SIGNAL #008: Was kostet ein Schaf?

Menschen lebten sehr lange ohne Geld.
Das hinderte sie nicht daran, Dinge zu besitzen, zu teilen, zu verschenken, zu tauschen, zu schulden und sich darüber zu streiten, wem etwas gehörte. Kleine Gemeinschaften konnten vieles über Verwandtschaft, Gegenseitigkeit und Erinnerung regeln. Wer einem Freund beim Umzug hilft, verlangt schließlich auch heute normalerweise keine 3,7 Abendessen und ein Achtel Wintermantel.
Direkter Tausch kam ebenfalls vor. Die bekannte Geschichte, nach der Menschen ursprünglich in einer reinen Tauschwirtschaft lebten und irgendwann Geld erfanden, weil der Tausch zu umständlich wurde, ist historisch jedoch nicht überzeugend belegt.
Geld scheint aus etwas Interessanterem entstanden zu sein.
Menschen bauten Gesellschaften, in denen man sich irgendwann nicht mehr alles persönlich merken konnte.
Menschen bleiben da
Der Übergang zu Sesshaftigkeit und Landwirtschaft dauerte Jahrtausende. Bereits vor vollständig entwickeltem Ackerbau gab es dauerhaftere Siedlungen. Landwirtschaft, Viehhaltung und Vorratsspeicherung veränderten ihre Möglichkeiten jedoch erheblich.
Ein Feld konnte mehr Nahrung hervorbringen, als unmittelbar gegessen wurde. Getreide ließ sich lagern. Überschüsse halfen durch schlechte Zeiten und ermöglichten größeren Gemeinschaften, Menschen zu ernähren, die nicht selbst ständig Nahrung produzierten.
Das war praktisch.
Ein Vorrat besitzt allerdings eine Eigenschaft, die in frühen Wirtschaftstheorien gelegentlich unterschätzt wird:
Andere Menschen können ihn ebenfalls gebrauchen.
Eine sesshafte Gemeinschaft konnte ihre Häuser, Felder und Speicher bei Gefahr nicht einfach zusammenpacken. Eigentum wurde sichtbarer, Grenzen wichtiger. Wasser musste verteilt, Felder mussten abgegrenzt, Vorräte verwaltet und Konflikte entschieden werden.
Größere Gemeinschaften entwickelten dafür unterschiedliche Formen von Führung, Regeln, religiösen Institutionen und schließlich politischer Herrschaft. Dazu gehörte organisierte Gewalt. Sie konnte Siedlungen und Vorräte schützen und Regeln durchsetzen.
Praktischerweise konnte dieselbe Gewalt auch dafür sorgen, dass Abgaben tatsächlich abgegeben wurden.
Schutz und Abgaben erwiesen sich früh als organisatorisch erstaunlich gut miteinander vereinbar.
Hat das jemand aufgeschrieben?
Mit wachsender Größe entstand ein weiteres Problem.
Bewässerungsanlagen mussten gepflegt, Speicher gefüllt, Tempel gebaut und Menschen versorgt werden. Handwerker, Soldaten, Priester und andere Spezialisten benötigten Nahrung, obwohl sie während ihrer jeweiligen Tätigkeit gerade keine Gerste anbauten.
Eine größere Organisation musste deshalb wissen: Wer hat etwas geliefert? Wer hat gearbeitet? Wer schuldet etwas? Wer bekommt etwas? Und wie viel davon liegt eigentlich noch im Speicher?
Um etwa 3300 bis 3000 v. Chr. finden wir im südlichen Mesopotamien frühe Schriftformen, die eng mit Verwaltung und Buchhaltung verbunden waren. Zu den ältesten erhaltenen Tontafeln gehören Aufzeichnungen über Getreide, Tiere, Arbeitsleistungen und andere Güter.
Menschen hatten begonnen, Schrift zu entwickeln.
Und verwendeten sie unter anderem für Bestandslisten.
Bevor jemand Gilgamesch aufschreiben konnte, musste offenbar erst jemand ordentlich die Gerste zählen.
Ein Schaf wird zu einer Zahl
Nun entstand ein Problem, das bis heute besteht.
Eine Verwaltung besitzt Getreide, Öl, Wolle und Vieh. Menschen leisten Arbeit. Andere haben Anspruch auf Rationen. All diese Dinge sind verschieden und müssen trotzdem miteinander verrechnet werden.
Dafür braucht man zunächst keine Münze.
Man braucht einen Maßstab.
In Mesopotamien übernahmen vor allem Gerste und Silber solche Funktionen. Ungefähr zwischen 2200 und 2000 v. Chr. sind ausgeprägte Systeme belegt, in denen der Wert unterschiedlicher Güter in standardisierten Mengen von Gerste oder Gewichten von Silber ausgedrückt werden konnte.
Damit geschah etwas Entscheidendes.
Ein Schaf blieb ein Schaf. Es fraß, benötigte Pflege, erzeugte Wolle und zeigte nach gegenwärtigem Kenntnisstand keinerlei Interesse an Wirtschaftstheorie.
Aber zusätzlich besaß es nun einen ausdrückbaren Wert.
Gerste, Wolle, Öl, Vieh und menschliche Arbeit konnten plötzlich auf derselben Skala erscheinen.
Das ist für heutige Menschen so selbstverständlich, dass die Merkwürdigkeit kaum noch auffällt. Ein Brot kostet vielleicht 3,80 Euro, eine Arbeitsstunde 28 Euro und ein Haus 340.000 Euro.
Niemand schließt daraus, dass ein Haus aus ungefähr 89.474 Broten besteht.
Der gemeinsame Maßstab macht beide trotzdem vergleichbar.
Geld, das man essen konnte
Gerste hatte dafür einige überzeugende Eigenschaften. Fast jeder benötigte sie, Mengen ließen sich einigermaßen standardisieren, sie war lagerfähig und besaß unabhängig vom Rechnungssystem einen unmittelbaren Nutzen.
Immerhin konnte man sein Geld damals noch essen.
Gerste hatte allerdings Nachteile. Größere Vermögen benötigten entsprechend große Speicher. Transport war mühsam, und unter ungünstigen Bedingungen interessierten sich Feuchtigkeit, Schädlinge und andere Menschen ebenfalls für das Vermögen.
Silber löste einige dieser Probleme. Es war knapp, begehrt, haltbar und teilbar. Vor der Einführung geprägter Münzen wurde Silber häufig gewogen. Der Schekel beispielsweise bezeichnete ursprünglich eine Gewichtseinheit.
Die ersten bekannten geprägten Münzen erschienen erst viel später, ungefähr im 7. Jahrhundert v. Chr. in Kleinasien.
Menschen konnten also bereits Preise berechnen, Schulden festhalten und Silber als Wertmaßstab benutzen, Jahrhunderte bevor Münzen verbreitet wurden.
Geld begann nicht als Münze.
Es begann viel eher als Beziehung zwischen Dingen, Mengen und Ansprüchen.
Warum akzeptiert jemand Silber?
Gerste kann man essen. Ein Schaf besitzt zahlreiche praktische Verwendungsmöglichkeiten. Silber kann zunächst vor allem herumliegen und ziemlich überzeugend glänzen.
Warum sollte jemand dafür Nahrung oder Arbeit hergeben?
Silber besaß durchaus eigenen Gebrauchswert. Es war knapp, begehrt und beispielsweise für Schmuck geeignet. Für ein Geldsystem reicht das aber nicht.
Entscheidend ist, dass andere Menschen denselben Wertmaßstab ebenfalls anerkennen.
Wenn Händler Preise in Silber berechnen, Verwaltungen Verpflichtungen damit erfassen und Gläubiger Forderungen darin festhalten, entsteht ein Netz gegenseitiger Erwartungen.
Dann besitzt Silber seinen Wert nicht nur wegen seiner materiellen Eigenschaften.
Es besitzt ihn auch deshalb, weil ein Mensch davon ausgehen kann, dass der nächste Mensch ebenfalls etwas dafür hergeben wird.
Damit ist etwas Neues entstanden: Vertrauen in einen gemeinsamen Stellvertreter.
Und dann kommt der Dritte
Der Stellvertreter war allerdings nicht nur für Käufer und Verkäufer interessant.
Auch Institutionen hatten Verwendung dafür.
Tempel und Paläste verwalteten Land und Vorräte, verteilten Rationen, organisierten Arbeit und erhoben Abgaben. Dafür mussten sie wissen, wer was geliefert hatte, wer etwas schuldete und welchen Wert verschiedene Leistungen hatten.
Ein gemeinsamer Maßstab machte all das wesentlich einfacher.
Damit verändert sich die Struktur.
Zunächst gibt es einen Menschen, der etwas besitzt, und einen anderen, der etwas benötigt. Dann gibt es jemanden, der den Wert misst. Jemanden, der die Verpflichtung aufschreibt. Eine Institution, die bestimmt, welche Maße gelten. Und möglicherweise eine politische Ordnung, die dafür sorgt, dass die festgehaltene Verpflichtung erfüllt wird.
Geld diente deshalb schon früh nicht nur dem Austausch.
Es diente auch demjenigen, der zählte.
Das bedeutet nicht, dass Herrscher das Geld erfunden hätten. Geldartige Systeme entstanden in unterschiedlichen Gesellschaften aus Handel, Schuld, sozialen Verpflichtungen, Speicherung und Verwaltung.
Aber Macht und Geld entdeckten früh, dass sie gemeinsame Interessen hatten.
Eine vage Verpflichtung ist schwer zu verwalten.
Fünf Einheiten Silber passen ausgezeichnet auf eine Tontafel.
Eine ziemlich erfolgreiche Erfindung
Der gemeinsame Maßstab löste echte Probleme. Menschen konnten heute etwas liefern und später etwas dafür erhalten. Leistungen wurden vergleichbar, Schulden dokumentierbar, Werte transportierbar. Handel zwischen Fremden wurde einfacher und spezialisierte Arbeit ließ sich in größeren Gemeinschaften besser organisieren.
Die Erfindung hatte allerdings eine zweite Seite.
Was messbar ist, kann gefordert werden. Was als Schuld festgehalten wird, kann eingetrieben werden. Was gespeichert werden kann, kann sich anhäufen. Und wer bestimmt, wie Ansprüche gemessen und durchgesetzt werden, besitzt eine besondere Form von Macht.
Geld erleichterte Zusammenarbeit, Handel und Arbeitsteilung.
Es erleichterte auch Abgaben, Schulden und die Konzentration von Vermögen.
Das Geld entschied nicht, wofür es verwendet wurde.
Dafür waren weiterhin Menschen zuständig.
Geld wurde nicht erfunden
Zumindest nicht an einem bestimmten Tag.
Es gab offenbar keinen einzelnen Augenblick, in dem jemand Geld erfand und die übrige Menschheit nach kurzer Prüfung der Geschäftsbedingungen zustimmte.
Stattdessen entstanden über lange Zeit verschiedene Lösungen für verschiedene Probleme.
Menschen mussten Verpflichtungen erinnern. Gemeinschaften mussten Vorräte verteilen. Händler brauchten vergleichbare Werte. Institutionen wollten Leistungen und Abgaben erfassen. Gläubiger wollten Forderungen sichern. Menschen wollten Werte aufbewahren und transportieren.
Gerste erfüllte einige dieser Aufgaben. Silber andere. Andere Gesellschaften verwendeten unter anderem Vieh, Muscheln, Perlen und besondere Gegenstände.
Was wir heute Geld nennen, ist das Ergebnis davon, dass mehrere dieser Funktionen irgendwann zusammenfanden.
Dahinter steckt jedoch eine noch ältere und folgenreichere Idee:
Etwas kann für etwas anderes stehen.
Ein Gewicht Silber kann für ein Schaf stehen. Eine Menge Gerste für Arbeit. Eine Markierung auf einer Tontafel für eine Verpflichtung, die erst Monate später erfüllt wird.
Damit wurde es möglich, nicht nur Dinge zu besitzen.
Man konnte Ansprüche auf Dinge besitzen.
Die Zahl
Fünftausend Jahre später sind Gerste, Schafe und Silber aus den meisten Geldbörsen verschwunden.
Auch die Geldbörse verschwindet zunehmend.
Geblieben ist die Abstraktion.
Ein Mensch arbeitet einen Monat. Danach verändert eine Institution eine Zahl. Andere Institutionen betrachten diese Zahl und übergeben ihm dafür Lebensmittel, Strom, Benzin, Wohnraum oder einen Teil der Arbeitszeit anderer Menschen.
Die Zahl selbst kann nichts davon.
Man kann sie nicht essen. Sie hält nicht warm. Sie erzeugt keinen Strom. Und selbst eine ausgesprochen große Zahl lässt sich nur schwer zu einem brauchbaren Dach zusammenbauen.
Trotzdem entscheidet sie mit darüber, wer essen kann, wer eine Wohnung bekommt, wer arbeiten muss und wer die Arbeitszeit anderer Menschen kaufen kann.
Vor ungefähr fünftausend Jahren begann ein Mensch damit, auf einer Tontafel festzuhalten, wie viel Gerste ein anderer Mensch bekommen sollte.
Heute steht die Tontafel in einem Museum.
Die Zahl arbeitet weiter.