SIGNAL #010: Wie blind ist Geschichte?

Menschen besitzen eine Vergangenheit.
Das ist nicht immer angenehm.
Dort liegen falsche Entscheidungen, gescheiterte Beziehungen, peinliche Überzeugungen und gelegentlich die Erinnerung daran, dass man einmal freiwillig eine bestimmte Frisur getragen hat.
Zum Glück besitzt der Mensch neben seiner Vergangenheit noch etwas anderes: eine Gegenwart, aus der er sie betrachten kann.
Das verändert erstaunlich viel.
Eine kleine Zeitreise
Stellen wir uns ein gesellschaftliches Problem im Jahr 2026 vor.
Welches, spielt keine Rolle. Es könnte die Energieversorgung sein, gesellschaftliche Polarisierung, künstliche Intelligenz oder etwas, das die Menschen des Jahres 2026 noch gar nicht für besonders wichtig halten.
Das Problem ist bekannt. Über seine Ursachen wird gestritten. Über mögliche Lösungen ebenfalls.
Nun springen wir dreißig Jahre weiter.
2056 ist das Problem gelöst.
Historiker können zurückblicken und erklären, weshalb die Menschen von 2026 so lange brauchten. Manche Zusammenhänge waren noch nicht verstanden. Interessen standen Veränderungen entgegen. Institutionen reagierten langsam. Einige damalige Überzeugungen erwiesen sich als falsch.
So funktioniert Geschichte ausgezeichnet. Denn derjenige, der sie schreibt, steht auf der richtigen Seite des Ergebnisses.
Nun verändern wir nur eine Kleinigkeit.
2056 ist das Problem nicht gelöst. Es ist schlimmer geworden.
Die Historiker des Jahres 2056 könnten noch immer schreiben, dass die Menschen von 2026 zu kurzsichtig waren, falsche Prioritäten setzten und notwendige Veränderungen versäumten. Nur würde die Sache langsam etwas unhöflich. Denn dreißig Jahre später hätten ihre eigenen Eltern, ihre Institutionen und schließlich sie selbst genau dieses Problem ebenfalls nicht gelöst.
Kann eine Gegenwart eine Vergangenheit als gescheitert bezeichnen, wenn sie selbst die Fortsetzung dieses Scheiterns ist?
Eine brauchbare Vergangenheit
Das Problem beginnt nicht bei Historikern.
Es beginnt beim Menschen.
Psychologische Forschung kennt seit langem die unangenehme Beobachtung, dass Menschen Informationen nicht ausschließlich danach beurteilen, ob sie wahr sind. Wünsche, Überzeugungen und bereits getroffene Entscheidungen können beeinflussen, welche Argumente wir überzeugend finden und wie streng wir Gegenbelege prüfen. Ein Teil dieses Phänomens wird als motivated reasoning untersucht.
Das bedeutet nicht, dass Menschen ständig bewusst lügen. Das wäre organisatorisch vermutlich sogar einfacher.
Menschen können aufrichtig davon überzeugt sein, vernünftig zu urteilen, während sie Gründe bevorzugen, mit denen sie weiter an etwas glauben können, das sie ohnehin glauben möchten. Wahrheit und Täuschung sind beim Menschen deshalb nicht immer sauber getrennt. Manchmal muss ein Mensch niemand anderen täuschen, weil er die unangenehmste Arbeit bereits an sich selbst erledigt hat.
Auch die eigene Vergangenheit bleibt davon nicht unberührt. Ein überwundener Fehler lässt sich als Lernprozess erzählen. Eine Katastrophe kann später zum notwendigen Wendepunkt werden. Eine falsche Entscheidung war dann immerhin wichtig, weil man anschließend klüger wurde.
Schwieriger wird es, wenn man denselben Fehler noch immer macht.
Dann müsste die Geschichte vielleicht lauten: Damals war das Problem bereits sichtbar. Es machte Angst. Es bedrohte Gewohnheiten, Beziehungen oder das eigene Bild von sich selbst. Deshalb wurde manches gerechtfertigt, manches verdrängt, manches anderen zugeschrieben und manches tatsächlich nicht erkannt.
Dreißig Jahre später kann dieselbe Geschichte immer noch funktionieren.
Nur nennt man sie inzwischen Vergangenheit.
Vielleicht erkennen Menschen überwundene Irrtümer deshalb leichter als fortgesetzte. Nicht unbedingt, weil sie lügen wollen, sondern weil eine erträgliche Geschichte über sich selbst leichter zu leben ist als eine unerbittlich genaue.
Gesellschaften erinnern sich auch
Nun vergrößern wir das Problem.
Menschen leben in Gruppen. Gruppen besitzen ebenfalls Vorstellungen davon, woher sie kommen, was ihnen widerfahren ist und was daraus zu lernen sei.
Die Forschung über kollektive Erinnerung zeigt, dass solche Vorstellungen nicht einfach verkleinerte Geschichtsbücher sind. Sie tragen zur Identität von Gruppen bei und können sich mit den Bedürfnissen und Konflikten der Gegenwart verändern. Nationale Erinnerung wird durch Schulbücher, Gedenken und andere gesellschaftliche Praktiken vermittelt und immer wieder neu ausgehandelt.
Ein Land kann sich als Befreier erzählen. Als Opfer. Als Sieger. Als Wiederaufbauer. Als geläuterte Nation. Als Erbe einer großen Vergangenheit oder als Gesellschaft, die endlich mit ihr gebrochen hat.
Solche Erzählungen können wichtige Wahrheiten enthalten.
Sie können gleichzeitig wichtige Dinge ausblenden.
Denn eine Gesellschaft braucht nicht nur Wissen über ihre Vergangenheit. Sie braucht auch irgendeine Möglichkeit, mit ihr weiterzuleben.
Und nun betritt die Macht den Raum.
Die Gewinner
„Die Gewinner schreiben Geschichte“, heißt es.
Das ist zu einfach.
Verlierer schreiben ebenfalls. Ihre Briefe überleben. Ihre Kinder erinnern sich. Archäologen finden ihre Häuser. Spätere Historiker können eine Siegererzählung auseinandernehmen und feststellen, dass die Sache komplizierter war.
Gewinner besitzen allerdings häufig einen gewissen Vorteil.
Sie besitzen Institutionen.
Schulen, Archive, Museen, Denkmäler und Gedenktage entscheiden mit darüber, welche Vergangenheit besonders sichtbar wird. Forschung zu Geschichtsschulbüchern zeigt entsprechend, dass diese nicht bloß Fakten transportieren. Sie können kollektive Erinnerung, Gruppenbilder und gesellschaftliche Identität mitprägen.
Dafür braucht es keine Verschwörung.
Kein Mensch kann die gesamte Vergangenheit selbst überprüfen. Wer wissen möchte, was 1526 geschah, verbringt normalerweise nicht die folgenden acht Jahre in europäischen Archiven. Er liest ein Buch, besucht eine Schule, schaut eine Dokumentation oder fragt inzwischen möglicherweise eine Maschine.
Jemand hat vorher ausgewählt.
Nicht zwangsläufig mit böser Absicht. Auswahl ist unvermeidlich.
Aber Auswahl erzeugt ein Bild. Und ein Bild, das oft genug gezeigt wird, besitzt einen bemerkenswerten Vorteil gegenüber einem Bild, das niemand kennt.
Die Straße zu uns
Es gibt noch eine zweite Form der Auswahl.
Wir kennen den Ausgang.
Wenn wir heute auf 1996 schauen, wissen wir, was aus Internet, Mobiltelefonen und Globalisierung geworden ist. Die Menschen von 1996 wussten das nicht.
Wir betrachten 1826 mit dem Wissen über die weitere Industrialisierung und die politischen Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Wir betrachten 1526 mit dem Wissen darüber, was aus Reformation, europäischen Mächten und globaler Expansion wurde.
Die Menschen damals standen nicht in unserer Vergangenheit.
Sie standen in ihrer Gegenwart.
Vor ihnen lagen Möglichkeiten. Hinter uns liegt nur noch das Ergebnis.
Deshalb erscheinen Entwicklungen, die zu unserer Welt geführt haben, besonders bedeutsam. Andere Ideen, Techniken, Gesellschaftsformen und Lebensweisen erscheinen als Nebenwege oder historische Sackgassen.
Vielleicht waren sie keine Sackgassen. Wir wohnen nur nicht dort.
Je selbstverständlicher uns unsere Gegenwart erscheint, desto leichter kann auch die Vergangenheit wie eine lange Vorgeschichte unserer Gegenwart aussehen.
Nur war sie das für die Menschen, die darin lebten, überhaupt nicht.
Wenn etwas verloren geht
Bis hierher könnten wir das Problem theoretisch lösen.
Wir müssten nur sehr gute Historiker sein. Eigene Vorurteile prüfen, unterschiedliche Quellen lesen, Sieger und Verlierer anhören und unsere gegenwärtigen Kategorien nicht für Naturgesetze halten.
Leider gibt es ein weiteres Problem.
Ein Teil der Vergangenheit ist weg.
Texte verschwinden. Gebäude zerfallen. Holz verrottet. Sprachen sterben aus. Archive verbrennen. Städte werden überbaut. Küstenlinien verändern sich. Menschen sterben, ohne ihr Wissen aufzuschreiben.
Auch Wissen selbst entwickelt sich nicht ausschließlich vorwärts. Fähigkeiten können verschwinden, wenn niemand sie mehr benötigt oder ihre Weitergabe abreißt. Handelsnetze brechen zusammen, Institutionen verschwinden, Schriftsysteme werden vergessen.
Der Ausdruck „dunkles Zeitalter“ ist deshalb problematisch, wenn er suggeriert, Menschen seien in bestimmten Jahrhunderten kollektiv dümmer geworden.
Er enthält aber unbeabsichtigt einen interessanten Gedanken.
Manchmal liegt die Dunkelheit nicht in der Vergangenheit, sondern zwischen ihr und uns.
Die klugen Alten
Das wird besonders deutlich, wenn vergangene Menschen etwas gebaut haben, das uns beeindruckt.
Die ägyptischen Pyramiden des Alten Reiches sind bemerkenswert genau nach Norden beziehungsweise den Himmelsrichtungen orientiert. Wie genau die Baumeister das erreichten, ist Gegenstand wissenschaftlicher Rekonstruktion. Eine bekannte Hypothese erklärt die Ausrichtung durch die Beobachtung zirkumpolarer Sterne.
Solche Leistungen erzeugen regelmäßig spektakulärere Erklärungen: verlorene Technologien, geheimnisvolles Wissen, gelegentlich Hilfe von Besuchern, die eine ziemlich lange Anreise gehabt hätten.
Dabei gibt es noch eine Möglichkeit.
Menschen konnten Dinge, die wir ihnen nicht zugetraut haben.
Eine Gesellschaft, die den Himmel über Generationen beobachtet, entwickelt andere Fähigkeiten als eine Gesellschaft, deren Bürger bei ausgeschaltetem Mobiltelefon Schwierigkeiten haben, den nächstgelegenen Bäcker zu finden.
Technischer Fortschritt bedeutet nicht, dass jeder moderne Mensch persönlich sämtliche Fähigkeiten früherer Menschen zusätzlich erworben hätte.
Wir haben viele davon ausgelagert.
Die Pyramiden beweisen deshalb keine verlorene Hochtechnologie. Aber sie erinnern daran, wie vorsichtig man mit dem Wort primitiv sein sollte.
Der Planet vernichtet Beweismittel
Nun machen wir den Zeitraum größer.
Sehr viel größer.
Die Erde ist ungefähr 4,54 Milliarden Jahre alt. Diese Größenordnung ist durch radiometrische Datierungen sehr gut abgesichert. Die ältesten bekannten Zirkonkristalle erreichen etwa 4,4 Milliarden Jahre. Aus der allerfrühesten Erdgeschichte sind dagegen keine entsprechend vollständigen Gesteinsarchive erhalten.
Die Erde recycelt sich selbst.
Erosion trägt Oberflächen ab. Sedimente werden umgelagert. Gestein wird durch Hitze und Druck verändert. Kruste kann in geologischen Prozessen zerstört und neu gebildet werden. Die Vergangenheit bleibt geschehen, aber ihre materiellen Spuren besitzen kein Recht auf ewige Aufbewahrung.
Unsere Möglichkeiten, sie zu beobachten, verändern sich entsprechend mit der Entfernung. Für gestern haben wir Videos. Für Jahrhunderte Texte und Gebäude. Für Jahrtausende zusätzlich Archäologie. Für sehr große Zeiträume Fossilien, Sedimente, Gesteine und chemische beziehungsweise isotopische Spuren.
Selbst bei unserer eigenen evolutionären Geschichte ist der Befund fragmentarisch. Homo sapiens existiert nach heutigem Forschungsstand seit ungefähr 300.000 Jahren; für die menschliche Evolution insgesamt verfügen wir zwar über Tausende Fossilien und Millionen Artefakte, aber keineswegs über eine lückenlose Aufzeichnung.
Irgendwann suchen wir nicht mehr nach einem Menschen.
Wir suchen nach dem, was seine Welt im Stein hinterlassen haben könnte.
Eine ziemlich große Frage
2018 veröffentlichten Gavin Schmidt vom NASA Goddard Institute for Space Studies und der Astrophysiker Adam Frank eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel The Silurian Hypothesis.
Ihre Frage klingt zunächst wie etwas, das ein Bordcomputer nach einem Defekt im Nachtbetrieb formulieren würde:
Angenommen, vor vielen Millionen Jahren hätte auf der Erde eine industrielle Zivilisation existiert. Könnten wir sie heute erkennen?
Die Autoren behaupten ausdrücklich nicht, eine solche Zivilisation gefunden zu haben. Ihre Frage betrifft die Nachweisbarkeit: Welche Spuren müsste industrielle Aktivität nach geologischen Zeiträumen hinterlassen?
Nach vielen Millionen Jahren wären Straßen, Fabriken und Städte schlechte Suchobjekte. Schmidt und Frank untersuchen deshalb mögliche geologische Signaturen, darunter Veränderungen im Kohlenstoffkreislauf, Isotopenverhältnisse, Sedimentationsmuster und langlebige industrielle Stoffe.
Dabei entsteht ein unangenehmes Problem.
Einige mögliche Signaturen unterscheiden sich nicht offensichtlich von bekannten natürlichen Ereignissen im geologischen Archiv. Die wissenschaftliche Aufgabe bestünde also nicht nur darin, eine ungewöhnliche Spur zu finden, sondern überzeugend zu zeigen, wodurch sie entstanden ist.
Es gibt keinen belastbaren Nachweis für eine frühere industrielle Zivilisation auf der Erde.
Die Silurian Hypothesis behauptet auch keinen.
Sie demonstriert etwas anderes: Unsere Fähigkeit, Vergangenheit zu erkennen, hängt davon ab, welche Spuren wir suchen, welche davon erhalten bleiben und ob wir verstehen, was wir gefunden haben.
Zurück ins Jahr 2026
Vielleicht werden Menschen im Jahr 2056 auf uns zurückblicken und ziemlich genau erklären können, worin wir uns geirrt haben.
Das wäre erfreulich.
Vielleicht werden sie einige unserer Irrtümer fortsetzen und andere dafür umso deutlicher erkennen. Vielleicht werden sie Dinge für entscheidend halten, die wir heute kaum beachten, und über einige unserer großen Debatten nur noch Fußnoten schreiben.
Auch das wäre Geschichte.
Denn zwischen einer vergangenen Wirklichkeit und einem Geschichtsbuch liegen erstaunlich viele Filter.
Menschen müssen eine Wahrheit sehen wollen. Sie müssen sie erkennen können. Etwas muss eine Spur hinterlassen. Diese Spur muss erhalten bleiben. Jemand muss sie finden und verstehen. Eine Gesellschaft muss entscheiden, ob sie diese Erkenntnis für wichtig hält.
Und danach muss jemand das Schulbuch schreiben.
Skepsis gegenüber Geschichte ist deshalb keine Einladung, alles zu bezweifeln. Wer jede etablierte Erkenntnis für Propaganda hält, hat kritische Prüfung lediglich durch eine andere fertige Erzählung ersetzt.
Es geht um etwas Unbequemeres: Eine vertraute Geschichte kann richtig sein, ohne vollständig zu sein. Eine alternative Geschichte kann übersehen worden sein, ohne deshalb wahr zu sein.
Und wir selbst sind Teil jener Gegenwart, deren blinde Flecken erst spätere Menschen erkennen werden.
Geschichte selbst ist nicht blind.
Sie ist längst passiert.
Blind sind immer nur diejenigen, die zurückblicken.