Merchants and the Economy of the Ur III State.“ In der Forschungsliteratur zur Third Dynasty of Ur. Verwendung: Vormünzliche Verwendung von Silber, Händler, staatliche bzw. institutionelle Wirtschaftsstrukturen.

  5. Heymans, Elon D. (2021): The Origins of Money in the Iron Age Mediterranean World. Cambridge University Press. DOI: 10.1017/9781108975322. Verwendung: Geld nicht als punktuelle Erfindung; vormünzliche Wertmedien, Edelmetall nach Gewicht und Übergang zu Münzgeld.

  6. Ebenfalls Heymans (2021), insbesondere die Behandlung eisenzeitlicher Edelmetallhorte und vormünzlicher Austausch- und Wertsysteme. Verwendung: Absicherung der Aussage, dass Edelmetalle wirtschaftliche Funktionen bereits vor standardisiertem Münzgeld erfüllten.