SIGNAL #011: Wie alt fühle ich mich gerade?

Erwachsene Menschen besitzen ein Alter.
Es steht in ihren Ausweisen, Krankenakten und gelegentlich auf Geburtstagstorten, deren zunehmender Platzbedarf irgendwann organisatorische Fragen aufwirft.
Die Sache scheint eindeutig.
Ein Mensch, der 48 Jahre alt ist, ist 48 Jahre alt.
Bis er seine Eltern besucht.
Oder alte Freunde trifft. Oder bei der Arbeit übergangen wird. Oder sich verliebt. Oder ein Spiel verliert, das ihm angeblich überhaupt nicht wichtig war.
Plötzlich tauchen Verhaltensweisen auf, die seit Jahrzehnten verschwunden schienen. Ein vernünftiger Mensch wird trotzig. Ein selbstständiger Mensch möchte plötzlich getröstet werden. Eine beiläufige Bemerkung verletzt erstaunlich tief.
Das Geburtsdatum bleibt dabei unverändert.
Das Alter offenbar nicht.
Das Kind in uns
Die Vorstellung eines „inneren Kindes“ ist populär geworden.
Man kann mit ihm sprechen, es trösten, ihm Briefe schreiben und inzwischen vermutlich auch ein Seminarwochenende mit veganem Mittagessen buchen.
Hinter der Metapher steckt allerdings eine ernsthafte Beobachtung.
Frühe Beziehungen und Erfahrungen verschwinden nicht spurlos. Sie können beeinflussen, wie Menschen später Nähe, Zurückweisung, Sicherheit oder Konflikte erleben. Die Bindungsforschung findet solche Zusammenhänge bis ins Erwachsenenalter. Sie sind kein Schicksal. Menschen verändern sich. Spätere Beziehungen und Erfahrungen können alte Muster verändern.
Auch therapeutische Modelle kennen Zustände, in denen alte Gefühls- und Verhaltensmuster plötzlich wieder erstaunlich gegenwärtig werden. In der Schematherapie heißen einige davon tatsächlich Kind-Modi.
Das bedeutet nicht, dass irgendwo hinter der Stirn ein Sechsjähriger sitzt und auf seinen Einsatz wartet. Es bedeutet etwas Merkwürdigeres: Ein erwachsener Mensch kann Fähigkeiten besitzen, die ihm in einem bestimmten emotionalen Zustand plötzlich kaum noch zur Verfügung stehen.
Wie erwachsen fühlen Sie sich?
Auch das subjektiv empfundene Erwachsensein ist erstaunlich beweglich.
Menschen können sich je nach Situation unterschiedlich erwachsen erleben. Untersuchungen mit jungen Erwachsenen zeigen beispielsweise, dass sich dieselben Menschen bei Arbeitskollegen und romantischen Partnern erwachsener fühlen können als bei ihren Eltern.
Das ist eine bemerkenswerte Leistung der menschlichen Psyche. Man kann eine Steuererklärung abgeben, Personalverantwortung besitzen und seit zwölf Jahren nicht mehr im Kinderzimmer wohnen.
Dann sagt die eigene Mutter einen bestimmten Satz.
Und irgendwo wird ein sehr altes Programm gestartet.
Interessant ist auch, was Menschen überhaupt mit Erwachsensein verbinden. In Untersuchungen zur sogenannten emerging adulthood stehen nicht unbedingt klassische Statusmerkmale wie Ehe oder Elternschaft an erster Stelle. Besonders wichtig sind Fähigkeiten wie Selbstverantwortung, eigene Entscheidungen und zunehmende Unabhängigkeit.
Vielleicht ist das entscheidend. Erwachsenwerden ist nicht nur etwas, das mit einem Menschen geschieht. Es ist etwas, das er lernen kann.
Stufen
Hermann Hesse gab einem seiner bekanntesten Gedichte einen einfachen Titel: „Stufen“.
Darin erscheint das Leben als Folge von Räumen, die betreten und wieder verlassen werden müssen. Entwicklung verlangt auch Abschied. Hesse schrieb keine Entwicklungspsychologie. Trotzdem ist das Bild erstaunlich passend. Auch Entwicklungsmodelle versuchen zu beschreiben, wie Fähigkeiten aufeinander aufbauen und neue Formen des Denkens und Handelns möglich werden.
Nur besitzt die menschliche Treppe eine merkwürdige Eigenschaft.
Die unteren Stufen verschwinden offenbar nicht.
Der Achtjährige wird nicht am neunten Geburtstag gelöscht. Der Jugendliche verschwindet nicht mit dem ersten Arbeitsvertrag. Auch der Dreißigjährige hört nicht auf, Teil eines Menschen zu sein, sobald dieser vierzig wird.
Wir steigen weiter, aber offenbar nehmen wir einiges mit.
Die Erwachsenen
Noch vor wenigen Generationen war Erwachsensein leichter zu erkennen.
Nicht unbedingt innerlich, aber äußerlich.
Schule, Beruf, eigener Haushalt, Ehe und Elternschaft bildeten deutlichere Übergänge. Kleidung, Sprache und gesellschaftliche Umgangsformen trennten Erwachsene sichtbarer von Jugendlichen und Kindern.
Das kann auf alten Fotografien den Eindruck erwecken, unsere Vorfahren seien bereits mit 23 Jahren als vollständig ausgereifte Erwachsene zur Welt gekommen.
Historische Forschung mahnt zur Vorsicht. Lebensläufe und die gesellschaftlichen Übergänge ins Erwachsenenalter haben sich erheblich verändert. Was zu welchem Zeitpunkt von einem erwachsenen Menschen erwartet wurde, war nie zeitlos.
Vor allem mussten frühere Generationen häufig schlicht früher funktionieren. Krieg, Armut, harte Arbeitsbedingungen, Geschlechterrollen und familiäre Verpflichtungen konnten Menschen sehr früh Verantwortung auferlegen.
Wer mit dreizehn Jahren arbeiten oder für andere Menschen sorgen musste, erhielt eine ziemlich eindeutige Mitteilung über seinen Platz in der Welt. Eine ausführliche Einführung in emotionale Selbstkenntnis gehörte nicht zwingend zum Lieferumfang.
Das konnte Menschen erstaunlich erwachsen machen und gleichzeitig Teile von ihnen daran hindern, überhaupt Kind zu sein.
Vielleicht erklärt das einen Teil der merkwürdigen Distanz, die zwischen alten Familienfotografien und einer heutigen Fußgängerzone liegt.
Die verschwundene Uniform
Wie sieht ein Erwachsener eigentlich aus?
Die Antwort ist schwieriger geworden.
Auf alten Fotografien scheint sie manchmal verblüffend eindeutig. Kleidung, Frisuren, Körperhaltung und gesellschaftliche Rollen markieren Unterschiede, die heute wesentlich durchlässiger geworden sind.
Das Jackett ist dabei kein Beweis für Reife. Die Jogginghose allerdings auch nicht für ihr Gegenteil.
Das wäre für die Menschheit ausgesprochen praktisch gewesen.
Aber die äußeren Zeichen gehörten zu einer Welt, in der auch die Übergänge zwischen Lebensphasen deutlicher markiert waren.
Der Soziologe Keith Hayward beschreibt eine kulturelle Entwicklung, für die er den Begriff life stage dissolution verwendet: Die Grenzen zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter werden unschärfer. Er beobachtet dabei zwei gegenläufige Bewegungen. Kinder werden früher in erwachsene Konsumwelten gezogen. Erwachsene übernehmen zugleich Stile, Produkte und kulturelle Formen, die früher stärker mit Jugend und Kindheit verbunden waren.
Daran muss zunächst nichts schlimm sein. Erwachsene dürfen spielen, sammeln, Comics lesen, Computerspiele spielen, albern sein oder sich für Dinge begeistern, die früher vielleicht im Kinderzimmer zurückgeblieben wären. Ebenso wenig muss jemand mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter bestimmte Kleidung, Musik, Freizeitbeschäftigungen oder Formen der Freude ablegen.
Möglicherweise ist eine Gesellschaft sogar menschlicher geworden, wenn sie ihren Mitgliedern nicht mehr vorschreibt, mit 25 Jahren sämtliche Freude einzustellen und fortan in beigefarbenen Räumen über Versicherungen zu sprechen.
Kindlichkeit ist schließlich nicht dasselbe wie Unreife.
Die Kindheit im Sonderangebot
Allerdings hat noch jemand bemerkt, dass Erwachsene ihre Kindheit behalten.
Die Konsumindustrie.
Die Forschung kennt dafür sogar den Begriff childhood brand nostalgia. Menschen können Produkten und Marken emotional verbunden bleiben, weil diese mit positiven Erinnerungen an die eigene Kindheit verknüpft sind.
Damit besitzt ein Gegenstand plötzlich zwei Eigenschaften: Er besteht aus dem Material, aus dem er hergestellt wurde, und aus Vergangenheit.
Die zweite Eigenschaft ist schwerer herzustellen. Ein Unternehmen kann ein neues Spielzeug, eine neue Figur oder ein neues Produkt entwickeln. Es kann schön, hochwertig und preiswert sein. Was es nicht herstellen kann, ist der Nachmittag im Kinderzimmer von 1987.
Der gehört bereits jemand anderem.
Kindheit wird damit zu einem bemerkenswerten Rohstoff. Spielzeuge, Filme, Figuren, Bücher, Musik und Marken können Jahrzehnte später zurückkehren und einem Erwachsenen etwas anbieten, das materiell neu produziert wurde, emotional aber sehr alt ist. Das funktioniert unabhängig davon, ob die Erinnerung an eine Puppe, ein Raumschiff, eine Zeichentrickfigur oder die Musik eines Sommers gebunden ist.
Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Nostalgie kann Freude bereiten und Menschen mit Teilen ihrer eigenen Geschichte verbinden. Interessant wird es dort, wo Unternehmen diese Verbindung gezielt bewirtschaften. Denn ein erwachsener Kunde entscheidet dann nicht ausschließlich über ein Produkt der Gegenwart. An der Entscheidung ist möglicherweise jemand beteiligt, der sehr viel jünger ist.
Und den kennt die Industrie inzwischen ziemlich gut.
Dann besitzt das innere Kind plötzlich eine Kreditkarte.
Wie alt fühle ich mich gerade?
Vielleicht haben wir an der falschen Stelle nach dem Erwachsenen gesucht.
Ein Mensch kann vollkommen erwachsen wirken und trotzdem von einer Kränkung beherrscht werden, die er selbst kaum versteht. Ein anderer kann spielen, albern sein oder sich hemmungslos für etwas begeistern und zugleich sehr verantwortlich mit sich und anderen umgehen.
Kindlichkeit und Reife schließen sich offenbar nicht besonders zuverlässig gegenseitig aus. Vielleicht ist wichtiger, was ein Mensch mit dem macht, was in ihm auftaucht.
Aus „Ich bin wütend“ kann irgendwann werden: „Ich bemerke, dass ich wütend bin.“
Der Unterschied sieht auf Papier nicht besonders eindrucksvoll aus. Im menschlichen Zusammenleben ist er gewaltig. Denn in diesem kleinen Abstand entsteht die Möglichkeit, sich zum eigenen Erleben zu verhalten. Eine Kränkung muss nicht zum Angriff werden. Ein Bedürfnis nicht zum Auftrag an einen anderen Menschen.
Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort.
Die alten Räume sind schließlich noch da. Manchmal betreten wir einen, ohne es zu bemerken. Dafür gibt es eine erstaunlich einfache Frage:
Wie alt fühle ich mich gerade?
Sie ist keine Diagnose und kein psychologischer Test. Aber in dem Augenblick, in dem ein Mensch sie ernsthaft stellt, geschieht etwas Merkwürdiges.
Er ist nicht mehr nur in seinem Zustand. Er betrachtet ihn.
Vielleicht ist deshalb gar nicht entscheidend, wie alt ein Mensch sich gerade fühlt.
Acht kann eine vollkommen richtige Antwort sein.
Entscheidend ist etwas anderes.
Dass inzwischen jemand da ist, der die Frage stellen kann.